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Wilhelmshaven

Wilhelmshaven war 2007 die am stärksten schrumpfende kreisfreie Stadt Niedersachsens und war von den Folgen des demografischen Wandels besonders betroffen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernprofil und Lage
  2. 2. Naturraum und Stadtgebiet
  3. 3. Geschichte
  4. 4. Bevölkerung, Religion und Politik
  5. 5. Kultur, Bildung und Sehenswürdigkeiten
  6. 6. Wirtschaft und Verkehr

Kernprofil und Lage

Wilhelmshaven ist eine kreisfreie Stadt in Niedersachsen im Nordwesten Deutschlands. Sie liegt an der Nordwestküste des Jadebusens, einer etwa 190 km² großen Meeresbucht der Nordsee, und hatte am 31. Dezember 2025 75.324 Einwohner. Die Stadt ist ein Oberzentrum und gehört seit 2006 zur Metropolregion Nordwest.

Die Bedeutung Wilhelmshavens ergibt sich vor allem aus drei Bereichen: Marine, Hafenwirtschaft und Küstenlage. Seit der Einweihung als „erster deutscher Kriegshafen an der Jade“ am 17. Juni 1869 ist die Stadt eng mit der Geschichte der Deutschen Marine verbunden. Heute ist Wilhelmshaven der größte Standort der Deutschen Marine, seit dem Stationierungskonzept 2011 auch der größte Standort der Bundeswehr und einer der größten Marinestützpunkte Westeuropas.

Wilhelmshaven besitzt den Tiefwasserhafen mit der größten Wassertiefe in Deutschland. 72 Prozent des Rohölumschlags aller deutschen Seehäfen und fast 27 Prozent des deutschen Rohölimports laufen über Wilhelmshaven. Pipelines führen von dort zu Raffinerien im Rhein-Ruhr-Gebiet und nach Hamburg. Seit September 2012 ergänzt der JadeWeserPort die Hafenanlagen als tideunabhängiges Containerterminal, das auch größte Containerschiffe voll beladen abfertigen kann.

Die Stadt ist außerdem Standort der Jade Hochschule und mehrerer Forschungseinrichtungen, unter anderem der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung, des Instituts für Vogelforschung und des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres. Touristisch profitiert Wilhelmshaven von seiner Lage an der Nordseeküste, vom Südstrand und von maritimen Einrichtungen.

Naturraum und Stadtgebiet

Wilhelmshaven liegt im östlichen Teil der ostfriesischen Halbinsel zwischen Dollart und Jadebusen. Das Watt der Küstenregion gehört zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Landschaft ist von Marsch geprägt: Marschen sind flache, junge, nacheiszeitliche Landstriche ohne natürliche Erhebungen. Deshalb liegt Wilhelmshaven im Durchschnitt nur etwa zwei Meter über Normalnull und muss vollständig durch Deiche gegen Sturmfluten geschützt werden.

Die tiefste Stelle liegt in der Maadesenkung am Kreuzelwerk mit 0,5 m unter NN, die höchste Erhebung ist der künstliche Rüstringer Berg mit 11,8 m über NN. Große Flächen im Osten wurden erst im 20. Jahrhundert der Nordsee abgerungen. Solche durch Deichbau und Entwässerung gewonnenen Neulandflächen heißen Groden. Dazu gehören der Heppenser Groden, der Rüstersieler Groden, der Voslapper Groden sowie seit 2012 das rund 344 Hektar große Hafen- und Logistikgelände des JadeWeserPorts.

Wichtige Gewässer sind die Innenjade, der Jadebusen, die Hafenbecken des Innenhafens, der Banter See, der Ems-Jade-Kanal und die Maade. Der Tidenhub der Jade beträgt 3,15 m bis 4,33 m. Die starke natürliche Strömung hält das Fahrwasser von Sandablagerungen frei, kann aber für Badende und kleine Wasserfahrzeuge gefährlich sein. Der Banter See entstand nach 1945, als Hafenbecken durch Dämme abgetrennt wurden; heute ist er ein Naherholungsgebiet.

