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Antiimperialismus

Aus unterschiedlichen Erklärungsmodellen für den Imperialismus ergeben sich unterschiedliche antiimperialistische Positionen, die sich zum Teil ähneln, aber …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Deutungen
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Verbindung von Antiimperialismus und Antikapitalismus
  4. 4. Antisemitismus und kritische Einwände
  5. 5. Antikoloniale Befreiungsbewegungen

Grundbegriff und Deutungen

Antiimperialismus bezeichnet die prinzipielle Ablehnung von Imperialismus, also einer Politik, die auf die Ausweitung von Herrschaft über das eigene Staatsgebiet hinaus gerichtet ist. Was genau als antiimperialistisch gilt, hängt deshalb von der jeweiligen Imperialismustheorie ab. Meist meint der Begriff die konkrete Bekämpfung des modernen europäischen und US-amerikanischen Imperialismus seit etwa 1890. Heute wird Antiimperialismus zumeist als linksextreme Ideologie verstanden, häufig mit antiamerikanischen oder antisemitischen Untertönen.

Imperialismus kann entweder als nationalstaatliche Expansionspolitik seit dem späten 19. Jahrhundert verstanden werden oder als Entwicklungsstufe, die dem Kapitalismus grundsätzlich innewohnt. Nach der ersten Sicht änderte sich die Lage 1917/18: Deutschland verlor seine Kolonien, Russland wechselte infolge der Oktoberrevolution zu einer antiimperialistischen Politik, während vor allem Frankreich und Großbritannien ihre Kolonialpolitik fortsetzten. In diesen Staaten bekam Antiimperialismus zunehmend eine antikapitalistische Dimension. Nach der leninistischen Sicht verschwindet Antiimperialismus dagegen erst mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem. Ohne Bezug auf die zugrunde liegende Theorie kann der Begriff daher missverständlich sein.

Die Begriffe formal empire und informal empire unterscheiden formelle von informeller Herrschaft. Dadurch lässt sich Imperialismus auch ohne direkte Kolonie beschreiben: Kuba war zwischen 1902 und 1959 keine US-amerikanische Kolonie, gehörte in nicht-marxistischer Analyse aber zum informal empire der USA, also zu deren politischer, wirtschaftspolitischer und militärischer Einflusssphäre.

Historische Entwicklung

Antiimperialistische Bewegungen entstanden in Europa im Zeitalter des Imperialismus und in den USA seit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898. In den USA gehörten auch einflussreiche bürgerliche Politiker dazu. Sie befürchteten, die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land werde vernachlässigt; diese Haltung wird als Isolationismus bezeichnet.

Im Deutschen Kaiserreich vertraten vor dem Ersten Weltkrieg besonders Teile der SPD antiimperialistische Forderungen gegen koloniale Ansprüche und die deutsche Politik in den Kolonien. Genannt werden die heutigen Staaten Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Papua-Neuguinea und Samoa. Rosa Luxemburg und Karl Kautsky entwickelten eigene Imperialismustheorien; Eduard Bernstein bestritt dagegen einen zwingenden Zusammenhang von Kolonialismus und Imperialismus. Einen Einschnitt bedeutete 1914 die Zustimmung der Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten sowie das Zerbrechen der Zweiten Internationale in nationale Arbeiterbewegungen, die teils die Politik ihrer Regierungen im Krieg unterstützten.

Die DDR bezeichnete sich ausdrücklich als „antiimperialistisches Land“. Sie begründete einen Teil ihrer Legitimität damit, mit Faschismus und bürgerlichem Imperialismus gebrochen zu haben, und stellte sich als Bollwerk von Frieden und Demokratie gegen den „imperialistischen Klassenfeind“ Bundesrepublik dar. Bis 1989 war westlicher Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus ein gebräuchlicher Ausdruck. Die DDR-Kolonialgeschichtsforschung sollte eine Kontinuität zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik nachweisen; die äußere Form habe sich nur geändert und Begriffe wie „Kolonie“, „Protektorat“ und „Kolonialwirtschaft“ seien durch „Entwicklungsland“, „wirtschaftliche Hilfe“, „Partnerschaft“ und „Eurafrika“ ersetzt worden.

Verbindung von Antiimperialismus und Antikapitalismus

Mit den kommunistischen Parteien und ihrer Ablehnung des „Imperialistischen Weltkrieges“ wurde Antiimperialismus eng mit der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie verbunden. Imperialismus gilt darin nicht als vorübergehende Politik einzelner Staaten, sondern als Wesenselement des Kapitalismus in seiner monopolkapitalistischen und staatsmonopolkapitalistischen Entwicklungsstufe. Lenins Aufsatz Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus von 1916 machte diese Sicht zu einem wichtigen Begriff marxistisch-leninistischer Geschichtsinterpretation im 20. Jahrhundert.

In dieser Lesart gehören Kolonialismus zur Ausweitung von Rohstoff- und Absatzmärkten, Nationalismus als innenpolitische Rechtfertigung, Rassismus als scheinwissenschaftliche Rechtfertigung von Überlegenheit und Faschismus als extrem aggressive Form zum Imperialismus. Daraus folgen Antikolonialismus, Internationalismus, Antirassismus und Antifaschismus als Teilbereiche von Antiimperialismus und Antikapitalismus. Diese Deutung wird jedoch nicht von allen Antiimperialisten geteilt.

