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Kirchentonart
Die acht alten Kirchentonarten oder Modi · 1. Modus: Dorisch, Erster Ton (Protus authenticus) · 2. Modus: Hypodorisch, Zweiter Ton (Protus plagalis) · 3. Modus: …
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Grundidee und Bedeutung
Kirchentonarten, lateinisch modi, toni oder tropi, sind das tonale Ordnungsprinzip der abendländischen Musik vom frühen Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert; direkte Nachwirkungen reichen bis ins 17. und 18. Jahrhundert. Sie ordnen vor allem Melodien des gregorianischen Gesangs.
Die Grundlage ist ein aus der griechischen Tradition übernommenes Tonsystem vom großen A, später G (Γ), bis a¹. Es ist keine Tonleiter im heutigen Sinn. Auch die einzelnen Modi sind keine modernen Tonleitern, sondern skalenartige Ausschnitte beziehungsweise „Oktavgattungen“ aus diesem Tonsystem. Die griechischen Namen wie dorisch oder phrygisch haben bei den Kirchentonarten eine andere Bedeutung als im antiken griechischen System.
Eine Melodie wird einem Modus nicht vor allem nach der Reihenfolge ihrer Ganz- und Halbtonschritte zugeordnet, wie heute bei Dur und Moll. Entscheidend sind die Finalis als Ziel- und Schlusston, die Repercussa als wichtiger Hauptton, der Ambitus als Tonumfang und typische wiederkehrende melodische Wendungen, besonders die Schlusswendung zur Finalis.
Entstehung und Funktion im Gregorianischen Gesang
Das älteste erhaltene Zeugnis für die Ordnung gregorianischer Gesänge nach acht Modi ist das wahrscheinlich kurz vor 800 entstandene Tonar von Centula/Saint-Riquier. Seit dem 9. Jahrhundert wurde das Tonmaterial theoretisch untersucht, etwa im Alkuin zugeschriebenen Traktat Musica Albini. Die mittelalterliche ars musica verstand die Modi als göttliche Ordnung und als Grundlage einer schönen, verständlichen Melodieführung.
Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert wurde die Boethius’sche Monochordlehre auf die Oktoechoslehre, die Lehre von acht Modi, übertragen und dafür verändert. Guido von Arezzo erwähnte die Lehre um 1025 im Micrologus. Er bezeichnete die vier Grundgruppen als Protus, Deuterus, Tritus und Tetrardus und nummerierte ihre authentischen und plagalen Varianten vom ersten bis zum achten Ton.
Die acht diatonischen Modi können als Melodiefamilien gelten. Beim Singen treten nacheinander starke und schwache Tonstufen, Spannungen und Entspannungen hervor, bis die Melodie ihre Schlusswendung erreicht. Auch Sänger ohne Lesekenntnisse konnten Modi durch auswendig gelernte Intonations- oder Noenoeane-Formeln erkennen; als Lernhilfe diente auch die Hand des Lehrenden. Nicht alle Psalmtonformeln passen in das Schema, beispielsweise der Tonus peregrinus.
Authentisch, plagal und wichtige Töne
Jeder Modus endet gewöhnlich auf der Finalis, dem Schlusston und modernen Grundton der Skala. Daneben kann die Confinalis oder Affinalis als Nebenschlusston dienen. Bei authentischen Modi liegt sie eine Quinte oder Sexte über der Finalis. Bei plagalen Modi liegt sie eine Terz unter der Confinalis des entsprechenden authentischen Modus; fällt sie auf H, wird sie auf C erhöht, und G wird entsprechend auf A erhöht.
Der Rezitationston heißt lateinisch repercussa, außerdem Reperkussionston, Tenor oder Tuba. Er ist ein bevorzugtes Tonzentrum, um das die Melodie kreist, oder ein Ton für das Wiedereinsetzen nach Atemzäsuren. In Psalmtönen wird auf ihm ein großer Teil des Textes rezitiert. Bei authentischen Modi entspricht er – außer im phrygischen Modus – der Confinalis; bei plagalen Modi liegt er eine Terz oder Quarte über der Finalis.
