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Vordenker der Aufklärung

In einer Vor- oder Frühphase der Aufklärung vollzogen sich eine Loslösung der politischen Macht von der Religion (Säkularisierung) und eine starke …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Verbreitung
  3. 3. Staat, Rechte und gesellschaftliche Reformen
  4. 4. Wichtige Denkansätze und Wissensprojekte
  5. 5. Rousseau, Voltaire und Hume
  6. 6. Kants Verständnis der Aufklärung

Grundidee und Bedeutung

Als Vordenker der Aufklärung oder Aufklärer gelten Personen der europäischen und nordamerikanischen Geistesgeschichte, die den Menschen durch Vernunft von Vorurteilen und Aberglauben befreien wollten. Wissenschaft und Bildung sollten technischen, kulturellen und politischen Fortschritt ermöglichen. Ein zentrales Ziel war der freie, selbstständig denkende Bürger, der nur an Verfassung und Recht gebunden ist und sein Leben selbst bestimmen kann. Viele, aber nicht alle Aufklärer verbanden damit einen optimistischen Glauben an den Fortschritt der Menschheit.

Das aufgeklärte Denken wurde besonders durch zwei philosophische Richtungen geprägt: Der Rationalismus, unter anderem vertreten durch René Descartes, betonte die im Verstand begründete Denk- und Urteilskraft. Der englische Empirismus, vor allem bei John Locke, führte Erkenntnis auf Sinneswahrnehmungen zurück; diese Position wird auch Sensualismus genannt. Trotz unterschiedlicher Ansätze waren sich die Aufklärer weitgehend einig, dass Wissenschaft und Bildung verbreitet werden sollten.

Die Aufklärung stellte Freiheit dem Absolutismus, rechtliche Gleichheit der Ständeordnung und wissenschaftliche Erkenntnis überkommener Autorität und Dogmen gegenüber. Sie forderte Toleranz und kritisierte Fanatismus, Mystizismus und religiösen Aberglauben. Die Aufmerksamkeit verlagerte sich vom Jenseits auf das diesseitige Leben; auch die Ethik sollte nicht mehr zwingend von theologischen Voraussetzungen abhängen. Viele besonders französische Aufklärer hielten den Menschen von Natur aus für gut und glaubten, dass Erziehung ihn zu einem tugendhaften, friedlichen und glücklichen Leben befähige.

Das bedeutendste Gemeinschaftswerk war die von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebene Encyclopédie. Ihr Grundgedanke lautete, dass Vernunft Wahrheit sichtbar machen und Tugenden fördern könne. Sie sollte Wissen und praktische Fähigkeiten gegen den Widerstand weltlicher und geistlicher Machthaber öffentlich zugänglich machen. Aufklärung wurde von ihren Vertretern nicht nur als begrenzte Epoche, sondern als Beginn einer offenen Entwicklung verstanden, die den Menschen und seine Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Ihre Konzepte wurden jedoch von Anfang an scharf kritisiert.

Entstehung und Verbreitung

Die moderne europäische Aufklärung entwickelte sich aus Renaissance und Reformation. Humanismus, die Wiederentdeckung der Antike, die Entdeckung Amerikas und das Weltbild der frühen Neuzeit erweiterten den geistigen Horizont. Politisch waren die republikanische Regierungszeit Oliver Cromwells in der Mitte des 17. Jahrhunderts und die Glorious Revolution von 1688/89 wichtig, durch die der Absolutismus in England beendet wurde. In Frankreich erreichte dagegen die absolutistische Herrschaft unter Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt.

Das Postulat einer Herrschaft der Vernunft wurde durch die wissenschaftlichen Arbeiten großer Universalgelehrter wie Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton vorbereitet. Die Bewegung ging zunächst hauptsächlich von England und Holland aus, wurde in Frankreich aufgenommen und radikaler ausgeprägt und erreichte später Deutschland und andere europäische Länder.

