Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kalifat

Ausbreitung unter dem Propheten Mohammed, 622–632 · Ausbreitung unter den vier „rechtgeleiteten Kalifen“, 632–661 · Ausbreitung unter den Umayyaden, 661–750 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und frühe Nachfolge
  2. 2. Umayyaden und Abbasiden
  3. 3. Rivalen und Theorie des Kalifats
  4. 4. Schattenkalifat und Osmanen
  5. 5. Neuordnung nach 1914
  6. 6. Ägyptische Pläne und heutige Lage

Grundidee und frühe Nachfolge

Ein Kalifat ist die Herrschaft, das Amt oder das Reich eines Kalifen. Der Kalif gilt als „Nachfolger“ oder „Stellvertreter des Gesandten Gottes“ und verbindet in dieser islamischen Regierungsform weltliche und geistliche Führerschaft. Schon Mohammeds Staat in Medina war theokratisch geprägt: Mohammed war religiöser Führer und politischer Herrscher zugleich. Der Titel „Stellvertreter Gottes“ wurde seit den ab 661 regierenden Umayyaden verwendet, ist aber unter vielen Muslimen umstritten, weil nach Sure 112 kein Mensch Gott gleich sein könne.

Nach Mohammeds Tod im Juni 632 war weder ein Nachfolger bestimmt noch ein Wahlverfahren festgelegt. In Medina kam es zu schweren Konflikten zwischen den mekkanischen Muhādschirūn und den medinischen Ansār. Um eine Spaltung zu verhindern, unterstützte ʿUmar ibn al-Chattāb Abū Bakr, der schließlich als erster Kalif anerkannt wurde. Abū Bakr lehnte den Titel „Stellvertreter Gottes“ ab und bezeichnete sich als „Nachfolger des Gesandten Gottes“.

Die ersten vier Kalifen gelten in der sunnitischen Tradition als die „rechtgeleiteten Kalifen“: Abū Bakr, ʿUmar ibn al-Chattāb, ʿUthmān ibn ʿAffān und ʿAlī ibn Abī Tālib. Unter ʿUmar begann die islamische Expansion nach Syrien, Mesopotamien und Ägypten. ʿUthmān ließ den Koran endgültig abfassen, wurde aber 656 von aufständischen Muslimen ermordet. Unter ʿAlī kam es zum Konflikt mit Muawiya, dem Statthalter von Syrien. Nach der Schlacht von Siffin spalteten sich die Charidschiten ab; 661 wurde ʿAlī von einem ihrer Anhänger ermordet. Sein Sohn Hasan verzichtete später auf seinen Anspruch.

Umayyaden und Abbasiden

Mit den Umayyaden verlagerte sich das Zentrum des Kalifats nach Syrien. Unter Abd al-Malik und al-Walid I. erreichte das Kalifat zu Beginn des 8. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung: erobert wurden unter anderem der Maghreb, die Iberische Halbinsel, Transoxanien und das Industal. Die Legitimität der Umayyaden blieb jedoch umstritten. Manche Überlieferungen stellten ihre Herrschaft nicht als echtes Kalifat, sondern als Königtum dar. Ein Hadith formulierte: „Das Kalifat dauerte dreißig Jahre, darauf folgten Königtum und Emirat.“ Andere Traditionen betonten, das Kalifat liege bei den Quraisch.

749 stürzten die Abbasiden die Umayyaden und errichteten ein neues Kalifat mit Zentrum im Irak. Al-Mansūr gründete 762 Bagdad als neue Hauptstadt. Unter Harun ar-Raschid wurde Bagdad zu einer reichen Metropole und zu einem Zentrum von Kultur und Naturwissenschaften. Im frühen 9. Jahrhundert erreichte das abbasidische Kalifat seine Blütezeit.

Danach verloren die Kalifen zunehmend reale Macht. Wesire, Beamte, Heerführer und regionale Herrscher bestimmten die Politik. Seit dem 9. Jahrhundert entstanden Emirate, die den Kalifen in Bagdad nur noch formal anerkannten. Mitte des 10. Jahrhunderts wurden die Abbasiden auch in Bagdad politisch entmachtet und standen unter der Kontrolle der Buyiden.

Rivalen und Theorie des Kalifats

Anfang des 10. Jahrhunderts entstanden im Westen der islamischen Welt Gegenkalifate. 910 ließ sich Abdallah al-Mahdi in Kairuan zum Kalifen ausrufen und begründete das Kalifat der Fatimiden. 929 nahm auch Abd ar-Rahman III. von Córdoba den Kalifentitel an. Damit gab es drei rivalisierende Kalifate. Das Kalifat von Córdoba zerfiel 1031. Die Fatimiden blieben gefährlicher: Sie beriefen sich auf Abstammung von ʿAlī und Fatima und dehnten ihre Herrschaft auf Nordafrika, Syrien/Palästina, Sizilien und Westarabien aus; im 11. Jahrhundert kontrollierten sie kurzzeitig Bagdad.

