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Handelsbilanz

Die Handelsbilanz steht an oberster Stelle in der Leistungsbilanz und wird als deren wichtigste Unterbilanz angesehen. Als Teil der Leistungsbilanz – und somit …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Einordnung
  2. 2. Formen und Salden
  3. 3. Erhebung in Ländern
  4. 4. Abweichungen und Bewertung
  5. 5. Einflüsse und wirtschaftliche Wirkungen
  6. 6. Abgrenzung des Begriffs

Grundbegriff und Einordnung

Die Handelsbilanz ist in der Volkswirtschaftslehre eine wertmäßige Gegenüberstellung aller Warenexporte und Warenimporte einer Volkswirtschaft innerhalb einer bestimmten Rechnungsperiode. Sie betrifft also den grenzüberschreitenden Handel mit Gütern. Dienstleistungen werden nicht in der Handelsbilanz, sondern in der Dienstleistungsbilanz erfasst. Die Handelsbilanz wird auch Außenhandelsbilanz, Warenbilanz oder Warenhandelsbilanz genannt.

Sie ist die wichtigste Unterbilanz der Leistungsbilanz und damit zugleich Teil der Zahlungsbilanz. Weil sie zeigt, ob ein Land mehr Waren verkauft oder kauft, ist sie eine wichtige Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Bei einem Ungleichgewicht entstehen Zahlungsforderungen oder Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland: ein Handelsbilanzüberschuss oder ein Handelsbilanzdefizit.

In der Systematik der Zahlungsbilanz stehen in der Handelsbilanz Exporte auf der Aktivseite und Importe auf der Passivseite. Jede Buchung in der Handelsbilanz ist mit einer Gegenbuchung in einer anderen Teilbilanz verbunden. Wird zum Beispiel eine Maschine exportiert, entsteht ein Exporterlös, der zugleich in der Devisenbilanz erscheint.

Formen und Salden

Die Handelsbilanz wird häufig in Staffelform dargestellt und in Soll und Haben gegliedert. Auf der Sollseite werden die Warenexporte, auf der Habenseite die Warenimporte wertmäßig erfasst. Veröffentlicht wird sie nach General- oder Spezialhandel, meist gegliedert nach Warengruppen wie Nahrungsmittel, Rohstoffe und Fertigwaren oder nach Ländern und Regionen. Sie kann als Monats- oder Jahresnachweis erscheinen.

Es gibt drei Grundformen der Handelsbilanz. Eine ausgeglichene Handelsbilanz liegt vor, wenn Export = Import gilt. Die Exporte entsprechen dann wertmäßig genau den Importen. Wegen des intensiven Warenverkehrs und unterschiedlicher Export- oder Importorientierungen von Staaten ist ein exaktes Gleichgewicht jedoch selten.

Eine positive Handelsbilanz liegt vor, wenn Export > Import gilt. Die Ausfuhren sind dann höher als die Einfuhren. Dieser Zustand heißt Handelsbilanzüberschuss. Die Export-Einnahmen übersteigen die Import-Ausgaben, es entsteht ein Habensaldo, der mit positivem Vorzeichen in die Zahlungsbilanz eingeht. In der Leistungsbilanz entspricht ein Handelsbilanzüberschuss einem Kapitalexport und wird auch positiver Nettoexport genannt.

Eine negative Handelsbilanz liegt vor, wenn Export < Import gilt. Die Importe übersteigen dann die Exporte. Dieser Zustand heißt Handelsbilanzdefizit. Die Import-Ausgaben sind höher als die Export-Einnahmen, es entsteht ein Sollsaldo mit negativem Vorzeichen in der Zahlungsbilanz. Ein Handelsbilanzdefizit entspricht einem Kapitalimport und wird auch negativer Nettoexport genannt.

Erhebung in Ländern

In Deutschland wird die Handelsbilanz vom Statistischen Bundesamt errechnet. Sie stellt die Differenz zwischen Exporten und Importen dar. Der Außenhandelssaldo fließt in die Leistungsbilanz der Deutschen Bundesbank ein. Für die Zahlungsbilanzstatistik berechnet die Deutsche Bundesbank daraus den „Warenhandel“. Dieser besteht aus dem Außenhandel nach amtlicher Außenhandelsstatistik, Ergänzungen zum Außenhandel, der Nettoausfuhr von Waren im Transithandel sowie der Aus- und Einfuhr von Nichtwährungsgold.

Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Grenzübergang und Eigentumsübergang. Die Außenhandelsstatistik beruht auf dem Grenzübergangskonzept: Entscheidend ist, ob Waren die Grenze überschreiten. Für die Zahlungsbilanz zählt dagegen der Eigentumsübergang zwischen Inländern und Ausländern. Deshalb gibt es Zu- und Absetzungen, zum Beispiel bei Lohnveredelung oder Waren, die den Eigentümer wechseln, ohne die Grenze zu überschreiten. Außerdem werden Einfuhrwerte in der Außenhandelsstatistik anders bewertet als in der Zahlungsbilanz, etwa wegen Transport- und Versicherungskosten.

In Österreich wird die Handelsbilanz meist Außenhandelsstatistik genannt. Sie wird von Statistik Austria erstellt und veröffentlicht und auch in Publikationen der Österreichischen Nationalbank dargestellt. Warenverkehr mit Drittländern wird über Extrastat erfasst, Warenverkehr innerhalb der EU über Intrastat. Auch hier gibt es Korrekturen, etwa für Transithandel, Lohnveredelung und Währungsgold. Die Darstellung erfolgt nach Spezialhandel.

Die Schweiz ist kein Mitglied der Europäischen Union und führt daher keine getrennten Intra- und Extrahandelsstatistiken. Ihre Handelsbilanzdaten stammen aus Zollanmeldungen. Erfasst werden nach dem Spezialhandelskonzept alle Waren ab einem Wert von 1000 Schweizer Franken und über 1000 kg beziehungsweise entsprechenden Mengeneinheiten. Transit- und Lagerverkehr sind nicht enthalten. Das Erhebungsgebiet umfasst neben der Schweiz auch das Fürstentum Liechtenstein und die deutsche Exklave Büsingen, nicht aber die Talschaften Samnaun und Sampuoir.

Abweichungen und Bewertung

Handelsbilanzen zweier Länder stimmen oft nicht spiegelbildlich überein. Die deutschen Exporte in die USA entsprechen zum Beispiel selten genau den amerikanischen Importen aus Deutschland. Ursachen sind unterschiedliche Erfassungs- und Bewertungsmethoden. Solche Differenzen können mit größerer Entfernung der Partnerländer und bei genauerer Detailbetrachtung zunehmen.

Eine wichtige Ursache sind unterschiedliche Partnerlandangaben. Bei Exporten wird normalerweise das letzte Bestimmungsland angegeben, in dem die Ware verbraucht, gebraucht, be- oder verarbeitet wird. Bei Importen weist die deutsche Statistik grundsätzlich das Ursprungsland aus, also das Land, in dem die Ware vollständig gewonnen oder hergestellt wurde. Zusätzlich wird das Versendungsland erfasst, also das Land, aus dem die Ware direkt geliefert wurde. Der sogenannte Rotterdam-Effekt zeigt das Problem: Eine Ware aus den USA kann zuerst in den Niederlanden in die EU eingeführt und dann nach Deutschland geliefert werden. Je nach Betrachtung erscheint sie als Import aus den USA oder als Lieferung aus den Niederlanden.

Auch die Bewertung der Waren verursacht Unterschiede. FOB („free on board“) erfasst den Warenwert frei Zollgrenze des exportierenden Landes, einschließlich Transport-, Versicherungs- und Verladekosten bis dorthin. CIF („cost, insurance, freight“) enthält zusätzlich Transport- und Versicherungskosten zwischen den Zollgrenzen des Export- und Importlandes. In vielen Ländern werden Einfuhren als CIF-Wert und Ausfuhren als FOB-Wert erfasst. Dadurch entstehen Wertdifferenzen, die ungefähr den Transport- und Versicherungskosten entsprechen.

Weitere Ursachen sind zeitliche Zuordnung, unterschiedliche Revisionszyklen und methodische Unterschiede. Außenhandelsgeschäfte können wegen Transportzeiten oder verspäteter Meldungen in verschiedenen Berichtszeiträumen landen. Bei besonderen Warenbewegungen wie Schiffen, Flugzeugen, elektrischem Strom, Software, Reparaturen oder Abfällen können Länder unterschiedlich vorgehen. Auch das Intrastat-System der EU mit Meldeschwellen führt zu Unterschieden, weil vor allem kleinere und mittlere Unternehmen von der Meldepflicht befreit sein können. Deshalb ist ein Handelsbilanzsaldo nicht immer allein Ausdruck realer Warenmengen; auch Preise, Wechselkurse und konzerninterne Verrechnungspreise können ihn beeinflussen. Die Terms of Trade zeigen dabei das Austauschverhältnis von Export- und Importgütern, also die Veränderung der Exportpreise gegenüber den Importpreisen.

