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Junge Welt

Im Jahr des Zusammenbruches der DDR erlebte es bis Dezember 1990 einen Auflagenrückgang von 1,6 Millionen auf unter 200.000. Es deckte inzwischen ein breiteres …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Gründung, DDR-Zeit und Neubeginn
  3. 3. Redaktionelle Spaltung und weitere Entwicklung
  4. 4. Aufbau, Eigentum und Reichweite
  5. 5. Politische Ausrichtung und staatliche Einordnung
  6. 6. Kontroversen und Auszeichnungen

Gegenstand und Bedeutung

Die junge Welt (jW, Eigenschreibweise „junge Welt“) ist eine überregionale marxistische Tageszeitung mit Sitz von Redaktion und Verlagsgenossenschaft in Berlin. Sie erscheint seit dem 12. Februar 1947 und wird heute im Verlag 8. Mai herausgegeben. Chefredakteure sind seit 2024 Nick Brauns und Daniel Bratanovic. Die Zeitung versteht sich als Teil einer linken Gegenöffentlichkeit und verfolgt eine antikapitalistische, internationalistische, antimilitaristische und antifaschistische Ausrichtung. Ihr Ziel ist nach eigenem Selbstverständnis eine sozialistische Gesellschaft.

Von 1947 bis 1990 war die junge Welt das Organ des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der DDR und damit ein Herrschaftsinstrument der SED. Nach dem Ende der DDR verlor sie zunächst fast ihre gesamte Auflage, wurde mehrfach umstrukturiert und verengte ihre politische Linie ab 1997 auf Antiimperialismus und Antikapitalismus. Heute wird sie als marxistisch-leninistisch und DKP-nah beschrieben. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft sie als linksextremistisches Printmedium ein und beobachtet sie; diese Einordnung wurde im Juli 2024 vom Verwaltungsgericht Berlin bestätigt.

Gründung, DDR-Zeit und Neubeginn

Die Zeitung wurde am 12. Februar 1947 im Sowjetischen Sektor Berlins gegründet. Zunächst erschien sie wöchentlich im Verlag Neues Leben, ab dem 1. Januar 1950 zweimal wöchentlich und ab März 1952 sechsmal pro Woche als Tageszeitung im neu gegründeten Verlag Junge Welt. Seit dem 12. November 1947 trug sie den Untertitel „Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend“, seit dem 1. März 1952 „Organ des Zentralrats der FDJ“.

In der DDR unterstützte die junge Welt die Politik der SED. 1953 griff sie die Junge Gemeinde mit Hetzartikeln an; 1957 führte eine Kampagne gegen „westliche“ Musik dazu, dass zwei Lieder aus dem DEFA-Film Meine Frau macht Musik gestrichen wurden. Nach dem Bau der Berliner Mauer veröffentlichte sie den Kampfauftrag der FDJ, der unter anderem für Verteidigungsbereitschaft, Planerfüllung, die Ablehnung westlicher Radiosender und die Einführung der Wehrpflicht warb. Außerdem veröffentlichte sie triumphierende Berichte über Übergriffe von Stasi- und FDJ-Angehörigen auf Oppositionelle und stachelte zur Nachahmung auf.

Die Auflage überschritt 1977 die Millionengrenze und lag Anfang 1990 bei 1,6 Millionen Exemplaren. Damit war die junge Welt zuletzt die auflagenstärkste Tageszeitung der DDR, noch vor dem SED-Zentralorgan Neues Deutschland. Im Jahr 1990 sank die Auflage bis Dezember auf unter 200.000.

Nach dem Mauerfall wurde Jens König am 21. November 1989 Chefredakteur. Die Privatisierung verzögerte sich bis 1991. Im April 1991 wurde die Zeitung aus dem Verlag Junge Welt ausgegliedert und kam in den Besitz einer GmbH, an der die Mediengruppe Schmidt & Partner beteiligt war. Nach weiteren Eigentümerwechseln stellte der Eigentümer die Produktion Anfang April 1995 ein. Ein Teil der Redaktion führte die Zeitung in Eigenregie weiter. Mit einem „verspäteten Management-Buy-out“ entstand die Verlag 8. Mai GmbH; zugleich wurde die Genossenschaft LPG junge Welt gegründet, die seit 1998 die Mehrheit der Anteile hält. Der Umfang wurde von 24 auf 16 Seiten gekürzt, mehrere Ressorts entfielen.

Redaktionelle Spaltung und weitere Entwicklung

1997 besetzte ein Großteil der Mitarbeiter die Redaktionsräume, nachdem Geschäftsführer Dietmar Koschmieder den Chefredakteur Klaus Behnken abgesetzt hatte. Während der Besetzung erschienen Notausgaben mit drei loyal gebliebenen Redakteuren. Die Mehrheit der Besetzer gründete anschließend die Wochenzeitung Jungle World als Gegenprojekt. Holger Becker wurde Chefredakteur der jungen Welt, 2000 jedoch durch Arnold Schölzel ersetzt. Mit Schölzel verließen auch Werner Pirker und Ulrike Schulz die Zeitung; Pirker kehrte später als Autor zurück.

