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Kanonische Exegese

Als Kanonische Exegese (oder Kanonische Schriftauslegung) wird eine Exegese von Bibeltexten bezeichnet, welche „den kirchlich rezipierten Bibelkanon …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Childs’ synchroner Ansatz
  3. 3. Sanders und der geschichtliche Kanonprozess
  4. 4. Deutschsprachige Modelle
  5. 5. Aufnahme durch das katholische Lehramt

Grundidee und Abgrenzung

Kanonische Exegese oder Kanonische Schriftauslegung bezeichnet eine Auslegung von Bibeltexten, die den von einer Glaubensgemeinschaft kirchlich rezipierten Bibelkanon theologisch ernst nimmt und als Auslegungshorizont verwendet. Der Kanon ist die verbindliche Sammlung heiliger Schriften. Als Begründer gilt Brevard S. Childs.

Im Unterschied zur historisch-kritischen Methode, die vor allem die Entstehung eines Textes und seine möglichen Vorstufen untersucht, richtet sich die kanonische Exegese auf den überlieferten Endtext. Sie betrachtet einzelne Stellen im Zusammenhang mit anderen Texten des Kanons. Die Lesenden übernehmen dabei eine aktive Rolle: Sie verbinden die vielfach miteinander verflochtenen Texte, werden aber zugleich durch diese gelenkt. Darin besteht eine Nähe zur Rezeptionsästhetik, die nach der Bedeutung der Lesenden für das Textverständnis fragt.

Der Kanon legt zugleich privilegierte Intertexte fest. Intertexte sind andere Texte, die bei der Auslegung mitgelesen werden. Texte aus der Umwelt des Alten oder Neuen Testaments bleiben in einer streng kanonischen Lektüre dagegen außer Betracht.

Zwei Grundrichtungen sind zu unterscheiden: Childs’ Canonical approach ist vorwiegend synchron, betrachtet also den Text in seiner vorliegenden Gestalt. James A. Sanders’ Canonical criticism kann mit der diachronen historisch-kritischen Exegese verbunden werden, die die geschichtliche Entwicklung eines Textes untersucht. Beide Ansätze wurden hauptsächlich in der alttestamentlichen Forschung aufgenommen. Fragen nach unterschiedlichen Grenzen des jüdischen und christlichen Kanons sowie nach deuterokanonischen beziehungsweise apokryphen Schriften spielen in der deutschsprachigen Diskussion nur eine geringe Rolle; auch der Übergang vom Tanach zum Neuen Testament wird vergleichsweise selten behandelt.

Childs’ synchroner Ansatz

Childs reagierte auf die Krise der Biblischen Theologie in den 1960er Jahren. Die historisch-kritische Forschung rekonstruierte hypothetische Vorstufen biblischer Texte, deren Bedeutung für heutige Leser jedoch schwer zu zeigen war. Außerdem geriet das stark heilsgeschichtliche Geschichtsbild der amerikanischen Forschung durch neue archäologische Erkenntnisse ins Wanken.

Childs kritisierte den Anspruch der historisch-kritischen Exegese auf einen neutralen und objektiven Zugang. Sie bevorzuge als Erbe der Romantik das Ursprüngliche und Individuelle gegenüber dem allgemein rezipierten, kanonischen Text. Der Exeget solle deshalb bewusst innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft stehen und den kanonisierten Endtext als Wort Gottes lesen. Dieser sei unter Leitung des Heiligen Geistes normativ geworden und habe seine Mitte in Jesus Christus.

Childs interessierte sich besonders für den „kanonischen Prozess“: Biblische Traditionen wurden empfangen, bewahrt und weitergegeben, und dieser Vorgang ist bereits innerhalb der Bibel zu erkennen. Weniger wichtig war ihm die spätere kirchliche Festlegung des genauen Umfangs des Kanons. Obwohl er Allegorese ablehnte, maß er der vorkritischen Rezeptionsgeschichte große Bedeutung bei. Sein kirchlicher Standpunkt führte teilweise zu problematischen „als ob“-Deutungen: Deuteropaulinische Briefe sollten etwa so ausgelegt werden, als hätte Paulus sie geschrieben, obwohl ihre andere historische Herkunft bekannt war.

Die Zusammengehörigkeit des Alten und Neuen Testaments ergab sich für Childs aus der reformierten Bundestheologie. Im Alten Testament legte er die Endgestalt der Biblia Hebraica Stuttgartensia zugrunde und berücksichtigte die Septuaginta nicht. Dafür vertrat er die umstrittene Minderheitsposition, der Kanon der Hebräischen Bibel sei bereits um 100 v. Chr. abgeschlossen gewesen. Im Neuen Testament arbeitete er dagegen traditionsgeschichtlich.