Als Reaktion versuchte der abbasidische Kalif al-Qādir, die eigene Autorität zu stärken, indem er die ismailitische Lehre der Fatimiden öffentlich als Ketzerei verurteilte. Neue Unterstützung erhielt das abbasidische Kalifat durch Dynastien wie die Ghaznawiden, Karachaniden und Seldschuken, die seine Oberhoheit formal anerkannten.

Der Gelehrte al-Māwardī entwickelte im Werk al-Aḥkām as-sulṭāniyya eine umfassende Theorie des Kalifats. Der Kalif müsse zu den Quraisch gehören und als Imam die islamische Gemeinschaft leiten. Seine Hauptaufgaben seien die Bewahrung der Religion und die Führung der weltlichen Angelegenheiten. Diese Aufgaben könne er an Amtsträger delegieren, etwa Wesir, Emir, Qādī, Steuerbeamte oder Muhtasib. Die formale Oberhoheit zeigte sich besonders durch die Nennung des Kalifen in der Freitagspredigt.

Al-Ghazālī schwächte später einige Anforderungen ab. Der Kalif müsse nicht selbst den Dschihad anführen oder umfassende Regierungskompetenz besitzen, wenn ein fähiger Wesir vorhanden sei. Entscheidend sei, dass der Inhaber realer Macht dem Kalifen den Treueid leiste oder ihn in Predigt und Münzen anerkenne.

Schattenkalifat und Osmanen

1258 wurde das abbasidische Kalifat durch die mongolische Eroberung Bagdads unter Hülegü zerschlagen. Zwei Abbasiden entkamen nach Ägypten. Dort setzten die Mamluken einen Abbasiden als Kalifen ein, um sich religiös-politisch zu legitimieren. Dieses abbasidische Schattenkalifat von Kairo hatte kaum eigene Macht, verlieh den Mamlukensultanen aber islamische Legitimität. Auch einige Herrscher außerhalb des Mamlukenreiches anerkannten den Kalifen von Kairo; 1283 tat dies etwa die Goldene Horde.

1517 wurde der letzte abbasidische Kalif nach der osmanischen Eroberung Kairos nach Konstantinopel gebracht und inhaftiert. Zwar behauptete der osmanische Großwesir Lutfī Pascha in den 1530er Jahren, der letzte Abbaside habe den Kalifentitel an Sultan Selīm übertragen, doch verfolgten die Osmanen diesen Anspruch zunächst nicht weiter. Ein wichtiger Einwand islamischer Gelehrter war, dass die Osmanen nicht zu den Quraisch gehörten.

Erst in den 1770er Jahren verwendeten osmanische Sultane den Kalifentitel wieder stärker. Im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 bezeichnete sich Abdülhamid I. als „Imam der Gläubigen und Kalif der Einheitsbekenner“, um als Schutzherr der Muslime auf russischem Gebiet anerkannt zu werden. Im 19. Jahrhundert wurde der Titel politisch wichtiger, besonders unter Abdülhamid II. In der osmanischen Verfassung von 1876 hieß es in Artikel 4: „Der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif ist der Schutzherr für die muslimische Religion“.

Neuordnung nach 1914

Nach der Schwächung des Osmanischen Reiches entstanden Pläne für ein arabisches Kalifat. Der britische Schriftsteller Wilfrid Scawen Blunt schlug 1881 ein britenfreundliches arabisches Kalifat mit Sitz in Mekka vor. Im Ersten Weltkrieg griffen britische Beamte die Idee wieder auf, um eine türkisch-arabische Union und einen möglichen Dschihad gegen die Alliierten zu verhindern. In der Husain-McMahon-Korrespondenz wurde dem Scherifen Husain Hoffnung auf ein arabisches Kalifat gemacht, doch blieb die britische Politik insgesamt uneinheitlich; das India Office und später das Foreign Office empfahlen Neutralität.

In Indien entstand nach dem Ersten Weltkrieg die Kalifatsbewegung. Sie forderte, dass die Aufsicht und Schirmherrschaft des osmanischen Kalifen über die Heiligen Stätten des Hedschas, Palästinas und Mesopotamiens erhalten bleiben müsse. Abū l-Kalām Āzād wurde ihr wichtiger Theoretiker. Die Bewegung misstraute den Haschimiten, weil diese selbst nach dem Kalifat strebten.

In der Türkei führte Mustafa Kemal Pascha ein Reformprogramm durch. Im November 1922 wurde das osmanische Sultanat abgeschafft, Abdülmecit II. wurde als rein repräsentativer Kalif eingesetzt. Am 3. März 1924 wurde das Kalifat durch Gesetz Nr. 431 vollständig abgeschafft; Abdülmecit II. und alle Mitglieder der osmanischen Dynastie wurden des Landes verwiesen.

