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Kolonisation
Kolonisation kann aber auch expansive und aggressive Usurpation und anschließende Fremdherrschaft durch ein Volk aus einer anderen Kultur oder durch eine fremde …
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Begriff und Abgrenzung
Kolonisation oder Kolonisierung bezeichnet in der Geschichts- und Politikwissenschaft die Gründung und Entwicklung von Kolonien, also Landnahme und Besiedlung von Land durch Kolonisatoren oder Kolonisten. Das Gebiet kann vorher unbewohnt gewesen sein oder bereits von Menschen bewohnt worden sein. In jedem Fall bedeutet Kolonisation, dass sich eine Gesellschaft über ihren angestammten Lebensraum hinaus ausdehnt.
Kolonisation wird für frühe Kulturen ebenso verwendet wie für die Neuzeit. In der Neuzeit kann sie die Urbarmachung, Besiedlung und Entwicklung bisher ungenutzter Gebiete innerhalb eines Staates meinen; dann spricht man von Binnenkolonisation oder innerer Kolonisation. Sie kann aber auch aggressive Landnahme, Fremdherrschaft und Herrschaft über Menschen einer anderen Kultur bedeuten; dann nähert sie sich dem Begriff Kolonialismus. Kolonialismus ist als Herrschaftsprinzip von Kolonisation zu unterscheiden, auch wenn Wolfgang Reinhard betont, dass Kolonisation ohne Kolonialismus historisch wohl nur selten möglich gewesen sei.
Kolonisatoren mussten nicht immer Staaten sein. Auch Gebietskörperschaften, Kaufleute, Orden, Freibeuter oder Piraten konnten Kolonisation betreiben. Wichtige Motive waren meist wirtschaftlich: Zugriff auf Ressourcen, Menschen, Waren, Absatzmärkte, billige Arbeitskräfte oder Rohstoffe. Mitunter ging Kolonisation mit Entvölkerung, Zwangsumsiedlung und der Absicherung von Macht und Wohlstand einher. Kolonien waren trotz möglicher Eingliederung nicht immer vollwertige Teile des Mutterlandes; sie konnten auch verpfändet, verkauft oder getauscht werden, etwa Orkney, Estland, Alaska oder Helgoland gegen Sansibar.
Frühe und antike Kolonisation
Die ältesten belegten Beispiele für abhängige Gebiete stammen vom Ende des 3. und der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends aus Hochkulturen rund um die Levante. Genannt werden unter anderem Sargon von Akkad, der vermutlich ganz Mesopotamien eroberte, das minoische Kreta als erste Thalassokratie, also Seemacht, und Ägypten unter Pharao Thutmosis III., der in 20 Jahren 16 Kriege geführt haben soll und Vasallenstaaten schuf.
In der Antike gab es viele verschiedene Formen von Kolonisation. Zu den wichtigen Mächten im europäischen Umfeld gehörten Minoer, Phönizier, Griechen und das Römische Reich, eventuell auch die Etrusker. Die Minoer strebten vor allem nach Sicherung ihres Handelsmonopols und nach Hegemonie in der Ägäis, nicht nach klassischer Landnahme. Die mykenischen Griechen vom Festland übernahmen im 15. Jahrhundert v. Chr. Kreta, die Kykladen sowie ehemals minoische Siedlungen auf Rhodos und in Westkleinasien. Ob es darüber hinaus mykenische Kolonien gab, ist umstritten; eindeutige Belege fehlen abgesehen von Kreta und bereits minoisch besiedelten Gebieten wie Milet.
Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. übernahmen die Phönizier eine führende Rolle im Mittelmeerhandel. Sie gründeten Niederlassungen an der nordafrikanischen Küste und später bis zur Straße von Gibraltar. Die bekannteste Gründung war Karthago im heutigen Tunesien, das sich selbständig machte und mehrere Jahrhunderte eine führende Macht im westlichen Mittelmeer wurde. Anfangs standen Handelsstützpunkte und Verträge mit lokalen Herrschern im Vordergrund, später kam es auch zu großflächiger Landnahme, etwa auf Sardinien, in West-Sizilien, auf Ibiza und in Spanien.
Die griechische Kolonisation umfasst mehrere Wellen. Die sogenannte ionische Kolonisation betraf ab etwa 1050 v. Chr. die Städte an der Westküste Kleinasiens; genaue Zeit und Motive sind umstritten. Die „Große Griechische Kolonisation“ fand etwa zwischen 750 und 550 v. Chr. statt. Sie war keine zentral gelenkte Bewegung, sondern bestand aus vielen Expeditionen einzelner Poleis, also Stadtgemeinden. Griechische Tochterstädte entstanden vor allem an Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres, unter anderem in Nordafrika, Kleinasien, Spanien, Südfrankreich, Dalmatien, Sizilien, Süditalien, Thrakien, auf der Chalkidiki, in Pontos und auf der Krim. Gründe waren unter anderem mögliche Überbevölkerung, politische Rivalität und Sicherung von Handelswegen. Orakel, besonders das Orakel von Delphi, spielten oft eine beratende Rolle.
