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Ruhrdeutsch
... Wechselpräpositionen wird der Akkusativ bevorzugt; Formen wie beier Apotheke (bei der A.) oder beien Kindern (bei den K.) klingen hier schon recht hochdeutsch.
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Definition und Entstehung
Ruhrdeutsch, auch Ruhrgebietsdeutsch, Ruhrpottisch, Ruhrpöttisch oder Kumpelsprache genannt, ist der mündliche Sprachgebrauch im Ruhrgebiet. Die meisten Sprachwissenschaftler ordnen ihn als Regiolekt ein, also als regionale Ausprägung des Hochdeutschen. Ruhrdeutsch entstand am Ende des 19. Jahrhunderts und ist für die Sprachgeschichte des Ruhrgebiets wichtig, weil sich in ihm Hochdeutsch mit älteren niederfränkischen und niederdeutschen Sprachformen verbindet.
Die Entstehung wird häufig mit der starken Zuwanderung während der Industrialisierung erklärt. Nach Heinz H. Menge von der Ruhr-Universität Bochum handelt es sich jedoch vor allem um eine einheimische Entwicklung. Um 1900 lösten lokale Dialekte das Hochdeutsche ab. Dieser Übergang dauerte jahrzehntelang; die Bevölkerung lebte in einer Diglossie-Situation, also mit unterschiedlichen Sprachformen für verschiedene Bereiche. Die damals oft für die Entstehung verantwortlich gemachten Zuwanderer waren zu dieser Zeit größtenteils noch nicht anwesend. Viele grammatische Besonderheiten gehen daher vermutlich auf niederdeutsches oder niederfränkisches Substrat zurück, also auf Überreste älterer Sprachschichten.
Die ursprünglichen westfälischen und niederfränkischen Mundarten sind heute nahezu vollständig durch das Hochdeutsche ersetzt. Im westlichen Ruhrgebiet verlief die historische Grenze zwischen dem niederdeutschen Westfälisch und den Mundarten des Rheinischen Fächers. Sie wird als Einheitsplurallinie bezeichnet. Westlich davon wurden niederfränkische Mundarten wie Duisburger Platt oder Mölmsch gesprochen. Aufgrund dieser Sprachgrenzen entwickelten sich Städte und Stadtteile teilweise unterschiedlich. In Essen-Katernberg wird überwiegend Ruhrdeutsch gesprochen, während in Essen-Kettwig und in Gebieten mit Zuwanderung aus dem Aachener Raum mehrheitlich „Rheinisch“ gesprochen wird. Die Annahme, einzelne Stadtteile ließen sich sicher an ihrer Sprache erkennen, ist allerdings umstritten.
Sprachliche Einflüsse und Wortschatz
Ruhrdeutsch ist eine Varietät des Hochdeutschen, enthält aber deutliche Einflüsse des Niederdeutschen, Niederfränkischen und teilweise des Ripuarischen. Diese Einflüsse zeigen sich im Satzbau, in der Grammatik, im Wortschatz und in der Lautung. Das hochdeutsche lange u erscheint, abgesehen von einzelnen Ausnahmen wie de Buuern, auch im Ruhrdeutschen als au, etwa in Haus.
Typische Beispiele für ältere Sprachschichten sind die Formen wat, dat, et und kleinet gegenüber was, das/dass, es und kleines. Die Verkleinerungssilbe -chen wird häufig durch -ken oder -sken ersetzt: Mäusken und Stücksken. Der Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ kann verschwinden, etwa in Gib mich den Tee. Wörter wie Kusselköpper für „Purzelbaum“ und Pütt für „Bergwerk“ zeigen niederdeutsche beziehungsweise niederländische Bezüge.
Kennzeichnend sind zahlreiche Schmelzwörter, also Zusammenziehungen mehrerer Wörter: hasse für „hast du“, samma für „sag mal“, hömma für „hör mal“ und aufm für „auf dem“. Auch Pronomen und Artikel können einbezogen werden, etwa hönnsema für „Hören Sie mal!“ oder willzen Pils? für „Willst du ein Pils?“. Die Verlaufsform mit am + Infinitiv, zum Beispiel ich bin am lesen, ist ebenfalls verbreitet.
Der Bergbau und die Industriearbeiterkultur prägten einen großen Teil des Alltagswortschatzes. Beispiele sind unter Tage, vor Kohle, Hängen im Schacht, Mutterklötzken und dat Gedinge kaputt machen. Durch den Rückgang der Montanindustrie verschwinden viele dieser Wörter. Vor Ort, ursprünglich „am Ende des Grubengangs, an der Abbaustelle“, wurde sogar in das Hochdeutsche übernommen, dort aber mit veränderter beziehungsweise erweiterter Bedeutung.
