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Thomas Nipperdey

Thomas Nipperdey (* 27. Oktober 1927 in Köln; † 14. Juni 1992 in München) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer. Sein dreibändiges Werk Deutsche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Profil
  2. 2. Ausbildung und akademische Laufbahn
  3. 3. Politisches Engagement und späte Jahre
  4. 4. Historische Methode und Hauptwerk
  5. 5. Weitere Werke, Kritik und Ehrungen

Bedeutung und Profil

Thomas Nipperdey (* 27. Oktober 1927 in Köln; † 14. Juni 1992 in München) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer. Besonders wichtig ist er wegen seines dreibändigen Werkes Deutsche Geschichte 1800–1918, das zwischen 1983 und 1992 erschien und als Standardwerk der Neueren Geschichte gilt.

Sein wissenschaftliches Hauptziel war eine umfassende Darstellung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Dabei wollte er nicht nur Politik beschreiben, sondern alle wichtigen Lebensbereiche einbeziehen: Gesellschaft, Kultur, Religion, Bildung, Arbeit, Bürgertum und Staat. Eine solche umfassende Geschichtsdarstellung nennt der Artikel Totalgeschichte. Nipperdey versuchte, eine Epoche aus sich selbst heraus zu verstehen und nicht nur danach zu fragen, wohin sie später führte.

Ausbildung und akademische Laufbahn

Nipperdey wurde als drittes Kind des Rechtsprofessors Hans Carl Nipperdey und seiner Frau Hildegard, geb. Eißer, geboren. Er wuchs in Köln-Marienburg in einem bildungsbürgerlichen Umfeld auf. Musische Interessen wurden in seiner Familie gefördert, etwa durch Klavier- und Cellounterricht.

Bis 1937 besuchte er eine evangelische Volksschule, danach das Gymnasium Kreuzgasse, das damals Deutsche Oberschule hieß. 1943 wurde er noch als Schüler im Zweiten Weltkrieg als Flakhelfer eingezogen. Von Herbst 1944 bis Frühjahr 1945 leistete er Arbeitsdienst. 1946 bestand er nach einem halbjährigen Sonderkurs das Abitur.

Ab 1946 studierte Nipperdey Philosophie und Geschichtswissenschaft in Köln, Göttingen und Cambridge. 1953 wurde er in Köln bei Bruno Liebrucks mit der Arbeit Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften promoviert; diese Dissertation erschien posthum 2024. 1954 legte er das Staatsexamen ab, strebte aber keine Lehrerlaufbahn an.

Unter dem Einfluss Theodor Schieders wandte er sich ganz der Geschichtswissenschaft zu. Durch Schieders Vermittlung erhielt er ein Stipendium der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Damit erforschte er die Geschichte der deutschen politischen Parteien vor 1918. Ab 1957 arbeitete er als Assistent am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Dort schloss er Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918 ab, mit der er sich 1961 habilitierte; die Arbeit wurde im selben Jahr veröffentlicht.

Nach Stationen in Göttingen, Gießen und Karlsruhe wurde Nipperdey 1967/68 Professor an der Freien Universität Berlin. Dort wurde er 1969 Dekan der Philosophischen Fakultät. Zum Wintersemester 1971/72 wechselte er an die Universität München, wo er bis zu seinem Tod 1992 lehrte. Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Princeton, Oxford und Stanford.

Politisches Engagement und späte Jahre

In den Berliner und frühen Münchner Jahren war Nipperdey politisch stark engagiert. Er fühlte sich zunächst der Sozialdemokratie nahe und trat im April 1968 in die SPD ein. In der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre entwickelte er jedoch eine Haltung, die in der Forschung als liberalkonservativ bezeichnet wird.

Besonders scharf kritisierte er Protestformen Berliner Studierender in seinem Rundfunkvortrag Zur Lage an der Freien Universität, der am 25. März 1969 im SFB ausgestrahlt wurde. Darin verglich er Methoden der Studierenden mit Methoden der Nationalsozialisten vor 1933. Das führte zu heftiger Gegnerschaft aus der Studentenbewegung, unter anderem zu Vorlesungsstörungen und einem Farbanschlag auf sein Auto.

1970 gehörte Nipperdey zu den Gründern der Notgemeinschaft für eine freie Universität und des Bundes Freiheit der Wissenschaft. Von September 1973 bis 1980 war er einer der drei Vorsitzenden des Bundes Freiheit der Wissenschaft, danach blieb er als Beisitzer im erweiterten Vorstand. Bildungspolitisch wurde er durch ein ausführliches Gutachten gegen die Hessischen Rahmenrichtlinien für das Fach Gesellschaftslehre bekannt, das 1974 als Buch erschien. 1985 trat er aus der SPD aus.

Seit den späten 1970er Jahren traten seine politischen Aktivitäten zurück, weil er sich immer stärker seinem großen Buchprojekt widmete. Ab dem Princeton-Aufenthalt 1978/79 arbeitete er konkret an Deutsche Geschichte 1800–1866, das 1983 erschien. Danach entschied er, das Werk bis 1918 fortzusetzen. Am Historikerstreit seit 1986 beteiligte er sich nur mit einem Artikel, Unter der Herrschaft des Verdachts, erschienen am 17. Oktober 1986 in der Zeit. Darin kritisierte er vor allem den Stil der Debatte und Jürgen Habermas’ moralisierende Stellungnahme, äußerte sich aber nicht zum inhaltlichen Kern der Auseinandersetzung.

