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Synkopendissonanz
Synkopendissonanz bezeichnet eine Art der Dissonanzbehandlung. Eine Synkopendissonanz ist. der hintere Teil einer synkopierten Note,; der auf eine betonte …
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Grundidee und Definition
Synkopendissonanz bezeichnet eine besondere Art der Dissonanzbehandlung in der Musik. Eine Dissonanz ist ein spannungsreiches Intervall, das nach bestimmten Regeln behandelt wird. Eine Synkopendissonanz entsteht, wenn der hintere Teil einer synkopierten Note auf eine betonte Taktposition fällt, dort zu mindestens einer anderen Stimme ein dissonantes Intervall bildet und sich anschließend eine Sekunde abwärts bewegt.
Dieses Verfahren entstand im 14. Jahrhundert. In den Kompositionslehren der Renaissance wurde es beschrieben und in Regeln gefasst. Seitdem gehört es zu den grundlegenden Mitteln der Satztechnik, auch in tonaler Musik.
Besonders wichtig ist die Taktposition: Andere Dissonanztypen der Renaissancemusik, etwa Durchgangsnoten, Wechselnoten, Nebennoten und Antizipationen, standen grundsätzlich auf unbetonten Taktteilen. Die Synkopendissonanz steht dagegen auf einer betonten Taktposition. Die synkopierte Note war in der Renaissance in der Regel eine punktierte oder unpunktierte Semibrevis.
Regeln im zweistimmigen Satz
Die Kontrapunktlehre bezog sich ursprünglich auf Zweistimmigkeit und ging auch später methodisch oft von zwei Stimmen aus. In diesem Rahmen gelten als Dissonanzen Sekunden, Quarten, Septimen, deren Oktaverweiterungen wie None und Undezime sowie alle übermäßigen und verminderten Intervalle.
Vor und nach einer Synkopendissonanz stehen in der Regel konsonante Intervalle. Konsonanzen sind hier Prime, Oktave, Quinte, Terz und Sexte. Die Konsonanz vor der Synkopendissonanz heißt Vorbereitung, die Konsonanz danach Auflösung.
Gioseffo Zarlino und andere Theoretiker empfahlen, nach einer Synkopendissonanz die nächstgelegene Konsonanz folgen zu lassen. Trotzdem können auch andere Intervalle folgen. Das geschieht, wenn die Gegenstimme bei der Auflösung nicht liegen bleibt, sondern sich selbst bewegt. Die Grundregel bleibt aber: Die synkopierte dissonante Stimme löst sich schrittweise, also eine Sekunde abwärts, auf.
Lage der Synkope
Die Synkopendissonanz kann je nach Intervall und Stimmenlage unterschiedlich auftreten. Bei der Septime liegt die Synkopendissonanz in der höheren Stimme. Bei Sekunden und Quarten kann sie in der höheren oder in der tieferen Stimme liegen. Zarlino zeigt diese verschiedenen Möglichkeiten und weist außerdem darauf hin, dass nach einer Synkopendissonanz unter Umständen auch eine verminderte Quinte folgen kann.
Giovanni Maria Artusi beschrieb den Vorgang mit dem Bild eines Zweikampfs. Eine Stimme bleibt liegen und verhält sich dadurch „passiv“. Durch die Bewegung einer anderen Stimme entsteht die Dissonanz, als ob die liegende Stimme einen Hieb, italienisch „percossa“, abbekäme. Die passive, also synkopierte Stimme nennt Artusi „parte Patiente“. Die aktive Gegenstimme nennt er „parte Agente“.
Seit dem 18. Jahrhundert unterscheidet man außerdem zwischen der Synkopendissonanz der „Sekunde“ und der „None“. Entscheidend ist dabei nicht der tatsächliche Abstand zwischen den Stimmen, sondern die Lage der Synkope: Liegt die Synkope in der tieferen Stimme, spricht man von Sekunde; liegt sie in der höheren Stimme, von None.
Zusatzstimmen und größere Klänge
Aus einer zweistimmigen Fortschreitung mit Synkopendissonanz können mehrstimmige Klänge entstehen. Dazu werden in weiteren Stimmen Töne ergänzt, die mit dem Agente konsonieren oder, als weitere Synkopendissonanz, mit dem Patiente konsonieren.
Auf diese Weise lassen sich viele dissonante Klänge erklären, die auch nach dem 16. Jahrhundert üblich blieben. Die mehrstimmige Klangwirkung entsteht also nicht nur aus einem fertigen Akkord, sondern kann aus einer zugrunde liegenden zweistimmigen Intervallfortschreitung mit Vorbereitung, Dissonanz und Auflösung hergeleitet werden.
Von der Kadenz zur Synkopenkette
Synkopendissonanzen wurden zunächst vor allem im Rahmen von Kadenzen verwendet, besonders in der Diskantklausel. Eine Kadenz ist eine Schlusswendung oder gliedernde Wendung in der Musik. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden Synkopendissonanzen zunehmend auch innerhalb musikalischer Abschnitte eingesetzt, also unabhängiger von eigentlichen Schlussformeln.
Im 17. Jahrhundert wurden Synkopenketten ein beliebtes kompositorisches Mittel. Dabei folgen mehrere Synkopendissonanzen aufeinander. Solche Ketten liegen vielen Sequenzmustern zugrunde. Eine Sequenz ist ein musikalisches Muster, das auf anderen Tonstufen wiederholt wird. Synkopenketten verbinden also die kontrapunktische Behandlung einzelner Dissonanzen mit größeren musikalischen Abläufen.
Abgrenzung zum Vorhalt
In kontrapunktischer Sicht enthält eine Klangfortschreitung oft eine grundlegende Intervallfortschreitung, zu der weitere Intervalle hinzutreten. In Harmonielehren des 18. Jahrhunderts setzte sich jedoch allmählich ein anderes Verständnis durch. Dadurch veränderte sich auch die Auffassung der Synkopendissonanz.
Johann Philipp Kirnberger leitete sämtliche Klänge aus Umkehrungen des Dreiklangs und des Septakkordes ab. Septimen in Septakkorden gelten bei ihm als „wesentliche Dissonanzen“, weil sie nicht nur an der Stelle einer Konsonanz stehen und dieser sofort weichen, sondern „eine Stelle für sich behaupten“. Eine solche Septime vertritt also keinen Akkordton, sondern ist selbst Bestandteil des Akkords.
Davon unterscheidet Kirnberger „zufällige Dissonanzen“. Diese kann man als Vorhalte ansehen: Sie nehmen kurzzeitig die Stelle einer Konsonanz ein und gehen während der Dauer des Grundtons, mit dem sie dissonieren, in die nächstgelegene Konsonanz über. Im Artikel werden dadurch mehrere Fälle unterschieden: Septimen können Vorhalte sein, wenn sie einen Ton einer Dreiklangsumkehrung vertreten; sie können aber auch Akkordbestandteile eines Septakkords sein. In einem Terzquartakkord kann im Bass ein Vorhalt zum Basston stehen, während eine Septime in der Oberstimme als wesentliche Dissonanz gilt. In einem Sextakkord können mehrere Töne als Vorhalte auftreten.