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Karthago
Die drei Punischen Kriege gegen das aufstrebende Rom führten letztlich zum Untergang Karthagos. Der zweite dieser Kriege hat aber durch den karthagischen …
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Bedeutung und Lage
Karthago war eine antike Metropole an der nordafrikanischen Mittelmeerküste nahe dem heutigen Tunis. Als Hauptstadt des Karthagischen Reiches wurde sie über Jahrhunderte zu einer bedeutenden See-, Handels- und Militärmacht. Nach ihrer Zerstörung durch Rom 146 v. Chr. entstand dort erneut eine Großstadt, die in römischer Zeit ein politisches, wirtschaftliches und christliches Zentrum Nordafrikas war. Heute ist Karthago ein Vorort von Tunis; seine 616,02 ha große archäologische Stätte gehört seit 1979 zum UNESCO-Welterbe.
Die Stadt lag geschützt auf einer Halbinsel rund zehn Kilometer östlich von Tunis. Im Norden begrenzte sie die Lagune Sebkha Ariana, im Osten der Golf von Tunis und im Süden der See von Tunis. Nur im Westen verband eine schmale Landzunge das Gebiet mit dem Hinterland. Dadurch war Karthago von der Landseite gut zu verteidigen. Zugleich lag es am Kreuzungspunkt wichtiger Seewege zwischen Gibraltar und der Levante sowie zwischen dem Golfe du Lion, dem Tyrrhenischen Meer und der Großen Syrte. Diese Lage ermöglichte die Kontrolle des zentralen Mittelmeerhandels und trug wesentlich zur wirtschaftlichen und militärischen Stärke bei. Mittelpunkt der Stadt war der Byrsa-Hügel; nördlich davon lag innerhalb der Mauern das landwirtschaftlich genutzte Gebiet Megara.
Gründung, Aufstieg und Punische Kriege
Historisch zuverlässige Berichte über die Gründung fehlen. Nach Timaios von Tauromenion entstand Karthago 814/813 oder 813/812 v. Chr.; die ältesten archäologischen Funde stammen jedoch erst aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. Gründer waren phönizische Siedler aus Tyros und möglicherweise Sidon. Anfangs war Karthago politisch an Tyros gebunden und zahlte Tribute.
Der Gründungsmythos erzählt von Elissa, in griechisch-römischen Quellen Dido genannt. Sie sei nach der Ermordung ihres Mannes aus Tyros geflohen und habe am Golf von Tunis mit dünnen Streifen einer Ochsenhaut das Gebiet um den Byrsa-Hügel umfasst. Ein historischer Kern dieser Geschichte ist schwer festzustellen. Vergils Aeneis verbindet Dido außerdem mit Aeneas und deutet ihren Racheschwur als mythischen Ursprung des Konflikts mit Rom.
Karthago übernahm den Schutz älterer phönizischer Niederlassungen und gründete eigene Siedlungen auf Sardinien, Korsika, den Balearen, an der nordafrikanischen Küste und in Südspanien. Auch Orte an den Atlantikküsten Iberiens und Marokkos schlossen sich seinem Reich an. Grundlage dieser Expansion waren eine starke Flotte, überlegener Schiffbau und gut ausgebildete Seeleute. Spätestens nach der persischen Eroberung des phönizischen Mutterlandes 539 v. Chr. löste sich Karthago vollständig vom Einfluss Tyros’. Der Erste karthagisch-römische Vertrag von 508/507 v. Chr. regelte die Einflussgebiete Karthagos und Roms und zeigte Karthagos politische Selbstständigkeit.
Trotz Konflikten mit griechischen Städten wie Syrakus und Massilia stieg Karthago weiter auf. Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. galt es als reichste Stadt des Mittelmeerraums. Die drei Punischen Kriege gegen Rom endeten jedoch mit karthagischen Niederlagen. Im Zweiten Punischen Krieg bedrohte Hannibal Rom ernsthaft. Nach dreijähriger Belagerung eroberte Scipio Aemilianus Karthago 146 v. Chr. Die Römer plünderten und zerstörten die Stadt; 50.000 Überlebende wurden versklavt. Die Erzählung, Rom habe den Boden mit Salz unfruchtbar gemacht, entstand erst im 19. Jahrhundert und ist antik nicht belegt.
