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Jesus außerhalb des Christentums

Jesus von Nazaret wird auch außerhalb des Christentums eine besondere Bedeutung zugesprochen. So haben die Schriften des Urchristentums auch die Jesusbilder …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlinien und religiöse Deutungen
  2. 2. Jesus im Judentum und im Neuen Testament
  3. 3. Rabbinische Abgrenzung und jüdische Forschung
  4. 4. Jesus im Islam
  5. 5. Jesusbilder im Hinduismus
  6. 6. Historische, philosophische und literarische Jesusbilder

Grundlinien und religiöse Deutungen

Jesus von Nazaret wird außerhalb des Christentums sehr unterschiedlich bewertet. Seine Rezeption reicht von hoher Wertschätzung bis zu entschiedener Ablehnung. Sie hängt von den jeweiligen Glaubens- und Denkvoraussetzungen sowie von historischen Konflikten mit Kirchen und Christen ab.

Die Mandäer, eine monotheistische Religion, die sich auf Johannes den Täufer zurückführt, bezeichnen Jesus als „Lügenpropheten“. Nach dem heiligen Buch der Mandäer, dem Sidra Rabba, habe Jesus zunächst die Taufe des Johannes empfangen und von dessen Weisheit gelernt, danach aber dessen Lehre und die Taufe im Jordan verdreht und „Frevel und Trug“ gepredigt.

Im Manichäismus spielt „Jesus der Glanz“ eine zentrale Rolle. Er wird mit der Schlange der Paradiesgeschichte identifiziert, die Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen lässt. Der Sündenfall gilt hier trotz der grundsätzlich negativen Bewertung der materiellen Welt als erster Schritt zur Erlösung. Jesus ist außerdem eine von vier Gottheiten, die nach dem Tod die Seele „wiegen“ und sie entweder zur weiteren Läuterung in ein neues irdisches Dasein (Reinkarnation) oder in die Lichtwelt senden. Mani verstand sich als letzter Bote des Lichts und wollte die Lehren von Buddha, Zarathustra, Moses und Jesus in einem gemeinsamen System verbinden.

In der Bahai-Religion gilt Jesus als „Manifestation Gottes“, also als göttlicher Offenbarer. Die Bahai-Lehre der Fortschreitenden Offenbarung besagt, dass es einen Gott gibt, der sich im Lauf der Geschichte mehrfach und fortschreitend offenbart. Baha’u’llah, der Stifter der Bahai-Religion, wird dabei unter anderem als „Wiederkunft Christi in der Herrlichkeit des Vaters“ verstanden.

Jesus im Judentum und im Neuen Testament

Jesus war galiläischer Jude. Eine historische Rekonstruktion seiner Selbstsicht muss daher im Judentum seiner Zeit ansetzen und darf nicht von einer späteren christlichen Theologie ausgehen. Nach Mk 12,29 bekennt er sich mit dem Sch’ma Jisrael zum zentralen jüdischen Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist Einer!“ Im Mittelpunkt seiner Botschaft steht das Reich Gottes: Es ist „mitten unter euch“ (Lk 17,21) beziehungsweise „nahe“ (Mk 1,15). Damit wird vor allem die Gegenwart JHWHs beschrieben. Jesus selbst sah sich nach dieser Darstellung nicht als Messias im gängigen Sinn; seine Anhänger deuteten ihn nachträglich zum Messias.

Das pharisäische Judentum war durch die Lehrschulen Hillels und Schammais geprägt. Die Halacha ist das religiöse Gesetz, das auf der Auslegung des Tanach, besonders der Gebote des Pentateuchs, beruht. Hillel vertrat eine pragmatisch-barmherzige, ethisch ausgerichtete Auslegung; Schammai eine strengere, formalistische und wortgetreue Interpretation. Jesus steht in manchen Fragen Hillel nahe, etwa wenn er bei Schabbatheilungen die Barmherzigkeit und das Wohl des Menschen betont (Mk 2,27). Bei der Scheidung vertritt er dagegen eine kompromisslose Position, die eher Schammai ähnelt (Mt 19,3–9). Grundsätzlich geht es ihm um eine „Verinnerlichung des Gesetzes“: Liebe zu Gott und zum Nächsten ist das entscheidende Motiv und Ziel (Mt 22,36–40).

