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Paulskirche (Frankfurt am Main)

Die Paulskirche in Frankfurt am Main ist ein als Ausstellungs-, Gedenk- und Versammlungsort genutzter ehemaliger Kirchenbau, in dem von 1848 bis 1849 die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und heutige Nutzung
  2. 2. Von der Klosterkirche zum Neubau
  3. 3. Die Nationalversammlung 1848/49
  4. 4. Konflikte, Diktatur und Zerstörung
  5. 5. Wiederaufbau, Demokratieort und Sanierung
  6. 6. Bauform, Ausstattung und Erinnerung

Bedeutung und heutige Nutzung

Die Paulskirche in Frankfurt am Main ist ein ehemaliger evangelischer Kirchenbau und heute ein Ausstellungs-, Gedenk- und Versammlungsort. Ihre besondere Bedeutung beruht darauf, dass dort von 1848 bis 1849 die Frankfurter Nationalversammlung tagte: das erste demokratisch gewählte Parlament für ganz Deutschland. Die von ihr beschlossene Frankfurter Reichsverfassung, auch Paulskirchenverfassung genannt, wurde zum Vorbild für die Weimarer Reichsverfassung von 1919 und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949. Deshalb gilt die Paulskirche als Erinnerungsort der deutschen Demokratie und nationales Symbol.

Der klassizistische Bau entstand von 1789 bis 1833 auf dem Platz der mittelalterlichen Barfüßerkirche. Bis 1944 war er die evangelisch-lutherische Hauptkirche Frankfurts. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude 1947/48 vereinfacht wiederaufgebaut und am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet. Heute finden dort öffentliche Veranstaltungen und Ausstellungen statt; besonders bekannt ist die jährliche Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels während der Frankfurter Buchmesse.

Von der Klosterkirche zum Neubau

Die mittelalterliche Barfüßerkirche war die Kirche eines Franziskanerklosters und wurde erstmals 1270 urkundlich erwähnt. Nach einer nicht erhaltenen Grabinschrift könnte sie bereits 1238 bestanden haben. Sie war zunächst eine einschiffige, ab 1350 eine zweischiffige gotische Bettelordenskirche. Der Chor wurde zwischen 1500 und 1510 neu gebaut; statt eines Turms besaß die Kirche einen Dachreiter.

Mit der Reformation wurde die Barfüßerkirche evangelisch. Seit 1526 fanden dort regelmäßig evangelische Predigten statt, am 18. März 1528 erstmals das Abendmahl unter beiderlei Gestalten. 1529 übergaben sechs der acht verbliebenen Klosterbrüder das Kloster an den Rat der Stadt. Ab 1548 wurde die Kirche als größte der verbliebenen evangelischen Kirchen zur Hauptkirche Frankfurts. Die alte Kirche wurde wegen Baufälligkeit und ihrer beengten Lage 1782 geschlossen und 1786/87 abgebrochen.

Der Neubau nach Plänen von Johann Friedrich Christian Hess begann 1789 und verwendete roten Mainsandstein. Kriege, Geldmangel und kirchenrechtliche Fragen verzögerten die Fertigstellung stark. Erst nachdem die Dotationsurkunde von 1830 die finanzielle Ausstattung der lutherischen Gemeinde geregelt hatte, wurde weitergebaut. Die Einweihung erfolgte am 9. Juni 1833; seit dem Beschluss vom 23. Mai 1833 hieß die Kirche Paulskirche, benannt nach dem Apostel Paulus. Von Ende 1839 bis 1908 diente der Turm zudem dem Physikalischen Verein als Sternwarte; von dort wurden Zeitsignale für Frankfurter Uhren gegeben.

Die Nationalversammlung 1848/49

Während der Deutschen Revolution von 1848 wurde die Paulskirche als größter und modernster Saal Frankfurts für das gesamtdeutsche Parlament ausgewählt. Das Vorparlament bereitete hier vom 31. März bis 3. April 1848 die Wahlen vor. Für die parlamentarische Nutzung wurde der Raum umgestaltet: Schwarz-Rot-Gold schmückte Wände und Fenster, Kanzel und Orgel wurden verdeckt, und am Altarplatz stand nun der Präsidententisch. Über ihm hing ein Germania-Gemälde mit Fahne und Schwert.

