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Kanon (Musik)

Unter Kanon (Plural: Kanons; griechisch für „Maßstab, Richtschnur, Regel“; Adjektiv: kanonisch) versteht man eine mehrstimmige Komposition, bei der eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Notation
  4. 4. Wichtige Kanonarten
  5. 5. Beispiele für Arten
  6. 6. Bekannte Kanons

Grundidee und Bedeutung

Ein Kanon ist eine mehrstimmige Komposition, bei der die Stimmen nacheinander einsetzen und die erste Stimme als verbindliche Vorlage dient. Die folgenden Stimmen kopieren diese erste Stimme exakt, treten aber zeitlich versetzt ein. Meist geschieht das in der Prime oder Oktave: Alle Stimmen singen oder spielen also dieselbe Melodie auf gleicher Tonhöhe oder in der Oktave, nur nicht gleichzeitig beginnend. Es gibt aber auch Kanons, bei denen die weiteren Stimmen in einem bestimmten Abstand einsetzen, etwa in der Terz, Quart oder Quint.

Für Schülerinnen und Schüler ist der Kanon wichtig, weil er ein besonders anschauliches Beispiel für Mehrstimmigkeit und Imitation in der Musik ist. Eine Stimme beginnt, andere Stimmen übernehmen dieselbe Melodie, und aus der zeitlichen Verschiebung entsteht ein mehrstimmiger Satz. Der Kanon zeigt damit zugleich ein einfaches Prinzip und eine hohe kompositorische Kunst: Aus einer einzigen Melodie kann ein komplexes Klanggefüge entstehen.

Historische Entwicklung

Der lateinische Begriff Canon bedeutete in der mittelalterlichen Musiktheorie ursprünglich keine musikalische Gattung, sondern eine Anweisung. Eine solche Anweisung konnte festlegen, dass einzelne Stimmen einer Komposition wiederholt, verändert oder als Grundlage für weitere kontrapunktisch abgeleitete Stimmen genutzt werden sollten. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelte sich der Kanon zu einem Gattungsbegriff.

Vor dieser Entwicklung wurde zumindest der strenge Kanon mit dem Begriff Fuga bezeichnet. Der erste überlieferte Kanon ist Sumer is icumen in aus England und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Besonders kunstvoll wurde der Kanon in der Vokalpolyphonie der Niederländer im 15. und 16. Jahrhundert sowie in der Barockmusik ausgearbeitet. Eine wichtige Rolle spielte dabei Johann Sebastian Bach, zum Beispiel in Das Musikalische Opfer und in den Goldberg-Variationen.

In der Barockzeit wurde der Kanon als Sonderfall der Fuge verstanden. Man unterschied die gebundene Fuge, lateinisch fuga ligata, vom freieren Typ der Fuge, lateinisch fuga libera. Bei der freien Fuge wird die erste Stimme freier imitiert, während der Kanon strenger an die Vorlage gebunden ist. Auch Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn schrieben kunstvolle Kanons. Aus der Romantik nennt der Artikel Friedrich Kiels 15 Kanons im Cammerstyl op. 1 für Klavier, die Franz Liszt gewidmet sind. Heute sind Kanons verschiedener Art besonders in den Gesängen von Taizé beliebt.

Notation

Der allgemein bekannte strenge Kanon wird meistens als einzelne Melodiezeile notiert. Die Stellen, an denen die weiteren Stimmen einsetzen sollen, werden mit Zeichen wie 1., 2., 3. usw. markiert. Dadurch muss nicht jede Stimme vollständig einzeln ausgeschrieben werden, weil alle Stimmen dieselbe Melodie übernehmen.

In früheren Jahrhunderten, zum Beispiel bei Palestrina, wurde dafür ein besonderes Kanonzeichen verwendet: das signum congruentiae. Dieses Zeichen zeigte an, an welcher Stelle eine weitere Stimme einsetzen sollte. Der Artikel nennt außerdem einen 6-stimmigen Rätselkanon von J. S. Bach aus dem Jahr 1747 als Beispiel für die kunstvolle Notation und Ausführung von Kanons.

Wichtige Kanonarten

Die bekannteste und häufigste Form ist der strenge Kanon. Dabei sind zwei oder mehr Stimmen identisch und setzen nur zeitlich versetzt ein. Die Stimmen können auch auf unterschiedlichen Tonstufen beginnen. Ein endlicher Kanon endet nach einem festgelegten Ablauf. Ein Ringkanon, englisch round, ist so gebaut, dass er theoretisch immer wiederholt werden könnte. Wenn die Melodie bei jedem Durchlauf in eine andere Tonart wechselt, spricht man von einem Spiralkanon.