Nach jüdischer Auffassung ist Jesus weder Sohn Gottes noch der Messias. Ein Mensch kann nicht göttlich sein; außerdem habe Jesus nicht die endgültige Verwandlung der Welt herbeigeführt, die vom Messias erwartet wird. Eine Ausnahme bilden die Messianischen Juden, die Jesus als Messias anerkennen und zugleich jüdische Bräuche bewahren.

Die ältesten christlichen Texte, besonders das Markusevangelium und die Logienquelle Q, stellen Jesus und seine Anhänger als prophetisch orientierte Bewegung dar. Ihr Ziel war die Erneuerung Israels und die Verurteilung der römischen Fremdherrschaft. Jesu erste Jünger waren Juden und verstanden seine Reich-Gottes-Botschaft als Aktualisierung biblischer Glaubenshoffnungen. Sie nannten ihn „Rabbi“, also Schriftlehrer. Andere bezeichneten ihn als Propheten oder als wiedergekommenen Elija. Simon Petrus nannte ihn den „Gesalbten“ beziehungsweise Messias, den endzeitlichen Retter Israels. Als „Sohn Davids“ wurde Jesus mit der Erwartung einer Befreiung von der römischen Herrschaft verbunden.

Die Sadduzäer sahen in ihm wegen seiner Tempelkritik einen falschen Propheten. Seine Selbstbezeichnung als „Menschensohn“ nach der Vision Daniels (Dan 7,14) bestätigte wahrscheinlich das messianische Bild und trug zu seiner Auslieferung an den römischen Statthalter und seiner Kreuzigung bei.

Rabbinische Abgrenzung und jüdische Forschung

Nach dem jüdischen Aufstand und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 gewannen die Pharisäer die Führungsrolle. Im Abgrenzungsprozess wurde das zunächst stark von Judenchristen geprägte Christentum als mit dem Judentum unvereinbar ausgegrenzt, traditionell mit dem Sanhedrin von Jamnia um 95 verbunden. Die Öffnung der christlichen Mission für Nichtjuden, besonders durch Paulus von Tarsus, veränderte die Mehrheitsverhältnisse. Daraus entwickelte sich auch ein Antijudaismus der Heidenchristen.

Der seit etwa 200 entstandene babylonische Talmud nennt Jesus meist nur „jenen Mann“. Er schildert ihn als falschen Propheten und Verführer Israels, der Zauberei betrieben und über die Weisen gespottet habe. Nach Sanhedrin 43a sei er am Vorabend des Pessach gehängt worden. Seine Herkunft wird polemisch mit einem römischen Legionär namens Panthera erklärt; die Ansprüche auf davidische Abstammung, Messianität und Gottessohnschaft gelten den Talmudautoren als Betrug. Außerdem werden Jesus und Maria mit moralisch diffamierenden Behauptungen angegriffen.

Etwa im 8. Jahrhundert entstanden im Raum Italien die Toledot Jeschu. Diese polemische jüdische Jesuserzählung verbindet talmudische und volkstümliche Legenden. Jesus erscheint als fehlgeleiteter Rabbinerschüler, dessen Zauberkünste zu seinem Untergang führen. Teilweise wird dies mit einer Petruslegende verbunden, nach der Petrus als Papst im Sinne der Rabbinen gehandelt und durch die Trennung vom Christentum Schlimmeres verhindert habe.

Seit der Neuzeit verstehen einige jüdische Religionswissenschaftler Jesus als genuin jüdischen Lehrer der Tora, der den Glauben an JHWH, den Gott Israels, auch den Völkern vermittelt habe. Die „Wissenschaft des Judentums“ brachte unter anderem Abraham Geiger und Leo Baeck hervor. Seit 1945 beschäftigten sich besonders deutschsprachige jüdische Forscher wie Martin Buber, David Flusser, Pinchas Lapide, Schalom Ben-Chorin, Abraham Joshua Heschel und Walter Homolka mit Jesus. Messianische Juden verbinden die Anerkennung Jesu als Messias mit jüdischen Bräuchen und christlichem Gottesdienst.