In seinem Exoduskommentar von 1974 verwendete Childs sechs Arbeitsschritte: Übersetzung mit philologischen Anmerkungen; literarische, formkritische und traditionskritische Beobachtungen; Einordnung in das gesamte Alte Testament; Einordnung in das Neue Testament; Forschungsgeschichte; schließlich theologische Auslegung im Horizont des christlichen Bibelkanons.

Kritiker bemerkten, dass Childs damit selbst herkömmliche diachrone Methoden und deren Ergebnisse verwendete. Sein Verhältnis zum Methodenpluralismus blieb uneinheitlich: Teilweise ließ er mehrere Methoden gelten, teilweise verlangte er einen strikt synchronen Zugang. Auch die philosophischen Grundlagen seiner kanonischen Intertextualität klärte er nicht eindeutig.

Sanders und der geschichtliche Kanonprozess

James A. Sanders wurde besonders durch die Schriftrollen vom Toten Meer geprägt. Er edierte die Große Psalmenrolle aus Qumran, ein Arrangement biblischer und außerbiblischer Psalmen. Während Childs unter „Kontext“ hauptsächlich den literarischen Zusammenhang verstand, meinte Sanders meist den historischen Kontext.

Sanders kritisierte Childs’ Entscheidung für den Masoretischen Text als maßgeblichen Endtext. Dieser sei ein „sehr rabbinischer Text“, mit dem das Christentum erst spät in Berührung gekommen sei. Für das Neue Testament war dagegen die Septuaginta, also die alte griechische Übersetzung jüdischer Schriften, die Heilige Schrift.

In Torah and Canon (1972) untersuchte Sanders, mit welchen Hermeneutiken Glaubensgemeinschaften die Bibel lesen und inwiefern diese Auslegungsweisen bereits in den Texten angelegt sind. Eine theozentrische, auf Gott ausgerichtete Lektüre im Horizont des eigenen Monotheismus festige die Überzeugung, Gott sei Herr über die gesamte Wirklichkeit.

In Canon and Community. A Guide to Canonical Criticism (1984) erklärte Sanders den Canonical criticism ausdrücklich für vereinbar mit anderen exegetischen Methoden. Er solle diese nicht ersetzen, sondern ergänzen. Der kanonische Prozess ist für Sanders zugleich ein geschichtlicher Auslegungsprozess: Das antike Israel nahm seine heiligen Texte kreativ auf und wandte sie durch Fortschreibungen auf neue Situationen an. Diese Verbindung von Kanonforschung und Redaktionsgeschichte beeinflusste unter anderem den Psalmenkommentar von Erich Zenger und Frank-Lothar Hossfeld sowie redaktionskritische Arbeiten von Odil Hannes Steck, Klaus Koenen und Norbert Lohfink.

Deutschsprachige Modelle

Erich Zenger entwickelte seinen Ansatz im Zusammenhang mit dem jüdisch-christlichen Dialog. Er unterschied die dreiteilige jüdische Bibel, den Tanach, vom vierteiligen christlichen „Ersten Testament“. Die jeweilige Anordnung der Bücher versteht er als theologisches Programm und Leseanweisung. Im Tanach erzeugen die Randtexte der drei Teile eine „Tora-Perspektive“: Propheten und poetische Bücher werden auf die Tora bezogen. Im christlichen Kanon erkennt Zenger dagegen eine „Propheten-Perspektive“. Auf die Tora als „Ur-Offenbarung“ folgen Büchergruppen nach dem Schema Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft. Das Schlusswort Maleachis, Mal 3,22–24, bildet dabei die Überleitung zum Neuen Testament. Weil Johannes der Täufer dort als der angekündigte Elija verstanden wird, werden beide Testamente miteinander verbunden.

Norbert Lohfink machte 1996 den Tod des Mose am Ende des Deuteronomiums zum Schlüssel für das Verständnis des Kanons. Das Ende der Tora bilde eine tiefe Zäsur; alle anderen Textkomplexe könnten sich unmittelbar auf die Tora zurückbeziehen. Deshalb seien Unterschiede zwischen hebräischem und griechischem Kanon hinsichtlich Buchzahl und Anordnung weniger wichtig. Anders als Zenger erkannte Lohfink im Septuaginta-Kanon keine besondere Ausrichtung auf Propheten und Endzeiterwartung. Auch das Neue Testament verstand er als Kommentar zur Tora, allerdings als definitiven Kommentar. Analog dazu seien die Evangelien ein „Basistext mit Urgeschichtscharakter“, zu dem die weiteren neutestamentlichen Schriften als Kommentare hinzutreten. Offen bleibt, was geschieht, wenn Leser die Zäsur nach dem Deuteronomium durch andere Gliederungen überlagern, etwa durch den Oktateuch der Septuaginta oder die Gruppe der „Geschichtsbücher“ in der Lutherbibel.