Das Stadtgebiet umfasst rund 107 km². Es ist statistisch in fünf Stadtbereiche gegliedert: Süd, Mitte, West, Nord und Ost. Die eingemeindeten Stadtteile Fedderwarden und Sengwarden sind zugleich Ortschaften mit eigenem Ortsrat. Das Klima ist durch die Nordsee geprägt: milde Winter, kühlere Sommer und ganzjährige Niederschläge. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 8,7 °C, der Jahresniederschlag 831 Millimeter. Laut Klimarisikoindex von 2026 ist Wilhelmshaven die am stärksten vom Klimawandel gefährdete Gemeinde Deutschlands, insbesondere durch Stürme, Starkregen, Überschwemmungen und Sturmfluten.

Geschichte

Das Gebiet des heutigen Wilhelmshaven war ursprünglich friesisch besiedelt. Bis zum Landkauf durch Preußen lagen dort die landwirtschaftlich geprägten Kirchspiele Heppens und Neuende, die zum Großherzogtum Oldenburg gehörten. Mit dem Jade-Vertrag vom 20. Juli 1853 kaufte Preußen ein 313 Hektar großes Gebiet am Jadebusen, um dort einen Marinestützpunkt zu bauen. Am 23. November 1854 wurde es als Königliches Preußisches Jadegebiet übergeben. Gotthilf Hagen entwarf 1856 den Hafenplan, der den Grundriss des Stadtkerns bis heute prägt.

Der Name Wilhelmshaven wurde am 17. Juni 1869 bei der Einweihung und Grundsteinlegung der Elisabethkirche erstmals in der Gründungsurkunde verwendet. 1873 erhielt Wilhelmshaven Stadtrechte. Nach der Reichsgründung 1871 wurde es zusammen mit Kiel Reichskriegshafen. Durch Flottenpläne, Flottengesetze und die Politik Kaiser Wilhelms II. wurden Hafen, Werft und Marineanlagen stark ausgebaut. Die Bevölkerung wuchs, und in den benachbarten oldenburgischen Gemeinden entstand 1911 die Stadt Rüstringen.

Im Ersten Weltkrieg war Wilhelmshaven ein zentraler Stützpunkt der Hochseeflotte. Die Kaiserliche Werft beschäftigte 1918 rund 20.000 Menschen. Der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 führte zu Meutereien, aus denen der Kieler Matrosenaufstand und die Novemberrevolution hervorgingen. In Wilhelmshaven-Rüstringen bildete sich am 6. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat.

In der Weimarer Republik trafen Abrüstung und der Versailler Vertrag die einseitig auf Marine und Werft ausgerichtete Wirtschaft hart. Versuche mit Fischerei, Abwrackwerften, Notstandsarbeiten und Fremdenverkehr sollten neue Grundlagen schaffen. In der NS-Zeit begann eine erneute Aufrüstung. 1937 wurden Wilhelmshaven und Rüstringen zur neuen Stadt Wilhelmshaven vereinigt. 1940 erreichte die Stadt mit 133.041 Einwohnern ihren Höchststand. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten mehr als 100 Luftangriffe große Teile der Stadt; 60 Prozent der Wohnfläche lagen bei Kriegsende in Trümmern. Zugleich gab es NS-Verfolgung und Zwangsarbeit, unter anderem im KZ-Außenlager Wilhelmshaven des KZ Neuengamme.

Am 6. Mai 1945 wurde Wilhelmshaven von der 1. Polnischen Panzerdivision besetzt und kam in die britische Besatzungszone. Die Alliierten demontierten und zerstörten fast alle militärischen Hafen- und Werftanlagen. Nach 1949 musste sich die Stadt wirtschaftlich neu orientieren. Mit dem Aufbau der Bundesmarine wurde Wilhelmshaven ab 1956 wieder Marinehafen. Seit den 1950er Jahren entstanden der Ölhafen, die NWO-Pipeline und später petrochemische und industrielle Anlagen. Ab 2000 prägten Projekte wie die Expo am Meer, die Sanierung der Kaiser-Wilhelm-Brücke und vor allem der JadeWeserPort die Entwicklung.

