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Jan Vermeer

Die ersten Werke Vermeers waren Historienbilder, bekannt geworden ist er jedoch für seine Genreszenen, die einen Großteil seiner Arbeiten ausmachen. Die heute …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Künstler und Gesamtwerk
  2. 2. Leben, Ausbildung und wirtschaftliche Situation
  3. 3. Bildthemen und wichtige Beispiele
  4. 4. Malweise und Materialien
  5. 5. Bekanntheit, Kunstmarkt und Fälschungen

Künstler und Gesamtwerk

Jan Vermeer van Delft, auch Johannes Vermeer genannt, war ein holländischer Maler des Barock. Er lebte im niederländischen Goldenen Zeitalter, einer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit. Sein heute bekanntes Gesamtwerk umfasst nur 37 Gemälde. Deshalb gehört Vermeer zu den Künstlern, deren wenige erhaltene Werke besonders intensiv untersucht und gesammelt werden.

Vermeers erste Bilder waren Historienbilder. In der zweiten Hälfte der 1650er-Jahre wechselte er zu Stadtansichten und Genreszenen, also Darstellungen des alltäglichen Lebens. Diese Genreszenen machen den größten Teil seines Werkes aus. Besonders bekannt sind Ansicht von Delft und Das Mädchen mit dem Perlenohrring.

Die Werke sind meist schwer zu datieren, weil Vermeer nur drei Gemälde selbst mit Jahreszahlen versah: Bei der Kupplerin, Der Astronom und Der Geograph. Bei allen anderen Bildern beruhen die Datierungen auf kunsthistorischen Vermutungen. Bei Junge Frau am Virginal, Mädchen mit Flöte, Diana mit ihren Gefährtinnen und Die heilige Praxedis bestehen Zweifel an der Urheberschaft. Im Oktober 2022 schätzte die National Gallery in Washington das Mädchen mit der Flöte als Werk eines Vermeer-Schülers ein. Weitere Titel sind nur aus alten Auktionskatalogen oder Stichen bekannt; ihre Echtheit ist offen.

Leben, Ausbildung und wirtschaftliche Situation

Jan Vermeer wurde am 31. Oktober 1632 in Delft getauft und am 15. Dezember 1675 dort in der Oude Kerk beigesetzt. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Sein Vater Reynier Jansz stammte aus Antwerpen, arbeitete zunächst als Seidenweber und betrieb später in Delft einen Gasthof. Außerdem war er Kunsthändler und Mitglied der Delfter St.-Lukas-Gilde, wodurch Vermeer früh mit Künstlern in Kontakt kam.

Eine gesicherte Ausbildung Vermeers ist nicht bekannt. Am 29. Dezember 1653 wurde er als Freimeister in die St.-Lukas-Gilde aufgenommen. Dafür musste er zuvor eine sechsjährige Lehrzeit bei einem anerkannten Maler absolviert haben. Eine mögliche Ausbildung bei Leonaert Bramer ist nicht bewiesen, eine Verbindung zu ihm aber urkundlich belegt. Auch der Kontakt zu Gerard ter Borch ist nachgewiesen. Die lange verbreitete Annahme, Vermeer sei Schüler von Carel Fabritius gewesen, wird von der Kunstwissenschaft inzwischen bezweifelt. Pieter de Hooch, der zwischen 1652 und 1661 in Delft lebte, wird dagegen eine prägende Rolle für Vermeers Genremalerei zugeschrieben.

Am 20. April 1653 heiratete Vermeer Catharina Bolnes. Das Verhältnis ihrer Mutter Maria Thins zur Ehe war zunächst schwierig; erst nach der Fürsprache des Katholiken Leonaert Bramer stimmte sie zu. Ob Vermeer vom Calvinismus zum Katholizismus übertrat, ist umstritten. Ab 1660 lebte das Ehepaar im Haushalt von Maria Thins am Oude Langendijk. Vermeer und Catharina hatten 15 Kinder, von denen vier früh starben.

Vermeer malte durchschnittlich nur etwa zwei Bilder pro Jahr. Trotzdem konnte er seine Familie zunächst gut ernähren, was auf weitere Einkommensquellen hinweist. Er unterstützte seine Mutter beim Betrieb der Schänke Mechelen und betrieb dort wahrscheinlich auch Kunsthandel. Außerdem arbeitete er als Kunstexperte. 1672 prüfte er in Den Haag gemeinsam mit Hans Jordaens eine Sammlung venezianischer und römischer Bilder. Die verlangten 30.000 Gulden hielt er für nicht gerechtfertigt; seiner Einschätzung nach waren die Bilder höchstens ein Zehntel dieser Summe wert. 1662 und 1663 sowie 1670 und 1671 war Vermeer Dekan der St.-Lukas-Gilde, was seine angesehene Stellung in Delft zeigt.

