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Käthe Reichel
März 1926 in Berlin; † 19. Oktober 2012 in Buckow) war eine deutsche Schauspielerin und Friedensaktivistin. ... gute Mensch von Sezuan (1957; Regie: Benno Besson) …
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Überblick
Käthe Reichel, mit bürgerlichem Namen Waltraut Reichelt, war eine deutsche Schauspielerin und Friedensaktivistin. Sie wurde am 3. März 1926 in Berlin geboren und starb am 19. Oktober 2012 in Buckow. Ihre Laufbahn führte sie vom Theater in der DDR über Film, Fernsehen und Hörspiel bis zu politischen Protesten. Besonders wichtig waren ihre Arbeit mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble und ihre lange Zugehörigkeit zum Deutschen Theater Berlin. Sie spielte häufig eigenwillige, prägnante Nebenfiguren, übernahm aber auch große Bühnenrollen wie Shen Te/Shui Ta oder Johanna Dark.
Kindheit und Beginn der Laufbahn
Reichel wuchs in einfachen Arbeiterverhältnissen in einem Berliner Hinterhof auf und litt in ihrer Jugend oft Hunger. Als Kind verkaufte sie Fisch in einer Markthalle. Ihr Vater wurde im KZ Dachau ermordet. Nach der Schule erlernte sie zunächst den Beruf der Textilkauffrau.
Ohne Schauspielausbildung erhielt sie erste Theaterengagements in Greiz, Gotha und Rostock. Am Volkstheater Rostock spielte sie 1949/1950 die Telefonistin in Bertolt Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti. Helene Weigel, Brechts Ehefrau, sah im Februar 1950 eine Aufführung und machte Brecht auf die junge Schauspielerin aufmerksam.
Theaterarbeit mit Brecht und am Deutschen Theater
Im Oktober 1950 engagierte Bertolt Brecht Reichelt für das Berliner Ensemble; von da an nannte sie sich Käthe Reichel. Brecht förderte sie beruflich, und zwischen beiden entstand eine Liebesbeziehung. Reichel war Brechts letzte Geliebte. Für sie schrieb er 1950 vier Liebeslieder, die Paul Dessau im Oktober 1951 als Zyklus Vier Liebeslieder vertonte.
Am Berliner Ensemble übernahm sie wichtige Rollen in Inszenierungen von Brecht und Benno Besson. Dazu gehörten Gustchen in Der Hofmeister, Gretchen in Urfaust, die Titelrolle in Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431, Mathurine in Don Juan, Natella Abaschwili in Der kaukasische Kreidekreis sowie die Doppelrolle Shen Te/Shui Ta in Der gute Mensch von Sezuan. Die Doppelrolle zeigt zwei Seiten derselben Figur: Shen Te ist die hilfsbereite Frau, Shui Ta ihr harter, geschäftlicher männlicher Vetter.
Reichel gastierte auch an westdeutschen Bühnen, etwa in Frankfurt, Wuppertal, Stuttgart und Mannheim. 1961 spielte sie in Stuttgart die Johanna Dark in Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe und wurde dort ausgebuht. Ab 2000/2001 trug sie das Stück in einer eigenen Lesefassung für eine Person vor.
Seit der Spielzeit 1960/1961 gehörte sie bis 2001 fest zum Ensemble des Deutschen Theaters Berlin. Dort spielte sie unter anderem die Titelrolle in Minna von Barnhelm, Julia in Zwei Herren aus Verona, die Nachbarin in Juno und der Pfau, die Botin in Oedipus Tyrann und Frau Brigitte in Der zerbrochne Krug. Zu ihren späteren Rollen zählte Grusche in Der kaukasische Kreidekreis, neben Klaus Löwitsch als Azdak.
Film, Fernsehen und Hörspiel
Seit 1951 arbeitete Reichel auch für Film und Fernsehen. Ihr Debüt hatte sie in einer kleinen Rolle in Corinna Schmidt, einer Verfilmung von Theodor Fontanes Frau Jenny Treibel. Ab Ende der 1950er-Jahre wirkte sie regelmäßig in Produktionen der DEFA und des DFF mit. Die DEFA war das staatliche Filmstudio der DDR, der DFF das DDR-Fernsehen.
Sie spielte meist skurrile Figuren und Volksfiguren, also auffällige Menschen aus dem Alltagsleben. Dabei gestaltete sie Rollen nicht nur realistisch, sondern mit Verfremdung: Die Figur sollte dem Publikum auch als bewusst gestaltete Theater- oder Filmrolle auffallen. Häufig erhielt sie markante Nebenrollen, etwa als Bäuerin Ulrike in Wie heiratet man einen König? (1969), als Wirtin in Mein lieber Robinson (1971), als „Goldlucie“ in Leichensache Zernik (1972) und als Frau eines Schaubudenbesitzers in Die Legende von Paul und Paula (1973).
Bedeutende Aufgaben waren das tragikomische Dienstmädchen in der Fernsehserie Daniel Druskat (1976), die Hauptrolle in Muhme Mehle (1979/1980) und Josepha Feller in Levins Mühle (1980). Für die Rolle der Zuchthausleiterin Olser in Die Verlobte (1980) erhielt sie 1982 beim 2. Nationalen Spielfilmfestival der DDR den Nebendarstellerpreis. Eine ihrer letzten Filmrollen spielte sie 1997/1998 in Der Laden. Außerdem sprach sie zahlreiche Hörspiele, darunter Kinderhörspiele und Produktionen des Rundfunks der DDR.
Politisches Engagement und letzte Jahre
In der DDR galt Reichel wegen ihrer nicht angepassten Haltung als kritische Künstlerin; das Ministerium für Staatssicherheit bezeichnete sie als „konterrevolutionäre[s] Zentrum des Deutschen Theaters“. Sie kritisierte 1968 öffentlich den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei und unterschrieb 1976 den Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann.
Am 4. November 1989 nahm sie an der Alexanderplatz-Demonstration teil und gehörte zu deren Mitorganisatoren. Am 5. April 1990 sprach sie vor rund 100.000 Menschen im Berliner Lustgarten gegen den Umtauschkurs 2:1 für die Mark der DDR im Rahmen der geplanten Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Weitere Themen ihres Engagements waren der Golfkrieg, die bedrohte Kaligrube Bischofferode und die russische Kriegführung in Tschetschenien. 2006 setzte sie sich für einen Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke ein.
2006 veröffentlichte sie Windbriefe an den Herrn b.b. mit 45 Briefen an Brecht; 2011 erschien ihre Autobiographie Dämmerstunde – Erzähltes aus der Kindheit. Sie war unverheiratet und lebte nach dem Suizid ihres einzigen Sohnes allein. Bestattet wurde sie am 9. November 2012 auf dem I. Französischen Friedhof in Berlin-Mitte. Zu ihren Auszeichnungen zählen der Kunstpreis der DDR (1978) und der Verdienstorden des Landes Berlin (1992).