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Jürgen Osterhammel
Jürgen Osterhammel (* 1. Juni 1952 in Wipperfürth) ist ein deutscher Historiker; er war bis zu seiner Emeritierung Professor für Neuere und Neueste …
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Person und wissenschaftliche Bedeutung
Jürgen Osterhammel (* 1. Juni 1952 in Wipperfürth) ist ein deutscher Historiker und gilt als ein führender Vertreter der Globalgeschichte. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz.
Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die europäische und asiatische Geschichte seit dem 18. Jahrhundert, die Geschichte interkultureller Beziehungen und Wahrnehmungen, Ideengeschichte sowie die Geschichte und Theorie der Historiografie und Weltgeschichtsschreibung. Globalgeschichte untersucht dabei Geschichte in weltweiten Zusammenhängen und beschäftigt sich mit Beziehungen, Vergleichen und Verflechtungen über nationale Grenzen hinweg.
Ausbildung und akademischer Werdegang
Osterhammel studierte nach dem Abitur 1970 an der Universität Marburg Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Seit 1974 war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Von Oktober 1976 bis Juni 1978 absolvierte er ein Postgraduierten-Studium am Department of International History der London School of Economics and Political Science. 1976 legte er das erste und 1981 das zweite Staatsexamen ab.
1980 promovierte er bei Richard Lorenz an der Gesamthochschule Kassel mit der Arbeit Britischer Imperialismus im Fernen Osten. Strukturen der Durchdringung und einheimischer Widerstand auf dem chinesischen Markt 1932–1937. Von 1982 bis 1986 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London unter der Leitung von Wolfgang J. Mommsen. Anschließend arbeitete er von 1986 bis 1990 als Akademischer Rat an der Universität Freiburg im Breisgau. Dort habilitierte er sich 1989 mit China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit.
Von 1990 bis 1997 war Osterhammel Professor für Außereuropäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen. 1996/97 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Von 1997 bis 1999 lehrte er am Institut Universitaire des Hautes Études Internationales in Genf auf dem Lehrstuhl für Geschichte der internationalen Beziehungen. Von 1999 bis März 2018 hatte er den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz inne. Seit 2019 ist er Distinguished Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Osterhammel ist mit der Historikerin Sabine Dabringhaus verheiratet.
Besondere Bedeutung hat sein 2009 erschienenes Buch Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, in dem er eine Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts vorlegte. Das Werk wurde in Fachwelt und Öffentlichkeit insgesamt sehr positiv aufgenommen.
Mitgliedschaften und Auszeichnungen
Osterhammel erhielt zahlreiche wissenschaftliche Preise, Mitgliedschaften und Ehrungen. Zu den wichtigsten Stationen gehören:
- 1990: Preis des Verbandes der Historiker Deutschlands für hervorragende Leistungen des wissenschaftlichen Nachwuchses.
- 1996/1997: Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin; 2001 Anna Krüger-Preis des Wissenschaftskollegs zu Berlin.
- 1999: Gleim-Literaturpreis der Stadt Halberstadt.
- 2000: Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
- 2001/2002: Fellow-in-Residence am Netherlands Institute for Advanced Study in Wassenaar.
- 2004: Ordentliches Mitglied der Academia Europaea.
- 2007/2008: Fellow der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München.
- 2009: Preis Geisteswissenschaften International zur Förderung der Übersetzung geisteswissenschaftlicher Literatur sowie NDR Kultur Sachbuchpreis für das beste Sachbuch des Jahres 2009.
- 2010: Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft; außerdem korrespondierendes Mitglied im Ausland der Philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
- 2012: Mitglied der Leopoldina und Träger des Gerda Henkel Preises.
- 2014: Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie korrespondierendes Mitglied der British Academy.
- 2015: Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino.
- 2017: Toynbee Prize, Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste sowie Abt Jerusalem-Preis.
- 2018: Ehrendoktorwürde des Europäischen Hochschulinstituts Florenz und Balzan-Preis für Globalgeschichte.
- 2019: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern.
- 2023: Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst.
- 2025: Ehrendoktorwürde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Zentrale Schriften und Herausgeberschaften
Zu Osterhammels frühen wissenschaftlichen Arbeiten gehören die Dissertation Britischer Imperialismus im Fernen Osten (1983) und die Habilitationsschrift China und die Weltgesellschaft (1989). Weitere wichtige Bücher sind Shanghai, 30. Mai 1925. Die Chinesische Revolution (1997), Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert (1998), Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich (2001), Liberalismus als kulturelle Revolution (2004), Dekolonisation. Das Ende der Imperien (2013) und Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart (2017).
Gemeinsam mit Niels P. Petersson veröffentlichte er Geschichte der Globalisierung. Dimensionen – Prozesse – Epochen (2003; 6., aktualisierte Auflage 2019). Mit Jan C. Jansen verfasste er Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen (1995; 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage 2021). Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts erschien 2009 und in 6. Auflage 2020. Das Buch Die Entzauberung Asiens erschien außerdem auf Englisch als Unfabling the East: The Enlightenment's Encounter with Asia (2018).
Als Herausgeber arbeitete Osterhammel unter anderem mit Wolfgang J. Mommsen, Wilfried Loth, Sebastian Conrad, Boris Barth, David Motadel und Christof Dejung zusammen. Zu den herausgegebenen Werken gehören Imperialism and After (1986), Internationale Geschichte (2000), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004), Zivilisierungsmissionen. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert (2005) und The Global Bourgeoisie: The Rise of the Middle Classes in the Age of Empire.
Gemeinsam mit Akira Iriye gibt Osterhammel die Reihe Die Geschichte der Welt heraus, die seit 2012 erscheint. Die sechs Bände behandeln folgende Zeiträume: Die Welt vor 600. Frühe Zivilisationen; 600–1350. Geteilte Welten; 1350–1750. Weltreiche und Weltmeere; 1750–1870. Wege zur modernen Welt; 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege sowie 1945 bis heute. Die globalisierte Welt.