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Griechische Kolonisation
Die antike griechische Kolonisationsbewegung stellt ein durch anhaltende intensive Ausgrabungstätigkeit offenes und im Fluss befindliches Forschungsfeld dar.
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Begriff, Zeitraum und Bedeutung
Die griechische Kolonisation bezeichnet die Gründung griechischer Pflanzstädte, der Apoikien, durch Menschen vom griechischen Festland, von der Westküste Kleinasiens und von den Inseln der Ägäis. Apoikien waren unabhängige, selbständige Gemeinwesen (Poleis), also keine Kolonien im modernen Sinn. Sie verbreiteten vor allem an den Küsten des Mittelmeers und des Schwarzen Meeres griechische Sprache, Kultur und die Polis-Ordnung.
Besonders weitreichend war die Große Kolonisation vom 8. bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. Danach reichte der griechische Siedlungsraum von Spanien bis zum Kaukasus sowie von Südrussland bis Ägypten. Sie ist vom neuzeitlichen Kolonialismus zu unterscheiden, der auf Unterwerfung und Herrschaft über fremdes Land und Bevölkerung zielte, ebenso von römischen coloniae in bereits unterworfenen Gebieten. Eher vergleichbar ist sie mit der Kolonienbildung phönizischer Stadtkönigreiche.
Die Vorgänge gelten weiterhin als Forschungsfeld im Wandel. Frühere Darstellungen stützten sich stark auf spätere Autoren wie Herodot, Thukydides und Strabon; archäologische Funde haben jedoch viele als sicher geltende Annahmen in Frage gestellt.
Unsichere Quellenlage
Die schriftlichen Berichte über Gründungen und Entwicklungen der Pflanzstädte entstanden erst lange nach den Ereignissen. Herodot und Thukydides fassten Überlieferungen im 5. Jahrhundert v. Chr. zusammen, Strabons Aufzeichnungen stammen weitere 400 Jahre später aus augustäischer Zeit. Aus der Zeit der Großen Kolonisation selbst sind kaum Textzeugnisse erhalten; außerdem sollten die vorhandenen Quellen keine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der damaligen sozialpolitischen Verhältnisse liefern.
Der große zeitliche Abstand kann ältere Traditionen vereinheitlicht und rationalisiert haben. Martin Mauersberg spricht deshalb von einer „doppelten Konstruktion“: zuerst durch die rückblickende antike Wahrnehmung, danach durch die moderne Altertumswissenschaft, die das überlieferte Wissen in eigene Deutungsmuster einordnet. Literarische Aussagen müssen daher mit archäologischen Funden wie Keramik, Mauerresten, Tempeln und Häusern verglichen werden.
Archäologische Forschung widerspricht etwa der Vorstellung, Überbevölkerung und Landnot seien überall die Hauptursache gewesen. Korinth, Mutterstadt zahlreicher Kolonien, hatte dieses Problem vermutlich nicht; die von Solon überlieferte sozioökonomische Krise Athens führte wiederum nicht zur Gründung von Apoikien. Ursprünglich war κτίσις, „Gründung“, die übliche Bezeichnung einer Neuansiedlung. Erst in klassischer Zeit trat ἀποικία stärker hervor. Dieser Begriff konnte eine politische Verbindung zwischen Mutterstadt und Pflanzstadt ausdrücken und damit Machtansprüche einer Polis ideologisch stützen.
Frühe Migration nach Kleinasien
Nach dem Zusammenbruch der mykenischen Palastzivilisation um 1200 v. Chr. kam es in Griechenland zu Auflösungserscheinungen, Bevölkerungsrückgang, einer Reorganisation sozialer Strukturen und Migration. In den sogenannten Dunklen Jahrhunderten entwickelten sich auch griechische Dialekte. In einem Raum, der Attika und viele Ägäis-Inseln umfasste, bildete sich auf der Basis südmykenischer Idiome wahrscheinlich die attisch-ionische Dialektgruppe.
Die archäologischen Befunde belegen jedoch keine umfangreiche, einheitlich organisierte Wanderung, wie der Ausdruck „Ionische Kolonisation“ nahelegen könnte. Westkleinasiatische Gebiete wurden teilweise von Bewohnern ägäischer Inseln neu besiedelt. Die Träger des ionischen Dialekts stammten aus mehreren Regionen und bildeten keine homogene Abstammungsgemeinschaft. Bevorzugt wurden höher gelegene küstennahe Orte, Halbinseln und vorgelagerte Inseln mit guten Verteidigungsmöglichkeiten.