Im Hellenismus, also nach den Eroberungen Alexanders des Großen ab dem letzten Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr., entstanden stärker militärisch gesicherte Kolonien in Vorderasien, Nordafrika und bis nach Spanien. Sie wurden von einer griechischen Oberschicht beherrscht; die Spannungen zwischen Besatzern und einheimischer Mehrheit waren größer als in den frühen griechischen Siedlungen.
Kolonisation im Mittelalter
Im Frühmittelalter gab es wegen Konflikten zwischen Staaten, zwischen Kirche und Staat, fehlender zentraler Macht in manchen Regionen und Bevölkerungsschwund zunächst wenig Möglichkeit zur Kolonisation. Um 800 änderte sich die Lage, und es kam wieder zu Kolonisation in Nordeuropa und im Mittelmeerraum. Moderne Forschungsansätze sehen darin einen langfristigen europäischen Ausbauprozess vom nordfranzösisch-flandrisch-niederländischen Raum zur Peripherie, der Europa vom 11. bis etwa zur Mitte des 14. Jahrhunderts wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und kulturell stark veränderte.
Wikinger und Normannen spielten dabei eine wichtige Rolle. Wikinger aus Skandinavien wanderten aus und eroberten vom 9. bis zum 11. Jahrhundert Gebiete außerhalb Skandinaviens, unter anderem in Irland und Britannien, in der Normandie 911, auf Sizilien und im heutigen Russland. Die Besiedlung der Färöer und Islands im 9. und 10. Jahrhundert wird als Landnahme beschrieben und im Landnámabók überliefert. Um das Jahr 1000 nahm Erik der Rote Küstenstriche Grönlands in Besitz; sein Sohn Leif Eriksson gelangte nach Nordamerika, das er Vinland nannte, doch der Widerstand der Indianer stoppte diese Expansion.
In England begannen dänische Wikinger zunächst mit Raubzügen, später mit Eroberungen. Ab 866 wollten sie England erobern und gründeten ein Königreich in York. 878 wurden sie von Alfred dem Großen geschlagen; im Friedensvertrag wurde das Danelag festgelegt. Sven Gabelbart, dänischer König von 987 bis 1014, eroberte England, und sein Sohn Knut gründete 1016 ein Nordseereich, das 20 Jahre bestand.
Auch skandinavische und nordische Staaten betrieben Expansion. Dänemark eroberte 1168 Rügen, Waldemar II. landete 1219 in Estland, das 1346 an den Orden verkauft wurde. Schweden eroberte ab 1154 Teile Finnlands; nach Konflikten mit Nowgorod konnte Schweden 1322 den Besitz Finnlands sichern. Im Heiligen Römischen Reich war die Expansion nach Osten wichtig. Im 10. Jahrhundert schufen die Liudolfinger Einflusszonen jenseits der Elbe. Im 12. und 13. Jahrhundert folgten Eroberungen, unter anderem durch Heinrich den Löwen, den Deutschen Orden und den Schwertbrüderorden im Baltikum. Der Begriff „Ostkolonisation“ wird heute auch als „hochmittelalterlicher Landesausbau“ bezeichnet.
England dehnte sich ebenfalls aus. Henry II. eroberte 1157 Northumbria und nutzte 1169 ein Hilfeersuchen in Irland, um mit normannischen Truppen die Osthälfte der Insel zu besetzen. Viele irische Königreiche unterwarfen sich 1171 der englischen Krone. Im Mittelmeerraum wirkten Genua, Pisa und Venedig als Seemächte. Sie erhielten für Flotten- und Militärdienste in den Kreuzzügen Handelsprivilegien, Kaufleutequartiere, Dörfer, kleine Territorien und Inseln wie Korsika, Sardinien und Zypern. Araber, Mauren und Sarazenen eroberten ab 711 Gebiete im westlichen Mittelmeer, darunter 798 die Balearen, 827 Sizilien und 904 Malta, verloren diese Gebiete später aber wieder. Außerdem bestanden zwischen 1099 und 1375 Kreuzfahrerstaaten an der Levanteküste und in Südanatolien.
