Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

KZ Flossenbürg

Das Konzentrationslager Flossenbürg (auch KZ Flossenbürg) war von 1938 bis zum 23. April 1945 ein Konzentrationslager im Deutschen Reich, in der Gemeinde …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Zweck
  2. 2. Entwicklung, Zwangsarbeit und Terror
  3. 3. Gefangene und Außenlager
  4. 4. Räumung, Todesmärsche und Befreiung
  5. 5. Strafverfolgung und Nachnutzung
  6. 6. Gedenkstätte und Erinnerung

Überblick und Zweck

Das Konzentrationslager Flossenbürg bestand von 1938 bis zum 23. April 1945 in der Gemeinde Flossenbürg im Oberpfälzer Wald, nahe der damaligen Grenze zum Sudetenland. Es war ein nationalsozialistisches Konzentrationslager, in dem Menschen eingesperrt, durch Zwangsarbeit ausgebeutet und ermordet wurden. Insgesamt waren dort und in seinen Außenlagern etwa 100.000 Menschen inhaftiert; mindestens 30.000 starben. Nach dem wissenschaftlichen Ermittlungsstand von 2008 wurden 100.082 Gefangene erfasst, darunter 9.000 unbekannter Herkunft.

Flossenbürg gehörte zu einer ab 1938 errichteten „zweiten Generation“ von Konzentrationslagern. Die SS wählte Standorte bei Steinbrüchen oder Lehmgruben aus, um Gefangene als rechtlose und möglichst billige Arbeitskräfte einzusetzen. In Flossenbürg mussten sie zunächst Granit für die Deutschen Erd- und Steinwerke (DEST), ein Unternehmen der SS, abbauen. Das Material war für große nationalsozialistische Bauvorhaben vorgesehen. Himmler hatte mit Hitler und Albert Speer vereinbart, dafür KZ-Häftlinge einzusetzen.

Das Lager war ursprünglich für 3.000 Häftlinge und 400 SS-Wachleute geplant. Es umfasste unter anderem Baracken, Küche, Wäscherei, Stacheldrahtanlagen, Wachtürme, eine SS-Kaserne, einen Arrestbau und später ein Krematorium. Öffentliche Verwaltungen und Privatunternehmen waren am Bau und an der Versorgung beteiligt. Terror, Hunger, unzureichende Unterbringung, schwere Arbeit, Schikanen und Morde prägten bereits den Aufbau. Die SS-Stärke wuchs von etwa 390 Angehörigen im Frühjahr 1940 auf ungefähr 3.000 Männer und Frauen im Jahr 1945.

Entwicklung, Zwangsarbeit und Terror

Am 3. Mai 1938 trafen die ersten 100 Häftlinge aus Dachau ein. Ende 1938 waren etwa 1.500 Menschen als angebliche „Berufsverbrecher“ in polizeilicher Vorbeugehaft eingesperrt, häufig ohne richterlichen Beschluss. Wegen ihres grünen Kennzeichnungswinkels wurde Flossenbürg auch „Grünes Lager“ genannt. Ab 1940 stieg der Anteil ausländischer Gefangener stark an. Diese trugen meist einen roten Winkel für politische Häftlinge sowie ein Kürzel ihrer Nationalität.

Im April 1940 kamen 1.000 überwiegend politische Häftlinge aus Sachsenhausen; Ende des Jahres waren über 2.600 Menschen im Lager. Flossenbürg wurde der Lagerkategorie II für angeblich „schwer belastete, jedoch noch erziehungs- und besserungsfähige Häftlinge“ zugeordnet. Ende 1940 nahm ein eigenes Krematorium den Betrieb auf. Ab Ende 1944 genügte dessen Kapazität nicht mehr, sodass Leichen im Freien verbrannt wurden.

Im Februar 1941 begann die SS mit der systematischen Ermordung bestimmter Gefangenengruppen. Etwa 2.500 Menschen fielen diesen Tötungsaktionen zum Opfer. Im Herbst 1941 kamen 2.000 sowjetische Kriegsgefangene hinzu. Im Februar 1942 entstand mit Stulln das erste Außenlager.

Ab Februar 1943 verlagerte sich der Schwerpunkt von der Granitgewinnung zur Rüstungsproduktion. Zunächst stellten 200 Gefangene in umgebauten Steinmetzhallen Teile für das Jagdflugzeug Messerschmitt Bf 109 her. Anfang 1944 waren dort bereits 2.000, im Oktober mehr als 5.200 Häftlinge beschäftigt. Im Steinbruch galt ein Zwölf-Stunden-Tag; die Flugzeugproduktion lief in drei Schichten zu je acht Stunden. Anfang 1945 wurde die Granitproduktion eingestellt.

Im Herbst 1944 lebten etwa 8.000 Menschen im überfüllten Stammlager. Unter dem letzten Lagerkommandanten Max Koegel verschlechterten sich die Zustände dramatisch. Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und die schwere Arbeit verursachten zahlreiche Todesfälle. Ab April 1944 führte der Arzt Heinrich Schmitz unnötige Operationen durch, an deren Folgen nach den Aufzeichnungen eines Häftlingsarztes etwa 250 Menschen starben.