Bevölkerung, Religion und Politik

Die Bevölkerungsentwicklung Wilhelmshavens ist stark mit Hafen, Marine und Industrie verbunden. 1853 lebten im Jadegebiet erst 335 Menschen. Mit dem Hafenausbau wuchs die Zahl bis 1875 auf über 10.000 und bis 1895 auf 20.000. Durch die Eingemeindung Rüstringens stieg sie 1937 auf 91.000; 1938 wurde Wilhelmshaven Großstadt. Der Höchststand lag 1940 bei 133.041 Einwohnern. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs sank die Zahl bis Dezember 1945 auf 89.000. In den 1970er Jahren lag sie noch über 100.000, sank danach aber wegen Firmenschließungen, Bundeswehrverkleinerung und demografischem Wandel deutlich. Der Zensus 2011 ergab 76.926 Einwohner. Nach Zuzügen seit 2015 stieg die Einwohnerzahl zeitweise wieder leicht.

Religiös war das Gebiet lange überwiegend evangelisch-lutherisch. 2011 waren 44,8 Prozent evangelisch, 11,5 Prozent römisch-katholisch und 43,7 Prozent konfessionslos, Angehörige anderer Gemeinschaften oder ohne Angabe. Am 31. Dezember 2023 gehörten 33,4 Prozent der evangelischen und 9,4 Prozent der katholischen Kirche an; 57,2 Prozent gehörten einer anderen oder keiner Glaubensgemeinschaft an. In der Stadt gibt es evangelische und katholische Gemeinden, Freikirchen, neuapostolische und weitere christliche Gemeinschaften, eine türkisch-islamische Gemeinde mit der Fatih Camii sowie jüdische Geschichte mit einer 1915 geweihten Synagoge, die in der Reichspogromnacht 1938 zerstört wurde. Der Synagogenplatz ist heute Gedenkstätte.

Politisch besteht der Rat der Stadt in der Wahlperiode 2021–2026 aus 44 Ratsmitgliedern. Stimmberechtigt ist außerdem der hauptamtliche Oberbürgermeister Carsten Feist, der seit dem 1. November 2019 im Amt ist. Wilhelmshaven war lange eine SPD-Hochburg, die Mehrheitsverhältnisse wurden jedoch vielfältiger. Bei der Kommunalwahl 2021 erhielt die SPD 28,0 Prozent und 12 Sitze, die CDU 20,6 Prozent und 9 Sitze, Bündnis 90/Die Grünen 13,1 Prozent und 6 Sitze, WIN@WBV 10,8 Prozent und 5 Sitze sowie die AfD 6,6 Prozent und 3 Sitze. Eine feste Mehrheitsgruppe gibt es nicht, was Ratsarbeit und Entscheidungsfindung komplexer macht.

Das Stadtwappen wechselte mehrfach. Seit 1948 zeigt es den Rüstringer Friesen: einen laufenden Krieger in Goldgrund mit Schild, Schwert und friesischer Lanze. Städtepartnerschaften bestehen unter anderem mit Vichy, Norfolk, Dunfermline und Bydgoszcz; außerdem gibt es freundschaftliche Beziehungen etwa zu Qingdao.

Kultur, Bildung und Sehenswürdigkeiten

Wilhelmshaven besitzt mehrere Museen und kulturelle Einrichtungen mit maritimem und regionalem Schwerpunkt. Das 1998 eröffnete Deutsche Marinemuseum am Südstrand zeigt die Geschichte deutscher Marinen seit 1848 und besitzt ein Freigelände mit Schiffen wie dem Lenkwaffenzerstörer Mölders und dem U-Boot U 10. Das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer Besucherzentrum erklärt das Habitat Wattenmeer, seine Tiere, Gefahren und Schutzaufgaben. Das Küstenmuseum behandelt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Küstenraums und der Stadtgeschichte.

Das Theaterleben wird besonders durch das Stadttheater Wilhelmshaven und die Landesbühne Niedersachsen Nord geprägt, die seit 1952 in Wilhelmshaven ansässig ist. Das Junge Theater gilt als ältestes und größtes Kinder- und Jugendtheater Niedersachsens. Weitere kulturelle Orte sind die Kunsthalle Wilhelmshaven, die seit 1913 wechselnde Ausstellungen zeigt, sowie das Kulturzentrum Pumpwerk, das Konzerte, Festivals und Kleinkunst veranstaltet.

