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Kirchliche Dogmatik

Die Kirchliche Dogmatik (abgekürzt „KD“) ist das Hauptwerk des evangelischen Theologen Karl Barth (1886–1968). Größere Anteile verfasste auch seine enge …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Entstehung
  2. 2. Das Wort Gottes und die Trinität
  3. 3. Religion, Erwählung und Ethik
  4. 4. Schöpfung, Leid und Sünde
  5. 5. Versöhnung und Offenbarung in der Welt
  6. 6. Einordnung und Wirkung

Grundidee und Entstehung

Die Kirchliche Dogmatik, abgekürzt KD, ist das Hauptwerk des evangelischen Theologen Karl Barth (1886–1968). Größere Anteile verfasste auch seine enge Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum. Das Werk vertritt durchgehend eine auf Jesus Christus zentrierte Dogmatik, also eine systematische Darstellung des christlichen Glaubens. Mit rund 9300 Seiten in 13 Teilbänden sowie einem Registerband gilt sie als umfangreichstes theologisches Werk des 20. Jahrhunderts. KD I/1 erschien 1932, KD IV/4 1967 als Fragment; die geplante KD V zur Erlösung konnte Barth nicht mehr beginnen.

Barth verstand Dogmatik als kirchliche Wissenschaft: Sie sei „keine freie, sondern eine an den Raum der Kirche gebundene, da und nur da mögliche und sinnvolle Wissenschaft“. Der Titel „kirchlich“ sollte ausdrücken, dass Theologie vom Glauben der Kirche an Jesus Christus ausgeht. Barth wollte damit besonders gegen eine Theologie arbeiten, die den christlichen Glauben an die Ideologie des Nationalsozialismus anpasste. Er sah Jesus Christus, bezeugt im Alten und Neuen Testament, als einzig möglichen Ausgangspunkt der Theologie.

Die KD ist nach großen Lehrstücken gegliedert: KD I behandelt das Wort Gottes, KD II die Lehre von Gott, KD III die Schöpfung und KD IV die Versöhnung. Jeder Abschnitt beginnt mit einem Leitsatz, der anschließend entfaltet wird. Umfangreiche kleingedruckte Exkurse behandeln Bibeltexte und theologische Traditionen.

Das Wort Gottes und die Trinität

Barths Theologie setzt voraus, dass Gott selbst geredet hat, weil nur Gott angemessen von Gott reden kann. Das Wort Gottes begegnet Menschen in drei Gestalten: als Verkündigung in der menschlichen Predigt, als geschriebener Text in der Bibel und als Person und Werk Jesu Christi. Jesus Christus ist die unmittelbare Selbstmitteilung Gottes, also Offenbarung. Bibel und Predigt sind mittelbare Gestalten des Wortes Gottes, die von Christus her getragen werden.

Die Bibel ist für Barth Zeugnis dieser Offenbarung. Altes Testament und Neues Testament gehören unlösbar zusammen: Das Alte Testament steht für Erwartung, das Neue Testament für Erinnerung an Jesus Christus. Barth lehnt sowohl eine Abwertung des Alten Testaments als auch die Lehre einer formalen Irrtumslosigkeit der Bibel ab. Die Bibel ist Gottes Wort, weil Gott durch sie Menschen zum Glauben führt; das bleibt aber Gottes eigenes Handeln und kann nicht durch Textanalyse bewiesen werden.

Barth beginnt seine Lehre von Gott mit der Trinität, also der Rede von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er erklärt sie von der Offenbarung her: Gott ist der Offenbarer, genannt Vater; Gott offenbart sich als Mensch in Jesus Christus, dem Sohn; und Gott bewirkt im Menschen Erkenntnis, Glauben und Gehorsam als Heiliger Geist. Barth spricht von drei „Seinsweisen“ desselben Gottes, nicht von drei Göttern. Sein zusammenfassender Gedanke lautet: „Gott ist der in Freiheit Liebende.“ Gott ist frei, weil er nichts außer sich braucht, und Liebe, weil er Beziehung will.

Religion, Erwählung und Ethik

Ein wichtiger und scharfer Satz Barths lautet: „Religion ist Unglaube.“ Damit meint er nicht nur andere Religionen, sondern ausdrücklich auch das Christentum, sofern Menschen sich selbst ein Bild von Gott machen und sich dadurch rechtfertigen wollen. Religion kann nur durch Gottes Gnade zu einem Vollzug von Glauben werden. Barth lehnt natürliche Theologie ab, also den Versuch, Gott aus Natur, Vernunft oder allgemeiner menschlicher Erfahrung heraus zu erkennen. Seine Erkenntnisregel lautet: „Gott wird durch Gott und zwar allein durch Gott erkannt.“

In KD II entfaltet Barth Gottes „Gnadenwahl“. Erwählung bedeutet bei ihm nicht, dass Gott einige Menschen zum Heil und andere zur Verdammnis bestimmt. Jesus Christus ist zugleich der erwählende Gott und der erwählte Mensch. In ihm nimmt Gott Verwerfung, Gericht und Kreuzestod auf sich, um alle Menschen davon zu befreien. Kritiker sahen darin eine Nähe zur Allversöhnung, also zur Rettung aller Menschen. Barth wollte aber nicht festlegen, wie viele am Ende gerettet werden: Man dürfe nicht sicher damit rechnen, dass alle gerettet werden, wohl aber darauf hoffen.

