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Kontemplation

Kontemplation (von lateinisch contemplatio „Richten des Blickes nach etwas“, „Anschauung“, „[geistige] Betrachtung“) ist in philosophischen und religiösen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und zentrale Unterscheidung
  2. 2. Kontemplation in der antiken Philosophie
  3. 3. Christentum von der Spätantike bis zum Mittelalter
  4. 4. Neuzeitliches Christentum
  5. 5. Neuzeitliche philosophische Debatten
  6. 6. Kontemplative Wege in den Religionen

Grundidee und zentrale Unterscheidung

Kontemplation bezeichnet ein konzentriertes, vertieftes Betrachten. Ihr Gegenstand ist meist geistig und nicht sinnlich wahrnehmbar; in Religionen richtet sie sich häufig auf eine Gottheit, deren Gegenwart oder Wirken. Kontemplation soll Erkenntnis ermöglichen und kann als intuitive Alternative oder Ergänzung zum diskursiven Denken verstanden werden, also zu einem schrittweisen, begrifflich und argumentativ vorgehenden Erkenntnisprozess.

Eine Lebensweise, in der die Betrachtung vorherrscht, heißt vita contemplativa, „betrachtendes Leben“. Ihr steht die vita activa gegenüber, das auf äußeres Handeln gerichtete tätige Leben. Seit der Antike wird darüber gestritten, ob Betrachtung oder Handeln den höheren Rang besitzt und wie beide verbunden werden können. Antike und mittelalterliche Denker bevorzugten meist die Kontemplation; in der Neuzeit wurde dieser Vorrang zunehmend bezweifelt.

Im religiösen Bereich kann Kontemplation auf eine Erfahrung der Gegenwart Gottes oder auf eine Gottesschau zielen. Christliche Autoren betonen jedoch, eine solche Schau könne nicht erzwungen werden, sondern sei göttliche Gnade. Kontemplative Praktiken finden sich außerdem im Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus.

Kontemplation in der antiken Philosophie

Die griechische Philosophie bezeichnete die geistige Betrachtung als theōría. Pythagoras wurde die Auffassung zugeschrieben, Philosophen seien wie die besten Besucher eines Festspiels: Sie strebten weder nach Gewinn noch nach Ruhm, sondern betrachteten das Geschehen und suchten Wahrheit. Anaxagoras soll den Sinn des Lebens in der Betrachtung des Himmels und der Weltordnung gesehen haben.

Platon (428/427–348/347 v. Chr.) verstand die höchste Erkenntnis als geistige „Schau“ der Ideen, der zeitlosen und nur geistig erfassbaren Wirklichkeit. Voraussetzung dafür war die Dialektik, also eine argumentierende philosophische Schulung. Die Betrachtung sollte jedoch nicht zur Weltflucht führen: Der Philosoph müsse mit seiner Einsicht in die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit zurückkehren. Die Ideen seien zugleich Vorbilder für das Handeln. Durch Wissen und Tugend könne sich der Mensch der Gottheit angleichen, „soweit dies möglich ist“.

Aristoteles hielt das betrachtende Leben des Philosophen für die höchste Lebensform. Die theōría verwirkliche die höchste menschliche Fähigkeit, ermögliche das größte Glück und zeichne sich durch Stetigkeit und Autarkie, also Selbstgenügsamkeit, aus. Er verstand sie aber nicht als passive Schau, sondern als aktive wissenschaftliche Forschung, die intuitives Erfassen von Grundlagen mit diskursivem Denken verbindet. Gerade ihre Unabhängigkeit von praktischen Zwecken begründete für ihn ihren besonderen Wert.

Im Hellenismus gingen die Schulen auseinander. Akademiker und Peripatetiker hielten meist am Vorrang der Betrachtung fest. Stoiker lehnten eine scharfe Trennung von Erkennen und Handeln ab; Epikureer ordneten Naturbetrachtung dem guten, lustvollen Leben unter; Kyniker hielten sie für nutzlos; Skeptiker bestritten, dass sie sicheres Wissen liefere. Cicero übertrug theōría mit contemplatio ins Lateinische.

Für den Neuplatoniker Plotin (205–270) bestand Kontemplation in der inneren Hinwendung zur intelligiblen, nur geistig erfassbaren Welt. Sie war kein schrittweises Folgern, sondern unmittelbares Erfassen. In der höchsten Schau werde die scheinbare Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt aufgehoben. Die Betrachtung des absolut Guten galt ihm als höchste Bestimmung des Menschen.

