Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Karl Barth
1934 verfasste er massgeblich die Barmer Theologische Erklärung, begründete die Bekennende Kirche mit und rief ab 1938 alle Christen zum auch bewaffneten …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und theologische Bedeutung
Karl Barth (10. Mai 1886 in Basel – 10. Dezember 1968 in Basel) war ein Schweizer evangelisch-reformierter Theologe. Er gilt als der einflussreichste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts und als Begründer der Dialektischen Theologie. Diese Richtung betont den unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Welt: Gott kann nicht aus menschlicher Religion, Kultur, Philosophie, Politik oder einem allgemeinen religiösen Erlebnis abgeleitet werden. Er offenbart sich allein in Jesus Christus und spricht durch sein Wort.
Barth verstand Theologie als «wissenschaftliche Besinnung auf das Wort Gottes». Ihre einzige Legitimation sei das vom Prediger angenommene Zeugnis «dass Gott selbst gesprochen hat» – lateinisch: deus dixit. Gottes Wort ist nach Barth kein fertiges System, sondern ein lebendiges, stets neues Wort. Es stellt menschliche Selbstsicherheit, gesellschaftliche Macht und politische Ideologien infrage.
Diese Grundüberzeugung hatte politische Folgen. Barth kritisierte die Verbindung von Christentum mit Nationalismus, Antisemitismus und einem totalen Staat. 1934 wirkte er maßgeblich an der Barmer Theologischen Erklärung mit und half, die Bekennende Kirche zu begründen. Nach 1945 setzte er sich für die Versöhnung mit den Deutschen, für Ökumene, Demokratie, Kirchenreform und soziale Gerechtigkeit ein. Ab 1950 bekämpfte er die deutsche Wiederbewaffnung, ab 1957 den Einsatz atomarer Massenvernichtungswaffen. Im Kalten Krieg lehnte er einen prinzipiellen Antikommunismus ab, kritisierte aber auch sowjetisches Unrecht.
Jugend, Studium und Pfarramt
Barth wuchs zunächst in Basel, ab 1889 in Bern auf. Sein Vater Fritz Barth war konservativer Theologieprofessor, bejahte aber die historisch-kritische Bibelauslegung. Karl besuchte das Freie Gymnasium Bern, interessierte sich besonders für Geschichte und lernte in einem Schülerverein und einer Studentenverbindung öffentlich zu reden. Bei seiner Konfirmation 1902 entschied er sich für ein Theologiestudium; 1904 bestand er die Matura mit Gut. Wegen Kurzsichtigkeit wurde er 1905 vom Militärdienst befreit.
Von 1904 an studierte Barth evangelische Theologie: fünf Semester in Bern sowie je ein Semester in Berlin, Tübingen und Marburg. Er beschäftigte sich mit dem synoptischen Problem, der authentischen Fassung des Vaterunsers, Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft und der liberalen Theologie. Zu seinen Lehrern gehörten Hermann Gunkel, Adolf von Harnack, Julius Kaftan und Wilhelm Herrmann. Bei Herrmann erkannte Barth später den «christozentrischen Anstoß» als entscheidend: In der christlichen Religion gehe es nicht um allgemeine Überlegungen, sondern darum, dass in Jesus Christus «Gott selbst mit uns in Verkehr tritt».
Nach einem vierwöchigen Vikariat im Berner Jura arbeitete Barth in Marburg als Hilfsredakteur der Zeitschrift Die Christliche Welt. Von September 1909 bis Juni 1911 war er Hilfsprediger in Genf. 1911 wurde er Pfarrer in Safenwil und blieb dort bis 1921. Dort begegnete er materieller Armut und sozialer Ungerechtigkeit unmittelbar. Etwa 700 Arbeiterinnen und Arbeiter arbeiteten in zwei Textilfabriken für niedrige Löhne täglich 12 Stunden. Barth studierte deshalb Fabrikgesetzgebung, Versicherungswesen und Gewerkschaftskunde, unterstützte den Aufbau einer Gewerkschaft und trat ab 1911 als radikaldemokratischer Sozialist auf. Im Vortrag Jesus Christus und die soziale Bewegung (Dezember 1911) erklärte er, Jesus und der Kapitalismus seien unvereinbar; besonders das Privateigentum an Produktionsmitteln müsse überwunden werden. Dadurch wurde er als «roter Pfarrer von Safenwil» bekannt.