1988 wurde Nipperdey erstmals wegen Krebs operiert; 1990 zeigte sich die Krankheit als lebensbedrohlich. Trotzdem wurde die Arbeit am abschließenden Band mit Hilfe seiner Assistenten Andreas W. Daum, Christiane Dienel und Wilfried Rudloff vorangetrieben. Das Manuskript wurde im November 1991 abgeschlossen und mit einem Nachwort versehen, datiert auf den „3. Oktober 1991, dem Tag der deutschen Einheit“. Das Buch erschien im August 1992. Nipperdey war bereits am 14. Juni 1992 im Alter von 64 Jahren gestorben.

Historische Methode und Hauptwerk

Nipperdeys wichtigstes Werk ist Deutsche Geschichte 1800–1918. Es umfasst drei Bände und entstand während seiner Münchner Professur ab 1972. Der erste Band Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat erschien 1983. Die beiden Folgebände zu 1866–1918 erschienen als Arbeitswelt und Bürgergeist 1990 und Machtstaat vor der Demokratie 1992.

Das Werk versteht sich als Totalgeschichte. Damit ist gemeint, dass nicht nur politische Ereignisse, Regierungen oder Kriege behandelt werden, sondern möglichst alle Bereiche menschlichen Lebens. Der Artikel betont, dass es zur Zeit der Veröffentlichung keine ähnlich detaillierte Darstellung dieser langen Epoche mit vergleichbarer Stofffülle und Analysegenauigkeit gab. Als Vorbilder konnten jedoch Werke von Franz Schnabel, Heinrich von Treitschke und Golo Mann dienen.

Berühmt wurde der Eingangssatz des ersten Bandes: „Am Anfang war Napoleon“. Dieser Satz wurde später von anderen bedeutenden Historikern verändert aufgegriffen, etwa von Hans-Ulrich Wehler mit „Am Anfang war keine Revolution“ und von Heinrich August Winkler mit „Im Anfang war das Reich“.

Nipperdey setzte sich besonders für eine Neubewertung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts ein. Er lehnte es ab, das Kaiserreich vor allem als Vorgeschichte des „Dritten Reiches“ zu deuten. Damit widersprach er Deutungen, die stark von der These eines Deutschen Sonderwegs geprägt waren. Als Deutscher Sonderweg wird hier eine Interpretation verstanden, nach der Deutschlands Entwicklung besonders und problematisch verlaufen sei und auf den Nationalsozialismus hinführe. Nipperdey sah Kontinuitätslinien von 1871/1918 nicht nur nach 1933, sondern ebenso nach 1949.

Er kritisierte Historiker, die Geschichte ausschließlich von der Gegenwart her interpretierten, spöttisch als „Relevantiner“. Besonders richtete sich seine Kritik gegen Hans-Ulrich Wehler, einen Hauptvertreter der Bielefelder Schule. Die Bielefelder Schule arbeitete stark soziologisch, also mit gesellschaftlichen Strukturen und Modellen. Nipperdey dagegen vertrat einen historisch-anthropologischen Ansatz. Das bedeutet: Er wollte Erfahrungswelten und Innensichten der Menschen in ihrer jeweiligen Zeit sichtbar machen.

Für Nipperdey sollte das 19. Jahrhundert nicht bloß als Vor- oder Nachgeschichte von etwas anderem erscheinen, sondern als Epoche eigenen Rechts. Der Artikel verbindet diese Haltung mit dem Historismus, einer Geschichtsauffassung, die vergangene Zeiten aus ihren eigenen Bedingungen heraus verstehen will. Nipperdeys Darstellungen enthalten eher selten Anekdoten und Vergleiche; provokante Thesen sucht man in ihnen kaum.

Weitere Werke, Kritik und Ehrungen

Neben seinem Hauptwerk schrieb Nipperdey wichtige frühere Aufsätze, die die Forschung voranbrachten. Dazu zählen Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert (1968), Volksschule und Revolution im Vormärz (1968) und Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert (1972). Nach seiner Habilitationsschrift besuchte er laut Artikel nie wieder Archive, sondern bevorzugte die große historische Synthese.

Zu seinen Schriften gehören außerdem Reformation, Revolution, Utopie. Studien zum 16. Jahrhundert (1975), Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte (1976), Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays (1986), Wie modern war das Kaiserreich?: Das Beispiel der Schule (1986), Religion im Umbruch. Deutschland 1870–1918 (1988), Religion und Gesellschaft. Deutschland um 1900 (1988), Wie das Bürgertum die Moderne fand (1988) und Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays, herausgegeben 2013 von Paul Nolte.

Nipperdey bemühte sich in seiner Geschichtsschreibung um Objektivität. Dennoch wurde ihm vorgeworfen, etwa in der Kriegsschuldfrage eine zu prodeutsche Sichtweise vertreten zu haben und allgemein oft zu mild und zu unkritisch zu urteilen. In seinem Werk findet sich wiederholt der Ausspruch, man müsse den Urgroßvätern gegenüber Gerechtigkeit walten lassen.

Nipperdey war seit 1969 verheiratet mit Vigdis Nipperdey, geb. Henze. Das Paar hatte vier Kinder. Er wurde auf dem Waldfriedhof in Icking beigesetzt. Zu seinen akademischen Ehrungen gehörten unter anderem die ausländische Ehrenmitgliedschaft der American Academy of Arts and Sciences seit 1985, die Mitgliedschaft in der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften seit 1969 und die Berufung zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1990. Er erhielt 1984 den Historikerpreis der Stadt Münster, 1989 das Bundesverdienstkreuz und 1992 den Bayerischen Verdienstorden. Ebenfalls 1992 wurde ihm der Preis des Historischen Kollegs zugesprochen, der als Deutscher Historikerpreis gilt; die Verleihung erfolgte posthum am 19. November 1992.

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