Christentum von der Spätantike bis zum Mittelalter

Frühe Christen kritisierten zunächst die Weltferne mancher Philosophen. Justin der Märtyrer und andere Apologeten verlangten die Verbindung von Glauben und Handeln. Clemens von Alexandria und Origenes entwickelten dagegen unter platonischem Einfluss eine christliche Kontemplationslehre: Die sittliche Praxis sollte auf die Betrachtung vorbereiten, beide Seiten aber untrennbar bleiben.

Die Kirchenväter waren sich einig, dass eine vollkommene Gottesschau im irdischen Leben unmöglich sei, eine begrenzte Erkenntnis Gottes jedoch erreichbar sein könne. Gregor von Nyssa verstand die Annäherung an den unendlichen Gott als endlosen Vorgang. Augustinus sah in der direkten geistigen Betrachtung des Wahren die höchste Erkenntnis und in der jenseitigen Gottesschau das Ziel aller Tätigkeit. Die biblischen Schwestern Maria und Martha wurden zu Sinnbildern: Maria steht für Kontemplation, Martha für Tätigkeit. Die Betrachtung galt als höher, durfte aber nicht zur Vernachlässigung äußerer Pflichten führen.

Im frühen Mönchtum waren Askese und hēsychía, die Freiheit von störenden Vorstellungen und Begierden, Voraussetzungen der Gottesschau. Euagrios Pontikos unterschied drei Stufen: Überwindung der Leidenschaften und Einübung der Tugenden, Betrachtung der Natur als Schöpfung Gottes und schließlich ein überrationales Erkennen Gottes jenseits von Vorstellungen und Begriffen. Johannes Cassianus betrachtete die Askese als Vorbereitung auf die Kontemplation.

Pseudo-Dionysius entwickelte die negative oder apophatische Theologie. Da menschliche Begriffe Gottes Transzendenz nicht erfassen, müssen zunächst positive Aussagen wie „Gott ist gut“, dann auch ihre Verneinungen und schließlich selbst Aussagen wie „übergut“ überschritten werden. Dieser Prozess soll zum Eingeständnis des Nichtwissens, zum Schweigen und schließlich zur Einung mit Gott führen.

Im Mittelalter dominierte der Vorrang der vita contemplativa. Gregor der Große lehrte jedoch einen Wechsel: Das tätige Leben müsse vorausgehen; nach der Betrachtung solle man besser gerüstet zum Dienst am Nächsten zurückkehren. Zisterzienser wie Bernhard von Clairvaux sahen Kontemplation als unmittelbare, Gewissheit gebende Schau, erkannten aber die notwendige Rückkehr zu irdischen Aufgaben an.

Die Viktoriner beschrieben einen gestuften Erkenntnisweg. Hugo von St. Viktor nannte Studium, Meditation, Gebet, Handeln und Kontemplation. Richard von St. Viktor unterschied ungeordnetes Denken, zielgerichtetes Nachsinnen und die mühelose, intuitive Kontemplation. Guigo II. ordnete Lesung, Meditation, Gebet und Kontemplation wie Stufen einer Leiter. Bonaventura beschrieb sechs Stufen von der Betrachtung Gottes in der sichtbaren Welt über die Einkehr in den eigenen Geist bis zur Schau Gottes als Sein und höchstes Gut.

Andere Autoren relativierten die Rangordnung. Meister Eckhart stellte Martha über Maria, weil sie Gottesverbundenheit und hilfreiches Handeln vereine; selbst eine Ekstase müsse man verlassen, um einem Kranken zu helfen. Johannes Tauler hielt den Gegensatz von Aktion und Kontemplation für scheinbar. Das spätmittelalterliche Ideal der vita mixta verband beide Lebensweisen. Nikolaus von Kues verstand die Kontemplation als intellektuelle Schau: Die Vernunft müsse über begriffliches Denken und widersprüchliche Gegensätze hinaus zur göttlichen Einheit vordringen.

Eine orthodoxe Sonderform ist der Hesychasmus. Durch die Wiederholung des Jesusgebets, Konzentration und Atemtechnik wird hesychia, innere Ruhe, angestrebt. Sie gilt als Voraussetzung für die gnadenhafte Wahrnehmung des ungeschaffenen Taborlichts. Seit dem 14. Jahrhundert gehört die von Gregorios Palamas begründete Theologie des Hesychasmus zur verbindlichen Lehre der griechischen Orthodoxie.