In den letzten Lebensjahren verschlechterte sich seine finanzielle Lage. Der französisch-niederländische Krieg von 1672 bis 1679 verhinderte weitere Verkäufe. Vermeer musste Kredite aufnehmen und Bilder, mit denen er handelte, unter Wert verkaufen. 1675 erkrankte er und starb innerhalb weniger Tage. Seine Frau musste zur Tilgung der Schulden auf ihr Erbrecht verzichten und es den Gläubigern übertragen.

Bildthemen und wichtige Beispiele

Die drei frühen Historienbilder Christus bei Maria und Martha, Diana mit ihren Gefährtinnen und Die heilige Praxedis sind im Vergleich zu den späteren Werken großformatig. Christus bei Maria und Martha (1654/1655; 160 cm × 142 cm) stellt eine Bibelstelle aus dem Lukasevangelium dar. Maria hört Jesus zu, während Martha das Essen zubereitet. Die pyramidenförmige Komposition, kräftige Farbkontraste sowie das Weiß des Tischtuchs, Marias rotes Oberteil und Jesu blaues Gewand prägen das Bild. Für Jesu Gewand verwendete Vermeer Smalt statt des üblichen Ultramarins. Diana mit ihren Gefährtinnen (um 1655/1656; 98,5 cm × 105 cm) zeigt die Jagdgöttin Diana mit vier Nymphen. Die Darstellung der Körperhaltungen führte zu stilkritischen Zweifeln, die bis heute weder bestätigt noch entkräftet sind.

In der Stadtansicht Ansicht von Delft (etwa 1660/1661; 98,5 cm × 117,5 cm) zeigt Vermeer seine Heimatstadt mit dem Fluss Schie im Vordergrund. Wahrscheinlich arbeitete er dabei mit einer Camera obscura, einem optischen Gerät, das ein Bild der Außenwelt auf eine Fläche projiziert. Die architektonischen Elemente verlaufen parallel zum Bildrand. Licht durchbricht die Wolken und beleuchtet vor allem Gebäude und den Turm der Nieuwe Kerk. Dieser Turm kann als politischer Hinweis auf Wilhelm I. von Oranien verstanden werden, dessen Grabmal sich in der Kirche befand.

Bei der Kupplerin (1656) ist das früheste eindeutig der Genremalerei zugeordnete Werk Vermeers. Das Bild kann als Bordellszene oder als häusliche Szene über eine außereheliche Beziehung verstanden werden. Die Münze, die eine Frau vom Mann entgegennimmt, deutet die Käuflichkeit der Liebe an. Karaffe und Weinglas mahnen dazu, trotz sinnlicher Verführungen bei klarem Verstand zu bleiben. Auch Schlafendes Mädchen (etwa 1657) hat eine moralische Aussage: Eine schlafende Frau vernachlässigt wegen des Weingenusses ihre Pflichten im Haushalt. Röntgenaufnahmen zeigen, dass ein ursprünglich gemalter Hund und ein Mann später übermalt wurden.

Viele Frauendarstellungen legen durch Briefe, Musikinstrumente oder Haushaltsgegenstände eine Handlung nahe. In Briefleserin am offenen Fenster (etwa 1657) deutet ein Liebesbrief zusammen mit einer Obstschale auf eine mögliche Liebesbeziehung. Ein 1979 entdeckter, übermalter Cupido wurde bei der Restaurierung entfernt; seit September 2021 ist das Bild wieder mit Cupido öffentlich zu sehen. Das Mädchen mit dem Perlenohrring (etwa 1665; 45 cm × 40 cm) ist dagegen ohne erzählerische Attribute als nahes Bildnis gestaltet. Die Identität des Mädchens ist unbekannt. Der dunkle, aber vielfarbige Hintergrund hebt ihre helle Haut hervor; der blaue Turban, der weiße Kragen und die auffällige Perle bestimmen die Wirkung.

In Der Astronom (1668) und Der Geograph (1668/1669) stellte Vermeer Wissenschaftler mit Karten, Globen und Messgeräten dar. Karten galten im 17. Jahrhundert als Luxusgüter und standen zugleich für Reichtum und Bildung. Die Bilder verweisen außerdem auf die Niederlande als See-, Handels- und Kolonialmacht. Der Geograph hält einen Stechzirkel und blickt von seiner Karte nach draußen. Beide Gemälde greifen den Wandel auf, durch den die Erforschung der Erde und der Sterne zunehmend als wichtiges Wissen anerkannt wurde.