Einflüsse und wirtschaftliche Wirkungen

Das Export- und Importvolumen eines Landes hängt von vielen Faktoren ab, die sich gegenseitig beeinflussen. Zu den Einflüssen auf Exporte zählen unter anderem Konjunktur und Realeinkommen im Ausland, wirtschaftspolitische Maßnahmen, Zölle, makroökonomische Schocks, Güterpreise in Inlandswährung, Wechselkurse, Export- und Importelastizitäten, Wettbewerbsfähigkeit, Produktionspotenziale, Geld- und Fiskalpolitik sowie Handelsabkommen. Importe hängen unter anderem von ausländischer Konjunktur und Produktion, Güterpreisen in Auslandswährung, Wechselkursen, Binnennachfrage, BIP, Realeinkommen, Zöllen und Handelsabkommen ab.

Ein dauerhafter Handelsbilanzüberschuss kann positive und negative Folgen haben. Hohe Exporte können die inländische Produktion erhöhen und Arbeitslosigkeit verringern, sofern der Überschuss nicht vor allem aus einer Schwäche des Binnenmarkts entsteht. Außerdem kann die Exportindustrie stärker in Produktion und Technologien investieren, was die internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Zugleich steigt aber die Abhängigkeit des Exportlandes von der Konjunktur und Wirtschaftspolitik seiner Handelspartner.

Bei flexiblen Wechselkursen kann eine Währungsabwertung ein Handelsbilanzdefizit beeinflussen. Wird zum Beispiel der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet, werden Güter aus Europa für die USA günstiger und Güter aus den USA für Europa teurer. Bei hoher Nachfrageelastizität können die Exporte steigen und die Importe sinken. Verbessert sich dadurch die Handelsbilanz, spricht der Artikel im Zusammenhang mit der Marshall-Lerner-Bedingung davon, dass Exportanstieg und Importrückgang stark genug sein müssen, um gestiegene Importpreise auszugleichen. Die Robinson-Bedingung bezieht sich darauf, dass sich Gütermengen kurzfristig mit dem Wechselkurs verändern. Nachteile einer Abwertung sind ein steigendes inländisches Preisniveau und die Verlagerung von Rezession und Arbeitslosigkeit ins Nachbarland; mögliche Vorteile sind mehr Nachfrage nach inländischen Gütern, höhere Produktion und sinkende Arbeitslosigkeit. Wegen verzögerter Mengenanpassung kann sich die Handelsbilanz zunächst verschlechtern und erst später verbessern; das heißt J-Kurven-Effekt. Bei einer Aufwertung wird ein Spazierstockeffekt genannt.

In der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion können einzelne Länder ihre nationale Währung nicht mehr individuell abwerten, weil Geld- und Währungspolitik auf die Europäische Zentralbank übertragen wurden. Der Euro bleibt gegenüber Ländern mit eigener Währung flexibel, aber nicht innerhalb des Euro-Währungsgebiets. Bei regionalen Ungleichgewichten bleiben daher andere Anpassungen wie höhere Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitskräftemigration oder expansive Fiskalpolitik. Als Beispiele nennt der Artikel Italien mit schwacher Binnennachfrage, hoher Arbeitslosigkeit und Handelsbilanzdefizit sowie Deutschland, das seit Jahrzehnten meist Überschüsse erzielt. Deutschland hatte nur 1950 und 1951 einen Einfuhrüberschuss; der Außenhandelsüberschuss betrug 2014 rund 213,6 Mrd. €, 2015 244,3 Mrd. € und 2016 248,9 Mrd. €.

Abgrenzung des Begriffs

Der Begriff Handelsbilanz hat in der Betriebswirtschaftslehre eine andere Bedeutung als in der Volkswirtschaftslehre. Dort bezeichnet er zur Abgrenzung von der Steuerbilanz die Bilanz, die nach handelsrechtlichen Vorgaben erstellt wird. In diesem Artikel geht es dagegen um die volkswirtschaftliche Handelsbilanz als Teil der Leistungs- und Zahlungsbilanz.

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