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Kiezdeutsch
Kiezdeutsch ist eine Varietät des Deutschen, die vornehmlich unter Jugendlichen in urbanen Räumen mit einem hohen Bevölkerungsanteil an mehrsprachigen …
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Einordnung und Gebrauch
Kiezdeutsch ist eine Varietät des Deutschen, die vor allem Jugendliche in urbanen Räumen mit einem hohen Anteil mehrsprachiger Menschen sprechen. Seit Mitte der 1990er Jahre wird sie öffentlich als multiethnische Jugendsprache wahrgenommen. Sie ist keine Sprache einer einzelnen Herkunftsgruppe: Sie wird auch von Deutschen und von Menschen mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen verwendet.
Der Ausdruck stammt aus dem Sprachgebrauch Jugendlicher in Berlin-Kreuzberg und wurde 2006 von der Linguistin Heike Wiese in einem Aufsatz als „Kiez-Sprache“ aufgegriffen. „Kiezdeutsch“ vermeidet abwertende oder ethnisch einengende Bezeichnungen wie Türkendeutsch oder Ghettodeutsch. „Kiez“ bezeichnet im Berliner Dialekt das alltägliche urbane Wohnumfeld. Der Name betont zugleich, dass es sich um Deutsch und um eine informelle, lokal geprägte Sprechweise handelt.
Kiezdeutsch gehört bei seinen Sprechern zu einem größeren sprachlichen Repertoire. Dazu zählen auch formellere Sprechweisen wie Standarddeutsch. Seine besonderen Merkmale treten besonders in informellen Situationen unter Gleichaltrigen auf und können eine soziale Zugehörigkeit ausdrücken.
Sprachwissenschaftliche Einordnung
Norbert Dittmar ordnete Kiezdeutsch als „Ethnolekt“ ein; Eva Wittenberg bezeichnete es genauer als multiethnolektale Jugendsprache. Ein Ethnolekt ist eine Sprechweise, die mit einer oder mehreren ethnischen Gruppen verbunden wird. Ein Multiethnolekt wird dagegen von Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen gebraucht.
Heike Wiese nennt Kiezdeutsch einen „Multiethnolekt“ und teilweise einen „neuen Dialekt“. Sie begründet dies damit, dass die Varietät von verschiedenen Gruppen einschließlich Deutscher gesprochen wird und besonders bei Heranwachsenden in Städten mit hohen Migrationsanteilen vorkommt. Der Germanist Helmut Glück widersprach der Bezeichnung „neuer Dialekt“: Ein Dialekt sei für eine bestimmte Region charakteristisch und habe historische Tiefe. Er hob türkische und arabische Einflüsse sowie Besonderheiten bei Genus und Präpositionen hervor und verglich die Sprechweise mit einem „Turbodialekt“. Das Ruhrdeutsch, das er als Vergleich nannte, wird in der Sprachwissenschaft allerdings meist als Regiolekt eingestuft.
Grammatische und lexikalische Merkmale
Kiezdeutsch weicht in mehreren Bereichen vom Standarddeutschen ab und zeigt grammatische Innovationen. Dazu gehört der mögliche Wegfall von Artikeln und Präpositionen, etwa „Gehst du heute Viktoriapark?“ statt „zum Viktoriapark“ oder „Ich werde zweiter Mai fünfzehn.“ statt „am zweiten Mai“. Solche Formen werden oft als Vereinfachung bewertet, kommen aber auch in informellem gesprochenem Deutsch außerhalb des Kiezdeutschen vor, beispielsweise bei Haltestellenbezeichnungen im Berliner Raum.
Auch Funktionswörter und Flexionsendungen können verkürzt werden oder entfallen. In „Ich habe eine Blase am Fuß. Tut weh.“ fehlt im zweiten Satz das Subjekt. Bei der Wortstellung gibt es neben Verb-zweit-Stellung im Aussagesatz und Verb-letzt-Stellung im Nebensatz auch Verb-dritt- und Verb-erst-Stellung. Im Beispiel „aber jetzt ich hasse ihn“ steht das Verb an dritter Stelle; „jetzt“ dient dabei als Rahmensetzer.
Neue feste Partikeln sind „musstu“ aus „musst du“ und „lassma“ aus „lass uns mal“. Beide leiten Aufforderungen ein: „Musstu Doppelstunde fahren!“ richtet sich an den Hörer oder mehrere Hörer, während „Lassma Moritzplatz aussteigen!“ einen Vorschlag mit dem Sprecher selbst ausdrückt. „lassma“ leitet also wir-Vorschläge ein, „musstu“ du-/ihr-Vorschläge.