Vermeer schuf außerdem zwei Allegorien, also Bilder, in denen abstrakte Themen durch Personen und Symbole dargestellt werden: Allegorie des Glaubens (1671–1674) und Die Malkunst. Die Malkunst ist 130 cm × 110 cm groß und zeigt ein Atelier mit einem Maler, einer fast leeren Leinwand und einer jungen Frau. Diese wurde früher als Modell oder Fama gedeutet, gilt nach heutiger Forschung aber als die Muse Klio, die Muse der Geschichtsschreibung und Heldendichtung. Karte, Kronleuchter und Figuren können daher als politische Stellungnahme zur Situation der Niederlande verstanden werden.

Malweise und Materialien

Vermeer war ein Vorreiter neuer Gestaltungsprinzipien. Er teilte Bildflächen ausgewogen auf und stellte auch komplexe Strukturen mit wenigen Elementen dar. Geometrie spielte eine wichtige Rolle für die Komposition. Sein Umgang mit Licht erzeugt teilweise den Eindruck von Freilichtmalerei. Schatten stellte er nicht mit grauen Farbtönen dar.

Charakteristisch ist die aufwändige Auswahl der Pigmente. Vermeer verwendete großzügig das teure natürliche Ultramarin, etwa in Dienstmagd mit Milchkrug und Briefleserin in Blau. Weitere wichtige Pigmente waren Bleizinngelb, Krapplack und Zinnober. Für Stadtansichten und Hintergründe nutzte er außerdem Erdfarben, Beinschwarz und das billigere Azurit.

Ob Vermeer eine Camera obscura benutzte, ist in der Forschung umstritten. Befürworter verweisen auf Randunschärfen, Lichtpunkte und Halo-Effekte sowie auf fotografisch wirkende Perspektiven. Andere betonen seine Entwicklung und seine Fähigkeiten als Perspektivmaler. Bei 13 Gemälden wurde ein kleines, mit einer Nadel in die Leinwand gestochenes Loch festgestellt. Zeichnungen lassen sich Vermeer nicht zweifelsfrei zuordnen. Die Zuschreibung der umstrittenen Zeichnung Magd mit Fußwärmer (25,5 cm × 16,5 cm, Kreide auf blauem Papier, datiert auf 1655) wird mit stilistischen Gemeinsamkeiten begründet, aber von Zweiflern angefochten.

Bekanntheit, Kunstmarkt und Fälschungen

Zu Lebzeiten blieb Vermeer außerhalb eines kleinen Kennerkreises wenig bekannt, obwohl seine Bilder geschätzt und gut bezahlt wurden. Im 19. Jahrhundert nahm das Interesse stark zu. William Thoré-Bürger katalogisierte Vermeers Werke und verhalf ihm mit drei positiven Aufsätzen zum Durchbruch. Gleichzeitig wurden wegen des kleinen Gesamtwerks Bilder anderer Künstler fälschlich Vermeer zugeschrieben. Die Forschung des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich deshalb besonders mit der Abgrenzung des gesicherten Werkes.

Vermeers Bilder erzielten schon früh hohe Preise. Eine Inventarliste von 1682 nennt 19 Gemälde im Besitz von Jacob Dissius und Magdalena van Ruijven. Bei einer Auktion am 16. Mai 1696 sollen 21 Vermeer-Gemälde angeboten worden sein; die Preise lagen zwischen 17 und 200 Gulden. 1804 wurde Ansicht von Delft für 2900 Gulden erworben. 1940 kaufte Adolf Hitler Die Malkunst für 1.650.000 Reichsmark; das Gemälde wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Salzbergwerk Altaussee geborgen und dem Kunsthistorischen Museum in Wien übergeben. 2004 wurde Junge Frau am Virginal für 30 Millionen Dollar ersteigert.

Die hohe Nachfrage führte zu Fälschungen. Han van Meegeren stellte so überzeugende falsche Vermeer-Gemälde her, dass auch der Experte Abraham Bredius ihre Echtheit bestätigte. Dazu gehörte Das Emmausmahl, das das Museum Boijmans Van Beuningen 1938 erwarb. Heute können Untersuchungen mit Pigmenten und Bleiisotopen Fälschungen erkennen. Besonders die Blei-210-Datierung nutzt die Halbwertszeit von 22 Jahren. Modernes Blei unterscheidet sich außerdem durch seine Isotopenzusammensetzung und Spurenelemente vom in Vermeers Zeit verwendeten Bleiweiß.

Heute zählt Vermeer zu den populärsten niederländischen Malern. Die Ausstellung in Den Haag 1995/1996 sahen in 14 Wochen 460.000 Besucher, die Ausstellung in Washington, D.C. 327.551. Die Ausstellung Vermeer im Rijksmuseum Amsterdam 2023 zeigte 28 Werke und hatte rund 650.000 Besucher. Seine Bilder wurden außerdem von Künstlern wie Salvador Dalí und Gerhard Richter, in Romanen und Filmen aufgegriffen.

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