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Goldberg-Variationen
Die Goldberg-Variationen sind ein Werk Johann Sebastian Bachs (BWV 988) für Cembalo. Im von Bach selbst veranlassten Erstdruck aus dem Jahr 1741 wurde es …
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Werk und Grundidee
Die Goldberg-Variationen (BWV 988) sind ein Werk Johann Sebastian Bachs für Cembalo und gelten als Höhepunkt der barocken Variationskunst. Der von Bach veranlasste Erstdruck erschien 1741 unter dem Titel „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“. Die Haupttonart ist G-Dur.
Das Werk beruht nicht hauptsächlich auf der Melodie der Aria, sondern auf ihrer 32-taktigen Bass- und Harmoniefolge. Dieses gemeinsame Bassfundament verbindet die einzelnen Sätze, obwohl jede Variation einen eigenen Charakter besitzt. Der Gesamtaufbau ist planvoll und symmetrisch: Unterschiedliche Satztypen, Tempi, Taktarten, Tongeschlechter, Spielweisen und polyphone Verfahren werden in eine regelmäßig geordnete Folge gebracht.
Aufbau und musikalische Ordnung
Auf die einleitende Aria folgen 30 Variationen, die in zwei Teile zu je 16 Sätzen gegliedert sind. Die Aria wird am Ende als „Aria da Capo è Fine“ wiederholt, im Erstdruck jedoch nicht noch einmal abgedruckt.
Die Variationen sind in zehn Dreiergruppen angeordnet. In jeder Gruppe stehen zwei freie Variationen und danach ein Kanon beziehungsweise am Schluss ein Quodlibet. Jede dritte Variation ist grundsätzlich ein zweistimmiger Intervallkanon. Das Intervall zwischen den imitierenden Stimmen wächst von der Prime beziehungsweise dem Einklang über Sekunde, Terz, Quarte und weitere Intervalle bis zur None. Die 16. Variation ist eine französische Ouvertüre und markiert den Beginn des zweiten Teils.
Die 30. Variation durchbricht die regelmäßige Anordnung: Anstelle eines Dezimenkanons steht ein Quodlibet, in dem zwei Volksliedmelodien kontrapunktisch miteinander verbunden werden. Die Symmetrie des Zyklus bildet damit ein festes Gerüst für sehr unterschiedliche musikalische Gestalten.
Entstehung, Aria und Bassfundament
Die genaue Entstehungszeit ist unbekannt. Das Werk wurde im Herbst 1741 in Nürnberg von Balthasar Schmid (1705–1749) gestochen und verlegt. Bachs Autograph ist nicht erhalten. 1975 wurde in Straßburg jedoch sein persönliches Handexemplar des Erstdrucks entdeckt. Es enthält Korrekturen, zusätzliche Vortrags- und Verzierungshinweise sowie 14 eigenhändige Kanons über die ersten acht Fundamental-Noten der Aria (BWV 1087). Möglicherweise plante Bach eine Neuauflage.
Die Bezeichnung „Goldberg-Variationen“ entstand erst im 19. Jahrhundert. Sie geht auf Johann Nikolaus Forkels Bericht von 1802 zurück, wonach Bach das Werk für den Grafen Hermann Carl von Keyserlingk geschrieben habe und dessen Cembalist Johann Gottlieb Goldberg es in schlaflosen Nächten vorspielen sollte. Der Wahrheitsgehalt dieser Anekdote ist umstritten: Der Erstdruck enthält keine Widmung an Keyserlingk, und Goldberg war 1740 erst 13 Jahre alt. Sicher ist dagegen, dass das Werk wahrscheinlich als Teil und möglicherweise als krönender Abschluss der Clavier-Übung geplant war; auch dafür besteht jedoch keine völlige Sicherheit.
Die Aria ist eine zweiteilige Form (forma bipartita) aus zwei wiederholten Abschnitten von jeweils 16 Takten. Sie entspricht dem Typ einer gravitätischen Sarabande und besitzt eine reich ausgeschriebene Ornamentik nach französischer Manier. Ihre Herkunft ist umstritten. Sie wurde von Anna Magdalena Bach ohne Titel in ihr zweites Notenbüchlein eingetragen; die Niederschrift wird ungefähr zwischen 1735 und 1741 datiert.
Die Aria und die meisten Variationen lassen sich auf 32 Fundamental-Noten zurückführen. Die 32 Takte gliedern sich in vier Abschnitte mit Kadenzen: Takte 1–8 führen nach G, 9–16 nach D, 17–24 nach e und 25–32 wieder nach G. In einzelnen Variationen treten zusätzliche harmonische Mittel wie Zwischendominanten, Ausweichungen und der neapolitanische Sextakkord auf. In den Mollvariationen verändert sich das Grundschema zu g–D–Es–g. Bach verwendet das Bass- und Harmoniegerüst freier und variabler als viele frühere Variationskomponisten.
Kanons, Polyphonie und stilisierte Formen
Die Kanons sind eine besondere Formschöpfung Bachs ohne direktes Vorbild. Alle Kanons sind zweistimmig; außer beim Kanon in der None wird das Stimmenpaar von einer dritten, der Aria verpflichteten Bassstimme begleitet. Variatio 12 enthält einen Umkehrungskanon in der Unterquarte, Variatio 15 einen Umkehrungskanon in der Oberquinte.