Ein Zirkelkanon wird in einem kreis- oder ringförmigen Notensystem aufgeschrieben. Diese Form der Notation macht den endlosen Ablauf sichtbar. Dabei kann die zweite Stimme auch in Gegenbewegung einsetzen, also in entgegengesetzter Leserichtung, oder einen anderen Notenschlüssel erhalten.

Beim Augmentationskanon werden die Notenwerte einer abgeleiteten Stimme vergrößert, beim Diminutionskanon verkleinert. Diese Technik hängt mit der Mensuralnotation zusammen. Dort konnten durch verschiedene Mensurzeichen unterschiedliche zeitliche Verhältnisse zwischen den Stimmen entstehen. Man spricht dann auch von Mensur- oder Proportionskanon. Die Ableitung muss dabei nicht immer rein proportional sein; manchmal wird auch genutzt, dass Noten unter bestimmten Mensuren zwei- oder dreizeitig sein können. Meist enden die langsameren Stimmen, sobald das musikalische Material der schnelleren Stimmen vollständig erklungen ist.

Ein Krebskanon, auch Kreuzkanon genannt, entsteht, wenn eine Stimme die Melodie vorwärts und eine andere dieselbe Melodie rückwärts vorträgt. Im Spiegelkanon, auch Inversionskanon oder Intervallumkehrungskanon genannt, werden die Intervalle gespiegelt: Wenn die notierte Stimme zum Beispiel eine Terz nach oben geht, führt die abgeleitete Stimme eine Terz nach unten aus. Werden Krebs- und Spiegeltechnik kombiniert, entsteht ein Spiegelkrebskanon.

Wenn mehrere Kanons gleichzeitig ablaufen, heißt das Mehrfachkanon. Je nach Zahl der übereinandergelegten Kanons spricht man von Doppelkanon, Tripelkanon, Quadrupelkanon und so weiter. Gibt es verschiedene Möglichkeiten, einen Kanon auszuführen, handelt es sich um einen polymorphen Kanon. Beim Rätselkanon wird nur das musikalische Material in einer Zeile notiert; die Kanonart und die Einsätze müssen die Ausführenden selbst herausfinden. Oft steht dabei ein rätselhafter Texthinweis.

Beispiele für Arten

Der Artikel nennt mehrere Beispiele für besondere Kanonarten. Für Proportionskanons werden aus der Renaissance das 2. Agnus Dei aus der Missa L’homme armé super voces musicales von Josquin Desprez und die Missa Prolationum von Johannes Ockeghem genannt. Auch Johann Sebastian Bach schrieb Proportionskanons, etwa im Musikalischen Opfer. Ein modernes Beispiel ist Arvo Pärts Cantus in memory of Benjamin Britten aus dem Jahr 1977.

Als extreme Beispiele für Mehrfachkanons nennt der Artikel zwei Quadrupelkanons: Josquins 24-stimmiges Qui habitat in adjutorio, bei dem je 6 Stimmen aus 4 notierten Stimmen entstehen, und Ockeghems 36-stimmiges Deo Gratias, bei dem je 9 Stimmen aus 4 notierten Stimmen entstehen. Von Mozart ist mindestens ein Mehrfachkanon überliefert, in dem drei vierstimmige Chöre nacheinander einsetzen.

Bekannte Kanons

Zu den bekannten gesungenen Kanons gehören Sumer is icumen in, das älteste in der europäischen Musikgeschichte überlieferte Beispiel, außerdem Frère Jacques, auf Deutsch Bruder Jakob, Le coq est mort, Der Hahn ist tot, Uhrenkanon, Hejo, spann den Wagen an, O wie wohl ist mir am Abend und Froh zu sein bedarf es wenig. Kookaburra, auch Kookaburra sits in the old gum tree, wird als beliebtes Kinderlied Australiens genannt.

Ein Beispiel für ein Kanon-Quodlibet ist die kanonische Überlagerung mehrerer Volkslieder-Kanons mit gleicher metrischer Struktur: C-a-f-f-e-e, Himmel und Erde müssen vergeh’n und Es tönen die Lieder. Auch Heut’ kommt der Hans zu mir, Lasst uns jauchzen, lasst uns singen, Drei Gäns im Haberstroh und das Volkslied Hab’ mein’ Wage vollgelade wurden zu einem Quodlibet kombiniert. Ein bekanntes Beispiel für einen Spiralkanon ist Mir lächelt kein Frühling von Johannes Brahms.

Als instrumentale Kanons nennt der Artikel Canon und Gigue von Johann Pachelbel, einen durchkomponierten Kanon von drei Violinen über einem Generalbass-Ostinato mit anschließendem Tanzsatz, außerdem Bachs Canonische Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ BWV 769, Georg Philipp Telemanns 6 kanonische Sonaten TWV 40 No. 118–123 und Christoph Graupners Sonata Canonica GWV 216.

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