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Fasten
Als Fasten wird die völlige oder teilweise Enthaltung von allen oder bestimmten Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg, …
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Begriff und Grundformen
Fasten ist die völlige oder teilweise Enthaltung von allen oder bestimmten Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum, üblicherweise einen oder mehrere Tage. Wird nur eine konkrete Nahrung oder ein Genussmittel weggelassen oder eingeschränkt, spricht man von Enthaltung oder Abstinenz.
Fasten ist in zahlreichen Kulturen historisch belegt. Es kann individuell oder gemeinschaftlich, zu bestimmten Jahreszeiten oder Terminen sowie vollständig oder teilweise praktiziert werden. Neben Nahrungsmitteln können auch Fleisch, Alkohol, Sexualität oder andere Genussmittel eingeschränkt werden. Religiös soll Fasten unter anderem der Reinigung der Seele, der Buße, der Abwehr des Bösen, der Konzentration, der Erleuchtung oder der Erlösung dienen. Weitere Ziele sind Askese, Trauer, die Förderung der Wahrnehmung, die Stärkung der Willenskraft, psychische und soziale Kontrolle, Gewichtsregulierung sowie eine mögliche Erhöhung der Lebenserwartung oder Verzögerung des Alterungsprozesses.
Die religiöse Fastenpraxis der Antike und des Mittelalters unterschied drei Stufen:
- Vollfasten (lateinisch ieiunum naturale): keine Nahrungsaufnahme und kein Trinken.
- Halbfasten (lateinisch ieiunum plenum): eine Mahlzeit pro Tag und erlaubte Flüssigkeitsaufnahme.
- Abstinenz-Fasten (lateinisch ieiunum semiplenum): zeitweiliger Verzicht auf bestimmte Speisen, etwa Fleisch von an Land oder in der Luft lebenden Warmblütern, und Getränke, etwa Wein. Es unterscheidet sich dadurch vom Vegetarismus, dass es periodisch erfolgt.
In der Neuzeit gibt es therapeutische Formen, Fasten als Teil der Trauerarbeit sowie Hungerstreiks und politisches Fasten, beispielsweise von Mahatma Gandhi. Der zeitweilige Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel gilt dabei nicht als Nahrungstabu.
Fasten in Judentum, Christentum und anderen Religionen
Viele Religionen kennen Fastentage oder längere Fastenzeiten. Im alten Ägypten gehörte beispielsweise der Verzicht auf Fischgerichte während der Laichzeit zur Fastenkultur. In verschiedenen religiösen Traditionen wird Fasten außerdem mit spirituellen Erfahrungen verbunden. In Ostasien und im Hinduismus spielt Enthaltsamkeit auch im Yoga eine Rolle. Ein ritualisiertes Fasten bis zum Tod gibt es im Jainismus als Sallekhana und im Hinduismus als Prayopavesa.
Im Judentum wird an langen Fasttagen vom Vorabend bis zum Abend des folgenden Tages, also etwa 25 Stunden, weder gegessen noch getrunken; auch Rauchen ist untersagt. Zu diesen Fasttagen gehören Tischa beAv und Jom Kippur. Kurze Fasttage wie Assara beTevet, Ta’anit Esther, das Fasten der Erstgeborenen, Schiwa Assar beTammus und Zom Gedalja beginnen erst mit der Morgenröte und dauern bis zum Einbruch der Nacht. Schwangere und Stillende müssen nicht fasten. Kranke sollen mit einem Rabbiner klären, ob Fasten mit ihrer Krankheit vereinbar ist. Mädchen fasten ab 12 Jahren, Knaben ab 13 Jahren; jüngere Kinder können schrittweise, etwa durch den Verzicht auf Süßigkeiten, an das Fasten herangeführt werden.
Der einzige jüdische Ruhe- und Fastentag, der in der Tora erwähnt wird, ist Jom Kippur, der Versöhnungstag am 10. Tischri. Die Fasttage, die an Ereignisse wie die Zerstörung des Tempels in Jerusalem am 9. Av erinnern, werden vor allem von orthodoxen und ultraorthodoxen Juden begangen. Jom Kippur wird auch von weniger frommen Juden eingehalten. Im Alten Testament erscheint Fasten außerdem als Zeichen der Trauer oder als Ausdruck des Ernstes eines Gebets, etwa bei König David, als einer seiner Söhne todkrank war.