Seit den 2000er Jahren kam es zu mehreren politischen und wirtschaftlichen Einschnitten. 2001 veröffentlichte die Zeitung einen offenen Brief von 23 ehemaligen hochrangigen MfS-Offizieren, die eine angebliche „Hexenjagd“ auf ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit beklagten. 2013 wurde Chefredakteur Arnold Schölzel in zweiter Instanz freigesprochen, nachdem wegen eines veröffentlichten Textes der ehemaligen RAF-Terroristin Inge Viett gegen ihn wegen Billigung von Straftaten ermittelt worden war.

2004 wechselte die Zeitung vom Tabloid- zum doppelt so großen Berliner Format. Ende 2012 stand sie kurz vor der Einstellung, konnte aber durch 1000 zusätzliche Verkäufe und eine Auflage von 18.000 Exemplaren erhalten werden. 2013 folgte eine Kampagne zur Steigerung des Einzelverkaufs. Seit dem 3. Oktober 2014 verwendet die Zeitung die Rechtschreibung mit „ss statt ß“. Seit dem 23. April 2016 ist sie auch in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz flächendeckend im Pressehandel erhältlich. 2016 häufte sich ein Verlust von 953.000 Euro an; allein von Januar bis Oktober waren es 144.000 Euro. 2021 war die junge Welt Mitgründerin der alerta-Plattformgenossenschaft. Im Februar 2026 wurde der Dokumentarfilm Träume und andere Realitäten – Rückblick auf 30 Jahre Junge Welt von Clara Ehrhardt im Berliner Kino Babylon aufgeführt.

Aufbau, Eigentum und Reichweite

Die Zeitung umfasst montags bis freitags 16 Seiten. Leitartikel, Interviews, Nachrichten, Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Feuilleton, Kommentare, Leserbriefe, Wissenschaft, Antifaschismus, Gewerkschaftsthemen, Feminismus, Sport und marxistische Theorie haben feste Plätze. Die Wochenendausgabe enthält zusätzlich die achtseitige Beilage Faulheit und Arbeit mit Interview, Reportage, Fotoreportage, Texten von Marx, Engels und Lenin, Medienkritik, Kreuzworträtsel und einem feuilletonistischen Beitrag. Weitere Beilagen behandeln unter anderem Literatur, Antifa, Krieg und Frieden, Feminismus, Fußball, Wirtschaft, politische Gefangene, Kinder und Studierende.

Herausgeberin ist die Linke Presse Verlags-Förderungs- und Beteiligungsgenossenschaft junge Welt e. G. (LPG), die 1995 nach dem Vorbild der taz gegründet wurde. Sie wuchs von zunächst 32 Mitgliedern auf 1000 Mitglieder im Januar 2010, 1269 im September 2012, mehr als 2000 im Februar 2017 und 3005 Ende 2024. Die Zeitung erscheint in der Verlag 8. Mai GmbH. Die Genossenschaft hält 95,4 Prozent der Anteile, Geschäftsführer Dietmar Koschmieder 4,6 Prozent.

Die finanzielle Lage war seit den 1990er Jahren meist prekär. 1998 wurde ein Haustarifvertrag mit Einkommen unter dem Flächentarifvertrag vereinbart. Bis Ende 2015 entstand ein bilanziell ungedeckter Fehlbetrag von fast einer Million Euro. 2016 verzichtete die Genossenschaft auf 350.000 Euro an Krediten und wandelte weitere 500.000 Euro in eine stille Einlage um. Laut einer 2023 veröffentlichten Analyse zahlte die jW freien Mitarbeitern fünf Euro Stundenlohn, den niedrigsten Betrag von 146 ausgewerteten deutschen Medien.

Nach dem Neustart von 1994 lag die verkaufte Auflage Ende 2010 bei 17.000 Exemplaren. 2017 wurden täglich mehr als 20.000 Exemplare verkauft. Die aktuelle Druckauflage beträgt nach Eigenangaben 23.100 Exemplare montags bis freitags, mittwochs 23.600 und samstags 29.000. Die Mai-Auflage lag 2017 bei 150.000 Exemplaren. Die vom Verfassungsschutz genannte Auflage von 156.000 Exemplaren für 2017 bezieht sich wahrscheinlich auf diese Aktion und nicht auf die reguläre Tagesauflage.

Seit dem Relaunch im Februar 2006 ist die Zeitung vollständig online lesbar. Das Archiv reicht bis 1997 zurück; die jeweils zurückliegenden drei Monate sind frei zugänglich. Hinzu kommen ein Veranstaltungskalender, Online-Beilagen, Serien und ein Web-Feed. Das kostenpflichtige Artikelarchiv besteht seit dem 19. März 1997.

