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Saysches Theorem
Es formuliert einen Kausalzusammenhang zwischen den volkswirtschaftlichen Größen Angebot und Nachfrage. Das Theorem zählt zu den klassischen bzw. neoklassischen …
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Kernaussage und klassische Darstellung
Das saysche beziehungsweise Say’sche Theorem beschreibt einen Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlichem Angebot und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Es gehört zu den klassischen und neoklassischen Theoremen und ist eine wichtige Grundlage der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Die bekannte Kurzform lautet: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst.“
Jean-Baptiste Say formulierte den Gedanken 1803 im Traité d’économie politique; weiterentwickelt und verbreitet wurde er unter anderem durch James Mill und John Stuart Mill. Nach Say produziert ein Anbieter Güter, um sie zu verkaufen und den Erlös anschließend für den Kauf anderer Produkte zu verwenden. Die Produktion schafft damit zugleich Einkommen und die Mittel für Nachfrage. James Mill folgerte, dass die Nachfrage und das Angebot aller Personen einer Nation insgesamt gleich sein müssten und die Jahresproduktion deshalb niemals die Jahresnachfrage übersteigen könne.
Say wandte sich damit gegen die Befürchtung, technischer Fortschritt könne langfristig allgemeine Überproduktionskrisen verursachen. Er bestritt nach dem Artikel jedoch nicht unbedingt kurzfristige Absatzkrisen, zyklische Depressionen oder dadurch verursachte unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Erst später wurde sein Theorem weitergehend auf relative Preise und den Arbeitsmarkt übertragen. Ein erhöhtes geplantes Güterangebot sollte demnach automatisch eine entsprechend höhere geplante Nachfrage erzeugen. Ein dauerhaft unzureichendes gesamtwirtschaftliches Nachfrageniveau und unfreiwillige Arbeitslosigkeit wären dann grundsätzlich ausgeschlossen, solange staatliche Eingriffe wie Mindestlöhne oder Steuerregulierungen die Nachfrage nach Arbeitskräften oder Produkten nicht einschränken.
Eine Überproduktion auf einzelnen Märkten bleibt in diesem Modell möglich. Ihr entspricht jedoch eine Unterproduktion an anderer Stelle. Der Preismechanismus beseitigt ein solches Ungleichgewicht vorübergehend.
Sparen und der Zinssatz
In einer reinen Tauschwirtschaft ist das saysche Theorem eine tautologische Identitätsgleichung: Was angeboten wird, wird im Tausch zugleich nachgefragt.
In einer mehrperiodigen Geldwirtschaft gilt dies nicht automatisch für jeden Teilzeitraum. Haushalte können Einkommen sparen oder Geld zurückhalten, ohne unmittelbar Güter kaufen zu wollen. Zwar schafft jede Produktion Einkommen in genau der Höhe des Produktionswerts, doch Produktion und Einkommen können während eines Booms hoch und in einer Krise sehr niedrig sein. Wenn die Nachfrage sinkt, weil Haushalte aus Einnahmeüberschüssen Geldvermögen bilden wollen, können Produktion und Einkommen weit unter das Produktionspotenzial fallen. Unternehmen werden in der Regel nicht einfach auf Lager produzieren, nur um das Produktionspotenzial auszulasten und die gewünschten Ersparnisse zu ermöglichen.
Nach klassischer Auffassung bleibt das Theorem auch bei Sparen gültig, weil Banken die Ersparnisse verleihen. Unternehmen können die Mittel für Investitionen, insbesondere für Investitionsgüter, verwenden. Der Marktzins soll dafür sorgen, dass sich geplante Ersparnisse und Investitionen bei voller Auslastung des Produktionspotenzials ausgleichen. In der Geldwirtschaft wird der Gütermarkt nach dieser Auffassung daher über den Marktzins geräumt, während einzelne Teilgütermärkte, etwa der Getreidemarkt, über den Preis ausgeglichen werden.
In einer modernen Geldwirtschaft ist das Theorem somit nur dann gültig, wenn ein Mechanismus sicherstellt, dass Investitionen und geplante Ersparnisse bei optimaler Auslastung des Produktionspotenzials übereinstimmen. Anhänger sehen diesen Mechanismus meist im Zinssatz.
Horten und Geldumlauf
Horten unterscheidet sich vom Sparen dadurch, dass Geld nicht bei einer Bank angelegt oder verliehen, sondern beispielsweise zu Hause im Sparschwein aufbewahrt wird. Dadurch sammeln sich liquide Geldbestände an, die zunächst nicht nachfragewirksam sind.