1913 heiratete Barth Nelly Hoffmann. Das Paar hatte fünf Kinder. Charlotte von Kirschbaum wurde ab 1926 seine enge Mitarbeiterin und gehörte dauerhaft zu seinem privaten und beruflichen Leben. Sie bereitete Vorträge und Vorlesungen vor, arbeitete an Manuskripten mit und entwarf viele exegetische und theologiegeschichtliche Exkurse der Kirchlichen Dogmatik.
Erster Weltkrieg und Römerbriefkommentare
Der Erste Weltkrieg führte 1914 zum Bruch mit der deutschen liberalen Theologie seiner Lehrer. Barth war erschüttert, dass Theologen die deutsche Mobilmachung und den Krieg religiös rechtfertigten. Er kritisierte, Vaterlandsliebe, Kriegslust und christlicher Glaube würden zu einer «germanischen Kampfreligion» vermischt. Gott dürfe nicht so in den Krieg hineingezogen werden, als könnten Deutsche mit ihren Waffen als seine Vertreter handeln.
In Kriegszeit und Gottesreich (November 1915) entwickelte Barth diese Kritik weiter. Der Krieg habe alle anderen Götter «feldgrau» gemacht und auch Staat, Sozialismus, Pazifismus und Christentum als Bestandteile der kriegerischen Welt entlarvt. Gott sei «von Grund auf Anderes» als alles, was Menschen sonst für wahr und richtig hielten, und dürfe nicht für politische Zwecke benutzt werden. Im Januar 1915 trat Barth der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz bei. Sozialismus verstand er nun nicht als Verwirklichung des Reiches Gottes, sondern als «eine der wichtigsten Spiegelungen» davon und damit als politische, nicht religiös vereinnahmte Perspektive.
Auf der Suche nach einer neuen theologischen Grundlage studierte Barth ab Juli 1916 fortlaufend den Brief des Paulus an die Römer. Sein erster Römerbriefkommentar erschien Weihnachten 1918, die zweite, völlig überarbeitete Fassung 1922. Die historisch-kritische Methode sollte dabei die zeitübergreifende Aussageabsicht des Paulus erschließen. Im Mittelpunkt stand Gottes Handeln in Jesus Christus: In ihm endet die alte Welt und beginnt Gottes neue Welt. Staat, Kultur, Religion und menschliche Macht dürfen sich daher nicht selbst vergöttlichen.
Der Vortrag Der Christ in der Gesellschaft (Tambach, September 1919) stellte Jesus Christus als Kritik jeder eigenmächtigen Festlegung des Göttlichen auf Religion, Sozialismus oder andere menschliche Größen dar. Die Auferstehung sei das «unbedingt Neue von oben», die «senkrechte Linie» durch alles religiöse Erleben hindurch. Die zweite Römerbriefausgabe machte den «unendlichen qualitativen Unterschied» zwischen Gott und Welt ausdrücklich und begründete die Dialektische Theologie. Ihr wichtigstes Forum war die Zeitschrift Zwischen den Zeiten.
Ab 1921 lehrte Barth in Göttingen, ab 1925 in Münster und ab 1930 in Bonn. Sein Buch Fides quaerens intellectum (1931) untersuchte Anselms Gottesbeweis und führte zur «christologischen Konzentration»: Weil Gott sich in Jesus Christus zu erkennen gibt, kann der Mensch nicht nur dialektisch, sondern auch analogisch von Gott reden. 1932 begann die Veröffentlichung seines Hauptwerks, der unvollendeten Kirchlichen Dogmatik (KD), die bis 1967 erschien.
Kirchenkampf und Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 wandte sich Barth gegen die Deutschen Christen und gegen nationalkonservative Theologen. Im Vortrag Das erste Gebot als theologisches Axiom (März 1933) erklärte er, nur der Gehorsam gegenüber Jesus Christus und die Ablehnung zusätzlicher Offenbarungsquellen erfüllten das Erste Gebot. «Rasse, Volkstum und Nation» dürften nicht als göttliche Lebensordnungen über das Evangelium gestellt werden. Die Kirche werde nicht durch Blut und Rasse, sondern durch den Heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Deshalb widersprach Barth dem Arierparagraphen.
