Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Jesus-Mythos
Jesus sei spontanes Produkt, Spiegelbild und Symbol religiöser Bedürfnisse einer bestimmten Gruppe. · Er sei Produkt eines Synkretismus vorchristlicher …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Einordnung
Als Jesus-Mythos, seltener Christus-Mythos oder Nichtexistenz- beziehungsweise Nichthistorizitäts-Hypothese, bezeichnet man die Auffassung, Jesus von Nazaret sei keine historische Person gewesen oder über ihn ließen sich keinerlei gesicherte historische Aussagen treffen. Die in den Schriften des Urchristentums dargestellte Person wäre demnach Fiktion oder Mythos.
Die These entstand in der Aufklärung ab etwa 1750 und wurde besonders zwischen 1900 und 1940 im deutschsprachigen Raum diskutiert. Seit den 1970er Jahren vertreten einzelne englischsprachige Autoren die Christ myth theory. Die große Mehrheit der historisch-kritischen Forschung erklärt die frühchristlichen Texte dagegen als Reaktionen auf einen historischen Jesus und versucht, sein Wirken zumindest in Grundzügen zu rekonstruieren.
Entwicklung der These
Frühe Vertreter wie Charles François Dupuis und Constantin François Volney erklärten Jesus als Symbol eines Sonnen- oder Astralmythos. Dupuis deutete etwa die zwölf Apostel als Tierkreiszeichen. Solche Herleitungen aus Sonnenkulten, Krishna, Bacchus oder anderen Gottheiten fanden schon damals wenig Zustimmung und wurden wegen fehlender Belege kritisiert.
Bruno Bauer begründete die Nichtexistenz Jesu erstmals mit einer Analyse neutestamentlicher Texte. Nachdem er zunächst die synoptischen Evangelien für historisch zuverlässig gehalten hatte, erklärte er schließlich auch sie für literarisch-theologische Konstruktionen und bestritt 1850 die Echtheit aller Paulusbriefe. Die Holländische radikale Schule nahm ebenfalls eine späte Entstehung der neutestamentlichen Schriften und die Unechtheit aller Paulusbriefe an; nicht alle ihre Vertreter bestritten jedoch Jesu Historizität. Die heutige Neutestamentforschung erkennt mindestens vier, meist sieben Paulusbriefe als echt an.
Um 1900 machten Albert Kalthoff, Peter Jensen und Arthur Drews die Debatte öffentlich bekannt. Kalthoff verstand Jesus als personifiziertes Gemeinschaftsbewusstsein einer sozialen Bewegung; Jensen setzte Jesus mit einer Variante des Gilgamesch gleich. Drews erklärte die Jesusgestalt aus einem angeblich vorchristlichen, synkretistischen Jesuskult und Astralmythen. Fachleute kritisierten daran spekulative Namens- und Motivvergleiche, fehlende Quellenbelege und eine willkürliche Methode. Albert Schweitzer hielt Jesu Existenz für „überaus wahrscheinlich“, ihr Gegenteil aber für „überaus unwahrscheinlich“.
Im 20. Jahrhundert entstanden weitere Varianten: Paul-Louis Couchoud deutete Jesus als ursprünglich himmlische Figur, die erst später historisiert worden sei. John Allegro behauptete unter anderem einen Pilzkult; dies wurde von Fachleuten als spekulative Fehlinterpretation zurückgewiesen. George Albert Wells änderte seine Position mehrfach und nahm zuletzt einen „minimal-historischen Jesus“ an, dessen Lehren teilweise in der Logienquelle Q überliefert seien.
Neuere Vertreter und öffentliche Debatte
Seit 2000 erhielt die Nichtexistenzthese besonders in den USA Aufmerksamkeit. Dazu trugen das Internet, Neuauflagen älterer Thesen und die Polarisierung zwischen Fundamentalismus, Atheismus und Skeptizismus bei. Neopagane Autoren wie Dorothy M. Murdock, Tom Harpur, Timothy Freke und Peter Gandy stellen Jesus erneut als Kopie von Gottheiten wie Krishna, Horus oder Mithras dar. Die behaupteten Horus-Parallelen zu Jungfrauengeburt, Taufe, Jüngerwahl, Kreuzigung und Auferstehung sind laut Artikel in ägyptischen Originalquellen nicht belegt.
Earl Doherty sieht Jesus als mythische Figur aus Mittelplatonismus und jüdischer Mystik; die Evangelien seien überwiegend Allegorie und Fiktion. Robert M. Price vertritt einen Agnostizismus: Ein historischer Jesus sei nicht völlig auszuschließen, aber nur eine vage Möglichkeit. Richard Carrier schlug vor, die Frage mit dem Satz von Bayes zu beurteilen, also einer Wahrscheinlichkeitsrechnung auf Grundlage vorgegebener Hypothesen. Seine Anwendung auf die Historizität Jesu in On the Historicity of Jesus (2014) wurde von verschiedenen Rezensenten als mathematisch fehlerhaft und subjektiv kritisiert.