Das christliche Fasten beruht auf jüdischer Tradition. Die wichtigste Fastenzeit umfasst 40 Tage vor Ostern und erinnert an die 40 Tage, die Jesus Christus fastend und betend in der Wüste verbrachte. Auch die Adventszeit ist traditionell eine Buß- und Fastenzeit, wobei dieser Aspekt heute weniger stark hervortritt. In der frühen christlichen Tradition wurde außerdem mittwochs und freitags gefastet: Mittwoch erinnerte an den Verrat an Jesus, Freitag an seine Kreuzigung. Fasten von Katechumenen vor der Taufe gab es bereits im Frühchristentum; Fasten an Vigil- oder Vorabenden bestimmter Hochfeste kamen später hinzu. Nach der Bergpredigt (Mt 6,16–18) soll Fasten demütig und nicht zur öffentlichen Selbstdarstellung erfolgen.
Hindus verzichten je nach Familienbrauch, den Vorgaben ihres Gurus oder aus politischen Gründen vollständig oder zeitweise auf bestimmte Nahrungsmittel. Gefastet wird zu bestimmten Mondkonstellationen, Feiertagen oder selbst gewählten Zeiten. Im Islam ist das Fasten, Saum genannt, eine der fünf Säulen. Im Ramadan müssen volljährige, geistig zurechnungsfähige, körperlich fähige und nicht reisende Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Speisen, Getränke und Rauchen verzichten. Ausgenommen sind unter anderem Frauen während der Menstruation, Schwangere und Frauen nach der Geburt.
Im Bahaitum wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Nahrung und Flüssigkeit verzichtet. Die Fastenzeit beginnt je nach Sonnenstand am 1., 2. oder 3. März und endet 19 Tage später unmittelbar vor der Tagundnachtgleiche beziehungsweise dem astronomischen Frühlingsanfang. Durch Krankheit oder Alter Geschwächte sind ausgenommen. Der eigentliche Sinn des Fastens wird als geistig verstanden: Es soll die Geistigkeit steigern, den Einfluss des „niederen Selbstes“ verringern, die Willenskraft schulen, schlechte Gewohnheiten abbauen und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken.
Orthodoxe und römisch-katholische Praxis
Die orthodoxen Kirchen kennen vier jährliche Fastenzeiten. Die Große Fastenzeit beginnt 40 Tage vor der Karwoche und dauert bis zum Ostersonntag. Sie ist wegen der Bedeutung des Osterfestes die wichtigste Fastenzeit. Das Apostelfasten reicht vom orthodoxen Allerheiligenfest, dem Sonntag nach Pfingsten, bis zum 28. Juni, dem Vortag des Gedenktags der Heiligen Petrus und Paulus. Seine Dauer ist wegen des beweglichen Ostertermins unterschiedlich: Es kann bis zu 42 Tage dauern oder bei einem sehr späten Osterfest ganz entfallen. Das Marienfasten umfasst die 15 Tage vor dem Fest der Entschlafung der Gottesmutter. Die Philippus-Fastenzeit beginnt am 15. November und reicht bis zum Vorabend des Weihnachtsfestes. Zusätzlich gibt es je nach orthodoxer Landeskirche einzelne Fastentage vor Festen und Gedenktagen. Die konkreten Speiseregeln hängen unter anderem von Fastenzeit, Wochentag und Gedenktag ab. Der Artikel weist darauf hin, dass die Angaben zu diesem Abschnitt nicht ausreichend belegt und teilweise erst kürzlich unbelegt verändert worden seien.
In der römisch-katholischen Kirche galten bis zu den Reformen Papst Pauls VI. nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil neben Aschermittwoch und Karfreitag auch die Freitage der Fastenzeit, Karsamstag bis mittags und die Freitage der vier Quatemberwochen als Fast- und Abstinenztage. Ursprünglich war auch der Mittwoch ein Abstinenztag. Fastengebote bestanden außerdem an den Vigilien von Heiligabend, Pfingsten, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen.
Seit etwa 1960 wurde diese Bußpraxis gelockert. Als strenge Fast- und Abstinenztage gelten nur noch Aschermittwoch und Karfreitag. Fasten bedeutet dabei eine sättigende Mahlzeit am Tag und zu den beiden anderen Tischzeiten jeweils eine kleine Stärkung. Abstinenz bedeutet den Verzicht auf Fleischspeisen. Zum Fasten verpflichtet sind Erwachsene bis zum 60. Lebensjahr, zur Abstinenz alle Gläubigen ab 14 Jahren bis zum Lebensende. An allen Freitagen des Kirchenjahres, außer wenn ein Hochfest auf einen Freitag fällt, ist außerdem ein persönliches „Freitagsopfer“ geboten. In asketischen Orden wird teilweise vollständig oder an mehreren Wochentagen auf Fleisch warmblütiger Tiere sowie teils auf Milchprodukte, Öl, Eier oder Fisch verzichtet.
