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Kindermord in Bethlehem

Als Kindermord in Bethlehem (auch Bethlehemitischer Kindermord) bezeichnet die christliche Tradition die in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überlieferung und biblischer Ablauf
  2. 2. Opferzahlen und frühe Verehrung
  3. 3. Historische Einordnung und ähnliche Erzählmotive
  4. 4. Gedenktag und Brauchtum
  5. 5. Darstellungen in der Kunst

Überlieferung und biblischer Ablauf

Der Kindermord in Bethlehem, auch Bethlehemitischer Kindermord, ist in der christlichen Tradition die im Matthäusevangelium (Mt 2 EU) erzählte Tötung aller männlichen Kleinkinder in Bethlehem. König Herodes der Große soll sie angeordnet haben, um Jesus von Nazaret zu töten, der dort als neugeborener „König der Juden“ erscheint.

Nach Mt 2,1–2 EU kommen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem, weil sie den Stern des neugeborenen Königs gesehen haben. Herodes erschrickt und befragt Schriftgelehrte nach dem Geburtsort. Sie nennen Bethlehem. Matthäus verbindet dies mit Bethlehem als Stadt Davids, der Verheißung eines dauerhaften Throns für Davids Nachkommen in 2 Sam 7,16 EU, dem Stammbaum Jesu in Mt 1,1–17 EU und einem Zitat aus Mi 5,1 EU.

Herodes lässt die Sterndeuter nach dem Kind suchen und verlangt einen Bericht, angeblich um selbst huldigen zu können. Die Sterndeuter werden jedoch im Traum davor gewarnt, zu ihm zurückzukehren. Josef erhält ebenfalls im Traum die Aufforderung, mit Maria und Jesus nach Ägypten zu fliehen. Als Herodes erkennt, dass die Sterndeuter nicht zurückkehren, lässt er nach Mt 2,16 EU in Bethlehem und Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten. Matthäus deutet das Weinen der Mütter als Erfüllung von Jer 2,17–18 EU: Rahel weine um ihre Kinder und lasse sich nicht trösten.

Opferzahlen und frühe Verehrung

Die überlieferten Opferzahlen unterscheiden sich stark. Die griechische Liturgie nennt 14.000 ermordete Knaben, mittelalterliche Autoren nahmen bis zu 144.000 Opfer an. Spätere Theologen wie Joseph Knabenbauer und August Bisping schätzten wegen der angenommenen Größe Bethlehems zur biblischen Zeit nur etwa sechs bis zwanzig getötete Kinder.

Die früheste bekannte Rezeption des Berichts ist eine Predigt des Bischofs Optatus von Mileve um 360. Augustinus († 430) und Caesarius von Arles († 542) bezeichneten die Kinder als „kindliche Märtyrer“: Sie seien Zeugen für Jesus gewesen und sogar stellvertretend für ihn gestorben. Eine der ältesten bildlichen Darstellungen findet sich im Codex Egberti aus dem 10. Jahrhundert.

Historische Einordnung und ähnliche Erzählmotive

Die Historizität, also die Frage, ob das Ereignis tatsächlich stattgefunden hat, wird überwiegend verneint. Die Erzählung steht nur im Matthäusevangelium, nicht in den anderen Evangelien. Auch der jüdische Historiker Josephus erwähnt sie in seinen um 94 n. Chr. entstandenen Jüdischen Altertümern nicht. Die meisten modernen Herodes-Biographen halten sie nicht für historisch; Michael Grant nannte sie „nicht Geschichte, sondern Mythos oder Volkskunde“.

Die Geschichte setzt außerdem voraus, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Dies gilt in der Forschung als unsicher; mehrheitlich wird Nazareth als tatsächlicher Geburtsort angenommen. Die Bethlehem-Erzählungen bei Matthäus und Lukas lassen sich nicht vereinbaren. Auch der von Lukas in Lk 2,2 EU genannte reichsweite Zensus ist fragwürdig: Die erste nachweisbare Provinzzählung unter Publius Sulpicius Quirinius in Judäa fand erst 6 n. Chr. statt, etwa ein Jahrzehnt nach Herodes’ Tod. Zu Herodes’ Lebzeiten gehörte Judäa noch nicht zur römischen Provinzialordnung. Bethlehem könnte erst durch die nachösterliche Deutung als Geburtsort Jesu wichtig geworden sein, weil Mi 5,1 EU einen künftigen Herrscher aus der Stadt Davids erwarten lässt.

Ein sehr später außerbiblischer, aber möglicherweise nicht unabhängiger Hinweis steht bei Ambrosius Theodosius Macrobius in den um 420 geschriebenen Saturnalia (2,4,11). Dort wird Augustus der Satz zugeschrieben, es sei bei Herodes besser, dessen Schwein als dessen Sohn zu sein. Theo Mayer-Maly sah darin eine unabhängige Bestätigung, während Walter Otto und Hermann Bengtson annahmen, Macrobius habe christliche Tradition übernommen. Gegen den Quellenwert spricht, dass Macrobius offenbar verschiedene Überlieferungen vermischt: Laut Flavius Josephus ließ Herodes zwar seine Söhne Alexander und Aristobulos hinrichten, aber nicht als Säuglinge und nicht im Zusammenhang mit Bethlehem.

