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Rote Armee Fraktion
Die Rote Armee Fraktion (RAF) war eine linksextremistische terroristische Vereinigung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie war verantwortlich für 33 Morde …
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Einordnung und Bedeutung
Die Rote Armee Fraktion (RAF) war eine linksextremistische terroristische Vereinigung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie verstand sich als kommunistische, antiimperialistische „Stadtguerilla“, also als bewaffnete Untergrundgruppe im städtischen Raum, und orientierte sich zunächst an südamerikanischen Vorbildern wie den Tupamaros in Uruguay. Als Gründer gelten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und weitere Personen. Die Baader-Befreiung am 14. Mai 1970 gilt als ihre Geburtsstunde; am 20. April 1998 erklärte die RAF ihre Selbstauflösung.
Die RAF ermordete bei Anschlägen und Geiselnahmen 33 Menschen und verletzte mehr als 200. Zu den Opfern gehörten Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, Fahrer, Polizisten, Zollbeamte und amerikanische Soldaten. Die Passantin Edith Kletzhändler, die 1979 bei einem Schusswechsel in Zürich starb, wird häufig als 34. Opfer gezählt; es blieb jedoch ungeklärt, ob das tödliche Geschoss von der Polizei oder der RAF stammte. Während des Bestehens der Gruppe starben zudem 27 Mitglieder und Sympathisanten. Vier unbeteiligte Personen wurden bei Festnahmeversuchen irrtümlich von der Polizei erschossen.
Insgesamt werden drei Generationen unterschieden, obwohl dieses Modell die Entwicklung vereinfacht und zwischen den Generationen kaum personelle Kontinuität bestand. Der harte Kern umfasste über alle Jahrzehnte schätzungsweise 60 bis 80 Personen. Wegen Unterstützung der RAF wurden 914 Menschen verurteilt, wegen Mitgliedschaft 517; 26 Mitglieder erhielten lebenslange Freiheitsstrafen. Der Spiegel schätzte 2007 den Sachschaden der Anschläge auf umgerechnet 250 Millionen Euro.
Die Bekämpfung der RAF hatte weitreichende Folgen. Sie führte unter anderem zur Entwicklung der negativen Rasterfahndung und zu Anti-Terror-Gesetzen, die teilweise bis heute gelten und in Persönlichkeitsrechte eingriffen. Im Juni 2011 wurde mit Birgit Hogefeld das letzte ehemalige Mitglied aus der Haft entlassen. Mehrere Morde der späten RAF sind weiterhin ungeklärt.
Entstehung und erste Generation
Die RAF entstand vor dem Hintergrund der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre. Viele junge Menschen kritisierten die unzureichende Aufarbeitung des Nationalsozialismus, den Kapitalismus, den Vietnamkrieg und die Politik der USA. Prägende Ereignisse waren die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967, das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 und die Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968. Nach dem Zerfall der außerparlamentarischen Opposition radikalisierte sich ein Teil der Bewegung.
Am 2. April 1968 legten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein aus Protest gegen den Vietnamkrieg Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Der Schaden betrug 673.204 DM; die Täter wurden zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach ihrer vorläufigen Freilassung tauchten Baader und Ensslin unter. Am 14. Mai 1970 befreiten Bewaffnete Baader aus einem Berliner Institut; dabei wurde der Angestellte Georg Linke schwer verletzt. Ulrike Meinhof floh mit der Gruppe in den Untergrund.
Von Juni bis August 1970 erhielt ein Teil der Gruppe in einem Lager der palästinensischen Fatah in Jordanien eine Ausbildung an Waffen, Sprengstoff und in Kampftaktik. Zur Finanzierung des Untergrundlebens beging die RAF Banküberfälle sowie Fahrzeug- und Dokumentendiebstähle. Beim „Dreierschlag“ am 29. September 1970 wurden drei Berliner Banken gleichzeitig überfallen und über 209.000 DM erbeutet; nach anderen Quellen waren nur zwei Überfälle der Gruppe zuzurechnen.
Bei der „Mai-Offensive“ 1972 verübte die RAF sechs Bombenanschläge. Vier Menschen starben, mehr als 70 wurden verletzt. Ziele waren unter anderem US-Militäreinrichtungen in Frankfurt am Main und Heidelberg, Polizeieinrichtungen, das Auto des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg und das Hamburger Gebäude der Axel-Springer-AG. Bis Ende Juni 1972 waren Baader, Ensslin, Meinhof und weitere führende Mitglieder festgenommen.
Die Gefangenen bezeichneten ihre Haft als „Isolationsfolter“ oder „Vernichtungshaft“ und traten insgesamt zehnmal in den Hungerstreik. Holger Meins starb am 9. November 1974 an dessen Folgen. Die Haftbedingungen wurden auch von Amnesty International kritisiert; spätestens nach der Zusammenlegung in Stuttgart-Stammheim hatten die Gefangenen jedoch weitreichende Kontakte und Privilegien. 1977 wurden die Hauptangeklagten nach 192 Prozesstagen unter anderem wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ulrike Meinhof starb am 9. Mai 1976 durch Suizid. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe begingen am 18. Oktober 1977 in der „Todesnacht von Stammheim“ Suizid. Irmgard Möller überlebte Stichverletzungen und bestreitet die Darstellung eines abgesprochenen Suizids; Verschwörungstheorien sprechen von staatlichen Morden. Belegt ist, dass Gefangene abgehört wurden, während Behörden bestreiten, von den eingeschmuggelten Schusswaffen gewusst zu haben.