Unter dem Goldstandard war die Menge der umlaufenden Banknoten durch die Goldreserven begrenzt. Die Hortung von Banknoten oder Gold konnte deshalb die Zentralbank zu höheren Zinsen zwingen. Klassische Ökonomen beriefen sich auf die Quantitätstheorie des Geldes: Wenn dem Wirtschaftskreislauf Geld entzogen wird, kann nach dieser Sicht der Durchschnittspreis aller Güter sinken. Der Wert des weiterhin umlaufenden Geldes steigt dann, sodass sein Gesamtwert erhalten bleibt. Der niedrigere Geldpreis sollte außerdem einen Anreiz schaffen, Geld wieder auszugeben und das Gleichgewicht herzustellen.
Unter dem Einfluss von David Ricardos Schrift The High Price of Bullion. A Proof of the Depreciation of Bank Notes von 1810 und angesichts der Wirtschaftskrise von 1825 hielt Say später eine Kontrolle des Geldumlaufs für erforderlich. Die Geldmenge sollte die Bedürfnisse der Warenzirkulation nicht überschreiten. Say führte die Krise von 1825 auf Banken zurück, die zu viele Banknoten ausgegeben hatten, und befürwortete staatliche Kontrolle der privaten Banknotenausgabe, während sich der Staat weiterhin aus der Produktion heraushalten sollte.
Heute gleichen Notenbanken eine sinkende Geldumlaufgeschwindigkeit normalerweise durch eine entsprechende Erhöhung der Geldmenge aus. Dadurch müssen verlangsamter Geldumlauf, Deflation und bei starren Preisen Nachfragelücken nicht zwingend entstehen. In einer Liquiditätsfalle oder Kreditklemme kann dieser Ausgleich jedoch misslingen.
Wirtschaftspolitische Folgerung
Wenn nach dem sayschen Theorem immer ein Marktgleichgewicht entsteht, besteht aus seiner Sicht kein dauerhafter Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Anhänger lehnen deshalb eine nachfrageorientierte Politik des Staates oder der Notenbank ab. Sie fordern stattdessen eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die vor allem die Produktionsbedingungen und das Funktionieren der Märkte berücksichtigt.
Kritik durch Keynes und Marx
John Maynard Keynes bestritt die Gültigkeit des sayschen Theorems. Die orthodoxe Ökonomie hatte angenommen, dass ein Rückgang des Konsums automatisch durch zusätzliche Investitionen in gleicher Höhe ausgeglichen werde. Nach Keynes können Investitionen im Vergleich zu Geldanlagen jedoch weniger rentabel erscheinen. Dann unterbleiben sie, und es entsteht eine Produktionslücke. Mit der Produktion sinken Einkommen und Ersparnisse der Haushalte. Der Artikel fasst den Zusammenhang so: Das Einkommen wird durch die Ausgaben bestimmt, die Ersparnisse der Ökonomie durch die Investitionen.
Auch niedrige Zinsen müssen Unternehmen in einer Krise nicht zum Investieren bewegen, wenn ihre Gewinnerwartungen hinreichend gering sind. Das daraus entstehende „Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung“ bezeichnet eine Situation, in der sich Ersparnisse und Investitionen nicht zwingend ausgleichen. Liquiditäts- und Investitionsfalle können einen sich selbst verstärkenden Krisenprozess auslösen. Wenn wenige Unternehmen Kapital nachfragen, Sparer ihr Geld eher horten und die Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt, können Deflation und eine weitere Verringerung der Nachfrage entstehen. Erwartete Deflation verstärkt wiederum den Anreiz zum Horten. Eine mäßige, möglichst konstante Inflation kann nach dieser Argumentation helfen, einen markträumenden Realzinssatz zu ermöglichen, sogar negative Realzinsen zuzulassen und Geldhortung weniger attraktiv zu machen. Das DIW sieht in neueren Veröffentlichungen keinen Zusammenhang zwischen Sparen und Konjunktur.
Karl Marx kritisierte, Say habe die Modellvoraussetzungen so gewählt, dass Krisen logisch unmöglich würden. Say deute das Kapitalverhältnis bloß als Naturaltauschverhältnis und ignoriere dadurch innere Widersprüche kapitalistischer Verwertungsprozesse bei Überproduktion. Marx ordnete den Ansatz deshalb der Vulgärökonomie zu. Zugleich lobte er Ricardo für dessen wissenschaftliche Objektivität bei der Analyse des Maschinenwesens: Der zunehmende Einsatz von Maschinerie könne Arbeitslosigkeit verursachen, obwohl Ricardo dies zuvor unter Berufung auf das saysche Theorem ausgeschlossen hatte.