Andere Einflüsse sind zahlenmäßig geringer. Aus dem Jiddischen oder Rotwelschen stammen unter anderem Maloche für „Arbeit“, Massel für „Glück“, Schickse, Ische und stickum für „heimlich“. Polnische Einflüsse zeigen sich etwa in Mottek für „Bergmanns-Hammer“ und Matka beziehungsweise Mattka für eine ältere Frau; ihr Bestand im Ruhrdeutschen ist insgesamt begrenzt. Daneben gibt es einzelne, teilweise scherzhafte oder nur scheinbare Entlehnungen aus dem Russischen, Französischen, Englischen, Italienischen, Spanischen, Lateinischen und Türkischen, etwa Rabotti, aus dem/der Lamäng, Kornebeff, allet paletti, mit Karacho, Kasus knacktus und Eschek.
Aussprache und regionale Varianten
Die Aussprache unterscheidet sich je nach Lage im Ruhrgebiet. Im Westen treten stärker niederfränkische und rheinische Merkmale auf, im Osten und Südosten stärker westfälische. Im westlichen und mittleren Ruhrgebiet lautet die Bestätigungspartikel häufig Nä?, Ne? oder Näch?; östlich ab dem Dortmunder Süden und im Grenzland zum Sauerland ist eher woll? üblich. Im Übergangsbereich zum Sauerland kommt auch wonniech? beziehungsweise wonnich? vor.
Ein auffälliges westfälisches Merkmal ist die starke Vokalisierung des r im Auslaut. Es wird durch einen Mischvokal aus stummem -e und dunklem -a ersetzt: Kiiache, Doatmund, Eade, Vatta und Kinda. Buer wird dadurch Buua ausgesprochen. In -urg oder -urch kann r als i erscheinen, etwa in Düüsbuich, duich und fuichbaa. Die Folge -ar wird als langes a gesprochen, sodass warten und waten, Bart und Bad oder Start, starrt und Staat kaum zu unterscheiden sind.
Lange Vokale werden im westlichen und südlichen Ruhrgebiet häufig verkürzt: Glass, Farratt, Bannoff, Vatta und Omma. Richtung Westfalen nimmt dagegen die Dehnung zu. Typisch sind außerdem Zusammenziehungen und Endkonsonantenausfälle, etwa au für „auch“, maa für „mal“, do für „doch“, nich oder ni für „nicht“, sowie kumma und waddema eemt.
In Wörtern wie habbich, feddich, Mudder, wadde ma und Dubbels folgt auf einen Kurzvokal häufig ein stimmhafter Konsonant. Die übliche deutsche Schreibung kann dies besonders beim s-Laut nicht genau darstellen: Massel, Brassel, fisseln, isser und Dussel werden mit stimmhaftem s gesprochen. Teilweise wird pf zu pp, etwa Kopp statt „Kopf“ oder hüppen statt „hüpfen“. Weitere westfälische Merkmale sind ein velarer Reibelaut für ch nach vorderem Vokal und ein „hartes“ l im Auslaut.
Die Aussprache des auslautenden g als Ich-Laut in König und wenig ist dagegen standardsprachlich richtig. Abweichungen entstehen beispielsweise in Duisburg, Hamburg und Nürnberg sowie in Formen wie wechtun, Fußweech, mööchlich und Anzuch. Auch Tach, sach, mach und Kriiech weichen von der Standardsprache ab. Das Dehnungs-e in Namen wie Oer-Erkenschwick, Gelsenkirchen-Buer, Soest und Duisburg-Baerl verlängert den vorangehenden Vokal, ohne ihn umzulauten.
Grammatische Besonderheiten
Im Ruhrdeutschen werden Präpositionen, Artikel, Pronomen und Verben besonders häufig zusammengezogen. Präpositionen und bestimmte Artikel verschmelzen etwa zu füren Pappa, füre Mamma und fürt Kläusken. Auch bei Präpositionen, die eigentlich den Dativ verlangen, wird häufig der Akkusativ verwendet: bein Oppa, beie Omma, bein Putzen und beie Schimanskis.
Verben verschmelzen regelmäßig mit nachgestellten Personalpronomen. Die Präsensformen von kommen lauten beispielsweise kommich, kommße, kommter, kommtse, kommdet, kommwer, kommder und kommse. Pronomen oder Artikel werden möglichst in den Verbverband integriert: habbijjen, hassen und kennzen. Dadurch entstehen Formen, die für standardsprachliche Sprecher schwer durchschaubar sein können.