Staat, Heer und Flotte
Karthago war eine Oligarchie, also eine Herrschaft weniger führender Familien, mit demokratischen Elementen. Zwei jährlich gewählte Sufeten standen an der Spitze; ihre Stellung ähnelte der späterer römischer Konsuln. Weitere Ämter gehörten zum Magistrat. Der Senat entschied über politische Fragen und wurde von einem Ausschuss aus 30 Senatoren geleitet. Ein gewähltes Richtertribunal aus 100 Senatoren diente als oberster Gerichtshof. In der Volksversammlung waren alle Bürger stimmberechtigt. Die genaue Verfassung lässt sich nur unsicher rekonstruieren, weil griechische und römische Autoren karthagische Ämter häufig ungenau bezeichneten.
Die unterworfenen Gebiete behielten vergleichsweise viel Selbstständigkeit. Karthago organisierte sie in Verwaltungsbezirken, erhob Steuern und rekrutierte Soldaten. Alte phönizische und griechische Städte durften teilweise ihre örtlichen Verwaltungen behalten.
Anfangs bestand das Heer aus Bürgern Karthagos. Später kamen immer mehr Truppen unterworfener oder verbündeter Völker sowie Söldner hinzu. Numider dienten besonders als leichte Kavallerie, Bewohner der Balearen als Schleuderer. Eine karthagische Elitetruppe war die 2500 Mann starke „Heilige Schar“. Kern des Landheeres blieb lange die Phalanx, eine geschlossene Kampfformation nach griechischem Vorbild. Erst im Zweiten Punischen Krieg überwogen in Hannibals Armee Verbündete und Söldner. Feldherren wurden normalerweise von der Volksversammlung gewählt, konnten während eines Feldzuges weitgehend frei handeln, mussten danach aber dem Rat der Einhundertvier Rechenschaft ablegen.
Die Marine verwendete Kriegsgaleeren wie Triremen, Quadriremen und Quinqueremen. Ein typisches Kriegsschiff war 35 bis 45 m lang und 5 bis 6 m breit; eine Quinquereme hatte etwa 300 Mann Besatzung. Karthago setzte besonders auf das Rammen feindlicher Schiffe. Standardisierte Fertigteile ermöglichten den schnellen Serienbau. Aus den Liegeplätzen des Kriegshafens wird für die Blütezeit eine Flotte von rund 350 Kriegsschiffen mit insgesamt ungefähr 100.000 Mann Besatzung erschlossen.
Wirtschaft, Religion und Kultur
Seehandel und Landwirtschaft bildeten die wirtschaftlichen Grundlagen. Karthago importierte vor allem Silber aus Südspanien, daneben aus Sardinien und Etrurien. Gold kam wahrscheinlich aus Westafrika, Zinn über die Atlantikküste aus Galicien oder Südspanien. Um 500 v. Chr. unternahm Himilkon eine Expedition nach Britannien, um dortige Zinnvorkommen zu erschließen.
Nordafrika war zugleich ein ertragreiches Agrargebiet. Angebaut wurden Weizen, Oliven, Wein, Feigen und Datteln. Der karthagische Schriftsteller Mago verfasste im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. eine später verlorene Agrar-Enzyklopädie, die römische Autoren häufig zitierten. Wichtig waren außerdem Fischfang, die Herstellung von eingesalzenem Fisch und Garum sowie Weberei, Färberei, Keramik, Metallverarbeitung, Waffen- und Schiffbau. Eigene Münzen prägten die Karthager seit ihrer Invasion Siziliens um 410 v. Chr.; häufige Motive waren der Kopf der Tanit sowie ein Pferd, teilweise vor einer Palme.
Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. waren Tanit, die Schutzgöttin der Stadt, und Baal-Hammon, ein Fruchtbarkeitsgott, die wichtigsten Gottheiten. Daneben wurden unter anderem Astarte, Melkart, Eschmun und die ägyptische Isis verehrt. Ob Kinder als Menschenopfer dargebracht wurden, ist umstritten. Antike Autoren behaupten dies, und auf dem Tophet wurden Kinderknochen gefunden. Moderne Forschungen stützen jedoch eher die Erklärung, dort seien tot geborene oder sehr früh verstorbene Kinder verbrannt worden.
Die punische Kunst stand zunächst in phönizischer, später stark in griechisch-hellenistischer Tradition. Typisch sind Kalksteinstelen mit dem Tanit-Zeichen oder einer Halbmondscheibe. Gesprochen wurde Punisch, eine semitische und mit dem Hebräischen verwandte Variante des Phönizischen. Erhalten sind vor allem kurze religiöse Inschriften. Die punische Literatur ging 146 v. Chr. weitgehend verloren; überliefert blieb unter anderem Hannos Reisebericht in griechischer Übersetzung.