Jesus im Islam

Im Koran gilt „Jesus, Sohn der Maria“ (ʿĪsā ibn Maryam) als Wort (kalima) und Geist (rūh) Gottes. Durch die Stärkung mit dem heiligen Geist (rūh al-qudus), wahrscheinlich eine Umschreibung des Erzengels Gabriel, konnte er mit Gottes Erlaubnis Wunder vollbringen.

Jesus ist im Islam ein hoher Gesandter (rasūl), wichtiger Prophet (nabīy), Messias (al-masīh) und der einzige durch eine Jungfrau geborene Mensch nach dem ersten Menschen der Urgeschichte. Er ist jedoch weder Sohn Gottes noch Teil der Trinität. Eine Verehrung Jesu als göttliche Gestalt gilt als Bruch des reinen Monotheismus. In der islamischen Volkstradition ist verbreitet, dass Jesus zusammen mit dem Mahdi, einem Nachkommen Mohammeds, am Ende der Zeit wiederkommt und am Jüngsten Tag Gericht hält.

Die Kreuzigung wird in Sure 4, Vers 157 verneint: „Sie haben ihn (in Wirklichkeit) nicht getötet und (auch) nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich (so daß sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten).“ In islamischer Literatur wird die ersetzte Person je nach Autor mit Simon von Cyrene oder Judas Iskariot identifiziert. Nach der Ahmadiyya-Lehre wurde zwar Jesus gekreuzigt, überlebte aber, wanderte nach seiner Genesung nach Indien aus und starb dort im Alter von 120 Jahren. Sein Grab wird im Roza Bal in Srinagar vermutet; auch Ortsnamen wie Yusmarg werden als Hinweise auf sein Wirken in Indien gedeutet. Andere muslimische Autoren erklären die widersprüchlichen Berichte mit einem solchen Chaos bei der Kreuzigung, dass niemand mehr genau wusste, was geschehen war.

Jesusbilder im Hinduismus

Die Deutungen Jesu im religiös vielfältigen Indien werden vor allem durch vedische und brahmanistische Philosophie, die polytheistische Toleranz asiatischer Religionen sowie negative Erfahrungen mit westlicher Kolonialherrschaft und Mission geprägt. Erste Begegnungen zwischen Indern und syrischen Thomaschristen gab es im 6. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert deutete der Jesuit Roberto de Nobili Christus erstmals in hinduistischen Begriffen.

Im 19. Jahrhundert sah Keshabchandra Sen Jesus als Orientalen, der zu Indien gehöre und die Hindus zu einem „christusförmigen“ Leben aufrufe. Ramakrishna Paramahamsa, ein Verehrer der Göttin Kali, ließ sich in den Islam und das Christentum einführen. In einer Vision erschien ihm Jesus als Lichtgestalt und offenbarte sich als „Meister-Yogi, ewig eins mit dem Vater“. Ramakrishna verehrte Jesus anschließend als Avatar, also als Inkarnation des Göttlichen, neben anderen göttlichen Gestalten.

Diese Sicht beruht auf Religionspluralismus und Bhakti, einer emotionalen und mystischen Gotteserfahrung. Jesus wird nicht nur durch Lehrsätze, sondern durch eine meditative Vision erkannt, die zu einer „spirituellen Realisierung“ des Göttlichen in der Seele führen soll. Swami Vivekananda deutete Jesus mit der Advaita-Lehre Shankaras. Ziel sei es, ein „Christus“, nicht bloß ein Christ zu werden: Christus bezeichnet hier die jedem Menschen erreichbare höchste Stufe des Gottesbewusstseins.

