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Sumer is icumen in
Sumer is icumen in (Der Sommer ist gekommen) ist der bekanntere mittelenglische Titel eines Kanons, der von der Forschung allgemein als das älteste in der …
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Bedeutung und Überlieferung
Sumer is icumen in („Der Sommer ist gekommen“) ist ein mittelenglischer Ringkanon (rota), also ein mehrstimmiges Stück, bei dem dieselbe Melodie nacheinander von mehreren Stimmen eingesetzt wird. Die Forschung erkennt ihn allgemein als das älteste überlieferte Beispiel dieser Kompositionstechnik in der europäischen Musikgeschichte an. Er ist zudem das älteste bekannte sechsstimmig gesetzte Musikstück. Seine Bedeutung liegt auch darin, dass ein weltlicher englischer Liedtext neben einem geistlichen mittellateinischen Text überliefert ist und dass das Stück einen sehr frühen, für heutige Hörer harmonisch wirkenden Klang zeigt.
Die erste erhaltene Niederschrift steht in MS Harley 978, fol. 11v, heute in der British Library. Der Codex gehörte ursprünglich zur Abtei Reading; als wahrscheinlicher Entstehungsort der Handschrift gilt Oxford, weil Reading kein eigenes Skriptorium hatte. Daher heißt das Werk auch „Reading rota“. Rota bedeutet lateinisch „Rad“ und bezeichnet hier, wie englisch round, einen Ringkanon. Der weltliche englische Text ist im sonst religiös geprägten Codex der einzige weltliche und zugleich der einzige englischsprachige Text.
Die Handschrift entstand in den letzten Jahren des 13. Jahrhunderts, die Komposition wird heute wieder überwiegend in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert. Frühere Datierungen um 1230 und Manfred Bukofzers spätere Datierung wurden jeweils revidiert beziehungsweise weitgehend widerlegt. Bibliothekskunde, Sprachgeschichte des Mittelenglischen und die verwendete Notation liefern bis heute kein völlig eindeutiges Ergebnis. Der Komponist gilt als anonym. Die gelegentliche Zuschreibung an W. de Wycombe ist nicht wissenschaftlich abgesichert; ebenso ist offen, ob Musik und beide Texte von derselben Person stammen.
Notation, Klang und Kanonprinzip
Die Notation folgt im Wesentlichen der schwarzen beziehungsweise frankonischen Mensuralnotation, dem im 13. Jahrhundert verbreiteten System zur Aufzeichnung musikalischer Zeitwerte. Ungewöhnlich sind die roten Notenlinien und Systeme mit meist sechs, in Zeile 6 sogar sieben Linien statt der damals üblichen fünf. Eine Mensur, die ungefähr einer modernen Taktangabe entspricht, ist nicht vorgezeichnet: Das dreiteilige Metrum galt damals als Normalfall. Der C-Schlüssel liegt ungefähr in der Position eines heutigen Tenorschlüssels.
Das vorgezeichnete „b“ ist als B molle zu verstehen. Es verweist auf das hexachordum molle als tonalen Bezugsrahmen. Das Werk als „in F-Dur“ zu bezeichnen, wäre trotz eines entsprechenden modernen Höreindrucks anachronistisch, weil F-Dur erst viel später als Tonartbegriff entstand.
In der Handschrift sind drei Stimmen notiert: die Kanonmelodie und zwei Begleitstimmen, pedes („Füße“), die durch Stimmtausch miteinander verbunden sind. Ein rotes Kreuz über lhude ist das signum congruentiae: Erreicht eine Stimme diese Stelle, beginnt die nächste mit der Melodie. So können vier Kanonstimmen aus einer einzigen notierten Melodie hervorgehen; zusammen mit den zwei pedes ergibt dies sechs Stimmen. Diese einstimmige Aufzeichnung eines Kanons ist hier erstmals musikgeschichtlich belegt und bis heute üblich.
Die Oberstimmen imitieren einander und verwenden häufig Terzen und Sexten, damals modern wirkende klangvolle Intervalle. Mit den pedes entsteht für heutige Ohren ein Eindruck von Harmonik: Die Klänge scheinen zwischen F-Dur und g-moll zu wechseln, was modern als Verhältnis von Tonika und Subdominante gehört werden kann. Diese harmonische Denkweise war dem Mittelalter jedoch noch fremd. Das Stück knüpft an die Ars antiqua, etwa Pérotins Organum Sederunt principes, an, erreicht aber eine besonders volle Klangwirkung.
Aufführung und musikalische Form
Die Handschrift enthält eine ausführliche Aufführungsanweisung. Den Kanon können vier Gefährten singen; weniger als drei oder wenigstens zwei Kanonstimmen sollen es nicht sein, zusätzlich zu den Personen, die die pedes singen. Zunächst beginnt ein Sänger gemeinsam mit den beiden pes-Stimmen. Sobald er die erste Note nach dem Kreuz erreicht, setzt der nächste Sänger ein; weitere Stimmen folgen nach demselben Prinzip. Pausen dürfen nur an den eingetragenen Stellen und jeweils für die Dauer einer Longa gemacht werden.
