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Urfaust
Unter dem Urfaust (auch als Faust. Frühe Fassung oder Faust in ursprünglicher Gestalt bekannt) versteht man Goethes ersten Entwurf für sein späteres …
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Begriff, Entstehung und Überlieferung
Der Urfaust, auch Faust. Frühe Fassung oder Faust in ursprünglicher Gestalt genannt, ist Johann Wolfgang Goethes erster Entwurf zu seinem späteren Theaterstück Faust. Er entstand ungefähr zwischen 1772 und 1775 in Frankfurt am Main, parallel zu Die Leiden des jungen Werthers. Einen wichtigen Anstoß gab der Prozess gegen die wegen Kindesmordes verurteilte und hingerichtete Susanna Margaretha Brandt. Goethe muss den Prozess verfolgt haben; nach seinem Tod wurden bei ihm Kopien der Prozessakten gefunden.
Goethe las 1775 erstmals am Weimarer Hof aus dem Urfaust vor, später unter anderem im Erfurter Schloss Stedten, das der mit ihm befreundeten Familie Keller gehörte. Die ungewöhnliche Form und Sprache begeisterten das Publikum. Danach wurde Goethe wiederholt zur Fertigstellung gedrängt, unter anderem von Friedrich Schiller.
Erhalten ist nur eine Abschrift aus dem Besitz von Luise von Göchhausen. Sie enthält mehrere Szenen, die Goethe später in Faust I übernahm. Viele Passagen des Urfaust sind noch in Prosa geschrieben. In Faust I ist dagegen nur die Szene Trüber Tag. Feld nicht in Versform verfasst. Die Uraufführung des Urfaust fand erst am 8. Mai 1918 in Frankfurt statt.
Entwicklung der Faust-Fassungen
Goethe arbeitete insgesamt sechs Jahrzehnte am Faust. Die verschiedenen Fassungen entstanden in unterschiedlichen literarischen Epochen, die ihren Stil und Inhalt prägten:
- Urfaust beziehungsweise Faust. Frühe Fassung: etwa 1772–1775; Goethe war ungefähr 23–26 Jahre alt; am ehesten dem Sturm und Drang zuzuordnen.
- Faust. Ein Fragment: etwa 1788–1790; Goethe war ungefähr 39–41 Jahre alt; Weimarer Klassik.
- Faust. Eine Tragödie, später Der Tragödie erster Teil: etwa 1797–1805; Goethe war ungefähr 48–56 Jahre alt; Einflüsse von Sturm und Drang und Weimarer Klassik.
- Faust. Der Tragödie zweiter Teil: etwa 1825–1831; Goethe war ungefähr 76–82 Jahre alt; Einflüsse von Weimarer Klassik und Romantik.
Goethe wurde am 28. August 1749 geboren und starb am 22. März 1832. Die lange Entstehungszeit erklärt, warum die Fassungen unterschiedliche Schwerpunkte und Stilmerkmale besitzen.
Gemeinsame und fehlende Szenen
Ein großer Teil der Gretchenhandlung ist im Urfaust bereits vorhanden. Weitgehend gleich oder gleichwertig sind die später in Faust I als Straße I, Abend, Spaziergang, Der Nachbarin Haus, Straße II, Garten, Ein Gartenhäuschen, Gretchens Stube, Marthens Garten, Am Brunnen, Zwinger, Dom, Trüber Tag. Feld und Nacht. Offen Feld bezeichneten Szenen. Der Kerker ähnelt der späteren Fassung, besitzt aber entscheidende Unterschiede.
Nur ähnlich sind unter anderem Nacht, das Schülergespräch im späteren Studierzimmer II und Auerbachs Keller in Leipzig. Die Szene Land Strasse des Urfaust besitzt keine direkte Entsprechung in Faust I.
Im Urfaust fehlen die später hinzugefügten Teile Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel, Vor dem Tor, Studierzimmer I, Hexenküche, Wald und Höhle, Walpurgisnacht und Walpurgisnachtstraum. Die Zueignung richtet sich an die Gestalten des Urfaust und konnte deshalb erst in Faust I stehen.
Zentrale inhaltliche Unterschiede
Im Urfaust gibt es weder die Wette zwischen dem Herrn und Mephisto noch einen ausdrücklich geschlossenen Pakt zwischen Faust und Mephisto. Ursache für die fehlende Wette ist, dass der Prolog im Himmel noch nicht vorhanden ist. Mephisto erscheint erstmals während des Schülergesprächs in der Szene Nacht. Sein Charakter wird nicht eigens eingeführt. Insgesamt ist er eher Neben- als Hauptfigur, während Faust selbständiger handelt.
Die erste Szene, in der Faust und Mephisto gemeinsam auftreten, ist Auerbachs Keller in Leipzig. Viele Dialoge unterscheiden sich von Faust I und stehen häufig nicht in Reimform. Im Urfaust gibt Faust selbst den Wein aus und ver- sowie entzaubert die anwesenden Studenten; in Faust I übernimmt Mephisto eine stärkere Rolle.
Die erste Nacht-Szene ist kürzer, und Faust erwägt keinen Selbstmord. Weil die Hexenküche fehlt, gibt es weder Fausts Verjüngungstrank noch Helenas Bild im Spiegel. Auch die nachträglich eingefügte Szene Wald und Höhle fehlt, was ebenfalls die geringere Bedeutung Mephistos zeigt. Ohne Walpurgisnacht und Walpurgisnachtstraum fehlt zudem ein großer Teil des metaphysischen und mythologischen Hintergrunds. Dadurch konzentriert sich der Urfaust stärker auf die Liebestragödie um Gretchen.
Valentin tritt zwar in einer Nacht-Szene auf, doch bleibt es bei seinem ersten Monolog. Der Kampf, sein anschließender Tod durch Faust und das Gespräch mit Gretchen werden nicht dargestellt. Im Kerker knüpfen viele Enjambements beziehungsweise die Prosaform stilistisch an Auerbachs Keller und an das Gespräch vor Nacht. Offen Feld an. Gretchen wird am Ende nicht ausdrücklich erlöst: Die Stimme von oben mit den Worten „Ist gerettet!“ fehlt. Stattdessen verweisen eine blutige Hand und ein Degen auf Valentins Tod, ähnlich Faust I, Verse 4512–4517.
Nach Marcel Reich-Ranicki wurde Gretchens Ausspruch „Mein Schoß! Gott drängt / Sich nach ihm hin / Ach dürft ich fassen / Und halten ihn“ wegen der gesellschaftlichen Konventionen von Goethes Epoche zu „Mein Busen drängt / Sich nach ihm hin. / Ach dürft ich fassen / Und halten ihn.“ geändert.
Veröffentlichungen
Der Urfaust wurde erstmals 1887 veröffentlicht. Erich Schmidt gab ihn unter dem Titel Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt nach der Göchhausenschen Handschrift beim Verlag Hermann Böhlau in Weimar heraus.
1954 erschien beim Akademie-Verlag in Berlin (DDR) die von Ernst Grumach bearbeitete Ausgabe Urfaust / Faust. Ein Fragment. Sie gehört zu den Werken Goethes, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin unter Leitung von Ernst Grumach, Faust, Band 1. Die Ausgabe war als historisch-kritische Ausgabe angelegt, ihr wissenschaftlicher Apparat fehlt jedoch.