Gefangene und Außenlager

Die größten nationalen Gruppen waren nach dem Ermittlungsstand von 2008 Gefangene aus Polen (31.400), der Sowjetunion (22.000), Ungarn (11.000), Deutschland (9.097), Frankreich (5.070), der Tschechoslowakei (4.263) und Italien (3.033). Unter den insgesamt etwa 100.000 Inhaftierten befanden sich ungefähr 1.000 Sinti und Roma. Mitte bis Ende 1944 kamen 8.126 osteuropäische Juden nach Flossenbürg. Im Jahr 1945 stellten Menschen aus Polen, der Sowjetunion, Ungarn und Frankreich die größten Gruppen.

Der Alltag wurde von Appellen und Arbeit bestimmt. Im Sommer wurden die Gefangenen um 4:00 Uhr geweckt. Nach dem Zählappell um 5:15 Uhr arbeiteten sie von 6:00 bis 12:00 Uhr und von 13:00 bis 18:30 Uhr. Der Abendappell begann um 19:00 Uhr und dauerte ungefähr eine Stunde; um 21:00 Uhr mussten alle im Bett liegen. Im Winter begann der Tag um 5:00 Uhr, gearbeitet wurde vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Funktionshäftlinge waren selbst Gefangene, die von der SS als Lager- oder Blockälteste, Kapos oder für Verwaltungs- und Ordnungsaufgaben eingesetzt wurden. Dadurch konnten sie ihre eigenen Überlebenschancen erhöhen. Die lagerinterne „Häftlingsselbstverwaltung“ blieb fast vollständig in den Händen der mit grünen Winkeln gekennzeichneten Gefangenen. Dies trug nach dem Krieg zur Einordnung Flossenbürgs als Lager der „Kriminellen“ und „Asozialen“ bei.

Flossenbürg entwickelte sich zum Zentrum eines Systems von fast 90 Außenlagern; für Ende 1944 nennt der Artikel mehr als 70 Lager mit Kriegsproduktion. Sie lagen vor allem in Bayern, Sachsen und Böhmen. Das größte war Leitmeritz bei Litoměřice: Zwischen März 1944 und Mai 1945 durchliefen es etwa 18.000 Menschen, von denen ungefähr 4.500 starben. Im zweitgrößten Außenlager Hersbruck waren zwischen Mai 1944 und April 1945 etwa 9.500 Gefangene inhaftiert; ungefähr 4.000 kamen ums Leben.

Räumung, Todesmärsche und Befreiung

Im April 1945 begann die SS, Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen und Gefangene abzutransportieren. Auf ausdrücklichen Befehl Hitlers wurden am 9. April Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Ludwig Gehre, Hans Oster und Theodor Strünck sowie am 14. oder 15. April Friedrich von Rabenau hingerichtet.

Anfang 1945 befanden sich vermutlich 25.000 bis 30.000 Gefangene im Lager, darunter viele aus anderen geräumten Konzentrationslagern. Heinrich Himmler ordnete am 19. April an: „Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen.“ Lagerkommandant Max Koegel ließ daraufhin die meisten Gefangenen in mehreren Kolonnen in Richtung Dachau treiben. Die von der SS als „Evakuierung“ bezeichneten Transporte wurden wegen der zahlreichen Toten später Todesmärsche genannt.

Die einzelnen Kolonnen umfassten meist 2.000 bis 4.000 Menschen. SS-Angehörige und Kapos bewachten sie; nicht mehr gehfähige Gefangene wurden erschossen. Der Verlauf lässt sich nicht vollständig rekonstruieren, weil sich Gruppen teilten und später wieder zusammenschlossen. Nur eine Kolonne mit 2.654 Gefangenen erreichte Dachau am 28. April. Bei einem Zugtransport von etwa 1.800 jüdischen Häftlingen kam es zu mehreren amerikanischen Luftangriffen. Die SS verhinderte Hilfe durch die Zivilbevölkerung und erschoss Verwundete oder Marschunfähige; allein am Bahnhof Schwarzenfeld blieben 140 Tote zurück.

Etwa 1.526 beziehungsweise nach einer anderen Angabe rund 1.600 meist kranke und marschunfähige Menschen blieben im Lager. Am 23. April 1945 erreichten die 90. und 97. Infanterie-Division der 3. US-Armee Flossenbürg und nahmen den Ort kampflos ein; an anderer Stelle nennt der Artikel den 24. April als Tag der Befreiung durch die 90. Infanterie-Division. Rund 7.000 Überlebende der Todesmärsche wurden im Raum Cham, Pfrombach/Moosburg und Auerbach befreit, die letzte Gruppe am 2. Mai am Chiemsee. Nach Kriegsende barg man entlang der Marschrouten mehr als 5.000 Leichen. Viele der im Lager Befreiten starben in den folgenden Wochen an den Folgen ihrer Haft.

