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Karl Schlögel

Karl Schlögel (* 7. März 1948 in Hawangen bei Memmingen) ist ein deutscher Osteuropa-Historiker und Publizist. Er war Hochschullehrer in Konstanz und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und wissenschaftlicher Weg
  2. 2. Geschichte aus Raum und Zeit verstehen
  3. 3. Exkursion als wissenschaftliche Methode
  4. 4. Ukraine, Russland und politische Gegenwart
  5. 5. Werk und Auszeichnungen

Person und wissenschaftlicher Weg

Karl Schlögel (* 7. März 1948 in Hawangen bei Memmingen) ist ein deutscher Osteuropa-Historiker und Publizist. Er lehrte von 1990 bis 1994 an der Universität Konstanz und von 1995 bis zu seiner Emeritierung 2013 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Seine Forschung behandelt vor allem die russische und ukrainische Moderne, den Stalinismus, die russische Diaspora und Dissidentenbewegung, Ostmitteleuropa sowie die Kulturgeschichte osteuropäischer Städte und die Theorie historischer Darstellung.

Nach dem Abitur 1967 studierte Schlögel ab 1969 an der Freien Universität Berlin Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik. Reisen in die Tschechoslowakei (1965) und die Sowjetunion (1966) sowie die Studentenbewegung prägten seine Studienwahl. Politisch engagierte er sich zunächst in der Proletarischen Linken/Partei-Initiative, der Roten Zelle Slawistik und ab 1972 bis zur Auflösung 1980 in der maoistisch orientierten KPD beziehungsweise deren Kommunistischem Studentenverband. Gemeinsam mit Willi Jasper und Bernd Ziesemer veröffentlichte er 1980 Partei kaputt über das Scheitern der KPD und die Krise der Linken.

1981 schloss Schlögel sein Studium mit einer Dissertation über Arbeiterkonflikte in der Sowjetunion nach Stalin ab. Die Arbeit trug den Titel Widerstandsformen der sowjetischen Arbeiterschaft 1953–1980 und erschien 1984 als Der renitente Held. Arbeiterprotest in der Sowjetunion (1953–1983). 1982 forschte er als DAAD-Stipendiat an der Lomonossow-Universität Moskau zur Geschichte der russischen Intelligenzija im 19. und 20. Jahrhundert. Danach arbeitete er als Privatgelehrter und freier Rundfunkautor.

An der Viadrina beschäftigte er sich zusätzlich mit der Geschichte Polens, den deutsch-polnischen Beziehungen, dem Oderraum sowie kulturwissenschaftlichen Theorien und Methoden. Zu seinen Forschungsaufenthalten gehörten unter anderem Leningrad, die USA, Budapest, Oxford, München, Uppsala, Berlin und Wien. Reisen in die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, das Baltikum, Polen, Südosteuropa, die Türkei, die USA und die Volksrepublik China waren für ihn eine Form der Welterkundung und flossen in seine Publikationen ein. Schlögel wirkte außerdem an Ausstellungen wie „Moskau-Berlin/Moskva-Berlin“ (1995), „Oder-Panorama/Panorama Odry“ (2006) und „Via Regia“ (2012) mit. Er ist mit der Autorin und Publizistin Sonja Margolina verheiratet und lebt in Berlin.

Geschichte aus Raum und Zeit verstehen

Schlögel betrachtet lebendige Zeitgenossenschaft nicht als Hindernis, sondern als wesentliche Bedingung objektiver Geschichtsschreibung. Erst durch die eigene Gegenwartserfahrung werde der historische Gegenstand überhaupt konstituiert. Seine Themen entstanden daher häufig aus lebensgeschichtlichen Erfahrungen: aus Begegnungen mit Flüchtlingen, Emigranten und osteuropäischen Dissidenten sowie aus der kritischen Auseinandersetzung mit seiner eigenen politischen Vergangenheit.

Statt Geschichte ausschließlich aus Ideen und Ideologien zu erklären, richtet Schlögel den Blick auf materielle und alltägliche Kultur. Ein wichtiger Zugang ist die Phänomenologie, also die genaue Untersuchung dessen, wie sich Geschichte in der erfahrbaren Welt zeigt. In Moskau lesen deutete er die gebaute Welt und den Stadtraum als Palimpsest: eine von verschiedenen historischen Schichten überlagerte Oberfläche, die entschlüsselt werden kann.

Die Stadt ist bei Schlögel keine bloße Kulisse und auch kein Gegenstand einer engen Lokalgeschichte. Sie fungiert als analytische Meso-Ebene und als geschichtlicher Mikrokosmos. An ihr lassen sich größere politische und gesellschaftliche Entwicklungen konkret beobachten. Die theoretische Grundlage dafür formulierte er in Im Raume lesen wir die Zeit (2003), einer Arbeit über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. In Terror und Traum. Moskau 1937 (2008) erprobte er entsprechende Formen des historischen Erzählens. Ein allgemeines „Narrativ der Gleichzeitigkeit“ blieb als Theorieentwurf unvollendet.

Nach Schlögel sind Bauformen historischen Erzählens nicht hauptsächlich eine Frage von Rhetorik oder literarischem Stil, sondern eine epistemologische Frage, also eine Frage danach, wie historisches Wissen gewonnen und geordnet wird. Der Essay besitzt in seinem Werk deshalb eine zentrale Funktion: Er ist ein vorläufiges und erkundendes Genre. Seine Studien behandelten unter anderem Sankt Petersburg als Zentrum der russischen Moderne (1909–1921), das russische Berlin der Zwischenkriegszeit, Moskau im Jahr des Großen Terrors 1937 und Städte Mittel- und Osteuropas.

Ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur russischen Diaspora führte zu mehreren Veröffentlichungen, darunter Das russische Berlin (1998). Die „Archiv-Revolution“ in Russland erleichterte diese Forschung. Die Unterlagen des Projekts werden im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen verwahrt. An der Viadrina beschäftigte sich Schlögel außerdem mit Zwangsmigrationen und Grenzverschiebungen in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein gemeinsam mit Götz Aly angestrebtes größeres Forschungsprojekt wurde 1996 von Gutachtern der DFG abgelehnt.

Exkursion als wissenschaftliche Methode

Schlögel verstand Reisen und Exkursionen nicht nur als Anschauungsunterricht, sondern als methodisch strenge Formen der Wahrnehmung und wissenschaftlichen Reflexion. Studierende sollten die Welt mit offenen Sinnen und zugleich kritisch und begrifflich reflektiert untersuchen.

Beispiele dafür sind Exkursionen nach Łódź, das 1995 als „Manchester des Ostens“ untersucht wurde, nach Kaliningrad/Königsberg zur Geschichte einer Doppelstadt (1996), nach Lublin, Rzeszów und Zamość zur Kultur des Shtetl (2000), zum Weißmeer-Ostsee-Kanal und nach Solowki als „Klosterinsel und Geburtsort des Gulag“ (2001) sowie nach Sankt Petersburg unter dem Titel „History takes place“ (2003). Auch die Untersuchung der Oder als Kulturraum und ein Stadtforum zur Gestaltung des Stadtraums in Frankfurt (Oder) gehörten zu diesem Ansatz.

Ukraine, Russland und politische Gegenwart

Die Annexion der Krim durch Russland veranlasste Schlögel, sich intensiv mit der Geschichte der Ukraine zu beschäftigen. 2014 wies er die russische Puschkin-Medaille im Zusammenhang mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zurück. Er erklärte, man sei nicht ausreichend auf der Höhe des Verstehens gewesen, um die psychologischen, sozialen und mentalen Triebkräfte im postsowjetischen Russland und bei Wladimir Putin zu erfassen.

2016 kritisierte Schlögel das in Berlin gegründete Dialogue of Civilizations Research Institute. Er wandte sich gegen eine einseitige Konzentration auf deutsch-russische Beziehungen, die andere Völker Osteuropas übergehe, sowie gegen Sentimentalität, Großmachtdenken und die Bereitschaft, einen Krieg in geringer Entfernung von Deutschland auszublenden.

Im Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine seit 2022 kritisierte Schlögel die geschichtspolitische Begründung des Krieges. Putin wolle die Ukraine als eigenständige Nation negieren. Das Konzept der „Russki Mir“, der „russischen Welt“, verstehe er als imperiales und völkisches Konzept, nach dem Russland überall dort ein Recht auf Mitwirkung und Intervention habe, wo Russen lebten oder Russisch gesprochen werde. Putin komme mit dem Zerfall des sowjetischen Imperiums nicht zurecht und berufe sich auf Stalin als Symbol eines zusammengehaltenen Großreichs. Dadurch werde die unverarbeitete imperiale Geschichte Russlands und der Sowjetunion fortgeschrieben, während ihre Aufarbeitung unterdrückt werde.

Forderungen, die Ukraine nicht mit Waffen zu unterstützen und stattdessen Verhandlungen mit Russland zu verlangen, bezeichnete Schlögel als Ausdruck völliger Unkenntnis der Lage. Wer die Krim als russisches Territorium betrachte, legitimiere aus seiner Sicht den Völkerrechtsbruch. Die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine einem Angriff auf Russland gleichzusetzen, sei eine Umkehrung des Verhältnisses von Opfern und Tätern. In seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 kritisierte er außerdem die lange verzerrte deutsche Wahrnehmung von „Putins Russland“. Als mögliche Ursachen nannte er historische Pfadabhängigkeit, kulturelle Affinitäten, Nostalgie und Sentimentalität, Wirtschaftsinteressen und auch Korruption.

Werk und Auszeichnungen

Zu Schlögels wichtigsten Monographien gehören Moskau lesen (1984; veränderte Neuauflage 2011), Der renitente Held (1984), Jenseits des Großen Oktober beziehungsweise Petersburg. Das Laboratorium der Moderne 1909–1921 (1989 beziehungsweise 2002), Die Mitte liegt ostwärts (1985; erweiterte Ausgabe 2002), Im Raume lesen wir die Zeit (2003), Terror und Traum. Moskau 1937 (2008), Grenzland Europa (2013), Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt (2017), Der Duft der Imperien (2020), American Matrix (2023) und Auf der Sandbank der Zeit (2025). Hinzu kommen Herausgaben und Übersetzungen zur russischen Intelligenz, zur russischen Emigration in Deutschland, zu Sankt Petersburg, zu russisch-deutschen Beziehungen und zur russischen Revolution.

Schlögel erhielt unter anderem den Europäischen Essaypreis Charles Veillon (1990), den Anna-Krüger-Preis (1999), den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2004), den Georg-Dehio-Buchpreis (2004), den Lessing-Preis (2005), den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2009), den Preis des Historischen Kollegs (2016), den Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2017), den Preis der Leipziger Buchmesse für Das sowjetische Jahrhundert (2018), das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern (2019), den Gerda Henkel Preis (2024), den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Reuchlin-Preis (beide 2025). 2026 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Ilia-Universität Tbilissi. Am 19. Oktober 2025 wurde ihm in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen; die Laudatio hielt Katja Petrowskaja.

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