In der Zeitschrift Theologische Existenz heute forderte er im Juli 1933 eine allein am Wort Gottes orientierte Kirchenreform. Der Staat dürfe der Kirche kein Führerprinzip aufzwingen; die Kirche müsse den Totalitätsanspruch jedes Staates begrenzen. Bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 unterstützte er die Liste Für die Freiheit des Evangeliums. Im Oktober verweigerte er den Hitlergruß in seinen Vorlesungen.
Barth war an der Vorbereitung der Barmer Bekenntnissynode beteiligt und verfasste am 15. Mai 1934 den Entwurf der Barmer Theologischen Erklärung. Am 31. Mai 1934 nahmen 139 Delegierte aus 18 Landeskirchen die Erklärung einstimmig an und gründeten damit die Bekennende Kirche. Die erste der sechs Thesen bekennt Jesus Christus als einziges Wort Gottes und lehnt «andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Offenbarung Gottes» ab. Die weiteren Aussagen richten sich gegen die Vergöttlichung des NS-Regimes, staatliche Führungsämter in der Kirche, rassistische Begriffe von Kirchengemeinschaft und den totalen Staat. Barth bedauerte später, nicht zusätzlich für eine «siebte These» gegen die Judenverfolgung gekämpft zu haben.
Im August 1934 verweigerte Barth den bedingungslosen Amtseid auf Hitler. Er wollte ihn nur mit dem Zusatz «soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann» leisten. Am 26. November 1934 wurde er suspendiert; nach weiteren Verfahren versetzte ihn das NS-Regime am 21. Juni 1935 in den Ruhestand. Im selben Monat nahm er eine Berufung an die Universität Basel an und verließ Bonn.
Von der Schweiz aus unterstützte Barth die Bekennende Kirche und arbeitete an der KD weiter. In Evangelium und Gesetz (1935) wandte er sich gegen die Begründung von «Rasse», «Volk», «Familie» oder dem «totalen Staat» als göttlichen Schöpfungsgesetzen. 1938 bejahte er unter bestimmten Umständen bewaffneten Widerstand gegen Tyrannei als «politischen Gottesdienst» und als «Ultima Ratio» zum Schutz Wehrloser. In seinem Brief an Josef Hromádka vom 19. September 1938 rief er zum Widerstand gegen einen Einmarsch in die Tschechoslowakei auf.
Barth bekämpfte den Antisemitismus scharf. 1938 erklärte er: «Wer ein prinzipieller Judenfeind ist, der gibt sich als solcher als prinzipieller Feind Jesu Christi zu erkennen. Antisemitismus ist Sünde gegen den Heiligen Geist.» Während des Krieges sprach er über die BBC zu Christen in Deutschland und setzte sich für jüdische Flüchtlinge ein. Ein Schweizer Gesetz wies rund 10.000 Flüchtlinge zurück; Barth forderte ihre Aufnahme, weil sie «Juden und als solche des Heilands leibliche Brüder» seien. Seine politischen Texte von 1935 bis 1945 wurden später als Eine Schweizer Stimme veröffentlicht.
Nachkriegszeit, Kalter Krieg und Spätzeit
Am 8. Mai 1945 forderte Barth in seinem Vortrag über den Neuaufbau eine konkrete Verantwortung aller Menschen. Kultur und Bildung hätten nicht verhindert, dass in der Nähe des Schiller- und Goethehauses das KZ Buchenwald entstehen konnte. Ein Neuaufbau müsse sich daher auf reale Hilfs- und Aufbauaufgaben richten. Barth warb zugleich für Versöhnung mit den Deutschen und für ein klares Schuldbekenntnis der evangelischen Christen. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 blieb seiner Ansicht nach zu unbestimmt.
In Christengemeinde und Bürgergemeinde (1946) beschrieb Barth Kirche und Staat als verschieden begründete, aber aufeinander bezogene Gemeinschaften. Die Kirche könne eine notwendige, vorläufige demokratische Rechtsordnung zur Humanisierung und zum Schutz der Gesellschaft bejahen. Staatsgewalt und Krieg müssten jedoch Ultima Ratio bleiben. Weil die Kirche keine politische Hierarchie, sondern die gleiche Beteiligung ihrer Mitglieder verwirklichen solle, sah Barth eine «Affinität» zur Demokratie. Eine christliche Partei lehnte er ab, weil Politik dadurch fälschlich als «christlich» erscheinen könne.