Der Buchdruck machte Bücher allmählich auch für das Bürgertum erschwinglich. Verlage, Zeitungen, Buchmärkte und Lesegesellschaften verbreiteten neue Gedanken. Reiseberichte zeigten, dass andere Religionen und Kulturen ebenfalls ethische Grundsätze und hoch entwickelte Gesellschaften besaßen. Fiktive Berichte wie Montesquieus Persische Briefe betrachteten Europa aus der Sicht Fremder und übten dadurch satirische Gesellschaftskritik.

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts wurden literarische Salons, häufig unter Leitung gebildeter Frauen, zu Treffpunkten für Erneuerer aus Kultur, Wissenschaft und Politik. Wegen der strengen Zensur erschienen zahlreiche französische Schriften in Amsterdam oder Genf und wurden anschließend nach Frankreich geschmuggelt. Ähnliche Verhältnisse bestanden in Österreich, dessen Autoren häufig in Deutschland veröffentlichten. In London diskutierten gebildete Männer seit 1780 in Debating Societies über öffentliche Angelegenheiten.

Träger der Aufklärung waren vor allem wohlhabende und gebildete Bürger, daneben aber auch Teile des Adels und der niederen Geistlichkeit. Durch das Manufakturwesen gewann das Bürgertum wirtschaftliche Bedeutung und neues Selbstbewusstsein. Die Freimaurerei vertrat Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Moses Mendelssohn begründete 1770 im jüdischen Berliner Bildungsbürgertum die Haskala, die jüdische Emanzipation und Gleichberechtigung anstrebte. Parallel zur vernunftorientierten Aufklärung entwickelte sich seit etwa 1720 die Empfindsamkeit. Sie sah neben dem Verstand auch das Gefühl als Grundlage ethischen Denkens und Handelns an.

Staat, Rechte und gesellschaftliche Reformen

Die Aufklärung war mit Säkularisierung, also der Loslösung politischer Herrschaft von Religion, und mit dem Übergang von absolutistischen zu demokratischen oder verfassungsgebundenen Staatsvorstellungen verbunden. John Locke formulierte natürliche Rechte auf Leben, Freiheit, Glück und Eigentum sowie ein Widerstandsrecht gegen eine despotische Obrigkeit. Als Staatsformen bevorzugten viele Aufklärer eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie, in der die Macht des Monarchen durch Verfassung und Recht begrenzt ist. Herrscher wie Friedrich II., Maria Theresia, Joseph II. und Katharina II. standen dagegen für den aufgeklärten Absolutismus: Sie übernahmen einzelne Reformideen, ohne ihre umfassende Herrschaft grundsätzlich aufzugeben.

Montesquieu entwickelte in Vom Geist der Gesetze von 1748 Lockes Unterscheidung von Legislative und Exekutive zur Dreiteilung aus Legislative, Exekutive und Judikative weiter. Diese Gewaltenteilung sollte Freiheit schützen und Macht begrenzen. Er unterschied gemäßigte Republiken und Monarchien von einer auf Furcht beruhenden Despotie. Gesetze, Institutionen, Religion, Sitten und Gewohnheiten betrachtete er als miteinander verbunden; Veränderungen sollten deshalb behutsam erfolgen. Cesare Beccaria forderte die Verhältnismäßigkeit von Strafen und lehnte die Todesstrafe ab.

Zu den wichtigsten praktischen Ergebnissen zählen die englischen Bill of Rights von 1689, welche die Rechte des Parlaments gegenüber dem Monarchen festlegten, und die ersten demokratischen Verfassungen der Neuzeit. Die von Thomas Jefferson verfasste und von Benjamin Franklin und John Adams ergänzte Unabhängigkeitserklärung der 13 amerikanischen Gründungskolonien vom 4. Juli 1776 nahm unveräußerliche Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück auf. Es folgten die Verfassung der Vereinigten Staaten von 1787 samt Bill of Rights, die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 und die polnisch-litauische Verfassung vom 3. Mai 1791. Olympe de Gouges’ Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791 blieb dagegen folgenlos. Nur wenige Aufklärer, darunter Condorcet, traten für Frauenrechte ein; Condorcet wollte Frauen das allgemeine Wahlrecht gewähren.