Zweite Generation und Deutscher Herbst
Die zweite Generation entstand vor allem aus Unterstützerkreisen der inhaftierten Gründer. Ihr zentrales Ziel wurde die „Big Raushole“, also das Freipressen der ersten Generation. Am 24. April 1975 besetzten sechs RAF-Mitglieder die bundesdeutsche Botschaft in Stockholm und verlangten die Freilassung von 26 Häftlingen. Sie ermordeten zwei Diplomaten. Ein Sprengsatz detonierte versehentlich; zwei Terroristen starben, die übrigen Geiseln entkamen und vier Täter wurden festgenommen.
1977 erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt. Am 7. April wurden Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und Georg Wurster erschossen; die Täter sind nicht identifiziert. Am 30. Juli erschossen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar den Dresdner-Bank-Sprecher Jürgen Ponto bei einem gescheiterten Entführungsversuch.
Der „Deutsche Herbst“ begann am 5. September 1977 mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Dabei wurden sein Fahrer und drei Personenschützer ermordet. Weil die Bundesregierung unter Helmut Schmidt nicht nachgab, entführte ein Kommando der palästinensischen PFLP am 13. Oktober die Lufthansa-Maschine „Landshut“ mit 91 Menschen an Bord. Der Flugkapitän Jürgen Schumann wurde erschossen. Am 18. Oktober befreite die GSG 9 in Mogadischu alle 90 verbliebenen Geiseln unverletzt; drei der vier Terroristen starben. Nach den Suiziden der RAF-Spitze in Stammheim wurde Schleyer ermordet. Wer ihn erschoss, ist bis heute ungeklärt.
Weitere Anschläge richteten sich gegen militärische Ziele. Alexander Haig überlebte am 25. Juni 1979 einen Bombenanschlag in Belgien. Beim Überfall auf eine Zürcher Bank am 19. November 1979 starb eine Passantin. Anschläge auf das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte in Ramstein und auf General Frederick James Kroesen verletzten 1981 insgesamt 18 Menschen.
1982 entdeckte die Polizei das Zentraldepot der RAF bei Heusenstamm und anschließend weitere Verstecke. Ob der Fund zufällig oder aufgrund von Aussagen zustande kam, ist umstritten. Bis 1984 wurden die wichtigsten Mitglieder der zweiten Generation, darunter Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, festgenommen. Zehn Aussteiger lebten mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit unter falschen Identitäten in der DDR; sie wurden 1990 enttarnt. Wie weit die Unterstützung durch das MfS über Unterkunft und nachgewiesene militärische Übungen hinausging, ist nicht abschließend geklärt.
Dritte Generation und letzte Anschläge
Die dritte Generation formierte sich ab etwa 1983. Sie soll aus bis zu 20 aktiven Personen und etwa 250 Unterstützern bestanden haben, war aber selbst innerhalb der radikalen Linken isoliert. Nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld werden unstrittig ihrer Kommandoebene zugerechnet. Von zehn Morden zwischen 1985 und 1993 ist nur bei einem der Täter bekannt. Die Behauptung, Geheimdienste hätten die Taten einer nicht existierenden „RAF-Phantom“-Gruppe zugeschrieben, gilt allgemein als Verschwörungstheorie.
Zu den Opfern gehörten der Rüstungsmanager Ernst Zimmermann am 1. Februar 1985, der US-Soldat Edward Pimental am 7. August 1985, der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler am 9. Juli 1986, der Diplomat Gerold von Braunmühl am 10. Oktober 1986, Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen am 30. November 1989 und Treuhandpräsident Detlev Karsten Rohwedder am 1. April 1991. Der Mord an Pimental diente dem Diebstahl seiner Zutrittskarte für die Rhein-Main Air Base; beim dortigen Bombenanschlag am 8. August 1985 starben zwei weitere Menschen, 23 wurden verletzt. Die RAF bezeichnete Pimentals Ermordung später als „Fehler“.
Am 13. Februar 1991 schoss die RAF mehr als 250-mal auf die US-Botschaft in Bonn; etwa 60 Schüsse trafen das Gebäude. Am 1. April 1991 beging sie mit der Ermordung Rohwedders ihren letzten Mord. Anfang 1992 erklärte sie nach einer Initiative von Bundesjustizminister Klaus Kinkel, die Eskalation zurücknehmen zu wollen.
Ihre letzte Aktion war der Anschlag auf die im Bau befindliche JVA Weiterstadt in der Nacht vom 26. auf den 27. März 1993. Mehr als 200 Kilogramm Sprengstoff verursachten rund 123 Millionen DM Schaden; Menschen wurden nicht verletzt. Als mögliche Täter gelten aufgrund von DNA-Spuren neben Grams und Hogefeld auch Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg.