Auch die nichtkanonischen Sätze sind stark von Polyphonie geprägt und können als frei imitierend bezeichnet werden. Variatio 1, 8, 11 und 17 stehen in der Art von Inventionen oder Duetten. Fugenartige Verfahren erscheinen in der Fugetta der Variatio 10 und im Fugato der Variatio 16. Dem Stile antico, also der älteren polyphonen Vokalmusik mit großen Notenwerten und häufigem Alla-breve-Takt, folgen unter anderem Variatio 10, 18 und 22. Freie Polyphonie ohne festes überliefertes Schema findet sich beispielsweise in Variatio 4 und 19.
Mehrere Variationen stilisieren bekannte Formen und Gattungen: Variatio 1 erinnert an eine Polonaise, Variatio 4 an ein Passepied, Variatio 7 an eine französische Gigue vom Canarie-Typ und Variatio 11 an eine italienische Giga. Variatio 2 ähnelt dem Satz einer Corelli’schen Triosonate, Variatio 10 ist eine periodisch gebaute Fughetta, Variatio 13 ein ornamentiertes Arioso im Stile monodico und Variatio 16 eine französische Ouvertüre. Variatio 19 und 27 sind Menuette, Variatio 26 eine stilisierte Sarabande, Variatio 29 eine Toccata im italienischen Stil.
Zu den Bravourstücken mit Handüberschlag und Handkreuzung gehören Variatio 5, 14, 20, 23 und 28. Sie können als Hommage an Domenico Scarlatti verstanden werden, dessen Essercizi 1738 gedruckt erschienen.
Mollvariationen, Quodlibet und Handexemplar
Die drei g-Moll-Variationen 15, 21 und 25 bilden einen besonderen Ausdrucksbereich innerhalb des Zyklus. Dissonanzenreiche Chromatik und zahlreiche Vorhalte erzeugen einen klagenden Charakter. In Variatio 21 und 25 führt eine chromatisch ausgefüllte absteigende Quarte im Bass zum Lamento und zum affectus tristitiae, dem Affekt der Traurigkeit. Variatio 15 enthält besonders viele solcher „Seufzer“.
Das Quodlibet der Variatio 30 verbindet zum Bassfundament Bruchstücke der Volkslieder „Ich bin so lang nicht bei dir g(e)west, ruck her, ruck her, ruck her“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“. Obwohl ein Quodlibet allgemein mit spontanem, oft humorvollem Zusammensingen verschiedener Texte verbunden ist, ist dieser Satz vollständig ausgearbeitet und keine Improvisation. Die Kraut-und-Rüben-Melodie steht in Beziehung zur traditionellen Bergamasca, einer seit 1570 belegten Melodie, die zusammen mit einem ostinaten Bass häufig als Variationsthema verwendet wurde. Bach kannte entsprechende Werke von Frescobaldi und Buxtehude.
Das 1975 entdeckte Handexemplar enthält neben Korrekturen und zusätzlichen Angaben 14 Kanons über die ersten acht Fundamental-Noten der Aria. Dieselben acht Noten erscheinen auch auf dem Blatt des Bach-Porträts von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1746, auf dem der „Canon triplex a 6 Voc.[ibus]“ steht.
Musikgeschichtliche Bedeutung, Ausgaben und Interpretation
In den Goldberg-Variationen verbinden sich italienische, französische und deutsche Traditionen der Clavier-Musik mit Verfahren der vokalen und instrumentalen Ensemblemusik. Das Werk reicht von Volksliedmelodien bis zu gelehrter Polyphonie und von gesanglichen Sätzen bis zu virtuosen, ganz aus den Möglichkeiten des Tasteninstruments entwickelten Formen. Seine Bedeutung liegt in der Verbindung von kunstvoller Ordnung, kontrapunktischer Technik und großer stilistischer Vielfalt.
Nach dem Erstdruck von 1741 erschienen weitere Drucke ab 1804. In vielen Ausgaben wurde der Notentext für das Pianoforte mit nur einer Klaviatur verändert. Carl Czernys Ausgabe von 1840 enthielt Fingersätze. Josef Gabriel Rheinberger bearbeitete das Werk zwischen 1880 und 1885 für zwei Klaviere; Max Reger revidierte diese Bearbeitung 1913 und ergänzte Angaben zu Dynamik, Artikulation und Tempo. Ferruccio Busoni wollte das Werk 1914 für den Konzertsaal einrichten und schlug unter anderem die Streichung von Wiederholungen und mehreren Kanons vor. Die Bach-Gesamtausgaben führten dagegen zur wissenschaftlichen Sicherung des Notentextes; nach dem Fund des Handexemplars wurde dies in der Neuen Bach-Ausgabe unter Christoph Wolff vorläufig erreicht.
Das Werk ist für ein zweimanualiges Cembalo komponiert und gilt als eine der schwierigsten Tastenkompositionen Bachs. Die Übertragung auf ein Klavier mit nur einem Manual erfordert fortgeschrittene Spieltechniken, etwa Oktavversetzungen und andere Anpassungen. Es gibt Bearbeitungen und Einspielungen für zahlreiche Besetzungen, darunter Orgel, Akkordeon, Streicher, Flöten, Gitarre, Blechbläser und Cimbalom. Internationale Bekanntheit erlangte besonders Glenn Gould durch seine Einspielung auf einem Konzertflügel von 1956; daneben existieren zahlreiche weitere Cembalo- und Klavieraufnahmen.