Zu den wichtigen Bauwerken zählen die Kaiser-Wilhelm-Brücke, die 1905 bis 1907 erbaut wurde und mit 159 Metern Hauptspannweite als Wahrzeichen gilt, sowie das Rathaus, ein Klinkerbau von Fritz Höger aus den Jahren 1927–1929. Weitere Sehenswürdigkeiten sind die Christus- und Garnisonkirche, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das Adalbert-Denkmal, historische Kirchen in Sengwarden, Fedderwarden, Neuende und Heppens, die Kopperhörner Mühle und die Sengwarder Mühle. Wilhelmshaven besitzt außerdem große Grünanlagen wie den 57 Hektar großen Rüstringer Stadtpark, den Kurpark, das Rosarium, den Botanischen Garten sowie den Südstrand, der zugleich Deich ist.

Bildung und Wissenschaft haben in Wilhelmshaven eine wichtige Rolle. Die Stadt bietet allgemeinbildende und berufsbildende Schulen, Volkshochschule, Musikschule und Stadtbibliothek. Die Jade Hochschule entstand nach mehreren Hochschulfusionen und trägt ihren Namen seit 2009. Forschungseinrichtungen sind unter anderem Senckenberg am Meer, das Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“, das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung und das ICBM Terramare der Universität Oldenburg.

Wirtschaft und Verkehr

Wilhelmshavens Wirtschaft wird durch Hafenwirtschaft, Chemieindustrie, Energie, maritime Dienstleistungen und die Bundeswehr geprägt. 2016 betrug das Bruttoinlandsprodukt 2,953 Milliarden Euro, das BIP pro Kopf 38.804 Euro. 2017 waren etwa 44.800 Erwerbstätige beschäftigt. Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2018 bei 10,4 Prozent und damit deutlich über dem niedersächsischen Durchschnitt von 5,0 Prozent.

Der Hafen ist der zentrale Standortfaktor. Die Anlagen gliedern sich in den städtischen Hafen hinter der Seeschleuse, die Marineanlagen sowie Landes- und Industriehafenanlagen am Jadefahrwasser. Mit bis zu 20 Metern Fahrwassertiefe erlaubt Wilhelmshaven den höchsten Tiefgang in Deutschland. Der Hafen ist wichtig für Rohöl, Mineralölprodukte, Kohle, Chemie, Container, Schüttgut und Projektladung. Der JadeWeserPort wurde am 21. September 2012 eröffnet. Im Eurogate Container Terminal Wilhelmshaven wurden 2017 554.449 TEU umgeschlagen.

Wichtige Industriezweige sind Metallindustrie, Werft- und Schifffahrtsbetriebe, Chemie und Energie. Die Manitowoc Crane Group Germany fertigt Mobilkrane und ist ein großer Metallarbeitgeber. Die Neue Jadewerft, MWB Motorenwerk und weitere Betriebe arbeiten im Bereich Schiffbau und Reparatur. Auf dem Voslapper Groden liegen chemische Anlagen, unter anderem zur Produktion von Vinylchlorid und PVC. Wilhelmshaven ist außerdem Standort eines Kohlekraftwerks; ein älteres E.ON-Kraftwerk war von 1976 bis 2021 in Betrieb.

Der Tourismus konzentriert sich auf Südstrand, Maritime Meile, Museen, Aquarium, Hafenrundfahrten und Veranstaltungen wie das Wochenende an der Jade. 2013 wurden 105.541 Gäste mit 294.515 Übernachtungen gezählt.

Verkehrlich ist Wilhelmshaven über die A 29 mit Oldenburg und der A 1 verbunden. Die B 210 führt Richtung Jever, Wittmund, Aurich und Emden. Der Bahnhof ist Endpunkt der Strecke Wilhelmshaven–Oldenburg; regelmäßige Verbindungen führen unter anderem nach Osnabrück, Esens und Bremen. Der öffentliche Nahverkehr wird heute vor allem durch Buslinien getragen. Der JadeWeserAirport in Mariensiel dient als Verkehrslandeplatz, unter anderem für Lotsenversetzdienste per Hubschrauber.

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