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Berliner Dialekt

Personalpronomen ; ick icke (gesteigert), du -e (enklitisch), er -er (enklitisch), sie se, -se (enklitisch) ; mir, dir, ihn, ihr …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Einflüsse und Wortschatz
  4. 4. Grammatik und Laute
  5. 5. Gegenwart, Schreibweise und typische Ausdrücke

Einordnung und Bedeutung

Berlinerisch, auch Berliner Dialekt, Berliner Mundart oder Berliner Jargon genannt, ist die Stadtsprache des Großraums Berlin und wird außerdem in Brandenburg gesprochen. In der Übersicht werden etwa 5 Millionen Sprecher mit unterschiedlich ausgeprägten Dialektkenntnissen angegeben. Sprachwissenschaftlich gilt Berlinerisch jedoch nicht genau als herkömmlicher Dialekt, sondern als Metrolekt oder Urbanolekt: eine in einem großstädtischen Zentrum aus verschiedenen Mundarten entstandene Sprache. Die Bezeichnung „Berliner Schnauze“ verweist auf den oft derben, zugleich herzlichen Humor, der mit dieser Ausdrucksweise verbunden wird.

Berlinerisch gehört zur indoeuropäischen Sprachfamilie, zum germanischen und westgermanischen Bereich sowie zum Hochdeutschen und Mitteldeutschen. Genauer wird es dem Ostmitteldeutschen zugeordnet, besitzt aber ein starkes niederdeutsches Substrat, also sprachliche Überreste einer früheren Grundsprache. Die Sprache hat das ursprünglich in der Mark Brandenburg gesprochene Niederdeutsch weitgehend verdrängt und zugleich die Sprache des brandenburgischen Umlands beeinflusst. Sie ist ständigem Wandel unterworfen; deshalb treffen einzelne Angaben nicht überall und nicht zu jeder Zeit gleichermaßen zu.

Geschichtliche Entwicklung

Der Berliner Raum wurde zunächst von Germanen besiedelt. Später kamen in mehreren Einwanderungswellen Slawen hinzu. Orts- und Flurnamen wie Kladow, Buckow und Köpenick sowie das Wort „Kiez“ erinnern an diese Besiedlung.

Berlin liegt an der Benrather Linie und stand seit der urkundlichen Ersterwähnung 1237 unter dem Einfluss niederdeutscher und mitteldeutscher Sprachformen. Ab etwa 1300, verstärkt seit etwa 1500, wanderten unter anderem Menschen aus flämischen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs zu. Dadurch veränderte sich das in Berlin gesprochene Ostniederdeutsch zunehmend und wurde als Umgangssprache weitgehend aufgegeben. Es entstand ein Metrolekt des Standardhochdeutschen mit mitteldeutscher Grundlage und starkem niederdeutschem Substrat. Charakteristisch ist unter anderem die Anlautverweichung, etwa „jut“ und „jehen“, die auch mit dem Kölner Metrolekt verglichen wird.

Bis ins 18. Jahrhundert war ein märkischer Dialekt die allgemeine Umgangssprache. Im späten 18. Jahrhundert wurde er durch eine mitteldeutsche Ausgleichsmundart auf obersächsischer Grundlage verdrängt. Diese ähnelte dem heutigen Berlinischen bereits stark und übernahm aus niederdeutschen Nachbargebieten Wörter wie „ick“, „det“, „wat“ und „doof“.

Seit 1871 führte der starke Zuzug, besonders aus Sachsen und Schlesien, dazu, dass niederdeutsche Elemente zurückgedrängt wurden. Nach 1945 und nochmals nach 1961 kam es zu großen Abwanderungen nach Westdeutschland. Als Kerngebiet des Berlinischen gelten vor allem die heutigen Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg sowie Teile von Charlottenburg und Prenzlauer Berg innerhalb der S-Bahn-Ringbahn. Die äußeren Ortsteile gehörten lange zu Brandenburg und hatten weniger Kontakt zum Berlinischen.

Berlin war Handels-, Verwaltungs- und später preußische Metropole. Deshalb bestand früh ein starker Druck zur Verwendung des Hochdeutschen. Das Berlinische breitete sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Verkehrssprache ins Umland aus und verdrängte dort schließlich die angestammten Dialekte. Dieser Dialektwechsel dauert an. Nach der Wiedererlangung des Status als gesamtdeutsche Hauptstadt nahm der Druck zum Hochdeutschen erneut zu.

