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Juden in den Vereinigten Staaten
Je nach Zählart leben also die meisten Juden weltweit entweder in den Vereinigten Staaten oder in Israel. Außerdem leben ungefähr 130.000 jüdische Israelis in …
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Überblick und historische Entwicklung
In den Vereinigten Staaten leben geschätzt zwischen 5,3 und 9 Millionen Juden; die große Spannweite entsteht durch unterschiedliche Kriterien dafür, wer als jüdisch nach Glauben oder Herkunft gezählt wird. Zum Vergleich nennt der Artikel für Israel 6,2 Millionen Juden. Je nach Zählweise leben die meisten Juden weltweit somit in den USA oder in Israel. Außerdem leben ungefähr 130.000 jüdische Israelis in den USA und circa 170.000 amerikanische Juden in Israel.
Die ersten Einwanderer im 17. Jahrhundert waren vor allem sephardische Juden. Heute rechnen sich etwa 90 Prozent der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung den Aschkenasen zu. Im frühen 19. Jahrhundert kamen zahlreiche Juden aus Deutschland, häufig Kaufleute und Ladenbesitzer; bis 1880 stieg ihre Zahl auf 250.000. Wegen Verfolgung in Teilen Osteuropas wanderten ab den 1880er Jahren viele Menschen aus Russland und Polen ein. Zwischen dem späten 19. Jahrhundert und 1924 kamen über zwei Millionen Juden, bevor Einwanderungsbestimmungen verschärft wurden.
Viele Neuankömmlinge lebten in New York City und städtischen Einwanderervierteln. Kleine Synagogen und Landsmannschaften, also Vereine von Juden aus demselben Herkunftsort, bildeten wichtige Netzwerke. Im Zweiten Weltkrieg kämpften 500.000 amerikanische Juden, die Hälfte aller jüdischen Männer zwischen 18 und 50. Nach dem Krieg zogen viele Familien in Vororte. Zugleich verdoppelte sich die Schülerzahl jüdischer Schulen zwischen Kriegsende und Mitte der 1950er Jahre; die Synagogenzugehörigkeit stieg von 20 Prozent 1930 auf 60 Prozent 1960.
Bevölkerung und räumliche Schwerpunkte
Nach der US-Volkszählung lebten 2000 6,19 Millionen Juden in den USA, weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Jüdische Bevölkerung konzentriert sich vor allem in und nahe Großstädten: zunächst im Nordosten und Mittelwesten, in jüngerer Zeit auch stärker im Süden und Westen. Bedeutende Zentren liegen in Boswash, besonders Boston, New York City und Baltimore, außerdem in Los Angeles, im nördlichen Kalifornien um San Francisco, im südöstlichen Florida und in Nevada.
New York ist besonders wichtig: Im Bundesstaat New York lebten 2016 zwischen 1,7 und 2 Millionen Juden, etwa 9 Prozent der Bevölkerung. Damit war dies noch vor Tel Aviv der größte Ballungsraum von Menschen jüdischer Herkunft weltweit. New York City hat 12 Prozent jüdische Bevölkerung und die weltweit größte Zahl jüdischer Menschen. Zu den großen Agglomerationen zählen Greater New York mit 2.051.000, Los Angeles Area mit 668.000, Miami mit 498.000, Delaware Valley mit 285.000, Chicago mit 265.000, Boston mit 254.000 und San Francisco mit 218.000 Juden.
Die Angaben des Glenmary Research Center für 2000 zeigen besonders hohe Anteile in einzelnen Counties: Rockland County, New York, lag mit 90.000 Einwohnern bei 31,4 Prozent, Manhattan bei 314.500 und 20,5 Prozent, Brooklyn bei 379.000 und 15,4 Prozent. Auch Nassau County in New York, Palm Beach County und Broward County in Florida sowie mehrere Counties in New Jersey hatten hohe Anteile. Miami hat einen hohen Altersdurchschnitt, weil dort viele Rentner leben; Zuwanderung aus Argentinien, Kuba und Brasilien relativiert dies. Wachsende Gemeinden gibt es auch in Houston, Dallas, Phoenix, Charlotte, Atlanta und Las Vegas.