Umfragen zeigen, dass die Ansicht auch außerhalb der Forschung verbreitet ist: 2005 hielten hochgerechnet 1 Prozent aller US-Amerikaner Jesus für fiktiv, unter religiös Ungebundenen 13,7 Prozent. In Großbritannien glaubten im Februar 2008 13 Prozent von 1107 Befragten, Jesus habe nie existiert; in Australien waren es laut einer 2009 veröffentlichten Umfrage 10 Prozent von 2500 Befragten.
Quellen und Argumente zur Historizität
Vertreter der Nichtexistenzthese verweisen darauf, dass die meisten nichtchristlichen Autoren des 1. und frühen 2. Jahrhunderts Jesus nicht erwähnen. Sie halten die Notizen bei Josephus und Tacitus oft für unzuverlässig, gefälscht oder von Christen abhängig. Die Forschung bewertet dagegen mindestens die Jakobusnotiz des Josephus um 90 und die Tacitusnotiz um 116 als glaubwürdig; auch das Testimonium Flavianum habe nach ihrem Urteil einen historischen Kern.
Besonders wichtig sind die als echt anerkannten Paulusbriefe, die ältesten schriftlichen christlichen Quellen. Skeptiker betonen, dass sie viele Einzelheiten der Evangelien nicht nennen, etwa Pilatus, die meisten Apostel, Wunder, Gleichnisse oder Orte wie Nazareth. Fachleute erklären dies mit der Gattung: Paulus schrieb Gemeindebriefe für konkrete Probleme und setzte Grundwissen über Jesus voraus. Er überliefert dennoch Angaben, die als authentisch gelten: Jesus war Jude und Nachkomme Davids (Röm 1,3f EU), von einer Frau geboren (Gal 4,4 EU), hatte mehrere leibliche Brüder (1 Kor 9,5 EU), darunter Jakobus (Gal 1,19 EU), verbot Ehescheidung (1 Kor 7,10 EU), verlangte die Versorgung seiner Boten (1 Kor 9,14 EU), lehrte Feindesliebe (Röm 12,14.17 EU), wurde verraten, hielt ein letztes Mahl (1 Kor 11,23–25 EU), gekreuzigt und begraben (1 Kor 15,3–4 EU).
Die Evangelien entstanden 40 bis 100 Jahre nach den erzählten Ereignissen, auf Griechisch und teils außerhalb Palästinas. Sie sind von Osterbild, Gemeindesituation und Verkündigungsabsicht geprägt und widersprechen sich in einzelnen Daten. Daraus folgt nach der Forschung jedoch nicht die Nichtexistenz Jesu: Verkündigung und historische Erinnerung schließen einander nicht aus. Mehrere Traditionen, die Einbettung in jüdische Verhältnisse sowie die Nennung historischer Personen wie Johannes dem Täufer, Herodes, Kajaphas und Pilatus sprechen für einen historischen Bezug.
Mythenvergleiche und Forschungsurteil
Ein Kern der Jesus-Mythos-These ist die Annahme, das Christentum habe einen bereits vorhandenen Mythos eines präexistenten Gottes übernommen und nachträglich in eine Geschichte über Jesus verwandelt. Dagegen steht die verbreitete Erklärung, dass Anhänger einen jüdischen Menschen aus Galiläa nach seinem Tod als Sohn Gottes verkündigten und die Überlieferung später mit Mythen und Legenden erweitert wurde.
Die behaupteten Analogien zu antiken Mysterienkulten gelten in der Religionswissenschaft als überholt. Hellenistische Mysterienkulte kannten nach dem Artikel keine sterbenden und wiedererstehenden Göttersöhne. Bei Adonis, Attis und Osiris fehlen jeweils wesentliche Merkmale wie Gottessohnschaft, Heil durch den Tod oder leibliche Auferstehung. Im Umfeld Palästinas sind Mysterienkulte im 1. Jahrhundert nicht belegt; sie verbreiteten sich dort erst ab dem 2. Jahrhundert. Auch ein vorchristlicher gnostischer Erlösermythos ist nicht nachweisbar.
Als zentrales Argument für Historizität gilt die Kreuzigung. Für Juden bedeutete diese Hinrichtung Ausschluss aus Gottes Volk, für Nichtjuden äußerste Demütigung; Paulus nennt die Botschaft vom gekreuzigten Christus in 1 Kor 1,18 anstößig. Deshalb erscheint es der Forschung wenig plausibel, dass Judenchristen gerade einen machtlosen, gedemütigten und von Feinden gekreuzigten Messias erfunden hätten. Robert van Voorst zufolge hat keine Jesus-Mythos-Theorie die angebliche Herstellung eines historischen Jesus und die Entstehung des Christentums plausibel erklärt. Bart Ehrman hält einige Einwände für nachvollziehbar, verweist aber besonders auf Paulus’ Begegnung mit Jakobus und Petrus. Praktisch alle Fachleute weltweit gehen dem Artikel zufolge davon aus, dass Jesus von Nazaret eine historische Person war.