Die Aufklärung war nicht die einzige Ursache der Französischen Revolution, prägte sie aber stark. Nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 ordneten radikale Revolutionäre Kirche, Kalender, Uhr, Maße, Geldsystem und Gesetze nach rationalen Kriterien neu. Die Französische Revolution gilt gewöhnlich als Ende der Aufklärung als historischer Epoche.

Wichtige Denkansätze und Wissensprojekte

Die Aufklärer vertraten keine einheitliche Philosophie. Baruch de Spinoza bestritt die absolute Gültigkeit von Judentum und Christentum. John Toland versuchte, das Christentum vernünftig zu erklären, und verwendete 1709 erstmals den Begriff Pantheismus für eine Weltanschauung, in der Gott als Summe aller Materie verstanden wird. Pierre Bayle bekämpfte Aberglauben, verlangte die Trennung von Kirche und Staat sowie vollständige Religionsfreiheit und entwickelte durch die Gegenüberstellung widersprüchlicher Quellen eine moderne historische Quellenkritik. Voltaire trat 1763 für uneingeschränkte Glaubens- und Gewissensfreiheit ein. Die religiösen Positionen reichten von tolerantem Christentum und Judentum über Deismus und Pantheismus bis zu Agnostizismus, Materialismus und Atheismus. Deismus bezeichnet hier den Glauben an einen Gott ohne Bindung an traditionelle Offenbarungslehren.

Die Encyclopédie von Diderot und d’Alembert umfasste ungefähr 60.000 Beiträge von mehr als 150 Autoren. Louis de Jaucourt verfasste mit angestellten Sekretären mehr als 15.000 davon. Anders als Bayles Lexikon vertrat sie eine zwar vielfältige, aber gemeinsame aufklärerische Grundrichtung und nahm gegensätzliche Positionen nicht systematisch auf. Seit 1768 entstand die bis heute fortgeführte Encyclopædia Britannica. Im deutschen Sprachraum systematisierte Johann Georg Sulzers Allgemeine Theorie der schönen Künste in rund 900 Artikeln Kenntnisse über Ästhetik. Johann Bernhard Basedow veröffentlichte 1774 sein neunbändiges bebildertes Elementarwerk zur Erziehung und zu gesellschaftlichem und naturkundlichem Grundwissen.

Materialisten wie Diderot, Julien Offray de La Mettrie, Claude Adrien Helvétius und Paul Thiry d’Holbach erklärten die Welt ohne metaphysische Voraussetzungen. D’Holbach stellte 1770 im Système de la nature ein mechanistisches Weltbild dar. Étienne Bonnot de Condillac entwickelte ausgehend von Locke eine sensualistische Erkenntnistheorie und erklärte Denken, Wollen und Gefühle aus Sinneseindrücken. George Berkeley vertrat als subjektiver Idealist die Gegenposition: Für ihn existierte keine unabhängige Außenwelt, sondern nur Individuen und deren Wahrnehmungen.

Auch Wirtschaft und Politik wurden neu gedacht. Adam Smith begründete 1776 mit Der Wohlstand der Nationen die klassische Nationalökonomie: Arbeitsteilung steigere die Produktivität, und das vom Markt geregelte Eigeninteresse könne breiten Wohlstand fördern. Thomas Paine begründete 1776 in Common Sense die amerikanische Unabhängigkeit und entwarf eine auf Menschenrechten beruhende Demokratie.