Swami Akhilananda sah Jesus als Yogi, der alle drei Arten des Yoga geübt und den Weg zum Samadhi, zur „rechten Versenkung“, gezeigt habe. Für Swami Abhedananda war Jesus der Sohn Gottes, in dem die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben werde. Viele Hindus haben deshalb kein grundsätzliches Problem mit Jesu Göttlichkeit und Inkarnation. Sie verstehen ihn jedoch nicht als einzige Gestalt des Göttlichen. Gott sei grenzenlos und könne nicht auf eine einzige Inkarnation festgelegt werden.

Jesu Menschwerdung dient in dieser Deutung der Gottwerdung des Menschen. Sein Menschsein steht neben dem jedes Gurus, Weisheitslehrers oder Heiligen; eine besondere universale Erlöserrolle erhält er nicht. Gleichnisse, Wunder, die Versuchung in der Wüste und das Gebet in Getsemani werden als meditative Wahrheiten aufgenommen, während Einzelheiten seiner historischen Existenz, etwa seine Tora-Auslegung oder das Ehescheidungsverbot, oft als unwesentlich gelten. Maharishi Mahesh Yogi lehnte die Kreuzestheologie ab: Jesus habe selbst nicht gelitten, sondern sei nur aus der Perspektive des leidenden Menschen als leidend wahrgenommen worden.

Historische, philosophische und literarische Jesusbilder

Die historische Jesusforschung entstand mit der Emanzipation der Wissenschaft von kirchlicher Bevormundung. Sie untersuchte die Entstehung der Bibel und machte jüdische Wurzeln sowie hellenistische und gnostische Einflüsse im Neuen Testament sichtbar. Zunächst richtete sich die historische Kritik gegen kirchliche Dogmen, später auch gegen übernatürliche Mythologie. Einige radikale Skeptiker erklärten Jesus sogar zu einem unhistorischen Konstrukt aus Motiven, Legenden und Mysterienkulten. Diese Position vertreten heute nur noch wenige Außenseiter. Albert Schweitzer zeigte bereits 1899, dass die Suche nach einem Jesus „hinter“ den urchristlichen Schriften oft die eigenen Vorstellungen der Forschenden in die Quellen hineinprojizierte. Heute gilt Jesus überwiegend als Jude, der in Israel das Judentum reformieren wollte. Das Urchristentum war zunächst eine innerjüdische Gruppe und entwickelte sich etwa zwischen 70 und 100, besonders durch Paulus, zu einer eigenständigen Religion.

Die Philosophie seit der Aufklärung kritisierte Religion als Metaphysik (Immanuel Kant), Kult des höchsten Wesens (Maximilien de Robespierre), Projektion (Ludwig Feuerbach), Klassenideologie (Karl Marx) oder Zwangsneurose (Sigmund Freud). Zugleich deutete sie Jesus und biblische Ideen neu. Die Goldene Regel wurde zu einem Traditionshintergrund von Kants Kategorischem Imperativ. Hegel übersetzte den Heiligen Geist in den „absoluten Weltgeist“ und den vernünftigen Fortschritt der Weltgeschichte. Kierkegaard verstand Glauben als radikales subjektives Wagnis. Jaspers sah Jesus wie andere „maßgebende Menschen“ als mögliche Darstellung und Sprache des Absoluten. Marxistische Deutungen stellten Jesus als Anführer einer frühen Armutsbewegung, als Vertreter humaner Ethik oder als Träger revolutionärer Hoffnung dar.

In der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts erscheint Jesus unter anderem als Vorbild der Armen und Schwachen, Menschen- und Kinderfreund, Weiser, Moralist oder politischer Widerstandskämpfer. In Dostojewskis „Der Großinquisitor“ wird er zur Gegenfigur kirchlicher Macht. In der Kriegs- und Nachkriegsliteratur steht er häufig für die Verweigerung des Mordens, für das Leiden der Menschen oder für Kritik an der Kirche, etwa bei Heinrich Böll, Wolfgang Borchert und Wolfgang Koeppen. In Max Frischs „Nun singen sie wieder“ reicht Jesus den Kriegsopfern Brot und Wein und symbolisiert die Liebe als letzte Rettung gegen Verzweiflung.

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