Beim Festnahmeversuch in Bad Kleinen am 27. Juni 1993 wurde Hogefeld verhaftet. Grams erschoss den GSG-9-Beamten Michael Newrzella und starb selbst durch einen aufgesetzten Kopfschuss. Zeugenaussagen deuteten auf eine Erschießung durch einen Beamten; die mehrfach gerichtlich überprüfte Untersuchung kam dagegen zu dem Ergebnis, dass Grams sich wahrscheinlich selbst erschossen hatte. Fehlerhafte Aussagen und mangelhafte Spurensicherung lösten eine Vertrauenskrise aus. Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt.
Ideologie und programmatische Schriften
Die RAF rechtfertigte ihre Gewalt mit wechselnden, nicht widerspruchsfreien Vorstellungen aus Kommunismus, Antiimperialismus, Maoismus und Neomarxismus. Sie betrachtete die Bundesrepublik als Teil eines imperialistischen und angeblich faschistoiden „Systems“, sah die nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit als fortwirkend an und erklärte den bewaffneten Kampf zur notwendigen revolutionären Praxis. Vertreter der Frankfurter Schule und andere maßgebliche linke Intellektuelle distanzierten sich entschieden. Herbert Marcuse betonte, der Marxismus lehne den Terror kleiner Gruppen ohne Massenbasis ab; Rudi Dutschke verurteilte den RAF-Terror ebenfalls.
In „Das Konzept Stadtguerilla“ vom April 1971 verwendete die Gruppe erstmals öffentlich den Namen Rote Armee Fraktion und das Symbol des roten Sterns mit Maschinenpistole. Sie erklärte den bewaffneten Kampf in der Bundesrepublik und West-Berlin für „richtig“, „möglich“ und „gerechtfertigt“. Die Stadtguerilla sollte den staatlichen Herrschaftsapparat punktuell beschädigen und den Eindruck seiner Unverletzbarkeit zerstören. Zugleich stellte die RAF sich als Verbindung zwischen legalen und illegalen Kräften sowie als Teil einer internationalen kommunistischen Revolution dar.
„Stadtguerilla und Klassenkampf“ vom April 1972 verband kapitalistische Ausbeutung mit staatlicher Politik, rechtfertigte Banküberfälle als „Enteignungsaktionen“ und verlangte Solidarität mit dem Untergrund. Die Schrift spiegelte den zunehmenden Fahndungsdruck und die Schwierigkeiten wider, Unterstützer und Quartiere zu finden.
In „Die Aktion des Schwarzen September in München“ vom November 1972 lobte Ulrike Meinhof die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen, bei der elf Geiseln starben. Sie gab Israel statt den Geiselnehmern die Schuld, setzte Israel mehrfach mit dem NS-Staat gleich und griff erstmals ausdrücklich den Gedanken auf, inhaftierte Mitglieder durch Terrorakte freizupressen.
Das „Mai-Papier“ von 1982, offiziell „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“, räumte Fehler des Jahres 1977 ein und forderte unter der Formel „Guerilla und Widerstand. Eine Front.“ eine westeuropäische Zusammenarbeit mit Gruppen wie Action Directe, Brigate Rosse und Cellules Communistes Combattantes. Es sollte besonders Autonome und Hausbesetzer gewinnen, stieß in der linken Szene jedoch überwiegend auf Ablehnung. Danach veröffentlichte die RAF bis 1998 keine programmatische Grundsatzschrift mehr.
Auflösung und Folgen
Am 20. April 1998 ging bei Reuters ein als echt eingestuftes Schreiben ein, in dem die RAF erklärte: „Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.“ Das Schreiben erinnerte an 26 Tote aus terroristischen Gruppen und deren Umfeld, erwähnte jedoch die 33 Todesopfer der RAF nicht. Seitdem trat die Organisation nicht mehr in Erscheinung.
Nach Raubüberfällen entstanden Befürchtungen über eine „vierte Generation“. Ermittler ordneten spätere Taten von Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg jedoch der Geldbeschaffung für das Leben im Untergrund und nicht einem neuen terroristischen Projekt zu. Klette wurde nach erneuter Öffentlichkeitsfahndung am 26. Februar 2024 in Berlin-Kreuzberg gefasst und kam in Untersuchungshaft. Nach Staub und Garweg wird weiterhin gefahndet.
Die RAF und besonders der Deutsche Herbst wurden zum Gegenstand zahlreicher Sachbücher, Dokumentationen, Romane, Theaterstücke und Spielfilme. Dazu gehören unter anderem „Deutschland im Herbst“ von 1978, „Stammheim“ von 1986, „Todesspiel“ von 1997, „Black Box BRD“ von 2001 und „Der Baader Meinhof Komplex“ von 2008. Diese breite Beschäftigung spiegelt die langfristige Bedeutung der RAF für die deutsche Geschichte, die Terrorismusbekämpfung und die Debatten über staatliche Sicherheit, Bürgerrechte und den Umgang mit politischer Gewalt.