Neuzeitliches Christentum

In der römisch-katholischen Kirche heißen Ordensgemeinschaften kontemplativ, wenn ihre meist in Klausur lebenden Mitglieder vor allem Stundengebet und Betrachtung pflegen. Bei den Unbeschuhten Karmeliten, geprägt von Teresa von Ávila (1515–1582) und Johannes vom Kreuz († 1591), steht das Zwiegespräch der Seele mit Gott im Mittelpunkt. Meditation gilt als Vorbereitung auf Kontemplation. Unterschieden wird eine durch eigenes Bemühen mit Hilfe der Gnade „erworbene“ und eine passiv empfangene, von Gott „eingegossene“ Kontemplation.

Franz von Sales verglich Meditation mit dem Sammeln von Nektar und Kontemplation mit dem Genuss des Honigs: Die erste sei anstrengend, die zweite mühelos und freudig. Ignatius von Loyola verband geistliche Übungen mit Selbstbeherrschung, Orientierung am Willen Gottes und entschiedenem Handeln. Im Quietismus des 17. Jahrhunderts wurde dagegen völlige Hingabe an Gottes Wirken und ein wortloses „Gebet der Ruhe“ gefordert. Die katholische Kirche verurteilte quietistische Lehren; Miguel de Molinos wurde 1687 als Häretiker verurteilt.

Im 20. und 21. Jahrhundert verbreiteten Autoren und Lehrer neue kontemplative Übungen. Thomas Merton bezeichnete Kontemplation als höchsten Ausdruck des geistigen Lebens. Beim von Thomas Keating geprägten centering prayer richtet sich der Betende still auf ein gewähltes Wort, um innere Ruhe und ein „Ruhen in Gott“ zu erreichen.

Die Reformation schwächte mit der Ablehnung des Mönchtums die institutionelle Kontemplation. Calvin kritisierte den Rückzug aus gesellschaftlichen Pflichten. Dennoch nahmen evangelische Autoren wie Johann Arndt und Gerhard Tersteegen kontemplative Elemente auf. In den orthodoxen Kirchen blieb der Hesychasmus besonders auf dem Berg Athos und in Russland lebendig. Die 1782 veröffentlichte Philokalie führte zu einem Aufschwung und zum Neuhesychasmus, der die Praxis über das Mönchtum hinaus verbreitete.

Neuzeitliche philosophische Debatten

Seit dem 18. Jahrhundert verlor die Vorstellung an Ansehen, Kontemplation biete einen bevorzugten Zugang zur Wahrheit. Montaigne verteidigte zwar den inneren Rückzug, betonte aber, bloße äußere Einsamkeit genüge nicht. Giordano Bruno forderte die Verbindung von Betrachtung und Handlung. Leibniz wies die Vorstellung völliger innerer Untätigkeit zurück und verstand Kontemplation als klare, auf Meditation und rationalem Denken beruhende Anschauung Gottes. Voltaire hielt rein betrachtendes Dasein für unmöglich und gesellschaftlich nutzlos.

David Hume empfahl einen Mittelweg zwischen spekulativer Forschung und tätigem Leben. Adam Smith erklärte, selbst die erhabenste Betrachtung könne die Vernachlässigung einer geringen praktischen Pflicht kaum aufwiegen. Rousseau beschrieb dagegen einsame Kontemplation als Zustand erfüllter Gegenwart, innerer Unabhängigkeit und vollkommenen Glücks. Kant bezeichnete das Wohlgefallen am Schönen als „bloß contemplativ“, weil es nicht auf Besitz oder Existenz des Gegenstands gerichtet sei; moralische Betrachtung müsse zugleich durch Übung ergänzt werden.

Schelling fasste die Erkenntnis des Absoluten als intellektuelle Anschauung, in der Erkennender und Erkanntes eins werden. Hegel kritisierte die Annahme eines unvermittelten unmittelbaren Wissens; wahre Anschauung müsse die Gegensätze von Subjekt und Objekt, Begriff und Sein in einem Prozess aufheben. Schopenhauer verstand Kontemplation als willenlose Versenkung in einen Gegenstand. Der Betrachter vergesse seine individuellen Zwecke und werde zum „reinen Subjekt“ der Erkenntnis. Besonders Natur und Kunst könnten diesen Zustand hervorrufen; beim Erhabenen müsse dabei ein innerer Widerstand gegen eine bedrohliche Übermacht überwunden werden.