Pes 1 wird von einer Person so oft wie nötig wiederholt und endet jeweils mit einer Pause. Pes 2 wird von einer anderen Person gesungen, pausiert in der Mitte und beginnt am Ende sofort wieder von vorn. Die Existenz dieser Anleitung wird als Hinweis auf einen namentlich unbekannten Komponisten verstanden; ihre umständliche Erklärung zeigt zugleich, dass Ringkanons den Zeitgenossen offenbar noch wenig vertraut waren.
Das Manuskript nennt die Form selbst rota. Zugleich besitzt das Stück Eigenschaften eines rondellus: Bei dieser Form setzen beteiligte Stimmen gleichzeitig ein, was hier durch Kanonmelodie und zwei pedes teilweise gegeben ist. Der zeitlich gestaffelte Einsatz der Kanonstimmen spricht aber entscheidend für die rota. Weitere Zuordnungen zu mittelalterlichen Liedformen bleiben wegen der sehr begrenzten englischen Quellenlage unsicher; viele klösterliche Handschriften wurden unter Heinrich VIII. vernichtet.
Der englische Text und seine Deutung
Der mittelenglische Text schildert die wiederbelebte Natur: „Sumer is icumen in“ bedeutet „Der Sommer ist gekommen“. Saat wächst, Wiesen grünen, Gehölz schlägt aus, und der Kuckuck soll laut singen. Es folgen Tierlaute und -bewegungen: Das Mutterschaf blökt nach dem Lamm, die Kuh muht nach dem Kalb; „Bulluc sterteþ, bucke uerteþ“ wird in der deutschen Übersetzung des Artikels als „Der Ochse rührt sich, der Bock furzt“ wiedergegeben. Die beiden pedes wiederholen jeweils „Sing cuccu“ in leicht unterschiedlicher Reihenfolge.
Moderne Bearbeitungen schreiben die erste Zeile oft als „Summer is a-coming in“. Das verändert jedoch zwei Punkte: icumen bedeutet „gekommen“, nicht eine Verlaufsform wie „a-coming“, und sumer müsste für eine Deutung als Frühlingslied eine Bedeutungsverschiebung erfahren haben. Als Erklärung wird angeführt, dass der 1. Mai im Mittelalter als Sommeranfang galt. Besonders umstritten ist bucke uerteþ. Bei bucke kommen Ziegenbock, Rehbock oder Hirsch in Betracht. Uerteþ wird entweder mit dem aus dem Altenglischen belegten feortan verbunden oder als Umdeutung von lateinisch vertere verstanden, also als unruhiges Hin- und-her-Bewegen und damit als Synonym zu sterteþ.
Traditionell zählt man den Text zur reverdie, einem ursprünglich französischen Gedichttypus über das Wiederaufleben der Natur im Frühling. Eine neuere, von G. H. Roscow vertretene Gegenposition liest ihn ironisch oder zynisch: Kuckuck, Jahreszeit und Sprache seien für eine reverdie geradezu unpassend. Der Kuckuck könne als Brutparasit negativ gedeutet werden, sein wiederholter Zweitonruf als banal. Wenn alle sechs Stimmen erklingen, überlagern sich zudem musikalisch die Textstellen zu blökenden, muhenden und gegebenenfalls flatulierenden Tieren. Der Artikel stellt diese Deutungen als kontrovers dar, nicht als entschieden.
Der lateinische Text und spätere Bedeutung
Neben dem englischen Text steht Perspice christicola, ein geistlicher mittellateinischer Text. Er ruft den „Christenmensch[en]“ dazu auf, die Würdigung des himmlischen Winzers zu erkennen: Wegen der Fehler des Weinstocks gebe er seinen Sohn dem Tod preis; dieser schenke den halbtoten Gefangenen durch die eigene Hinrichtung Leben und kröne sie mit sich auf dem Himmelsthron. Christicola ist als χρicola abgekürzt; Chi und Rho bilden traditionell das Christusmonogramm.
Der Text bezieht sich auf die Kreuzigung Jesu. Einige Musikwissenschaftler sehen darin eine Verbindung zur Frühlings- beziehungsweise Osterthematik des englischen Textes, doch beide Texte erscheinen inhaltlich und formal weitgehend unabhängig. Perspice christicola passt häufig nicht zum trochäischen Versmaß des englischen Textes und zum rhythmischen Modell der Melodie, Longa-Brevis („lang-kurz“). Ernest Sanders vermutet deshalb, wie frühere Interpreten, der lateinische Text könne nachträglich eingefügt worden sein, um die Aufnahme des Kanons in die religiöse Handschrift zu rechtfertigen. Dafür verweist er auch auf dessen sprachliche und literarische Qualität sowie darauf, dass keine eigenen Worte für die beiden pedes vorhanden sind.
Später wurde der Kanon vielfach als heiteres Frühlingslied und Sinnbild des „Merrie England“ aufgenommen. Beispiele sind Ezra Pounds Winter-Parodie in Ancient Music (1902), Benjamin Brittens Zitat der Melodie im Finale der Spring Symphony op. 44 (1949) und Carl Orffs Bearbeitung Rota für Knabenchor und Instrumentalensemble, uraufgeführt am 26. August 1972 zur Eröffnung der XX. Olympischen Sommerspiele. Wegen der schlechten Quellenlage wirkt das Werk wie ein Einzelfall; die Forschung nimmt jedoch an, dass es eher auf eine bereits vor seiner Entstehung hochentwickelte Musikkultur hinweist.