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Herr Puntila und sein Knecht Matti
Herr Puntila und sein Knecht Matti ist ein ab 1940/1941 entstandenes Theaterstück Bertolt Brechts, das am 5. Juni 1948 im Schauspielhaus Zürich unter der …
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Werk und Grundkonflikt
Herr Puntila und sein Knecht Matti ist ein Volksstück von Bertolt Brecht. Es entstand ab 1940/1941, erschien 1950 und wurde am 5. Juni 1948 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Kurt Hirschfeld uraufgeführt. Als Vorlage diente Hella Wuolijokis Stück Sägemehlprinzessin; Brecht schrieb das Werk mit ihrer Unterstützung während seines Exils in Finnland. Weitere Anregungen kamen aus Maxim Gorkis Erzählung Der Brotherr und Denis Diderots Roman Jacques der Fatalist und sein Herr.
Im Mittelpunkt steht der finnische Gutsbesitzer Puntila, der nüchtern als Ausbeuter handelt und betrunken als scheinbarer Menschenfreund auftritt. Sein Knecht und Chauffeur Matti ist die zweite Hauptfigur. Der zentrale Konflikt entsteht aus dem Gegensatz zwischen Herr und Knecht, reich und arm, sozialer Macht und menschlichem Anspruch.
Handlung
Puntila will seine Tochter Eva nüchtern mit einem Aristokraten, dem Attaché, verheiraten. Betrunken dagegen möchte er sie mit seinem Chauffeur Matti verbinden. In betrunkenem Zustand verlobt er sich außerdem nacheinander mit der Schmuggleremma, dem Apothekerfräulein, dem Kuhmädchen und der Telefonistin. Als diese vier Frauen tatsächlich zur angesetzten Verlobung erscheinen, vertreibt der wieder nüchterne Puntila sie vom Hof.
Eva schätzt den Attaché, zweifelt aber daran, dass er zu ihr passt, weil er sehr zurückhaltend und korrekt ist. Um die Verlobung zu verhindern, täuscht sie eine Affäre mit Matti in der Badehütte vor. Der Attaché glaubt jedoch offenbar Mattis Erklärung, sie hätten nur Karten gespielt. Der Artikel hält offen, ob der Attaché naiv ist oder wegen seiner Schulden auf Evas beträchtliche Mitgift angewiesen ist.
Auf der Verlobungsfeier erkennt Puntila, dass der Attaché ein Schwächling und kein geeigneter Mann für Eva ist. Diese Einsicht bringt ihn dazu, sich zu betrinken. Je betrunkener er wird, desto stärker lehnt er den Attaché ab, bis er ihn aus dem Haus jagt und Steine hinter ihm herwirft. Eva ist darüber erleichtert.
Als Puntila Matti zum Schwiegersohn machen will, prüft Matti Eva in einem „Examen“: Sie soll zeigen, ob sie ihn glücklich machen könnte. Das Ergebnis ist, dass arm und reich nicht zusammenkommen können. Eva erfüllt die Anforderungen nicht, die Matti an eine Ehefrau stellt. Am nächsten Morgen will der nüchterne Puntila den Schaden vom Vortag beheben und allen Alkohol vernichten, trinkt ihn aber stattdessen weiter. Matti verlässt am Ende früh am Morgen den Hof, weil er erkennt, dass es so nicht weitergehen kann.
Hauptfiguren
Puntila ist Gutsbesitzer, Kapitalist und Ausbeuter. Nüchtern beurteilt er Menschen nach ihrem Nutzen und handelt rücksichtslos. Betrunken wirkt er menschlich, großzügig und beschreibt sich sogar als Kommunist. Der Artikel vergleicht sein Verhalten mit einer dissoziativen Identitätsstörung, betont aber, dass Brecht dies nicht als medizinischen Befund, sondern als künstlerische Metapher verwendet.
Matti ist Puntilas Chauffeur und Knecht. Er ist meist gutmütig und widerspricht seinem Herrn selten offen. Trotzdem durchschaut er die sozialen Grenzen zwischen ihm und Eva sowie die Abhängigkeit von Puntila. Am Ende kündigt er praktisch die Gefolgschaft auf, indem er das Gut verlässt.