Christoph Dohmen spricht von der „Prae-Position“ der Bibel Israels vor dem Neuen Testament. Daraus leitet er eine zweistufige Leseordnung ab: Zuerst soll das Alte Testament für sich und ohne neutestamentliche Deutung gelesen werden. Danach ist es im Licht des Christusereignisses erneut zu lesen. So berücksichtigt er den „doppelten Ausgang des Alten Testamentes in Judentum und Christentum“. Kanonische und historisch-kritische Exegese erfüllen dabei verschiedene Aufgaben: Die synchrone kanonische Exegese fragt, was dasteht, und führt „in die Welt des Textes“; die diachrone historisch-kritische Exegese erklärt die Entstehung und führt „hinter die Welt des Textes“.

Georg Steins verbindet kanonische und moderne intertextuelle Lektüre. Die Struktur des Tanach oder des christlichen Kanons sei nicht einfach als Endpunkt eines zielgerichteten Prozesses zu verstehen. Absichten von Tradenten, Redaktoren und Editoren seien bei der Entstehung zu beachten, sollten die Lektüre aber nicht beherrschen. Ziel ist ein fortgesetztes „Sich hin-und-her-Bewegen“ im „Raum der Schrift“. Dieser Raum bevorzugt kanonische Beziehungen und schließt andere aus: Verbindungen zwischen Enuma Eliš und Gen 1 oder mögliche Einflüsse des Thomas-Evangeliums auf die Evangelien gelten in dieser Perspektive als irrelevant. Steins nimmt bewusst einen katholisch-konfessionellen Standpunkt ein. Kritisch wird eingewandt, dies mache Exegese zu einer kirchlichen Disziplin und erschwere den Austausch mit anderen Kulturwissenschaften.

Ludger Schwienhorst-Schönberger möchte die historisch-kritische Methode in die traditionelle kirchliche Bibelhermeneutik einordnen. Der Exeget gewinne Wahrheit nicht allein historisch-induktiv, sondern lese die Bibel „im Licht der Wahrheit“. Das Verständnis einzelner Texte setze eine Erfassung des Ganzen der Schrift voraus, die in den Grundvollzügen der Kirche kennengelernt werde.

Aufnahme durch das katholische Lehramt

Die Päpstliche Bibelkommission empfahl in Die Interpretation der Bibel in der Kirche (1993), den synchronen kanonischen Zugang mit der diachronen historisch-kritischen Methode zu verbinden. Die historisch-kritische Methode wurde als für echtes Bibelverständnis unverzichtbar bezeichnet und sollte nicht ersetzt, sondern ergänzt werden. Bereits Dei verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 hatte die Einheit der ganzen Schrift als Grundprinzip theologischer Exegese bezeichnet. Nach der Bibelkommission versucht der kanonische Zugang, jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes einzuordnen und so die Heilige Schrift für die Gegenwart zu aktualisieren.

Joseph Ratzinger kritisierte 1989 als Präfekt der Glaubenskongregation philosophische Vorentscheidungen, die er in der formgeschichtlichen Arbeit Martin Dibelius’ und Rudolf Bultmanns erkannte, besonders eine reductio historiae in philosophiam, also die Rückführung der Geschichte auf Philosophie. Er verlangte eine stärkere synchrone, rezeptionsgeschichtlich und kirchlich orientierte Lektüre mit einer „Hermeneutik des Einverständnisses und der Sym-Pathie“.

In Jesus von Nazareth (2007–2012) verband Ratzinger als Papst Benedikt XVI. historisch-kritische und kanonische Exegese. Die kanonische Auslegung lese Einzeltexte in der Ganzheit der Bibel und führe die historische Methode „organisch weiter“. Einzeltexte erscheinen dadurch in neuem Licht und verändern ihrerseits das Verständnis des gesamten Kanons. Wiederholte „Relectures“, also Neulesungen älterer Texte in neuen Situationen, bilden eine hermeneutische Spirale.

Benedikt zufolge ist diese Verbindung möglich, weil die historisch-kritische Methode von sich aus für Ergänzungen offen sei. Sie erschließe Entstehungsgeschichte und Anfangssinn der Texte als menschliches Wort, könne darin aber auch einen „Mehrwert“ sowie Gegenwarts- und Zukunftsbezüge wahrnehmen. Die Entstehung der einen Schrift zeige sich als fortlaufender Prozess von Neulesen, Korrigieren, Vertiefen und Erweitern, durch den bereits angelegte Möglichkeiten der Texte hervortreten.

Ruth Scoralick bezweifelt allerdings, dass Jesus von Nazareth einen geeigneten Eindruck von kanonischer Exegese vermittelt. Das Werk sei vielmehr eine geistliche Lektüre, die dem Anliegen kanonischer Exegese nicht im vollen Sinn folge.

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