Einige Ausleger sehen ein mythologisches Motiv: Ein Herrscher versucht, ein Kind zu töten, das seine Macht bedrohen könnte. Vergleichbare Geschichten berichten von Kamsa und Krishna, Arthur und Mordred sowie Laios und Ödipus. Die Verwendung vor allem germanischer, griechischer und indischer Quellen des 19. Jahrhunderts wird in neuerer Forschung jedoch stark kritisiert. Als mögliche biblische Vorlage wird auch die Tötung neugeborener israelitischer Knaben durch den Pharao genannt, der Mose entkam (2. Mose 2,1–10 EU). Dort ging es aber um die demographische Schwächung eines versklavten Volkes, nicht um einen persönlichen Thronkonkurrenten.

Gedenktag und Brauchtum

Die römisch-katholische, anglikanische und orthodoxe Kirche feiern das Fest der unschuldigen Kinder, lateinisch Festum Sanctorum Innocentium Martyrum; im Evangelischen Gottesdienstbuch ist es als besonderer Gedenktag verzeichnet. Es erscheint im Sacramentarium Leonianum und 505 in einem liturgischen Kalender aus Nordafrika. Der Termin ist je nach Konfession verschieden: in der römisch-katholischen und evangelischen Kirche am 28. Dezember, in syrischen und chaldäischen Kirchen am 27. Dezember, in orthodoxen Kirchen am 29. Dezember und in der anglikanischen Kirche am 1. oder 28. Dezember.

680/81 verbot das 6. Ökumenische Konzil das Festum puerorum, weil es mit einem Narrenfest verbunden war. Dieses könnte an orientalische Narrenkönige, römische Saturnalien und möglicherweise keltische Tiervermummung anknüpfen. Trotz Verboten blieb es bei Laien mit Narrenspielen wie der „Eselsmesse“ beliebt. Die Reformation schaffte den Brauch ab; in den meisten katholischen Gegenden Deutschlands erlosch er im 18. Jahrhundert.

In Teilen Österreichs schlagen Kinder Erwachsene an diesem Tag mit Ruten und wünschen ihnen dabei Glück und Gesundheit für das kommende Jahr. Dieser Brauch heißt „Schappen“; als Dank erhalten die Kinder kleine Geschenke oder Geld. In einigen Regionen Bayerns hieß ein ähnlicher Brauch „Fetzeln“, und der 28. Dezember wurde teils „Fetzeltag“ genannt. In Spanien und Teilen Lateinamerikas werden am Día de los Santos Inocentes Streiche, „inocentadas“, gespielt; dies hängt mit inocente zusammen, das auch „naiv“ oder „dumm“ bedeuten kann.

Im Mittelalter setzte man in Klosterschulen am Festtag den Jüngsten für einen Tag auf den Stuhl des Abtes; etwa seit dem 13. Jahrhundert verlagerte sich dies auf den Nikolaustag. Kinder wurden damals am Nikolaustag oder am 28. Dezember beschenkt, nicht wie heute gewöhnlich an Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag. In vielen römisch-katholischen Gemeinden werden Kinder heute am oder um den Gedenktag gesegnet; das Benediktionale enthält dafür ein eigenes Formular.

Darstellungen in der Kunst

Der Bethlehemitische Kindermord ist ein häufiges Bildmotiv. In der frühchristlichen Kunst erscheint er selten, zum Beispiel in den Mosaiken von Santa Maria Maggiore in Rom. Im Mittelalter wurde er öfter dargestellt, etwa im Egbert-Codex, am Kanzelrelief von Sant’Andrea in Pistoia von Giovanni Pisano und in einem Fresko Giotto di Bondones in der Cappella degli Scrovegni in Padua.

Auch Renaissance und Barock griffen das Thema häufig auf, unter anderem Fra Angelico, Lucas Cranach der Ältere, Pieter Lastman und Guido Reni. Pieter Bruegel der Ältere verwendete das Motiv übertragen für die Gräueltaten der spanischen Besatzer gegen die Niederländer im 16. Jahrhundert.

Von Peter Paul Rubens oder seiner Werkstatt stammen drei Werke: Das Massaker der Unschuldigen von 1609/11 wurde am 10. Juli 2002 bei Sotheby’s für die damalige Rekordsumme von 76,7 Millionen US-Dollar versteigert und befindet sich heute in der Art Gallery of Ontario. Der bethlehemische Kindermord in der Alten Pinakothek München entstand um 1638 auf Eichenholz und misst 198,5 × 302,2 cm. Ein weiteres Werk aus Rubens’ Werkstatt mit 162,5 × 232 cm gehört seit 1902 den Königlichen Museen in Brüssel.

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