Der Genitiv wird meist durch Dativ oder Akkusativ ersetzt: wegen dem Regen oder wegen den Regen statt wegen des Regens. Eine weitere Konstruktion lautet Nomen im Akkusativ plus Possessivpronomen und Nomen, etwa mein Vatta seine Kabache für „das alte Haus meines Vaters“ oder den Manni seine Perle für „Manfreds Freundin“. Auch von-Konstruktionen sind üblich. Umgekehrt können Prädikatsnomen und Anreden im Akkusativ stehen: Du bissen toften Kerl oder Ey, du Doowen!
Dativ und Akkusativ werden teilweise in beide Richtungen vertauscht, etwa in Gehma am Telefon!, Ich sach’ Sie watt! und Gehma beie Omma!. Verbreitet ist die westfälische beziehungsweise rheinische Verlaufsform: Ich bin am Malochen und Et is am Reechnen. Sie kann erweitert werden, zum Beispiel Ich bin am Malochen dranne oder Et fängt am reechnen an. Passivformen werden seltener verwendet und gelegentlich ungewöhnlich gebildet, etwa Hier werden Sie geholfen.
Weitere Merkmale sind gesplittete oder doppelte Pronominaladverbien: Da waaisi nix von und Da kannze nix dagegen sagen. Präpositionen und Richtungsadverbien können als Echo wiederholt werden: Stell den Schrank anne Wand ran oder Ich bin int Haus rein. Für Richtungen wird zu häufig durch bei ersetzt: Geh bei die Omma. Nach kann je nach Entfernung verwendet werden, ebenso bei; im Westen kommt auch Ich geh im Bett vor. Auf Schalke gehen bedeutet den Besuch eines Fußballspiels im Stadion des FC Schalke 04. Artikel können fehlen oder verkürzt werden: Ich bin auf Aabeit beziehungsweise aufe Aabeit. Die Erklärung vieler Merkmale durch polnischen Einfluss, etwa die Artikelauslassung, ist umstritten. Das Plusquamperfekt kann unmittelbar nach einem Ereignis verwendet werden: War schön gewesen.
Verwendung in Kultur und Öffentlichkeit
Ruhrdeutsch wurde durch Kabarett, Fernsehen, Zeitungen, Musik und Film überregional bekannt. Besonders prägend war Jürgen von Manger, der als Frührentner „Adolf Tegtmeier“ auftrat, obwohl er nicht aus dem Ruhrgebiet stammte. Weitere bekannte Figuren waren Tana Schanzara, Elke Heidenreich als „Else Stratmann“, Bruno Knust als „Günna“ und Uwe Lyko als „Herbert Knebel“. Bruno Knust verkörperte „Günna“ in Dortmund von 1989 bis 2025 im Theater Olpketal. Auch das Kabarettduo Missfits aus Gerburg Jahnke und Stephanie Überall verwendete Ruhrsprache; hinzu kommen unter anderem Atze Schröder und Helge Schneider.
In Zeitungen traten früher die Kunstfiguren „Ämmil Cerwinski“ in der NRZ und „Kumpel Anton“ in der WAZ in regelmäßigen Glossen auf. Die Glosse „Hömma, Fritz“ von Bruno „Günna“ Knust erscheint in der Dortmunder Ausgabe der Ruhr-Nachrichten weiterhin samstags. Ruhrdeutsche Asterix-Mundartbände übertrugen die bekannten Geschichten bewusst in ein karikierendes Ruhrdeutsch. Auch Romane von Hans Henning Claer, die im Ruhrmilieu spielen, wurden teilweise verfilmt.
In der Musik sind Tana Schanzaras Vadda, aufstehn … von 1970 und Erwin Weiss’ Dat muss doch auch mal sein von 1973 Beispiele für Gesang im Dialekt. Herbert Grönemeyers Lied Currywurst von 1982, geschrieben von Diether Krebs, verbindet die Würdigung der Speise mit typischen ruhrdeutschen Formen wie Gehsse inne Stadt, Kommsse vonne Schicht und Allet voll Körriwuass.
Die Filme Was nicht passt, wird passend gemacht, Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding und Goldene Zeiten spielen im östlichen Ruhrgebiet und wurden von Peter Thorwarth inszeniert. Was nicht passt, wird passend gemacht erhielt bei der Berlinale den Jupiter-Publikumspreis als bester deutscher Film 2002.