Nach 1000 v. Chr. bestanden die frühen Siedlungen wahrscheinlich nur aus kleinen Kult- und Dorfgemeinschaften einiger Dutzend Familien, noch ohne staatliche Organisation. In Alt-Smyrna schloss sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine kleine Gruppe griechischer Neusiedler bereits ansässigen Einheimischen an. Um 800 v. Chr. gab es an Kleinasiens Küste grob einen äolischen Nordstreifen, einen ionisch geprägten Mittelteil zwischen Smyrna und Milet und einen dorischen Südabschnitt. Die spätere athenische Behauptung, die Ionier seien von Attika aus nach Kleinasien gewandert, gilt in der neueren Forschung als athenische Zweckpropaganda.
Ablauf und Voraussetzungen der Großen Kolonisation
Die Große Kolonisation wird etwa von der Mitte des 8. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Sie war keine zentral geplante Bewegung, sondern eine Vielzahl einzelner Pläne, Versuche, Erfolge und Misserfolge. Voraussetzungen waren Mobilität, nautische Kenntnisse und Wissen über geeignete Siedlungsplätze. Kontakte mit den seefahrenden und handelnden Phöniziern erweiterten dieses Wissen. In Pithekoussai auf Ischia lebten Griechen bereits in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts mit Phöniziern zusammen. Die Ausbreitung nach Westen und Norden wurde auch dadurch begünstigt, dass dort keine politische Macht wie das Assyrerreich im Osten die Ansiedlung verhinderte.
Die Motive unterschieden sich je nach Fall. Handelsinteressen waren wichtig, besonders bei Chalkis, Eretria, Korinth, Megara, Milet und Phokaia. Händler konnten geeignete Orte melden; viele Ansiedlungen entstanden entlang bekannter Seeverbindungen und Handelsrouten. Als wesentlicher Motor gilt außerdem Bevölkerungszunahme: In kleinräumigen Poleis führte sie zu Landnot und sozialen Spannungen. Eine Stadt konnte eine Kolonie organisieren, um durch die Suche nach Land in der Fremde einen inneren Umsturz zu verhindern. Auch ein Teilexodus zur Beendigung von Bürgerstreit konnte vorkommen.
Teilweise wurde vor der Aussiedlung das Delphische Orakel befragt. Apollon, der Weihegott Delphis, galt dadurch als Schutzgott der Neugründungen. Die Rolle Delphis als Koordinationszentrum bleibt wegen der dürftigen Quellenlage unsicher: Von etwa 170 erhaltenen Äußerungen aus klassischer Zeit über Apoikien enthalten nur 16 Hinweise auf ein Orakel, und konkrete Angaben zu Delphi sind relativ spät.
Geleitet wurde die Gründung regelmäßig von einem adligen Oikisten oder Archegeten. Er führte seine Hetairoi, legte Regeln für das Zusammenleben fest und verteilte Land. Nach Oswyn Murray waren etwa 200 Auswanderer für eine Neugründung nötig; meist handelte es sich wohl um unverheiratete, waffenfähige Männer, die nicht alle aus derselben Polis stammen mussten. Die Mutterstadt stellte Oikisten und Schiffe. Mitgeführt wurden Saatgut, Vieh, Geräte, Waffen sowie Feuer und Erde für den Kult. Die Apoikie übernahm zunächst Kult und Organisationsformen der Mutterstadt, war rechtlich aber unabhängig und besaß eine eigene Bürgerschaft.
Wichtig für die Ortswahl waren Verteidigung, sichere Anlegeplätze, Wasser und fruchtbares Umland. Bevorzugt wurden Landzungen, vorgelagerte Inseln und Land zwischen zwei Flussmündungen. Nach der Landnahme entstanden Heiligtümer, oft auf höher gelegenen, abgegrenzten und befestigten Plätzen; außerdem wurden öffentliche Versammlungsorte und Rat festgelegt. Die Begegnung mit Einheimischen verlief unterschiedlich: Vorbewohner konnten vertrieben, unterworfen oder versklavt werden; auch freiwillige Unterordnung gegen Nahrung und militärischen Schutz soll vorgekommen sein.