Am 18. Mai 1848 trat die Nationalversammlung erstmals zusammen. Sie wird daher auch Paulskirchenparlament genannt. Am 29. Juni 1848 wählte sie Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser, dem ersten von einem Parlament gewählten deutschen Staatsoberhaupt. Wegen einer eingebauten Zentralheizung und Gasbeleuchtung wich das Parlament vom 6. November 1848 bis 9. Januar 1849 für 40 Sitzungen in die deutsch-reformierte Kirche am Kornmarkt aus. Die neue Warmwasser-Fußbodenheizung erreichte bei −8 °R (−10 °C) Außentemperatur 15 °R (18 °C) im Kirchenraum.

Am 28. März 1849 verabschiedete die Nationalversammlung die Frankfurter Reichsverfassung. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnte jedoch die Kaiserwürde ab. Aufstände zur Durchsetzung der Verfassung wurden im Mai 1849, besonders in Baden, mit Waffengewalt niedergeschlagen. Am 31. Mai 1849 beschlossen die verbliebenen Abgeordneten den Umzug nach Stuttgart. Damit endete die Rolle der Paulskirche als Parlamentssitz. Die Kirchengemeinde konnte das Gebäude von März 1848 bis Juni 1852 nicht nutzen.

Konflikte, Diktatur und Zerstörung

Nach der Rückgabe an die Gemeinde blieb die Paulskirche zugleich Gotteshaus und zunehmend nationale Gedenkstätte. Eine große Innenrenovierung 1892/93 brachte Deckengemälde mit den Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel sowie Statuen der vier Evangelisten. In der Weimarer Republik wurden seit 1922 jährlich am 11. August Verfassungsfeiern abgehalten. Die Kirche war damals politisch umstritten, weil sie sowohl für demokratisch-republikanische Kräfte als auch für kirchlich-konservative Gegner der Republik ein Symbol war.

1926 wurde an der Außenfassade ein Denkmal für Reichspräsident Friedrich Ebert enthüllt. Der Kirchenvorstand protestierte dagegen; nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die Statue am 12. April 1933 entfernt. Das Denkmal überstand eingelagert die NS-Zeit, wurde aber nach dem Krieg nicht am ursprünglichen Ort wieder aufgestellt. Richard Scheibe schuf stattdessen eine neue Figur, die am 28. Februar 1950 enthüllt wurde.

Nach 1933 begrüßte die Frankfurter Kirche zunächst die „nationale Revolution“. Der Paulskirchenpfarrer Karl Veidt gehörte jedoch zu den Gegnern des Nationalsozialismus, wurde führend im Pfarrernotbund und in der Bekennenden Kirche und setzte sich gegen die von Deutschen Christen geprägte Kirchenleitung ein. Er wurde strafversetzt, mit Redeverbot belegt und mehrfach inhaftiert, durfte aber nach einem gewonnenen Prozess ab Herbst 1935 wieder an der Paulskirche amtieren.

Beim Luftangriff vom 18. März 1944 geriet das Dach durch Brandbomben in Brand. Weil wegen Druckabfalls in den Hydranten keine Löschschläuche eingesetzt werden konnten, stürzte das Gebälk ein und zerstörte den Innenraum. Von der früheren Ausstattung und derjenigen aus der Zeit der Nationalversammlung blieb fast nichts erhalten.