Zwischen 1949 und 1989 verließen eine Million Berliner die Stadt. Gleichzeitig zogen Menschen aus Sachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zu; außerdem kamen Einwanderer aus der Türkei, aus Jugoslawien, Italien und dem Libanon. Dadurch wurde Berlinerisch im Alltag stark zurückgedrängt. Es galt zunehmend als „unfein“, „proletarisch“ oder „ungebildet“. Dialektzentren liegen heute besonders in Stadtrandgebieten wie Spandau, Reinickendorf, Lichtenrade und Alt-Mariendorf sowie in östlichen Bezirken. Innerhalb des S-Bahn-Rings wird dagegen kaum Dialekt gesprochen.

Durch Funk und Fernsehen wurde Berlinerisch seit Mitte des 20. Jahrhunderts in ganz Deutschland bekannt. Dabei wurden bestimmte, an West-Berlin orientierte Regeln oft als allgemeiner Standard verbreitet, wodurch historische Varianten verwischt wurden. Auch die Angabe, im nördlichen Brandenburg und in Sachsen-Anhalt werde ebenso gesprochen wie in Berlin, gilt als falsch; es bestehen dort aber verwandtschaftliche Beziehungen, unter anderem zum Neu-Altmärkischen. Die südmärkischen Dialekte entwickelten sich aus dem ostniederdeutschen Mark-Brandenburgischen und wurden durch die Überformung dem Ostmitteldeutschen angenähert.

Einflüsse und Wortschatz

Im Kern ist Berlinerisch ostmitteldeutsch geprägt. Aus dem mittelmärkischen Niederdeutschen stammen besonders Einflüsse auf die Vokale und auf Funktionswörter. Im Vers „Icke, dette, kieke ma, Oogen, Fleesch und Beene, wenn de mir nich lieben tust, denn lieb ick mir alleene“ gelten „lieben“ und „tust“ als klar mitteldeutsch, „icke“, „ick“, „dette“ und „kieke“ als klar mittelmärkisch. „Mir“ statt „mich“ zeigt den mittelmärkischen Einfluss; viele übrige Wörter stimmen in ostmitteldeutschen und mittelmärkischen Formen überein.

Berlin war als Zentrum Brandenburgs, Preußens, des Deutschen Reiches, der DDR in Ost-Berlin und der Bundesrepublik ein Mittelpunkt von Handel, Verkehr sowie Aus- und Zuwanderung. Dadurch nahm das Berlinische Wörter und Redewendungen aus vielen Sprachen und regionalen Umgangsformen auf. Ein Teil des Wortschatzes stammt aus dem Rotwelschen. Weitere Einflüsse kamen aus dem Flämischen, Französischen, Hebräischen, Jiddischen, Polabischen, Wendischen, Polnischen, Tschechischen und Russischen.

Die Herkunft einzelner Ausdrücke ist jedoch nicht immer sicher. „Mir is janz blümerant“ soll auf das Französische „bleu mourant“ zurückgehen. Die Erklärung, „Fisimatenten“ stamme von „visitez ma tente“, wird häufig mit Berlin verbunden, ist aber auch in der Pfalz und im Rheinland verbreitet; außerdem gibt es andere Erklärungen. „Bulette“ ist die Eindeutschung des französischen Wortes „boulette“ für ein Fleischbällchen.

Viele sprachliche Eigenheiten, die Besucher für typisch berlinisch halten, sind im gesamten ostmitteldeutschen Sprachraum verbreitet. Das gilt beispielsweise für „dreiviertel Fünf“ für 16:45 Uhr und „viertel Fünf“ für 16:15 Uhr.

Grammatik und Laute

Die Grammatik und Syntax, also der Satzbau, weichen teilweise deutlich vom Hochdeutschen ab; in Brandenburg sind die Abweichungen oft stärker als in Berlin. Adjektive und Adverbien können wechselweise gebraucht werden: „ne zue Tür“ bedeutet „eine geschlossene Tür“, „komm oben“ bedeutet „komm herauf“. Typische Konjunktionen und Fragewörter sind „als wie“ statt „wie“, „denn“ statt „dann“, „wenn“ statt „wann“, „wie“ im Sinn von „als“ und „worum“ statt „warum“.

Akkusativ und Dativ werden häufig nicht unterschieden. Für „mir“ und „mich“ verwendet man im sogenannten Akkudativ meist „mir“: „Der Berlina sacht imma mir, ooch wenn et richtich is.“ Als niederdeutsche Grundlage wird die Gleichheit der Formen gesehen. Südlich von Berlin benutzt der südbrandenburgische „Michel“ dagegen grundsätzlich den Akkusativ: „Bring mich mal die Zeitung.“ Für „ich“ stehen „ick“ und verstärkt „icke“. Weitere Pronomen sind „se“ für „sie“, „et“ für „es“, „wa“ oder assimiliert „mer“ für „wir“ und „mir“ im Akkudativ.