Strafverfolgung und Nachnutzung

Im Flossenbürg-Hauptprozess von 1946/47 verhandelte ein amerikanisches Militärgericht in Dachau gegen 52 Angeklagte; 40 wurden schuldig gesprochen. Die offizielle Bezeichnung lautete United States of America vs Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46. Es folgten 18 Nebenverfahren gegen weitere 42 Angeklagte. Dabei wurden 24 Haftstrafen, darunter acht lebenslange, sowie sieben Freisprüche ausgesprochen. Von elf Todesurteilen wurden sechs vollstreckt.

Auch Jahrzehnte später gab es Ermittlungen. 2014 beantragte die Staatsanwaltschaft Weiden die Auslieferung des früheren SS-Mannes Johann Breyer aus den USA; er starb einen Tag vor der Entscheidung. Ein 2021 beschuldigter ehemaliger SS-Angehöriger starb kurz vor seinem 97. Geburtstag, woraufhin das Verfahren eingestellt wurde.

Von Juni oder Juli 1945 bis März 1946 nutzten die USA das Gelände als Kriegsgefangenenlager für SS-Angehörige. Von April 1946 bis Oktober 1947 lebten dort mehr als 2.000 polnische Displaced Persons, also Menschen, die infolge des Krieges nicht in ihrer Heimat lebten. Danach dienten Teile des Lagers geflüchteten und vertriebenen Deutschen aus Böhmen und Schlesien. Viele Baracken wurden später abgerissen; auf ihrem Gelände entstanden ab 1958 Wohnhäuser. Andere Bereiche wurden gewerblich genutzt, darunter Appellplatz und Wäscherei bis 1997.

1946 wurde ein Ehrenfriedhof eingeweiht, 1947 eine Gedächtniskapelle. Zwischen 1957 und 1960 entstand auf dem Gelände ein großer Sammelfriedhof; mehr als 5.000 Tote aus anderen bayerischen Konzentrationslagern wurden dorthin umgebettet. Im Juni 2006 erhielten die erhaltenen Gebäude den Status von Baudenkmälern, das gesamte frühere Lagergelände wurde Bodendenkmal.

Gedenkstätte und Erinnerung

Heute befindet sich auf einem Teil des früheren Lagergeländes die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Seit 2003 wird sie von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten getragen. 2007 eröffnete im Gebäude der ehemaligen Wäscherei eine Ausstellung. Zur Erinnerungslandschaft gehören unter anderem die Sühnekapelle, der Ehren- und Sammelfriedhof, das „Tal des Todes“, das Krematorium und Gedenkzeichen für verschiedene Opfergruppen.

Ehemalige Gefangene sowie ihre Familien und Nachkommen gründeten Vereinigungen, um an die Verfolgten zu erinnern und ihre Interessen zu vertreten. Der Steinbruch, in dem Gefangene Zwangsarbeit leisten mussten, blieb bis März 2024 in Betrieb. Der Freistaat Bayern hatte ihn zuletzt 2004 für zwanzig Jahre verpachtet. Nach öffentlicher Kritik wurde der Vertrag nicht verlängert; anschließend wurde der Steinbruch in die Gedenkstätte einbezogen.

Weiterlesen

Konzentrationslager Dieser Artikel behandelt das zwischen 1933 und 1945 entstandene und unterhaltene System der Konzentrationslager im Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches. Nürnberg Nürnberg (nürnbergisch häufig Nämberch, häufige Abkürzung Nbg) ist eine kreisfreie Großstadt im Regierungsbezirk Mittelfranken des Freistaats Bayern. Schutzstaffel Die Schutzstaffel (SS, Eigenschreibweise ᛋᛋ) war eine nationalsozialistische Organisation in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, … KZ Neuengamme Das Konzentrationslager (KZ) Neuengamme in Hamburg-Neuengamme war ein nationalsozialistisches deutsches Konzentrationslager. Es wurde 1938 zunächst als … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. KZ Dachau Seit 1965 befindet sich auf dem Gelände die KZ-Gedenkstätte Dachau, die z. B. im Jahr 2019 von 900.000 Menschen besucht wurde. Heinrich Himmler Himmler machte in den 1920er-Jahren als Reichsredner und Parteifunktionär Karriere und wurde 1929 von Adolf Hitler an die Spitze der damals noch der … KZ Auschwitz In Auschwitz fand im Zuge der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ (später auch Holocaust oder Shoah genannt) ein systematischer und fabrikmäßiger Mord an … Deportation Deportation (lateinisch deportatio von deportare „wegbringen“, „fortschaffen“) bedeutet die Verschickung, Verschleppung oder Verbannung von Straftätern, … Bayern Geographie ... Bayern ist mit rund 1300 Museen das museumsreichste Bundesland Deutschlands und eine der museumsreichsten Regionen des Kontinents. KZ Buchenwald Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers wurde 1958 die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet. Ab 1991 wurde die Gedenkstätte neugestaltet. Sie … Sinti und Roma Sinti und Roma ist in Deutschland der Oberbegriff für die beiden Volksgruppen Sinti und Roma, die historisch als „Zigeuner“ bezeichnet wurden.