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V2-Stellung
Verbzweitstellung, oder kurz: V2-Stellung, bezeichnet in der Linguistik ein Wortstellungsmuster, bei dem das finite Verb an zweiter Position im Satz steht …
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Grundprinzip der V2-Stellung
Die Verbzweitstellung, kurz V2-Stellung, ist ein Wortstellungsmuster, bei dem das finite Verb an zweiter Position im Satz steht. Das finite Verb zeigt die Personalform und die Zeitstufe an. Die erste Position, das Vorfeld, kann dagegen von unterschiedlichen Satzteilen besetzt werden.
V2 ist kein eigener klassischer Wortstellungstyp wie SVO oder SOV. Diese Typen beschreiben die relative Reihenfolge von Subjekt (S), Objekt (O) und einfachem Prädikat (V). V2 bildet vielmehr eine zusätzliche, darüberliegende Regel. Deutsch und Kashmiri sind beispielsweise SOV-Sprachen mit zusätzlicher V2-Regel; Schwedisch und Isländisch sind SVO-Sprachen mit zusätzlicher V2-Regel. In der traditionellen Grammatik des Deutschen wird ein V2-Satz nach E. Drach auch Kernsatz genannt.
Im Deutschen zeigen Aussagesätze die freie Besetzung des Vorfelds: „Klaus kauft Obst“, „Im Winter kauft Klaus Obst“, „Vorgestern hat Klaus Obst gekauft“, „Trotz des harten Winters kauft Klaus täglich Obst“ und „Obst kauft Klaus nur selten“. In jedem Fall steht das finite Verb an zweiter Stelle, obwohl Subjekt, Adverbial oder Objekt die erste Stelle einnehmen können.
V2 und SVO im Vergleich
V2 darf nicht mit einer festen SVO-Struktur gleichgesetzt werden. Im Deutschen lautet die Reihenfolge in „Paul kaufte Obst“ zwar S-V-O, sie entsteht aber durch die V2-Regel und ist keine feste SVO-Grundstruktur. Wird ein Adverbial vorangestellt, bleibt im Englischen die SVO-Reihenfolge erhalten: „Yesterday, John bought apples.“ Die Form „Yesterday bought John apples“ ist dort nicht korrekt. Im Deutschen heißt es dagegen „Gestern kaufte Paul Obst“: Das finite Verb folgt unmittelbar auf das vorangestellte Adverbial und steht vor dem Subjekt.
Der Unterschied wird besonders deutlich bei mehrteiligen Prädikaten. Im Deutschen stehen finites Verb und infinites Verb getrennt: „Paul hat Obst gekauft“; das Objekt steht vor dem infiniten Verb. Im Englischen stehen die Verben vor dem Objekt: „Paul has bought apples“. Infinitive können im Deutschen niemals in der Verbzweitposition stehen; sie zeigen Verb-Endstellung, wie in „ein(zu)tüten“. Im Englischen bleibt SVO auch im Infinitiv erhalten: „For John to buy apples would be unexpected“, während die deutsche entsprechende Abfolge „Hans Äpfel kaufen zu sehen … wäre unerwartet“ Verb-Endstellung zeigt.
SVO und V2 sind daher grundsätzlich verschiedene Satzmuster. Eine SVO-Sprache kann allerdings zusätzlich eine V2-Regel besitzen.
Aufbau und Herleitung deutscher V2-Sätze
Das Feldermodell der traditionellen Germanistik beschreibt V2-Sätze als feste Abfolge topologischer Felder: Vorfeld, linke Satzklammer, Mittelfeld, rechte Satzklammer und Nachfeld. Das Vorfeld enthält ein beliebiges Satzglied. In der linken Satzklammer steht das finite Verb; das übrige Material folgt im Mittelfeld und gegebenenfalls in der rechten Satzklammer oder im Nachfeld. Beispiele sind „Gestern | hat | die Katze uns eine Maus vor die Tür | gelegt“ und „Die Katze | legte | eine Maus vor der Tür | ab“. Bei einem Partikelverb wie „ablegen“ wird die Verbalpartikel „ab“ vom finiten Verb getrennt.
Die Transformationsgrammatik analysiert V2 als abgeleitete Wortstellung. Als deutsche Basis gilt die Abfolge Subjekt-Objekt-Verb (SOV), die in Reinform in Nebensätzen vorkommt: „weil Klaus gestern Obst gekauft hat“. Daraus entstehen V2-Sätze durch zwei Umformungen:
- Zuerst wird das finite Verb vorangestellt. Dadurch entsteht zunächst ein Verberstsatz: „hat Klaus gestern Obst gekauft“.
- Danach wird ein beliebiger weiterer Satzteil in das Vorfeld gezogen: „Gestern hat Klaus Obst gekauft“, „Obst hat Klaus gestern gekauft“ oder „Klaus hat gestern Obst gekauft“.
Nicht bewegte Satzteile behalten dabei den SOV-Charakter. Die ursprüngliche Position der bewegten Einheit kann als „Spur“ markiert werden. Eine transformationelle Analyse wurde erstmals von Manfred Bierwisch (1963) vorgeschlagen, wenn auch in einer im Einzelnen anderen Form.
Die Analyse erklärt auch Formen wie „40.000 Briefe tüteten die Mitarbeiter ein“. Das Verb „tüten“ kommt sonst nicht selbstständig vor, sondern nur in „eintüten“. Dass die Partikel „ein“ am Satzende steht, kann darauf hindeuten, dass dort ursprünglich der finite Verbteil „tüteten“ stand und von dort nach vorn bewegt wurde. Beim Infinitiv bleiben Verb und Partikel dagegen zusammen in Endstellung. Deshalb muss die V2-Regel den kleinstmöglichen Teil des Prädikats voranstellen, der die finiten Merkmale trägt.