Identität und religiöse Praxis
Die religiöse Praxis ist vielfältig. Unter den 6 bis 8 Millionen amerikanischen Juden sind über 60 Prozent in irgendeiner Form fest mit dem Judentum verbunden; dies kann vom Pessach-Seder bis zum Gebrauch einer Chanukkia reichen. Von Synagogenmitgliedern waren 2013 mindestens 38 Prozent Reformjuden, 33 Prozent konservative Juden, 22 Prozent orthodox, 2 Prozent Rekonstruktionisten und 5 Prozent anderen Richtungen zuzuordnen. Im Nordosten und Mittleren Westen werden Religionsvorschriften im Allgemeinen stärker beachtet als im Süden oder Westen.
Interreligiöse Ehen, Säkularisierung und religiöse beziehungsweise ethnische Identität werden innerhalb der Gemeinschaft unterschiedlich bewertet. Der Anteil interreligiöser Ehen stieg von etwa 6 Prozent 1950 auf etwa 40 bis 50 Prozent 2000. Nur ungefähr ein Drittel dieser Paare erzieht die Kinder jüdisch. Zusammen mit niedrigen Geburtenraten ging die jüdische Bevölkerung in den 1990er Jahren um 5 Prozent zurück; ihr Altersdurchschnitt liegt über dem der Gesamtbevölkerung. In Gegenden mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil ist die jüdische Erziehung in interreligiösen Familien intensiver.
Orthodoxe Gemeinden haben dagegen deutlich höhere Geburtenziffern und niedrigere interreligiöse Eheraten. Nach Daniel Pipes stieg ihr Anteil an jüdischen Synagogenmitgliedern von 11 Prozent 1971 auf 21 Prozent 2000, während die Gesamtzahl jüdischer Gemeinden zurückging. Eine Rückkehr säkularer Juden zu orthodoxen Vorschriften wird Baal Teschuwa genannt; wie verbreitet und demografisch bedeutsam sie ist, bleibt unklar.
Die großen religiösen Richtungen
Das Reformjudentum ist traditionell und gegenwärtig die mitgliederstärkste Richtung. Es unterscheidet zwischen zeitlosen, unveränderlichen ethischen Gesetzen und veränderbaren rituellen Gesetzen. Es versteht Offenbarung als fortschreitenden, durch Menschen vermittelten Prozess statt als einmalige wörtliche Übergabe der schriftlichen und mündlichen Tora an Moses. Deshalb verbindet es die Bewahrung jüdischer Tradition mit ihrer Erneuerung, untersucht den Tanach historisch-kritisch und hofft auf eine messianische Zeit statt auf einen persönlichen Messias. Es erlaubte in den USA als erste Richtung Frauen das Thorastudium und Rabbineramt; Sally Priesand wurde 1972 als erste Rabbinerin der Vereinigten Staaten ordiniert. Exogame Ehen sind möglich, und auch Kinder jüdischer Väter werden als jüdisch und als vollwertige Gemeindemitglieder anerkannt.
Das konservative Judentum, in Israel und Europa auch masorti genannt, ist nach dem Reformjudentum die zweitstärkste Richtung. Es betrachtet schriftliche Tora sowie mündliche Tora, Mischna und Talmud, als über längere Zeit von Menschen hervorgebracht. Mitglieder sollen Speisegebote und die Schabbatruhe befolgen, teils weniger streng als in der Orthodoxie; die Liturgie bleibt weitgehend traditionell. Das neuere konservative Judentum setzt sich für Gleichberechtigung der Geschlechter ein. Das Rabbinerseminar in New York ließ ab 1984 Frauen zum Studium zu, und Amy Eilberg wurde 1984 zur ersten konservativen Rabbinerin ordiniert. Für die Anerkennung von Kindern jüdischer Väter gibt es keinen breit getragenen Konsens, auch wenn einzelne Gemeinden sie aufnehmen.
Das orthodoxe Judentum richtet sich nach der schriftlichen und mündlichen Lehre in Tora und Talmud sowie ihrer rabbinischen Weiterentwicklung. Die ganze Tora gilt als maßgebendes Wort Gottes. Die Halacha, das jüdische Gesetz, ist die Grundlage, um Neuerungen auszulegen, ohne schriftliche Vorschriften zu ändern. Wichtige Regeln betreffen den Schabbat, koschere Ernährung und eheliche Beziehungen, Taharat Hamischpacha. Zentren liegen vor allem in Brooklyn mit Borough Park, Williamsburg und Crown Heights sowie in Rockland County; 13 Prozent aller amerikanischen Juden rechnen sich als orthodox.