Manchmal wird die dritte Person Singular als Anrede verwendet: „Hatter denn ooch’n jült’jen Fahrausweis?“ bedeutet „Hat er denn auch einen gültigen Fahrausweis?“. Daneben gibt es den ersten-Person-Plural-Ausdruck „hamwa“ als Pluralis Benevolentiae, etwa „Na, hamwa nu det richt’je Jesöff jewählt?“.

Auffällig ist „j“ statt „g“. Das g bleibt eigentlich ein Reibelaut ɣ; nach hellen Vokalen sowie im Wortanfang wird es häufig wie j gesprochen, etwa „jut“ statt „gut“ oder „Jarasche“ statt „Garage“. Viele Diphthonge, also Doppelvokale, werden zu langen einfachen Vokalen: „au“ wird zu „oo“, „ei“ zu „ee“. Daher heißen „ein“ und „Rauch“ „een“ und „Rooch“, während „Eis“ und „Haus“ unverändert bleiben. Das entspricht älteren niederdeutschen und ostmitteldeutschen Verhältnissen.

Wegen der nur teilweise durchgeführten hochdeutschen Lautverschiebung finden sich „det“ oder „dit“ für „das“, „wat“ für „was“, „et“ für „es“, „Appel“ für „Apfel“ und „Kopp“ für „Kopf“. Wörter werden außerdem stark zusammengezogen: „auf dem“ wird zu „uffm“. Beispiele sind „och“ beziehungsweise „ooch“ für „auch“, „keen“ für „kein“, „nich“ für „nicht“, „nüscht“ für „nichts“, „ville“ oder „vülle“ für „viele“ und „wall“ für „weil“.

Gegenwart, Schreibweise und typische Ausdrücke

Heute ist Berlinisch das zentrale Idiom eines Regiolekts, also einer regionalen Umgangssprache, die sich über Berlin, Brandenburg und Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts erstreckt. Im brandenburgischen Umland gilt es seit dem 20. Jahrhundert als selbstverständliche Umgangssprache. In Berlin selbst entwickelt es sich durch Zuzug und die bewusste Abwendung bildungsbürgerlicher Gruppen teilweise zu einem Soziolekt, also einer sprachlichen Variante sozialer Gruppen. Das „wah?“ entspricht „nicht wahr?“. Mit Ausnahme des Südostens des Verbreitungsgebiets wird g am Wortanfang meist zu j.

Für Berlinerisch gibt es keine einheitliche Schreibweise. Da Sprecher die Lautungen unterschiedlich stark verwenden, wählen Verlage eigene Schreibweisen. Meist wird die hochdeutsche Rechtschreibung beibehalten und nur dort verändert, wo Aussprache und Hochdeutsch stark voneinander abweichen. Dadurch sind Texte nach kurzer Eingewöhnung verständlich, aber Belege schwerer zu finden. Berlinerisch blieb vor allem deshalb eine Mundart, weil im Alltag weitgehend hochdeutscher Wortschatz verwendet wird und die Bildungsschicht den Dialekt lange vermied.

Typische Redewendungen sind „JWD“ für „janz weit draußen“, „Da kamma nich meckan“ als angeblich größtes Lob und „Kodderschnauze“ für ein loses, freches Mundwerk. „Bis in die Puppen“ wird mit den Statuen am Großen Stern im Tiergarten verbunden, die im 18. Jahrhundert „Die Puppen“ genannt wurden.

Berolinismen sind typische Berliner Spitz- oder Spottnamen. Sie entstehen aus Eigenschaften einer Person oder Sache und ersetzen deren eigentlichen Namen. Viele in Reiseführern genannte Namen sind im Berliner Alltag kaum verbreitet; „Telespargel“ für den Fernsehturm fand beispielsweise nur wenig Eingang in den Volksmund.

Aussprache- und Zusammenziehungsbeispiele sind „Ick jeh“ für „Ich gehe“, „Allet juht“ für „Alles gut“, „Wat soll’n dit?“ für „Was soll denn das?“ und „Dit is ja JWD“ für „Das ist ganz weit draußen“. Besonders stark können ganze Sätze verschmelzen, etwa „(de)tjibs(do)onich!“ für „Das gibt es doch nicht!“ oder „Ikrij(e)tnich hin. Kannstma kiekn?“ für „Ich kriege es nicht hin. Kannst du mal gucken?“. Berlinerische Texte und Audioaufnahmen dienen daher vor allem dazu, die Lautung, den Satzrhythmus und den Sprachwitz der Stadtsprache zu veranschaulichen.

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