Im Darmstädter Wort (1947), das Barth mit Hans Joachim Iwand verfasste, benannten evangelische Christen politische Irrwege seit der Kaiserzeit: die Orientierung an starker Regierung und militärischer Macht, die Verbindung mit Monarchie, Adel, Armee, Großgrundbesitz und Großindustrie sowie die Duldung der Diktatur. 1948 erklärte Barth auf der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die Kirche habe Gottes Reich als Reich der Gerechtigkeit und des Friedens anzuzeigen und ein politisches Wächteramt sowie einen sozialen Samariterdienst auszuüben.
Barth widersprach im Kalten Krieg dem prinzipiellen Antikommunismus, ohne sowjetisches Unrecht zu leugnen. Die Kirche solle sich mit keinem politischen System identifizieren und müsse die soziale Frage auch im Westen ernst nehmen. Ab Herbst 1950 lehnte er die Wiederbewaffnung der beiden deutschen Teilstaaten ab. 1957 rief er zum Widerstand gegen atomare Massenvernichtungswaffen auf; ein Atomkrieg sei nicht wie ein konventioneller Krieg als Notwehr zu rechtfertigen. 1959 gründete er mit Bertrand Russell und Hans Werner Richter den Europäischen Kongress für nukleare Abrüstung.
In seiner Spätzeit lehrte Barth in Basel weiter, reiste 1962 durch die USA und setzte sich dort unter anderem mit Rassismus, Gefängnissen und theologischen Fragen auseinander. Er beobachtete die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, sprach 1966 in Rom mit katholischen Theologen und Papst Paul VI. und kritisierte 1967 und 1968 offene Fragen im Verhältnis zum Judentum und zum Naturrecht. Mehrere Operationen unterbrachen seine Arbeit an der KD. Seine letzte theologische Aussage stellte den Namen Jesus Christus über Begriffe wie «Gnade»: Er sei die Gnade und der Antrieb zu Arbeit, Kampf, Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit. Barth starb am 10. Dezember 1968 im Alter von 82 Jahren in Basel.
Werk, Ehrungen und Fortwirkung
Barths Hauptwerk ist die Kirchliche Dogmatik (KD), die von 1932 bis 1967 erschien und unvollendet blieb. Sie zählt zu den umfangreichsten und einflussreichsten Werken der neueren evangelischen Theologie. Wichtige weitere Texte sind Moderne Theologie und Reichsgottesarbeit (1909), Jesus Christus und die soziale Bewegung (1911), Der Römerbrief (1919/1922), Der Christ in der Gesellschaft (1919), Fides quaerens intellectum (1931), Das 1. Gebot als theologisches Axiom (1933), Evangelium und Gesetz (1935), Rechtfertigung und Recht (1938), Christengemeinde und Bürgergemeinde (1946), das Darmstädter Wort (1947) und Einführung in die evangelische Theologie (1962).
Barth erhielt elf Ehrendoktorate, unter anderem von den Universitäten Münster, Glasgow, Utrecht, Aberdeen, Oxford, Budapest, Edinburgh, Genf, Straßburg, Chicago und Paris. Zu seinen weiteren Auszeichnungen gehörten die King’s Medal for Service in the Cause of Freedom (1952), der Sonning-Preis der Universität Kopenhagen (1963), die Ernennung zum Ehrensenator der Universität Bonn (1966) und der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (1968).
Zur Pflege seines Werks wurde 1971 in Basel die Karl Barth-Stiftung gegründet. Eine Gesamtausgabe von 75 Bänden ohne die KD ist geplant; seit 2022 erscheint sie auch digital. Die Union Evangelischer Kirchen vergibt seit 1986 den Karl-Barth-Preis. Das 2015 gegründete Karl-Barth-Zentrum für reformierte Theologie in Basel hält sein Werk in Lehre und Forschung präsent. 2019 veranstaltete die EKD zusammen mit drei weiteren Kirchen ein Karl-Barth-Jahr.