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Fabel

Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Versen oder Prosa verfasste, kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Funktion
  2. 2. Kennzeichen und Aufbau
  3. 3. Tier- und Pflanzenfabeln
  4. 4. Entwicklung von der Antike bis zum Mittelalter
  5. 5. Frühe Neuzeit bis Gegenwart

Definition und Funktion

Eine Fabel ist eine kurze, in Versen oder Prosa verfasste Erzählung mit belehrender Absicht. Meist treten Tiere auf, daneben auch Pflanzen, Gegenstände oder fabelhafte Mischwesen. Sie besitzen menschliche Eigenschaften und handeln, denken und sprechen wie Menschen. Diese Darstellung heißt Personifikation.

Die konkrete Handlung bildet die Bildebene. Sie läuft gewöhnlich auf eine Pointe hinaus und vermittelt eine allgemeine Lehre auf der Sachebene. Diese Moral ist meist leicht zu erkennen, kann aber einen gewissen Interpretationsspielraum bieten. Dadurch unterscheidet sich die Fabel von verwandten Formen didaktischer Dichtung wie Gleichnis und Parabel.

Eine Fabel soll zugleich belehren und unterhalten: „fabula docet et delectat“. Nach Gotthold Ephraim Lessing führt sie einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurück und stellt diesen als Geschichte dar. Durch sprechende Tiere kann ein Autor menschliches Verhalten oder gesellschaftliche Zustände indirekt kritisieren. Die Personifikation konnte ihn dabei vor Bestrafung schützen, weil sich die Kritik nicht ausdrücklich gegen bestimmte Zeitgenossen richtete. Besonders in der Aufklärung waren die Ständeordnung und die Kritik an ihr häufige Themen.

Kennzeichen und Aufbau

Typische Fabeln weisen folgende Merkmale auf:

  • Ein genauer Ort und eine genaue Zeit werden meistens nicht genannt.
  • Es gilt die Einheit von Ort, Zeit und Handlung: Das Geschehen spielt an einem Ort, umfasst nur eine kurze Zeitspanne und besitzt eine einzige Haupthandlung ohne Nebenhandlungen.
  • Im Mittelpunkt stehen meist bekannte Tiere wie Fuchs, Rabe oder Lamm. Seltener handeln Pflanzen oder Dinge.
  • Die Figuren verkörpern charakteristische, meist gleichbleibende Eigenschaften.
  • Die Sprache ist in der Regel einfach und allgemein verständlich.
  • Die Handlung ist knapp, konfliktorientiert und auf ein Ergebnis oder eine Pointe ausgerichtet.

Ein möglicher Aufbau beginnt mit einem Anamythion oder Promythion, also einem vorangestellten Lehrsatz. Dieser kommt eher selten vor. Danach folgen Ausgangssituation, Konfliktsituation, Aktion oder Rede, Reaktion oder Gegenrede sowie Lösung beziehungsweise Ergebnis. Am Ende kann ein Epimythion stehen, ein nachgestellter Lehrsatz im Sinne von „Die Moral von der Geschicht’“.

In der Regel enthält eine Fabel entweder einen vorangestellten oder einen nachgestellten Lehrsatz. Manchmal wird die Lehre überhaupt nicht ausdrücklich formuliert, weil sie offensichtlich ist oder von den Lesenden selbst erkannt werden soll. Bei einem vorangestellten Lehrsatz veranschaulicht die Handlung eine bereits genannte Lehre. Beim häufiger vorkommenden nachgestellten Lehrsatz führt die Geschichte zunächst zu einem Problem, aus dem anschließend die Lehre abgeleitet wird.

Tier- und Pflanzenfabeln

Tierfabeln sind Fabeln, in denen Tiere menschlich handeln und menschliche Eigenschaften besitzen. Anders als Romanfiguren entwickeln sie sich normalerweise nicht weiter. Ihre Charakterzüge bleiben stabil und wiederholen sich in vielen Geschichten. So gilt der Fuchs gewöhnlich als listig, der Esel als dumm und der Wolf als böse. Die Figuren stehen damit nicht nur für einzelne Tiere, sondern für bestimmte menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Rollen.