Nietzsche kritisierte religiöse und asketische Formen der Kontemplation sowie die Vorstellung, der Betrachtende sei nur Zuschauer des Lebens. Auch Kontemplative seien Mitschöpfer von Werten. Im 20. Jahrhundert beschrieb Simone Weil Kontemplation als reine „Aufmerksamkeit“: Das Denken soll Erwartungen und eigene Deutungen loslassen und für die Wirklichkeit empfänglich werden. Josef Pieper bestimmte sie als „schweigendes Vernehmen von Wirklichkeit“. Hannah Arendt lehnte sowohl die traditionelle Überordnung der Kontemplation als auch die moderne Umkehrung zugunsten der Aktivität ab; Arbeiten, Herstellen und Handeln hätten eigene, nicht untergeordnete Bedeutungen. Horkheimer und Adorno kritisierten eine selbstgenügsame, von gesellschaftlichem Handeln getrennte Betrachtung. Peter Sloterdijk deutete die vita contemplativa als übendes und damit durchaus tätiges Leben.

Kontemplative Wege in den Religionen

Max Weber unterschied religionssoziologisch den aktiv-asketischen Menschen, der sich als Werkzeug Gottes in der Welt bewährt, vom Kontemplativen, der sich als Gefäß der Gottheit versteht und mystische Erleuchtung anstrebt. Dieser versucht, Alltagsinteressen auszuschalten und weltliche Verflechtungen zu meiden. Weber sah den Gegensatz jedoch als fließend an.

Im Judentum entstand keine allgemeine Tradition eines abgeschiedenen kontemplativen Lebens. Kabbalistische Autoren entwickelten jedoch hitbodedut, konzentriertes Nachsinnen in Abgeschiedenheit. Abraham Abulafia empfahl im 13. Jahrhundert die Konzentration auf Buchstaben des Gottesnamens als Weg zur Gottesnähe. In der seit dem späten 18. Jahrhundert bestehenden Chabad-Bewegung steht hitbonenut im Mittelpunkt: Die verstandesmäßige Betrachtung von Endlichkeit und Unendlichkeit soll zum Verständnis der göttlichen Einheit führen.

Im Islam heißt die zentrale Praxis ḏikr, „Gottesgedenken“. Eine Formel oder einer der 99 Namen Gottes wird allein oder gemeinsam, laut oder schweigend wiederholt, um sich der Gegenwart Gottes bewusst zu bleiben. Im Sufismus gibt es dafür genaue Regeln zu Haltung und Atmung sowie verschiedene Versenkungsstufen. Höchstes Ziel mancher Traditionen ist ein wortloser Zustand, in dem die Trennung zwischen Betendem und angebetetem Gegenstand aufgehoben ist und schließlich nur Gott präsent bleibt.

Im Hinduismus bilden dhāraṇā, dhyāna und samādhi aufeinanderfolgende Stufen. Dhāraṇā ist die Sammlung der Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand; dhyāna die eigentliche vertiefte Betrachtung seines Wesens; samādhi die Erfahrung der Einheit von Subjekt und Objekt. Ziel ist Einsicht in die Weltordnung und Befreiung von Unwissenheit und saṃsāra, dem leidvollen Kreislauf des Daseins. Beim Japa wird ein Mantra, Gottesname oder heiliger Spruch wiederholt, oft mit einer Gebetskette gezählt. Im Bhakti-Yoga dient dies der liebenden Verbindung mit einer persönlichen Gottheit.

Im Buddhismus bezeichnet jhāna eine stufenweise vertiefte Konzentration auf einen einzigen Gegenstand. Sinnesaktivitäten treten zurück; der Weg führt von Formen zum Formlosen. Betrachtet werden unter anderem Vergänglichkeit, Leiden, Unpersönlichkeit und Leerheit. Jhāna bereitet die Einsicht in die wahre Natur der Phänomene und das „Erwachen“ vor, führt aber nicht selbst endgültig dorthin: Die erreichten Zustände bleiben vergänglich. Wegen der christlich-theistischen Bedeutung von „Kontemplation“ halten manche Forschende es für angemessener, jhāna unübersetzt zu lassen.

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