Barths Ethik folgt aus diesem Verständnis von Gottes Handeln. Er trennt nicht zwischen Glaubenslehre und Sittenlehre. Gottes Gebot ist an Jesus Christus abzulesen, weil Christus Gottes Willen stellvertretend erfüllt. Darum richtet sich Gottes Gebot an alle Menschen, Christen wie Nichtchristen. Ethik fragt bei Barth nicht abstrakt, wie man aus einem Sein ein Sollen ableitet, sondern wie Menschen in der Geschichte Gottes mit ihnen leben sollen.

Schöpfung, Leid und Sünde

Barths Schöpfungslehre ist keine Theorie der Weltentstehung und steht nicht in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften. Sie fragt nicht nach der Kausalität der Entstehung der Welt, sondern nach Gottes Absicht mit der Welt. Diese Absicht erkennt Barth von Jesus Christus her: Gott hat die Welt aus freier Liebe geschaffen, damit er mit seinem Geschöpf einen Bund schließen kann. Die Schöpfung ist der äußere Grund dieses Bundes, weil sie den Raum für Gottes Geschichte mit den Menschen bereitstellt. Der Bund ist der innere Grund der Schöpfung, weil die Welt von Anfang an auf Gemeinschaft mit Gott hin geschaffen ist.

Auch das Menschsein versteht Barth als Beziehung: Wie Gott Sein-in-Beziehung ist, so ist auch der Mensch nicht zum Alleinsein geschaffen, sondern zur Gemeinschaft mit anderen Menschen. Besonders deutlich sieht Barth das in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Leid, Alter und Tod gehören für Barth zu den schweren Schattenseiten der endlichen Schöpfung. Davon unterscheidet er das „Nichtige“: das, was Gott nicht will und was seiner Offenbarung in Jesus Christus widerspricht. Das Nichtige steht für Sünde und zerstörerische Mächte. Barth führt das Böse nicht auf Gottes positives Wollen zurück. In Kreuz und Auferstehung Jesu Christi hat Gott sich dem Nichtigen gestellt und es überwunden. Sünde wird daher nicht zuerst abstrakt beschrieben, sondern von ihrer Überwindung und Vergebung her erkannt.

Versöhnung und Offenbarung in der Welt

KD IV behandelt die Versöhnung, also Gottes Handeln, durch das die gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch in Jesus Christus wiederhergestellt wird. Barth verbindet dabei die Zwei-Naturen-Lehre, nach der Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, mit der Drei-Ämter-Lehre: Christus ist Priester, König und Prophet.

Als wahrer Gott geht Christus „in die Fremde“: Er wird Mensch, nimmt menschliche Vergänglichkeit und Verlorenheit auf sich und geht ans Kreuz. Dort ist er „der Richter als der an unserer Stelle Gerichtete“ und übt sein priesterliches Amt aus. Zugleich wird der Mensch Jesus zu Gott erhöht; darin erscheint sein königliches Amt. Als Prophet bezeugt Christus selbst, dass die Versöhnung geschehen ist: Er ist das Licht, das Gottes Wahrheit offenbart.

Barth ordnet diesen Aspekten drei Gestalten der Sünde zu: Hochmut, Trägheit und Lüge. Rechtfertigung überwindet den Hochmut, Heiligung die Trägheit und Berufung zum Zeugnis die Lüge. Sünde erkennt der Mensch nicht aus sich selbst heraus, sondern erst von Tod und Auferstehung Jesu Christi her.

In KD IV/3 entwickelt Barth außerdem eine „Lichterlehre“. Jesus Christus bleibt das eine Licht des Lebens, doch dieses Licht kann auch außerhalb der Kirche aufleuchten. Andere Worte und Einsichten sind nur dann wahr, wenn sie dem Licht Christi nicht widersprechen. Besonders wichtig bleibt für Barth das Judentum: Ohne Israel kann die Kirche der Welt keine Hoffnung verkünden.

Einordnung und Wirkung

Karl Barth wird als einer der großen „Kirchenväter der neueren Zeit“ bezeichnet. Die Kirchliche Dogmatik prägte eine neue theologische Ära und gilt als Ausdruck einer kerygmatischen Theologie, also einer Theologie, die die Verkündigung des Wortes Gottes in den Mittelpunkt stellt. Barth wandte sich gegen theoretische Spekulation und gegen einen Glauben, der hauptsächlich auf subjektive Erfahrung gegründet ist.

Dietrich Bonhoeffer übernahm Barths Unterscheidung von Offenbarung und Religion, kritisierte ihn später aber: Barth gebe keine konkrete „nichtreligiöse Interpretation“ theologischer Begriffe wie Buße, Rechtfertigung oder Heiligung. Andere Theologen diskutierten Barths Verhältnis zur liberalen Theologie, zur Erfahrungsorientierung und zum Linksprotestantismus.

Barths Ansatz wurde oft als exklusiver Wahrheitsanspruch des Christentums verstanden. Neuere Deutungen betonen dagegen, dass seine Konzentration auf Jesus Christus auch Offenheit für Gottes Wirken außerhalb der christlichen Religion einschließt. Sprachphilosophisch wurde Barths Denken mit der späteren Theorie der Sprachspiele Ludwig Wittgensteins verglichen: Theologische Begriffe beschreiben Gott nicht wie einen gewöhnlichen Gegenstand, sondern erhalten ihren Sinn im kirchlichen Reden, in der Bibelauslegung und im Hinweis auf Jesus Christus.

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