Rousseau, Voltaire und Hume

Jean-Jacques Rousseau verband Aufklärung mit scharfer Kultur- und Zivilisationskritik. Er bezweifelte, dass Wissenschaften und Künste den moralischen Fortschritt förderten, und sah in der Kulturgeschichte Krieg, Elend, Unterdrückung und sittlichen Verfall. In seiner Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen von 1755 führte er das Ende des glücklichen Naturzustands auf die Entstehung des Privateigentums zurück. In Vom Gesellschaftsvertrag von 1762 entwickelte er die Begriffe Gemeinwille und Volkssouveränität. Der Gemeinwille wird durch Abstimmungen freier Bürger ermittelt und ist anschließend für alle verbindlich. Sein ebenfalls 1762 erschienener Bildungsroman Émile oder Über die Erziehung beeinflusste die Pädagogik.

Voltaire, geboren als François Marie Arouet, verteidigte Vernunft, Toleranz und Meinungsvielfalt und bekämpfte die katholische Kirche, den Absolutismus und den Feudalismus. Geschichte verstand er nicht bloß als Folge von Herrschern und Ereignissen, sondern als weltweite Kultur- und Geistesgeschichte. Einen sicheren, stetigen Fortschritt lehnte er ab. Seine 1759 anonym erschienene Satire Candide oder der Optimismus richtete sich gegen Leibniz’ Vorstellung von der „besten aller möglichen Welten“. Mit ungefähr 750, teilweise anonymen Veröffentlichungen erreichte er auch ein nichtakademisches Publikum. Gemeinsam mit Émilie du Châtelet verbreitete er Newtons Naturwissenschaft in Frankreich und kämpfte öffentlich gegen Justizirrtümer und willkürliche Urteile.

David Hume war neben Locke und Berkeley ein Hauptvertreter des britischen Empirismus. Für ihn lagen die Wurzeln der Moral im Gefühl, nicht in objektiv bestehenden Tugenden: Ein Verbrechen werde aus Mitgefühl mit dem Opfer abgelehnt. Der menschliche Verstand könne keine sichere Wahrheit über tatsächliche Ereignisse ausdrücken, sondern nur Wahrscheinlichkeit. Als gemäßigter Skeptiker kritisierte Hume den Wunderglauben, vertrat jedoch eine gefühlsbezogene deistische Religionsauffassung. Mit The History of Great Britain in sechs Bänden von 1754 bis 1762 gehörte er neben Voltaire und Rousseau zu den Begründern der modernen Geschichtsschreibung.

Kants Verständnis der Aufklärung

Immanuel Kant war ein bedeutender Philosoph am Ende des Zeitalters der Aufklärung und wurde in seiner Erkenntnistheorie von Humes gemäßigtem Skeptizismus beeinflusst. In seinem Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 definierte er Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Unmündigkeit bedeutet das Unvermögen, den eigenen Verstand ohne Leitung eines anderen zu benutzen. Selbstverschuldet ist sie, wenn nicht fehlender Verstand, sondern mangelnde Entschließung und fehlender Mut die Ursache sind. Kants Aufforderung lautet daher: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

In Kritik der reinen Vernunft von 1781, Kritik der praktischen Vernunft von 1788 und Kritik der Urteilskraft von 1790 untersuchte Kant die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Trotz dieser Grenzen sah er die Vernunft als entscheidende menschliche Fähigkeit an, besonders für moralisches Handeln. Sein Kategorischer Imperativ fordert: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Eine Maxime ist dabei der persönliche Handlungsgrundsatz. Moralische Regeln sollen also nicht den Sonderinteressen von Machthabern dienen, sondern so beschaffen sein, dass sie allgemein gelten können.

Kant trat für die Mündigkeit des Menschen, die Begrenzung adliger Willkür und einen geringeren politischen Einfluss des Klerus ein. Eine Reform des Denkens erwartete er jedoch nur langsam, weil Unmündigkeit vielen Menschen als Normalität erscheine. Als Anhänger eines Verfassungsstaates verstand er sich zugleich als Weltbürger. In Zum ewigen Frieden von 1795 entwarf er auf Freiheit beruhende, antidespotische Grundsätze für einen vertraglich gesicherten Frieden zwischen souveränen Staaten.

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