Charakteristische Fabelnamen verstärken diese Zuordnung. Reineke bezeichnet den schlauen, hinterlistigen und lügnerischen Fuchs; Isegrim den bösen, seinem Bauch gehorchenden Wolf; Meister Lampe den vorlauten, übermütigen und ängstlichen Hasen; Meister Petz den gutmütigen, starken, kriegerischen, naiven und tumben Bären. Nobel ist der stolze, mächtige und gefährliche Löwe, Grimbart der bedächtige und ruhige Dachs. Hinze steht für einen schläfrigen, eigenwilligen Kater, Hylax für einen treuen und gutherzigen Hund beziehungsweise bei Lessing ausdrücklich für einen Wolfshund.

Bekannte Tierfabeln und Tierfabelwerke sind unter anderem „Der Fuchs und die Trauben“, „Vom Fuchs und Raben“, „Das Lamm und der Wolf“, „Der Löwe und die Maus“, „Der Hirtenjunge und der Wolf“, „Die Ameise und die Heuschrecke“, „Reineke Fuchs“, das „Panchatantra“ und „Kalīla wa Dimna“. In George Orwells „Farm der Tiere“ repräsentieren die Tiere gesellschaftliche Gruppen; einige lassen sich sogar historischen Persönlichkeiten zuordnen.

In Pflanzenfabeln übernehmen Pflanzen die entsprechende Rolle. Als Beispiele nennt der Artikel „Le Chêne et le Roseau“ und die Jotamfabel.

Entwicklung von der Antike bis zum Mittelalter

Fabeln gehören zu den sehr alten Erzählformen. In Sumer wurden bereits Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Geschichten wie die Fabel vom klugen Wolf und den neun dummen Wölfen als Lehrtexte in Schulen verwendet. Überliefert sind Fabeln aus Mesopotamien, Anatolien und der Levante. Besonders wichtig sind die zweisprachigen hethitisch-hurritischen Fabeln: Die hethitische Fassung stammt ungefähr von 1400 v. Chr., die hurritische Überlieferung aus dem 16.–17. Jahrhundert v. Chr. Die Ninurta-Uballitsu-Sammlung aus Assyrien von 716 v. Chr. ist die älteste datierte Fabelsammlung mit bekanntem Herausgeber. Aus dem alten Ägypten sind keine Fabeltexte, jedoch Bilder von Tierfabeln oder Tiermärchen bekannt. Bedeutende außereuropäische Sammlungen und Überlieferungen sind außerdem das altindische „Panchatantra“, dessen über das Persische vermittelte arabische Bearbeitung „Kalīla wa Dimna“ und die Fabeln des Arabers Luqman.

Als Begründer der europäischen Fabeldichtung gilt Äsop, der um 600 v. Chr. als Sklave in Griechenland lebte. Die älteste überlieferte europäische Fabel steht jedoch in Hesiods Lehrgedicht „Werke und Tage“. In der Antike galt die Fabel noch nicht als eigenständige literarische Gattung, sondern diente häufig als rhetorisches Beispiel in Reden. Aristoteles behandelte sie in seiner „Rhetorik“. In der lateinischen Literatur verwendeten unter anderem Horaz die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus und Livius die Fabel vom Magen und von den Gliedern. Erst Phaedrus verfasste eigene Fabelbücher. Über Phaedrus, Babrios und Avianus gelangten Äsops Fabeln in das mittelalterliche Europa; besonders wichtig war dabei die Prosabearbeitung des sogenannten Romulus-Corpus.