Politische Ausrichtung und staatliche Einordnung

Die junge Welt befürwortet eine antikapitalistische und internationalistische Linke und lehnt kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen grundsätzlich ab. Sozialpolitische Reformen wie Agenda 2010 und Hartz IV bezeichnet sie als Sozialabbau, Verschärfung der Ungleichheit und Umverteilung von unten nach oben. Sie berichtet ausführlich über Gewerkschaften, Arbeitskämpfe, soziale Bewegungen und linke Parteien wie Die Linke, die DKP, Attac und die SAV. Außerdem wendet sie sich gegen völkisch-nationalistische, neofaschistische und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Wissenschaftler ordneten die Zeitung unterschiedlich, aber überwiegend dem kommunistischen beziehungsweise linksextremistischen Spektrum zu. Rudolf van Hüllen bezeichnete sie 2008 als „organisationsunabhängiges, linksextremistisches Periodikum“ und 2015 als „traditionsstalinistisch“. Timo Stein sieht sie als DKP-nah an. Klaus Schroeder beschrieb sie als Zeitung, die das politische System der Bundesrepublik als Agentur des Kapitals betrachte und eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft anstrebe.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz nennt die junge Welt das „bedeutendste und auflagenstärkste Printmedium im Linksextremismus“. Nach seiner Einschätzung rechtfertige sie die DDR politisch und moralisch, diffamiere die Bundesrepublik und strebe eine sozialistisch-kommunistische Gesellschaftsordnung nach klassisch marxistisch-leninistischem Verständnis an. Einzelne Redaktionsmitglieder und Autoren würden dem linksextremistischen Spektrum zugerechnet. Außerdem erkläre sich die Zeitung nicht ausdrücklich zur Gewaltfreiheit und lasse Personen oder Organisationen zu Wort kommen, die politisch motivierte Straftaten befürworteten.

Kontroversen und Auszeichnungen

Die Zeitung war wiederholt Gegenstand politischer und journalistischer Kritik. 2006 wurde ihr vorgeworfen, antisemitische Positionen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad zu verharmlosen. Kritiker beanstandeten außerdem die Darstellung des Zionismus als Rassismus und die Veröffentlichung eines Beitrags von Ismail Haniyya, dem damaligen Vorsitzenden der Hamas. 2008 wurde dem ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur Werner Pirker vorgeworfen, in einer Kritik an Israel antisemitische Argumentationsmuster zu verwenden. Eine 2013 veröffentlichte Rezension von Rudolph Bauer wurde ebenfalls als antisemitisch kritisiert. Die Rosa-Luxemburg-Konferenz 2024 und ein Artikel Nick Brauns’ mit dem Titel „Gaza schlägt zurück“ wurden wegen einer Relativierung beziehungsweise Rechtfertigung des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023 kritisiert.

2006 und 2007 geriet die Beschäftigung ehemaliger MfS-Mitarbeiter in die Kritik. Chefredakteur Arnold Schölzel war unter dem Decknamen André Holzer als Inoffizieller Mitarbeiter tätig. Der frühere Ressortleiter Peter Wolter war als Westjournalist wegen Informationsweitergabe an die DDR zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der ehemalige DDR-Agent Rainer Rupp arbeitete regelmäßig als außenpolitischer Autor.

Kritik lösten auch Grußworte ehemaliger RAF-Mitglieder bei Rosa-Luxemburg-Konferenzen aus. 2007 wurde ein Grußwort von Christian Klar verlesen; die militante gruppe bezog sich später in einem Bekennerschreiben darauf. 2025 wurde ein Grußwort von Daniela Klette verlesen, die des Mordversuchs und 13 bewaffneter Raubüberfälle verdächtigt wird.

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlichte die Zeitung im August 2011 eine Titelseite mit dem Satz „Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke!“ und nannte vermeintliche positive Folgen der Mauer. Daraufhin forderten 31 ehemalige DDR-Bürgerrechtler, Politiker und Intellektuelle ein Ende der Zusammenarbeit der Partei Die Linke mit der jW; die Antikapitalistische Linke widersprach dem Boykottaufruf.

Zur Russland- und Ukraine-Berichterstattung gehörten 2017 die Behauptung, der Holodomor habe nicht stattgefunden, 2022 die Veröffentlichung von Details zu einer geplanten Ukraine-Reise einer Delegation, die daraufhin aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde, sowie 2025 Artikel, die die russische Verantwortung für das Massaker von Butscha bezweifelten. Die Zeitung erklärt die Vereinigten Staaten zum Hauptverantwortlichen des russisch-ukrainischen Krieges. Seit 2023 veröffentlichte sie gemeinsame Beiträge mit red.media, das laut Auswärtigem Amt teilweise als russisches Propagandainstrument finanziert worden sein soll.

Seit 2025 vergibt die junge Welt gemeinsam mit Melodie und Rhythmus den undotierten Rosa-Luxemburg-Preis. Bisherige Preisträger sind 2025 Rolf Becker und 2026 Aleida Guevara. 2003 erhielt die Zeitung den Erich-Mühsam-Preis.

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