Die Neue Linke orientierte sich während der 1968er-Bewegung am Neomarxismus. Der Vietnamkrieg und US-Versuche, die revolutionäre Regierung Kubas zu stürzen, verstärkten die Proteste. Kaspar Maase nennt den dabei sichtbaren, an amerikanischen Mustern orientierten Antiamerikanismus „amerikanisierten Antiamerikanismus“. Beim Internationalen Vietnamkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds am 17. und 18. Februar 1968 in West-Berlin solidarisierten sich Teilnehmende mit dem kommunistischen Regime Nordvietnams und wollten eine weltweite Widerstandsbewegung gegen das liberal-kapitalistische System aufbauen.

Einige heutige linksextreme Gruppen sehen vor allem die USA, die NATO und Israel als Akteure imperialistischer Ausbeutung und verbinden deren Bekämpfung mit Antikapitalismus. Samuel Salzborn zufolge stützt sich diese Ideologie neben Lenin auf Josef Stalins Nationsverständnis, Mao Zedongs Vorstellung des revolutionären Krieges und Carl Schmitts Großraumordnung. Dabei würden Klassenkonflikte in Konflikte zwischen ethnisch homogen gedachten Völkern umgedeutet. Nach Rudolf van Hüllen gilt antiimperialistische Solidarität nur Befreiungsbewegungen, die als sozialistisch gelten; Bewegungen mit dem Ziel einer westlichen Demokratie würden als konterrevolutionär abgelehnt.

Antisemitismus und kritische Einwände

Der Artikel beschreibt eine Tradition linken Antisemitismus bis zum Frühsozialismus. Traditioneller antiimperialistischer Antizionismus sei offen antisemitisch gewesen und habe auch Anschläge auf jüdische Einrichtungen umfasst. Nach dem Sechstagekrieg 1967 betrachteten Teile der radikalen Linken Israel als „Brückenkopf des US-Imperialismus“. Teilweise ging der Antizionismus in Antisemitismus über: Das Bonner Palästinakomitee schrieb von „jüdischem Kapital“, der Kommunistische Bund rief zum Kampf gegen „den internationalen Zionismus“ auf. Die Rote Armee Fraktion verteidigte 1972 den Anschlag des „Schwarzen September“ auf die Olympischen Spiele in München als „antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“. Seit den 1990er Jahren wenden sich die Antideutschen gegen diesen antiimperialistischen Antisemitismus und verbinden linke Positionen mit der Ablehnung der deutschen Einheit und unbedingter Solidarität mit Israel.

Salzborn kritisiert ein Weltbild, das Israel und die USA für gesellschaftliche Probleme verantwortlich mache und sich gegen Aufklärung, Liberalismus, Moderne, Individualität, Freiheit und Demokratie richte. Tom David Uhlig beanstandet eine manichäische, also strikt in Gut und Böse geteilte Sicht, in der allein USA und Israel für Konflikte verantwortlich gemacht würden. Israel werde dabei entweder als „Brückenkopf“ der USA dargestellt oder die USA als von israelischen beziehungsweise jüdischen Interessen gesteuert. Jeffrey Herf zufolge bot die Rhetorik von Antifaschismus und Antiimperialismus der westdeutschen radikalen Linken auch eine scheinbare Befreiung von der Bürde der deutschen Geschichte nach dem Holocaust.

Im Zusammenhang mit Wladimir Putins imperialen Absichten wird zudem kritisiert, speziell die Linke erkenne russischen Imperialismus zu wenig. Jan Smoleński und Jan Dutkiewicz nennen die Erklärung, Russland kämpfe beim Angriff auf die Ukraine gegen den US-Imperialismus, „lächerlich“. Timothy Snyder bezeichnete den Krieg als Kolonialkrieg. Bereits 2017 erklärte er im Deutschen Bundestag, wer Ukrainern abspreche, ein Volk und eine Nation zu sein, behandle sie als Bewohner einer „Kolonie“, deren Zugehörigkeit zu einem „Imperium“ legitim erscheine.

Antikoloniale Befreiungsbewegungen

Nationale Befreiungsbewegungen gegen Kolonialismus entstanden vielfach bereits nach dem Ersten Weltkrieg, als die damalige Weltordnung erschüttert wurde. Gründer wie Ho Chi Minh oder Ernesto „Che“ Guevara kamen mit der Kommunistischen Weltbewegung, der Komintern, in Kontakt und verstanden sich als Teil einer weltweiten antiimperialistischen Bewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in fast allen Kolonien eine Welle antikolonialer Bewegungen. Viele suchten zunächst Unterstützung in der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie. Im Kalten Krieg war seit den 1950er Jahren auch materielle Hilfe durch Staaten des „Antiimperialistischen Lagers“ mitunter entscheidend. Beispiele sind Ägypten unter Nasser nach britischer Herrschaft, Vietnam und Algerien als französische Kolonien, Kuba, Nicaragua und Chile als von den USA abhängige Staaten sowie Angola, Guinea-Bissau und Mosambik als portugiesische Kolonien.

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