Mutterstädte und Siedlungsräume
Von 81 überlieferten griechischen Poleis, etwa 8 Prozent, ist bekannt, dass sie während der Großen Kolonisation Mutterstädte waren. Sie gründeten Hunderte Pflanzstädte, von denen einige später selbst Mutterstädte wurden. Besonders wichtig war Chalkis auf Euböa: Von Pithekoussai aus gründeten Chalkidier um 750 v. Chr. Kyme (Cumae) in Italien. In Sizilien datierte Thukydides die Gründung von Naxos auf 734 v. Chr.; weitere Siedlungen waren unter anderem Ortygia, Leontinoi, Zankle und Rhegion. In der Nordägäis gründete Chalkis 32 Pflanzstädte; die Halbinsel Chalkidike erhielt davon ihren Namen.
In Süditalien siedelten vor allem Kolonisten aus Achaia und Lokris. Kroton, Sybaris und Metapont waren achäische Gründungen, Lokroi Epizephyrioi verwies im Namen auf Lokris. Tarent wurde um 700 v. Chr. gegründet und blieb die einzige spartanische Kolonie. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. hieß ganz Unteritalien Großgriechenland (Megalê Hellas), bei den Römern Magna Graecia. Auf Sizilien beschränkte sich die Kolonisierung dagegen auf Küstenstreifen; das Binnenland blieb der Vorbevölkerung. Im Westen Siziliens, in Nordafrika, auf Sardinien und den Balearen blieben Phönizier vorherrschend.
Unter den kleinasiatisch-ionischen Städten war besonders Milet tätig: spätestens ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. gründete es etwa 70 Kolonien im Schwarzmeergebiet, darunter Apollonia Pontike, Sinope, Trapezous, Odessos und Olbia, ferner Kyzikos an der Propontis sowie Naukratis in Ägypten. Naukratis wurde von Pharao Psammetich I. unterstützt. Phokaia erreichte Korsika und die Küste Galliens; Massalia wurde Mittelpunkt von Handelsplätzen wie Nikaia. Von Massalia aus entstanden in Spanien Emporion, Hemeroskopeion, Mainake und Hepta Adelphia. Kyrene in Nordafrika wurde von Thera aus gegründet und entwickelte sich unter den Battiaden rasch zu einem mächtigen Reich.
Kulturelle und politische Folgen
Die Große Kolonisation wirkte weit über die neuen Siedlungsgebiete hinaus. Die Etrusker in Mittelitalien übernahmen das griechische Alphabet und erwarben griechische Kunsterzeugnisse. Kulturelle Einflüsse trafen außerdem die Hallstatt-Kultur, die westeuropäischen Kelten und die Skythen Südrusslands.
Für die griechische Staatenwelt waren die Erfahrungen in den Neugründungen bedeutsam. Die von Oikisten erprobten Regelungen für Siedlergemeinschaften wurden innerhalb der griechischen Welt bekannt und boten Anregungen für die Gestaltung anderer Poleis. Dies erklärt die Vielfalt der Institutionen und ihrer Kompetenzen in griechischen Siedlungsräumen.
Kolonisation und Handel förderten auch ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Hellenen. Der Name „Hellenen“ erscheint zuerst bei Archilochos in der Mitte des 7. Jahrhunderts. Das von neun griechischen Städten in Naukratis zur Zeit des Amasis (569–526) errichtete Heiligtum hieß Hellenion; Weihinschriften galten den „Göttern der Hellenen“.
Delphi wurde als Zentrum einer Amphiktyonie, also eines Bundes von Gemeinschaften um ein Heiligtum, wichtig; um 600 v. Chr. umfasste sie alle Staaten Mittelgriechenlands. Die delphische Priesterschaft wirkte auf die vielen Kalendersysteme vereinheitlichend und förderte eine Kriegs-Konvention, die etwa das Unterbinden der Wasserversorgung eines Gegners verbot. Olympia gewann eine ähnliche Bedeutung: Seit Beginn des 6. Jahrhunderts nahmen auch Griechen aus Ionien und Unteritalien an den Olympischen Spielen teil, die seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. ausgetragen wurden.