Authentische und plagale Modi haben dieselbe Finalis, aber einen anderen Ambitus. Im authentischen Modus liegt normalerweise kein Ton tiefer als eine große Sekunde unter der Finalis. Im plagalen Modus ist der Umfang nach unten verschoben; der tiefste Ton kann bis zu einer Quarte unter der Finalis liegen. Deshalb tragen plagale Modi das Präfix „Hypo-“ („unter“). Der reguläre Umfang war grundsätzlich eine Oktave, konnte aber per licentiam erweitert werden: Authentische Modi durften regulär bis zur Oktave, ausnahmsweise bis zur None oder Dezime über der Finalis reichen; plagale bis zur Quinte beziehungsweise Sexte. Veränderungen der Confinalis oder des Rezitationstons kamen im Lauf der Jahrhunderte vor.
Die alten und neuen Modi
Die vier alten Grundgruppen besitzen die Finales d, e, f und g. Ihre acht Varianten sind: Dorisch (1. Modus, Protus authenticus: Finalis d, Repercussa a), Hypodorisch (2., Protus plagalis: d, f), Phrygisch (3., Deuterus authenticus: e, (h) c), Hypophrygisch (4., Deuterus plagalis: e, (g) a), Lydisch (5., Tritus authenticus: f, c), Hypolydisch (6., Tritus plagalis: f, a), Mixolydisch (7., Tetrardus authenticus: g, d) und Hypomixolydisch (8., Tetrardus plagalis: g, c).
Eine Kirchentonart kann auf jeden Ton transponiert werden, wenn ihre Intervallstruktur erhalten bleibt. Zur Veranschaulichung werden oft die Stammtöne c–d–e–f–g–a–h verwendet. In der neuzeitlichen Musik gelten Modi als nach oben und unten grundsätzlich unbegrenzte modale Skalen; die Unterscheidung zwischen authentisch und plagal wird dadurch hinfällig.
Glareanus führte 1547 Äolisch und Ionisch samt Hypovarianten als neue Kirchentöne ein. Äolisch entspricht dem späteren Moll, Ionisch dem späteren Dur. Sie waren im Mittelalter bereits als Varianten bekannt: Der dorische Modus mit b und auf a transponiert ergibt Äolisch; eine lydische Variante mit tiefalteriertem b ergibt Ionisch. Die Alterationen wurden oft nicht notiert, sondern vom Ausführenden erwartet. Die neuen Modi sind: Äolisch (9.: Finalis a, Repercussa e), Hypoäolisch (10.: a, c), Ionisch (11.: c, g) und Hypoionisch (12.: c, e).
Erweiterungen, Mehrstimmigkeit und Beispiele
Lokrisch und Hypolokrisch wurden später zur Vervollständigung ergänzt. Lokrisch hat die Finalis h, keine Repercussa und eine verminderte Quinte auf der fünften Stufe. Es wurde im Mittelalter und in der Renaissance weder theoretisch bezeichnet noch praktisch verwendet und dient in der Praxis fast nie als Skalenbasis. Als neuzeitliches Beispiel nennt der Artikel die 1986 von Hans Georg Bertram geschriebene Melodie „Du kannst nicht tiefer fallen“ (Evangelisches Gesangbuch 533). Beim Begleiten zwingt ihr verminderter Dreiklang über dem Grundton zum Ausweichen in eine andere Tonart. Die siebenstufigen Kirchentonarten können auch Heptatonia Prima heißen; ein siebenstufiges System auf Grundlage der akustischen Skala heißt analog Heptatonia Secunda.
In der Mehrstimmigkeit wurden Stimmen mit zueinander passenden Ambitusbereichen kombiniert. Im idealtypischen dorischen Beispiel singen Cantus und Tenor dorisch, Altus und Bassus hypodorisch. Beide Modi haben die Finalis d; sie unterscheiden sich nur im Ambitus. Cantus und Tenor gelten als herrschende, Altus und Bassus als dienende Stimmen, die sich unter den Regeln des Kontrapunkts anpassen.
Die Modi besitzen außerdem symbolische Bedeutungen und wurden teils für bestimmte Ausdrucksformen oder Zeiten des Kirchenjahres verwendet. Marienverehrungen wurden oft lydisch vertont. Beispiele aus dem heutigen Gesangbuch sind „O Heiland, reiß die Himmel auf“ im dorischen, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ im phrygischen, „Das Weizenkorn muss sterben“ im hypophrygischen und „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ im mixolydischen Modus.