Römische Zeit und Ende der antiken Stadt
Gaius Iulius Caesar beschloss 46 v. Chr. den Wiederaufbau; Augustus siedelte 29 v. Chr. 3000 Menschen in der Colonia Iulia Concordia Carthago an. Als Sitz des Statthalters der Provinz Africa und Zentrum des Getreide- und Töpferwarenhandels wuchs die Stadt rasch. Im 2. Jahrhundert n. Chr. hatte sie über 300.000 Einwohner und war nach Rom, Alexandria und Antiochia am Orontes die viertgrößte Stadt des Römischen Reiches.
Karthago wurde außerdem zu einem Hauptzentrum des frühen Christentums. Die Akten der 180 hingerichteten Scilitanischen Märtyrer gelten als ältestes christliches Dokument in lateinischer Sprache. Tertullian und Cyprian prägten dort die lateinische christliche Literatur; Cyprian war von 248 bis 258 Bischof und starb als Märtyrer.
439 eroberten die Vandalen unter Geiserich Karthago, ohne nachweisbare größere Zerstörungen anzurichten. Die Stadt blieb Hauptstadt ihres Reiches, bis oströmische Truppen unter Belisar sie 533/534 zurückgewannen. Unter Kaiser Justinian wurde sie gefördert und colonia Iustiniana Carthago genannt. Seit 647 drangen arabische Heere nach Nordafrika vor. Nach der byzantinischen Niederlage in der Schlacht von Karthago fiel die Stadt 698 endgültig und wurde zerstört. Tunis übernahm ihre Rolle als Verwaltungszentrum; Karthagos Ruinen dienten jahrhundertelang als Steinbruch.
Stadtanlage, Ausgrabungen und Gegenwart
Das punische Karthago umfasste mit Megara vermutlich 2 bis 3 km² und hatte kurz vor seiner Zerstörung etwa 200.000 Einwohner. Ein rechtwinkliges Straßennetz und eine 13 m hohe, 40 km lange Mauer prägten die Stadt. Auf dem Byrsa-Hügel lagen vermutlich Zitadelle und Eschmun-Tempel. Ausgegrabene mehrstöckige Wohnhäuser besaßen Innenhöfe, Mosaikböden, Badebecken und unterirdische Regenwasserzisternen.
Der rechteckige Handelshafen maß 456 × 356 m. Ein Kanal verband ihn mit dem runden Kriegshafen von 325 m Durchmesser, der 220 Kriegsschiffe aufnehmen konnte. In seiner Mitte lag eine künstliche Insel mit der Admiralität. Der Tophet war Begräbnis- und Kultstätte; dort wurden zwölf Gräberschichten vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis in frühchristliche Zeit sowie über 1500 beschriftete Stelen gefunden.
Im römischen Karthago lagen Forum und Kapitol auf der Byrsa. Die 162 fertiggestellten Antoninus-Pius-Thermen waren mit rund 200 m Ausdehnung die größte Thermenanlage außerhalb Roms. Weitere Anlagen waren ein Theater, ein Amphitheater für 50.000 Zuschauer, die Zisternen von La Malga und eine neunschiffige Basilika aus dem 5. Jahrhundert.
Frühe archäologische Expeditionen fanden 1817, 1822 und 1824 unter Jean Emile Humbert statt. Seit 1972 koordinierte die UNESCO eine internationale Rettungskampagne gegen die Überbauung der antiken Siedlungsfläche. Deutsche, britische und amerikanische Teams untersuchten unter anderem Wohngebiete, Befestigungen sowie Kriegs- und Handelshafen. Die Quellenlage bleibt schwierig: Die meisten schriftlichen Berichte stammen von griechischen und römischen Gegnern und zeichnen die Karthager oft abwertend.
Das moderne Karthago ist ein Villenvorort von Tunis mit Universität und Präsidentenpalast. Auf dem Byrsa-Hügel stehen die 1890 errichtete Kathedrale des Heiligen Ludwig, heute ein Kulturzentrum, und das archäologische Nationalmuseum. Die Bahnlinie Tunis–Goulette–Marsa verbindet den Ort mit Tunis; die erhaltenen Ruinen sind eine bedeutende touristische Attraktion.