Bildung, Kultur und Sprache
Amerikanische Juden verfügen im Durchschnitt über eine höhere Hochschulbildung als die Gesamtbevölkerung: 55 Prozent der jüdischen Erwachsenen haben mindestens einen Bachelor-Grad und 24 Prozent einen höheren akademischen Grad. In der Gesamtbevölkerung betragen die entsprechenden Werte etwas über 25 Prozent und 6 Prozent. Es gibt ein breites jüdisches Schulwesen, hebräische Ergänzungsschulen an Synagogen und 861 jüdische Tagesschulen für circa 255.000 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren. Die 1948 gegründete, interkonfessionelle Brandeis University stärkt zugleich die jüdisch-amerikanische Gemeinschaft. Die Yeshiva University verbindet das Studium von Tora und Talmud mit Geistes- und Naturwissenschaften.
Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begrenzten Quoten an Universitäten den Anteil jüdischer Studierender; an der Harvard School of Medicine sank er zwischen den Weltkriegen von 30 Prozent auf 4 Prozent. Seit den 1950er Jahren gibt es offiziell keine solchen Quoten mehr. Für 2021 nennt der Artikel jüdische Anteile von 16,9 Prozent an Yale, 27,9 Prozent an Harvard, 16,4 Prozent an Columbia und 12,5 Prozent an Cornell. Ungefähr 110 jüdisch-amerikanische Forscher, Wissenschaftler, Denker, Literaten und Politiker erhielten seit 1901 einen Nobelpreis.
Jüdische Kultur beeinflusste die allgemeine US-Kultur. Verbreitet wurden unter anderem Bagel, lox, Corned Beef, Pastrami, Knish, Bialy, Sandwiches und Pickles; der Deli ist eine Kombination aus koscherem Lebensmittelgeschäft und Schnellimbiss. Die meisten amerikanischen Juden sprechen Englisch. Jiddisch, besonders unter vielen chassidischen Juden, prägte Wörter wie Chuzpe, nosh, schlep und schmock im amerikanischen Englisch. Hebräisch wird als Sprache jüdischer Erbauungsliteratur, des Tanach, Siddur und des Staates Israel gelernt. Einige iranisch-jüdische Gemeinden sprechen Persisch, viele aus der Sowjetunion eingewanderte Juden Russisch.
Institutionen und öffentliche Erinnerung
Jüdisch-amerikanische Persönlichkeiten gründeten seit dem 19. Jahrhundert Einrichtungen von nationaler Bedeutung, darunter Museen, Schulen, Krankenhäuser und Kultureinrichtungen. Beispiele sind das Solomon R. Guggenheim Museum in New York City, das Mount Sinai Hospital in New York City, die von Ronald S. Lauder gegründete Neue Galerie in Manhattan, das Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles und B’nai B’rith, das nach eigenen Angaben Wohlfahrt, Toleranz und weltweiten Humanismus fördert.
Das Institute for Advanced Study in Princeton wurde 1930 von Louis Bamberger und Abraham Flexner gegründet. Es wurde unter anderem durch Albert Einsteins letzte akademische Wirkungsstätte bekannt. Wissenschaftler der Geistes- und Naturwissenschaften sollen dort unabhängig von Studentenkursen, Examen und institutionellem Druck forschen; das Institut steht ausschließlich Wissenschaftlern der Doktoratsstufe offen, ist mit der Princeton University assoziiert, aber unabhängig finanziert.
Das Leo Baeck Institut wurde 1955 von Hannah Arendt, Gershom Scholem, Martin Buber, Ernst Simon und Robert Weltsch mit Sitzen in New York City, Jerusalem und Berlin gegründet. Sein Ziel ist die Pflege des weitgehend zerstörten Erbes des deutschen und österreichischen Judentums. Landesweit gibt es etwa dreißig jüdische Museen. Das National Museum of American Jewish History in Philadelphia wurde 1976 von der Smithsonian-Bildungseinrichtung in Washington, D.C. eingerichtet. Die großen religiösen Richtungen organisieren sich unter anderem in der Union for Reform Judaism, der United Synagogue for Conservative Judaism und der Orthodox Union.