Vorfeld, Verbposition und Analysen
Die Voranstellung eines Satzteils wird häufig Topikalisierung genannt, auch wenn der vorangestellte Teil nicht unbedingt ein Topik im inhaltlichen Sinn ist. Fast jeder Satzteil kann das Vorfeld besetzen, außer dem finiten Verb. Dazu gehören Subjekt, Objekt, Adverbiale sowie infinite Teile des Prädikats mit ihren Ergänzungen, etwa „Obst gekauft“ in „Obst gekauft hat Klaus gestern“.
Auch ganze Nebensätze können im Vorfeld stehen, wenn sie die Funktion eines Subjekts, Objekts oder Adverbials haben: „Obwohl es regnete brachen wir zu einem Spaziergang auf.“ Außerdem kann ein Expletiv, also ein spezielles Füllpronomen ohne eigene Satzgliedfunktion, das Vorfeld besetzen: „Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Fuße des Zederngebirges.“ Dieses „es“ vertritt kein Subjekt und ist im Mittelfeld nicht möglich. Der Fall zeigt, dass nicht jede Vorfeldbesetzung auf Bewegung beruhen muss. Auch bei manchen Adverbialen sowie bei vorangestellten infiniten Verbalphrasen ist eine Bewegungsanalyse in der Literatur nicht unumstritten.
Im Feldermodell steht das finite Verb in der linken Satzklammer. In der generativen Syntax wird meist angenommen, dass es in die C-Position, genauer den syntaktischen Kopf C°, bewegt wird. Dort stehen auch unterordnende Konjunktionen. Als Hauptargument gilt, dass im Deutschen Verbvoranstellung und Konjunktion einander ausschließen und daher um dieselbe Position konkurrieren. Andere Autoren nehmen an, dass Konjunktionen höher stehen und die V2-Position eine eigene, tiefere Position ist. Dann müssten für das Deutsche Regeln verhindern, dass beide Positionen gleichzeitig besetzt werden.
Sprachvergleich und besondere Varianten
Eine obligatorische V2-Stellung im Hauptsatz ist besonders typisch für die germanischen Sprachen, mit Ausnahme des Englischen, und kommt weltweit nur selten vor. In Europa gehören das Estnische und das moderne Bretonisch zu den wenigen weiteren Fällen. Historische V2-Phänomene gab es teilweise in romanischen Sprachen wie Altfranzösisch und Altitalienisch; im heutigen Rätoromanischen setzen sie sich noch fort. Außerhalb Europas werden Kashmiri, die austronesischen Sprachen Taiof und Sisiqa, Karitiana aus der Tupí-Familie sowie Tohono O’Odham genannt. Walisisch, Bretonisch und Karitiana zeigen, dass es fließende Übergänge zwischen VSO- und V2-Sprachen geben kann.
Die kontinentalwestgermanischen Sprachen, darunter Deutsch und Niederländisch, besitzen eine SOV-Ausgangsstruktur. Die S-O-V-Abfolge erscheint im Nebensatz und dient als Basis für die V2-Bildung. Skandinavische Sprachen wie Schwedisch, Norwegisch und Isländisch haben dagegen die Basisabfolge S-V-O und zusätzlich eine Voranstellungsregel für V2. Im Schwedischen lautet die Nebensatzwortstellung etwa „eftersom jag köpte en glass efter det“; im Hauptsatz kann „Efter det köpte jag en glass“ stehen.
Im Deutschen können bestimmte Verben, sogenannte Brückenverben, eingebettete V2-Sätze zulassen: „Ich vermute, dass sie da drüben Steaks grillen“ und „Ich vermute, sie grillen da drüben Steaks“. Bei „bezweifeln“ ist diese Variante nicht möglich: „Ich bezweifle, dass sie da drüben Steaks grillen“, aber nicht „Ich bezweifle, sie grillen da drüben Steaks“. In anderen germanischen Sprachen kann ein V2-Nebensatz zusammen mit der Konjunktion „dass“ auftreten. Im Dänischen zeigt „Vi ved at denne bog har Bo ikke læst“ nach „at“ die Reihenfolge Objekt – finites Verb – Subjekt. Vikner (1995) erklärt dies durch zwei aufeinanderfolgende C°-Positionen, von denen die erste die Konjunktion aufnehmen kann.
Das moderne Englisch besitzt als einzige germanische Sprache keine durchgängige V2-Regel mehr. In Ergänzungsfragen wird jedoch ein Fragewort vorangestellt und, außer bei Subjektfragen, ein Hilfsverb vor das Subjekt gezogen: „What can I say?“ Wegen dieser Ähnlichkeit wird Englisch als „Rest-V2-Sprache“ bezeichnet. Die Voranstellung betrifft dort aber nur Hilfsverben und tritt nicht in einfachen Aussagesätzen auf. Bei vorangestellten negativen Adverbialen wie „never“ oder „on no account“ kann ebenfalls Inversion auftreten. In „that during the holidays on no account will I write a paper“ steht das Verb jedoch erst nach dem negativen Adverbial. Da beide vorangestellten Elemente unterhalb der Konjunktion „that“ stehen, kann das Verb hier nicht in derselben C-Position wie im deutschen V2-Satz stehen.