Seit dem 11. Jahrhundert entstanden im deutschen Raum größere Tiererzählungen wie „Ecbasis captivi“, „Reineke Fuchs“ und „Ysengrimus“. Der Stricker, dessen Werke seit Mitte des 13. Jahrhunderts datiert werden, gilt als ältester deutschsprachiger Fabeldichter. Die wohl älteste deutschsprachige Fabelsammlung ist Ulrich Boners „Edelstein“ von etwa 1324. Der um 1400 entstandene lateinische „Dialogus creaturarum“ umfasst 122 Fabeln. Er wurde ins Niederländische und Französische übersetzt und seit 1480 unter anderem in Gouda, Antwerpen, Köln und Stockholm mit Holzschnittillustrationen gedruckt.

Frühe Neuzeit bis Gegenwart

Seit Beginn der Frühen Neuzeit wurde die Fabel in ganz Europa zu einer beliebten, gesellschaftliche Schichten übergreifenden Literaturform. Philipp Melanchthon empfahl 1528, Äsops Fabeln unmittelbar nach dem Lesenlernen im Unterricht einzusetzen. Martin Luther übersetzte Äsop ins Deutsche und erklärte, dass Fürsten unangenehme Wahrheiten eher anhören könnten, wenn diese in unterhaltsame Geschichten gekleidet und durch Tiere ausgesprochen würden.

Gilles Corrozet entwickelte 1542 mit „Les Fables du tresancien Esope Phrigien“ die „emblematische Fabel“. Dabei wurde die französische Bearbeitung jeder Fabel durch ein Emblem eingeleitet, das aus einem kurzen Lemma, einem Holzschnitt und einem vierzeiligen Epigramm bestand. Dieses Format verbreitete sich im 16. und 17. Jahrhundert in zahlreichen Bearbeitungen. Die Fabel verband nun Text und Bild und diente sowohl der ethischen Belehrung als auch der politischen Kritik. Bedeutende Sammlungen erschienen unter anderem von Gabriello Faerno 1567, Eduard De Dene und Marcus Gheeraerts dem Älteren 1567, Joost van den Vondel 1617, Pierre Millot 1646 und Jean de La Fontaine 1668.

Im deutschsprachigen Raum erreichte die Fabeldichtung im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Ihre schlichte, lehrhafte Form wurde dem als übertrieben empfundenen höfischen Pathos entgegengesetzt. Antoine Houdar de la Mottes „Discours sur la Fable“ von 1719 gab wichtige Anstöße. Seit den 1740er-Jahren griff Christian Fürchtegott Gellert besonders die französische Tradition Jean de La Fontaines auf. La Fontaine verzichtete häufig auf ein ausdrücklich belehrendes Epimythion und setzte stattdessen Ironie ein. Deutsche Autoren übernahmen dieses Verfahren, um die Lesenden indirekt zu einem richtigen Urteil zu führen. Gleichzeitig erschienen mehr Menschen und Singvögel als Figuren.

Gotthold Ephraim Lessing forderte eine Rückkehr zum antiken Fabelmodell und schrieb seine „Fabeln“ von 1759 durchgehend in Prosa. Für heutige Definitionen der Gattung ist er der wichtigste Referenzautor. Auch in Polen entstand eine bedeutende Tradition, besonders durch Ignacy Krasicki; in Russland wurde Iwan Andrejewitsch Krylow zum wichtigsten Fabeldichter.

In der Moderne veröffentlichten unter anderem Matthias Claudius, Franz Grillparzer, Heinrich Heine, Wilhelm Busch, Franz Kafka, Wolfdietrich Schnurre und Reiner Kunze einzelne Fabeln. George Orwells „Farm der Tiere“ von 1945 ist eine Parabel auf die Geschichte der jungen Sowjetunion. In den 1950er-Jahren belebte James Thurber mit „Fables of Our Time“ und „New Fables of Our Time“ die seit dem Biedermeier an den Rand gedrängte Gattung neu; auch Augusto Monterroso schrieb moderne Fabeln. Walter Moers veröffentlichte 2024 „Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte“ mit zwanzig „Flabeln“. Der Ausdruck ist in seinem Fantasyuniversum Zamonien eine Abkürzung für „Lachfabel“; Moers verbindet die Modernisierung der Gattung mit Kritik, Ironie und Witz.

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