Eva ist Puntilas Tochter. Sie soll den Attaché heiraten, lehnt ihn aber wegen seines Charakters ab. Sie fühlt sich eher zu Matti hingezogen, doch eine Verlobung zwischen ihnen kommt nicht zustande. Ihre Versuche, die Verbindung mit dem Attaché zu verhindern, zeigen zugleich ihre begrenzte Möglichkeit, ihre soziale Rolle zu verlassen.
Deutung
Brecht verwendet ein typisches Muster der Komödie: die Verkehrung von Realitäten. Bei Puntila bedeutet das, dass er ausgerechnet betrunken, also „nicht normal“, menschlich erscheint. Nüchtern wird er wieder zum berechnenden Gutsherren, der andere nach seinem Vorteil behandelt. Die Rolle des Herrn entfremdet ihn nach dieser Deutung von seinem Menschsein.
Brecht zeigt aber auch, dass Puntila selbst betrunken nicht wirklich aus seiner sozialen Rolle ausbricht. Er lässt weiterhin andere für sich arbeiten, etwa wenn Matti aus Möbeln den Hatelma-Berg errichten soll. Seine freundlichen Gesten überdecken nur die Klassenunterschiede. Sobald Puntila nüchtern wird, erweisen sie sich für die Betroffenen als leer. Damit soll sichtbar werden, dass bloße Menschlichkeit oder Freundlichkeit die Realität von Unterdrückung und Ausbeutung nicht verändert.
Auch die Spielszenen haben eine politische Bedeutung. Eva und Matti spielen in der Sauna ein Liebespaar, später spielt Eva eine Arbeiterfrau. Matti kann im Spiel seine Rolle verlassen; Puntila und Eva können den Rahmen ihrer sozialen Existenz dagegen nicht sprengen. Der Artikel verbindet dies mit dem Hegelschen Paradox von Herr und Knecht: Obwohl der Herr Macht über den Knecht zu haben scheint, ist er von dessen Arbeit abhängig. Die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ist daher nicht von gutmütigen Kapitalisten, sondern von den Knechten zu erwarten. Mattis Weggang am Ende entspricht dieser Aussage.
Aufführungen und Wirkung
An der Zürcher Uraufführung im Juni 1948 war Brecht wesentlich beteiligt, obwohl er offiziell als Ausländer nicht arbeiten durfte und deshalb nicht auf der Besetzungsliste stand. Die Fachkritik reagierte nicht einhellig positiv: Brecht wurde vorgeworfen, auch in der Komödie als „Kanzelredner der Vernunft“ aufzutreten und eher den Stil eines Lehrgedichts zu bedienen. Beim Publikum war das Stück jedoch erfolgreich; allein 1949 gab es fünfzehn Aufführungen in Westdeutschland.
Am 12. November 1949 eröffnete das Berliner Ensemble im Deutschen Theater mit Herr Puntila und sein Knecht Matti. Regie führten Bertolt Brecht und Erich Engel, das Bühnenbild stammte von Caspar Neher. Brecht betonte in dieser Berliner Inszenierung stärker die Gefährlichkeit Puntilas. Die Aufführung wurde gelobt, doch Brecht selbst sah sie noch weit entfernt von seinem Ideal eines „echten, radikal epischen Theater“. Er ließ ein Modellbuch anfertigen, das spätere Inszenierungen anleiten sollte.
Wegen seines Volksstück-Charakters wurde Herr Puntila und sein Knecht Matti eines der populärsten Brecht-Stücke und sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR häufig gespielt. 1967 schrieben Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth den Text zu einem Opernlibretto um; Paul Dessau vertonte es unter dem Titel Puntila. Die Uraufführung dieser Oper fand am 15. November 1966 in der Berliner Staatsoper statt.
Verfilmungen
Der Artikel nennt mehrere Verfilmungen und Fernsehfassungen des Stücks: 1957 entstand in der DDR eine Aufzeichnung des Deutschen Fernsehfunks nach einer Inszenierung von Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch. 1960 folgte eine österreichische Verfilmung unter der Regie von Alberto Cavalcanti. 1966 entstand ein deutscher Fernsehfilm unter der Regie von Rolf Hädrich. 1979 wurde das Stück als Herra Puntila ja hänen renkinsä Matti in einer schwedisch-finnischen Produktion von Ralf Långbacka verfilmt.