Kurz danach erklärte sich König Husain zum Kalifen. Seine Selbstproklamation vom März 1924 wurde in Teilen Syriens und des Libanon unterstützt, stieß in der islamischen Welt insgesamt aber auf verhaltene bis ablehnende Reaktionen. Raschīd Ridā kritisierte viele Unterstützungsberichte als Propaganda. Husains Anspruch brach zusammen, als der Hedschas im Herbst 1924 von den wahhabitischen Ichwān des saudischen Herrschers Abd al-Aziz ibn Saud überrannt wurde.

Ägyptische Pläne und heutige Lage

In Ägypten löste Husains Selbstproklamation 1924 Ablehnung aus. Gelehrte der Azhar wandten sich gegen ihn und sprachen sich für ein Kalifat des ägyptischen Königs Fu'ād I. aus. Ein internationaler Kalifatskongress sollte einen neuen Kalifen bestimmen. 1925 stellte der ägyptische Richter ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq jedoch grundsätzlich in Frage, ob der Islam überhaupt ein Kalifat verlange. Er argumentierte, weder Koran noch Hadith machten das Kalifat zu einer notwendigen Einrichtung, da Mohammeds Aufgabe geistlich gewesen sei und seine politischen Handlungen nicht zwingend fortgeführt werden müssten. ʿAbd ar-Rāziq verlor sein Richteramt. Der Kalifatskongress von 1926 konnte sich nicht über den staatsrechtlichen Charakter des Kalifats einigen; danach behandelte keine weitere übernationale Konferenz die Frage.

In den späten 1930er Jahren verfolgte König Faruq nochmals Pläne, den Kalifentitel anzunehmen. Sie wurden jedoch innerhalb der ägyptischen Regierung und von britischer Seite skeptisch gesehen. Nach Empörung in der Türkei wurden die Pläne nicht weiterverfolgt.

Seit 1924 existiert ein Kalifat nur noch in einzelnen islamischen Sondergemeinschaften wie Ahmadiyya, Muridiyya und senegalesischer Tidschaniyya. Später wurde auch der Anfang des 19. Jahrhunderts von Usman dan Fodio gegründete Fulani-Staat in Westafrika als Kalifat von Sokoto bezeichnet. Bewegungen wie Hizb ut-Tahrir streben ein Kalifat an; Hizb ut-Tahrir ist in Deutschland seit 2003 verboten. Im Juni 2014 rief sich Abū Bakr al-Baghdādī, der Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat, in Mossul zum Kalifen aus. Dieses Kalifat wurde nur von Anhängern der Organisation anerkannt und von den meisten muslimischen Gelehrten zurückgewiesen, unter anderem im Offenen Brief an al-Baghdadi.

Lernvideos zu Kalifat

Weiterlesen

Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Herrschaftsform Herrschaftsform bezeichnet zentrale Begriffe der Politikwissenschaft, der Soziologie und der politischen Philosophie. Diese betreffen die spezifischen … Mohammed Inhaltsverzeichnis · 1 Herkunft und Familie · 2 Die mekkanische Zeit (bis 622) · 3 Die medinensische Periode der Prophetie (622–630) · 4 Nach der Einnahme Mekkas: … Theokratie Republiken mit besonderer Anerkennung einer bestimmten Religion. Westliche Staaten strebten seit der Aufklärung eine Trennung zwischen Staat und Religion an. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Umayyaden Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750 n. Chr. als Kalifen (Bezeichnung auch: Umayyaden-Kalifat) von Damaskus aus über das damals noch junge … Allah Allah (arabisch الله , DMG Allāh ‚der Gott', ʔalˤːɑːh) ist das Wort für Gott in der arabischen Sprache. Im Islam wird das Wort auch als Eigenname für Gott … Deutsche Sprache Die heutige deutsche Standardsprache entwickelte sich überwiegend aus den hochdeutschen Dialekten und fungiert als überregionale Dachsprache für sowohl hoch- … Islamische Expansion Die islamische Expansion bezeichnet im Folgenden die Eroberungen der Araber von der Mitte der 630er Jahre an und die damit einhergehende Ausdehnung des … Syrien Wirtschaftlich sind für Syrien die Landwirtschaft, die Förderung und der Export von Erdöl sowie die Erzeugung von Textilien und Nahrungsmitteln bedeutend. Durch … Mesopotamien Es entwickelten sich Stadtstaaten, Königreiche – Neuerungen für die Menschheit mit den Erfindungen der Schrift, der ersten Rechtsordnung, der ersten … Ägypten Ägypten hat vor allem wegen seiner hohen Bevölkerungszahl eine enorme politische und kulturelle Ausstrahlung in der arabischen und islamischen Welt. Auch in der …