Wiederaufbau, Demokratieort und Sanierung

Als Symbol der Freiheit und Demokratie wurde die Paulskirche unter Leitung von Rudolf Schwarz, zusammen mit Eugen Blanck, Gottlob Schaupp und Johannes Krahn, früh wieder aufgebaut. Der neue Grundstein wurde am 17. März 1947 gelegt. Spenden kamen aus allen deutschen Besatzungszonen; etwa die Hälfte der bis zur Währungsreform eingegangenen vier Millionen Reichsmark stammte aus Spenden. Wegen Geld- und Materialmangels wurde der Innenraum grundlegend vereinfacht: Ein Zwischenboden schuf ein Untergeschoss als Ausstellungsraum, darüber entstand ein schlichter Versammlungssaal. Das frühere Kuppeldach wurde durch ein flacheres, kupfergedecktes Dach ersetzt.

Seit 1948 ist die Paulskirche keine Gemeindekirche mehr. Die kleinere Alte Nikolaikirche wurde 1949 Gemeindekirche; 1953 wurde die Paulskirche gegen das Dominikanerkloster aus der Dotationsverpflichtung herausgenommen. Die Stadt darf das Kreuz auf dem Gebäude nicht entfernen. Der Saal wird für staatliche und städtische Anlässe genutzt. John F. Kennedy sprach dort am 25. Juni 1963 und nannte sie einen Ort mit besonders begründetem Anspruch auf den Ehrentitel „Wiege der deutschen Demokratie“.

Die Renovierung von 1988 bis 1991 brachte Fenster, die an den Zustand vor 1944 erinnern; das Nachkriegsdach blieb erhalten. Eine Debatte über die Sanierung stellte zwei Auffassungen gegenüber: Eine Rekonstruktion von 1848 würde die Kirche und den historischen Parlamentsraum betonen, der Erhalt des Zustands von 1948 die Nachkriegsmoderne und den demokratischen Neubeginn. Im November 2019 entschied die Frankfurter Ratskoalition, den historisch gewachsenen Wiederaufbau von 1948 zu sanieren. Ergänzend ist in der Nähe ein „Haus der Demokratie“ geplant, dessen Standort und Gestaltung noch unklar sind. Vom 18. bis 21. Mai 2023 wurde das 175-jährige Jubiläum mit einem Paulskirchenfest begangen; die Stadt zählte 250.000 Besucher.

Bauform, Ausstattung und Erinnerung

Die Paulskirche ist ein klassizistischer elliptischer Zentralbau. Die Ellipse misst ungefähr 40 Meter im längsten und 30 Meter im kürzesten Durchmesser. Südlich ist ein dreigeschossiger Turm auf quadratischem Grundriss angebaut; die Traufe liegt 28 Meter hoch. Vor 1944 überspannte ein kuppelförmiges Deutsches Dach einen Tambour von 37 Metern Durchmesser. Der heutige 28 Meter hohe Festsaal ist schlicht und mit parlamentarisch wirkendem Gestühl versehen. Flaggen der Bundesrepublik, der sechzehn Bundesländer und der Stadt Frankfurt bilden den wesentlichen Wandschmuck.

Die heutige Klais-Orgel von 1988 besitzt 45 Register, drei Manuale und ein Pedal. Das Geläut wiegt insgesamt 15.942 kg und ist nach dem Domgeläute das zweitgrößte Frankfurts. Zu ihm gehören unter anderem die Bürgerglocke von 1987, die an Bürger- und Menschenrechte erinnert, sowie die Jubiläumsglocke von 1998 zum 150-jährigen Jubiläum der Nationalversammlung. Die ursprüngliche Christusglocke von 1830 stürzte 1997 ab und wurde vollständig zerstört.

In der Wandelhalle befindet sich das 1989 bis 1991 entstandene, 32 auf drei Meter große Wandgemälde Der Zug der Volksvertreter von Johannes Grützke. Es zeigt in zehn Szenen Parlamentarier und Volk; Robert Blum erscheint als Bezug zu einem konkreten historischen Ereignis. Die Dauerausstellung „Paulskirche – Demokratie, Debatte, Denkmal“ wurde am 28. Juni 2022 eröffnet. Sie behandelt Baugeschichte, Nationalversammlung und Verfassungsgeschichte, Debattenkultur der Bundesrepublik sowie die Zukunft der Paulskirche als Demokratieort.

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