Reformation und freiwillige christliche Formen
Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts kritisierten kirchliche Fastengebote als äußerliche Handlungen, durch die man Gottes Wohlwollen nicht erlangen könne. Ulrich Zwinglis Reformation in der Schweiz begann 1522 mit einem demonstrativen Wurstessen am ersten Sonntag der Fastenzeit. Martin Luther fastete zwar selbst, betonte jedoch, der Mensch werde „nicht durch das Fasten angenehm bei Gott, sondern allein durch die Gnade, allein durch den Glauben“.
In jüngerer Zeit haben evangelikale und charismatische Gruppen das Fasten wieder stärker aufgenommen. Sie verzichten freiwillig beispielsweise auf Schlaf, um mehr Zeit zum Gebet zu gewinnen, oder auf einzelne Mahlzeiten zugunsten Hungernder. In vielen Pfarreien wird eine „Fastensuppe“ anstelle des üblichen Mittagessens angeboten. Solche Formen gelten nicht als allgemeine Kirchengebote, sondern als freiwillige spirituelle Praxis. Die kanadischen Mennoniten riefen vor dem letzten Golfkrieg zu weltweiten Fastentagen und Friedensgebeten auf.
Unter evangelischen Christen verbreitete sich außerdem die Aktion „7 Wochen Ohne“. Während der Fastenzeit wird bewusst auf Alkohol, Süßigkeiten oder belastende Gewohnheiten wie Fernsehen verzichtet. Die Aktion wird in vielen Gemeinden durch regelmäßige Treffen begleitet und steht jährlich unter einem Motto.
Heilfasten und medizinische Forschung
Heilfasten bezeichnet ein Fasten, das höheres Wohlbefinden oder bessere Gesundheit anstrebt. Der Begriff geht auf Otto Buchinger zurück. Nach einer dreiwöchigen Fastenkur litt er nach eigener Erfahrung nicht mehr an rheumatischer Arthritis und widmete sich anschließend der Erforschung und Entwicklung des Heilfastens. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sind vorteilhafte Effekte bei bestimmten Krankheiten, darunter das Metabolische Syndrom, chronische Entzündungen und psychosomatische Krankheiten, belegt.
Im 20. Jahrhundert entstanden neben älteren Kur- und Fastenformen, etwa nach Pfarrer Kneipp, zahlreiche alternativmedizinisch begleitete Verfahren. Sie verfolgen teilweise Ziele wie „Entschlackung“ oder „Regeneration“ von Körper und Seele. Gemeinsam sind ihnen häufig mehrere Vorbereitungstage, eine gezielte Darmentleerung und eine tägliche Trinkmenge von etwa drei Litern. Ärztliche Untersuchungen vor oder während des Fastens können Risiken verringern. Das Ende des Fastens, früher Fastenbrechen genannt, soll behutsam erfolgen. Auf Franz Volhard geht eine früher bei akuter diffuser Glomerulonephritis eingesetzte Hunger- und Durstkur zurück.
Beim wenige Tage dauernden Kurzzeitfasten während einer Chemotherapie wurde in Tierversuchen und Zellkulturen eine bessere Verträglichkeit beobachtet. Die Hypothese der „Differential Stress Resistance“ besagt, dass Fasten den Stoffwechsel gesunder Körperzellen herabsetzt, während Krebszellen aufgrund ihrer Wachstumsprogrammierung Chemotherapeutika unvermindert aufnehmen. Dadurch könnten während des Fastens weniger Nährstoffe und weniger Toxine beziehungsweise Zytostatika in gesunde Zellen gelangen. Kurzzeitfasten könnte deshalb die Effizienz und Verträglichkeit einer Chemotherapie verbessern; für belastbare Aussagen bei Krebspatienten sind jedoch weitere klinische Prüfungen und Daten erforderlich. Der Artikel enthält außerdem eine Animation zu den Veränderungen des Stoffwechsels während des Fastens, erläutert deren einzelne Abläufe im Text aber nicht näher.
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