„So“ kann als Fokuspartikel dienen: Es wird mit dem Satzteil verbunden, der besonders hervorgehoben wird, etwa in „Ich höre Alpa Gun, weil er so aus Schöneberg kommt.“ Diese Verwendung ist auch außerhalb des Kiezdeutschen nachgewiesen, in einsprachigen Kontexten aber vermutlich seltener.
Wörter aus dem Türkischen, Arabischen und US-amerikanischen Englisch werden in die deutsche Grammatik integriert und eingedeutscht ausgesprochen. Beispiele sind „lan“ („Mann/Typ“), ähnlich wie „Alter“, und „wallah“ („bei Allah“), ähnlich wie „echt“. Solche Wörter nutzen auch Sprecher, die kein Türkisch oder Arabisch beherrschen. Auf der lautlichen Ebene ist die Koronalisierung des stimmlosen palatalen Frikativs [ç], des „Ich-Lautes“, auffällig; Vergleichbares gibt es auch in rheinischen Dialekten.
Bewertung, Forschung und Korpus
Kiezdeutsch wird häufig als gebrochenes oder fehlerhaftes Deutsch kritisiert. Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft widerspricht dieser Bewertung: Wie andere Varietäten sei es kein Zeichen mangelnder Sprachkompetenz, sondern ein gezielt für informelle Alltagskontexte genutzter Teil eines sprachlichen Repertoires.
Das Kiezdeutschkorpus (KiDKo) wurde von 2008 bis 2015 an der Universität Potsdam im Sonderforschungsbereich 632 „Informationsstruktur“ erstellt. Das frei zugängliche Korpus enthält durchsuchbare Transkripte von Aufnahmen aus dem Jahr 2008. Das Hauptkorpus beruht auf Freizeitgesprächen Jugendlicher aus einem multiethnischen Gebiet in Berlin-Kreuzberg; das Ergänzungskorpus enthält Aufnahmen aus Berlin-Hellersdorf, einem monoethnischen Gebiet mit vergleichbaren sozioökonomischen Rahmenbedingungen.
KiDKo ist ein linguistisch annotiertes Mehrebenenkorpus. Neben dem wörtlichen Transkript bietet es normalisierte Orthografie, teilweise kommentierte türkische Übersetzungen, Wortartinformationen, syntaktische Informationen zu Chunks und topologischen Feldern sowie verknüpfte Audiodateien. Alle Daten wurden anonymisiert und können nach kostenfreier Registrierung mit ANNIS durchsucht werden. Weitere Teilkorpora sind KiDKo/E zu Spracheinstellungen und Sprachideologien aus Leserbriefen und E-Mails von 2009–2012 sowie KiDKo/LL mit Fotos öffentlicher schriftlicher Sprachprodukte.
Sprachwissenschaftliche Studien untersuchen unter anderem Gruppenzugehörigkeit, Identitätskonstruktion, mediale Stilisierung, Registerunterschiede, Bewertungen und den Einsatz in der Schule. Grammatische Forschung befasst sich besonders mit Phonetik, Phonologie und Syntax, etwa Verbdrittstellung, artikellosen Nominal- und Präpositionalphrasen, Funktionsverbgefügen sowie neuen Partikeln.
Ähnliche Entwicklungen in Europa
Multiethnische Jugendsprachen oder Dialekte sind auch in anderen europäischen Städten beschrieben worden: im Dänischen in Kopenhagen, im Schwedischen in Stockholm und Malmö, im Norwegischen in Oslo sowie im Niederländischen in Utrecht und Rotterdam. Sie weisen teilweise ähnliche Veränderungen in Morphologie und Syntax auf.
Dazu gehören ein vereinheitlichter Genusgebrauch, etwa dänisch „en job“ statt standarddänisch „et job“, sowie die Möglichkeit, vor dem finiten Verb in einem Verb-zweit-Satz mehr als ein Satzglied zu platzieren. Norwegisch „I dag hun lagde somalisk mat“ und Schwedisch „Nu ingen kan terra mej längre“ zeigen dies im Unterschied zu den jeweiligen Standardformen. Außerdem kann sån(n) im Norwegischen und Schwedischen als Fokusmarker verwendet werden, vergleichbar mit „so“ im Kiezdeutschen.