Neuzeitliche Expansion und Amerika
Im ausgehenden Mittelalter wuchs in Europa das Interesse an fremden Ländern. Wichtige Gründe waren wirtschaftlicher und religiöser Art. Marco Polos Chinareise im 13. Jahrhundert gilt als Auftakt des Zeitalters der Entdeckungen; die Echtheit seiner Reiseberichte ist umstritten, doch seine Erzählungen über China inspirierten spätere Unternehmungen. Im 15. Jahrhundert suchten die Portugiesen wegen der Suche nach Gold, des Mangels an Gewürzen und wachsender Hindernisse im Orienthandel einen Seeweg nach Indien. Heinrich der Seefahrer ließ Expeditionen entlang der westafrikanischen Küste ausstatten. Erste portugiesische Niederlassungen entstanden als Handels- und Nachschubposten auf Inseln vor Afrika, etwa Madeira, und an der westafrikanischen Küste, etwa Elmina.
Christoph Kolumbus aus Genua wurde der berühmteste Entdecker dieser Zeit. Er glaubte, man könne Indien erreichen, indem man den Atlantik direkt nach Westen überquere. Portugal lehnte seine Pläne ab, weil dort Gelehrte den Erdumfang bereits recht genau vermessen hatten und die Strecke für zu weit hielten. In Spanien fand Kolumbus Unterstützung, auch weil Spanien auf Portugals Handelserfolge blickte. Nach seiner erfolgreichen Expedition richtete sich das Interesse spanischer Abenteurer und Söldner auf die Westindischen Inseln in der Karibik sowie auf Mittel- und Südamerika, das nach Amerigo Vespucci benannt wurde.
In Mexiko trafen die Spanier auf das Aztekenreich, später in Peru auf das Inkareich. Beide Reiche hatten wegen ihrer eigenen gewaltsamen Expansion viele Feinde und konnten dadurch leichter destabilisiert werden. Die eroberten Gebiete in Mexiko und Peru wurden nachträglich zu Kronkolonien erklärt. Kolonisatoren eigneten sich Ländereien an; die Einheimischen wurden versklavt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Durch brutale Ausbeutung und eingeschleppte Krankheiten starben viele von ihnen, sodass sie bald durch aus Afrika verschleppte Sklaven ersetzt wurden.
Zur Schlichtung des Konflikts zwischen Portugal und Spanien über überseeische Gebiete entstand 1494 auf Vermittlung von Papst Alexander VI. der Vertrag von Tordesillas. Er sprach Gebiete westlich 46° 37' West, also 370 spanische Leguas westlich der Kapverden, Kastilien zu, Gebiete östlich davon Portugal. Nachdem 1499 die Küste Brasiliens entdeckt und von Amerigo Vespucci erforscht worden war, konnte Portugal dort Kolonien gründen, weil Brasilien östlich der Trennlinie lag. 1529 legte der Vertrag von Saragossa eine zweite Trennlinie im Pazifik fest; dadurch fielen die Molukken als wichtige „Gewürzinseln“ in den portugiesischen Raum.
Imperialismus und Zukunftskonzepte
Der Imperialismus bezeichnet das Weltmachtstreben besonders der europäischen Großmächte. Als eigentliche Epoche gilt die Zeit von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg. Kolonisation war ein wichtiger Bestandteil dieses Imperialismus. Mit Kolonialismus ist hier die Aufteilung inner- und außereuropäischer Gebiete unter den Mächten gemeint, um wirtschaftliche und machtpolitische Interessen zu sichern. Der Artikel weist darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht ausreichend belegt ist.
Zur imperialistischen Epoche gehörte auch die Absicht, als „unterentwickelt“ bezeichnete Völker vor allem in Afrika zu beherrschen. Damit verbunden war die Ideologie des Sozialdarwinismus, kombiniert mit wissenschaftlich unhaltbaren Theorien menschlicher Rassen. In dieselbe Zeit fallen Bestrebungen zur „Colonisirung Palästinas“, wie es 1884 im Einladungsschreiben zur Kattowitzer Konferenz heißt.
Ein moderner Sonderfall ist die Weltraumkolonisierung. Sie bezeichnet das Konzept eines autonomen, also selbstversorgenden menschlichen Habitats außerhalb der Erde. Das Thema ist in der Science-Fiction wichtig, aber auch ein Langzeitziel verschiedener nationaler Weltraumprogramme. Gedacht wird an Kolonien auf dem Mond, auf Planeten wie Venus oder Mars, auf Zwergplaneten wie Ceres, auf anderen nicht-stellaren Himmelskörpern oder im Inneren von Asteroiden. Außerdem gibt es Überlegungen zu Raumstationen in Form großer Räder oder Röhren, die durch Rotation künstliche Schwerkraft erzeugen.