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Jean Moulin
Jean Moulin. französischer Widerstandskämpfer, Leiter der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs (1899-1943). Artikel · Diskussion.
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Jean Moulin und seine Bedeutung
Jean Moulin (20. Juni 1899 in Béziers, Département Hérault; † 8. Juli 1943 bei Metz, Département Moselle) war ein wichtiger Leiter der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs. Seine zentrale Leistung bestand darin, die zunächst zahlreichen, schwachen und voneinander getrennten Widerstandsgruppen zu einem gemeinsamen Widerstand zu verbinden. Dadurch wurde er zum wichtigsten Organisator des inneren französischen Widerstands und zum meistgesuchten Widerstandskämpfer der deutschen Besatzer und des Vichy-Regimes.
Vor dem Krieg war Moulin Verwaltungsbeamter. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Montpellier und schloss das Studium 1921 ab. Danach arbeitete er als Kabinettschef eines Präfekten, als Unterpräfekt und ab 1937 als jüngster Präfekt Frankreichs. 1933 bis 1936 war er außerdem im Luftfahrtministerium tätig. Dort bestand seine wichtigste Aufgabe in der Nationalisierung der Luftfahrtgesellschaften, also in der Schaffung der Air France. Während des Spanischen Bürgerkriegs organisierte er Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge und unterstützte die Lieferung leichter französischer Kriegsflugzeuge an die spanische linksgerichtete Regierung. Unter dem Pseudonym Romanin schrieb er politische Satiren und zeichnete Karikaturen.
Vom Präfekten zum Organisator des Widerstands
1939 wurde Moulin Präfekt des Départements Eure-et-Loir mit der Hauptstadt Chartres. Nach dem deutschen Angriff vom 10. Mai 1940 und dem Bombardement von Chartres im Juni 1940 organisierte er die Unterbringung zahlreicher Flüchtlinge. Im selben Monat wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet, weil er sich geweigert hatte, ein falsches Dokument zu unterschreiben. Darin sollten senegalesische Angehörige der Französischen Armee für ein angebliches Massaker an der Zivilbevölkerung in Saint-Georges-sur-Eure verantwortlich gemacht werden; tatsächlich waren die Opfer durch ein deutsches Bombardement ums Leben gekommen. Moulin wurde geschlagen und unternahm im Gefängnis einen Selbstmordversuch, bei dem er sich mit einer Glasscherbe die Kehle aufschneiden wollte. Die dabei entstandene Narbe verdeckte er später mit einem Schal.
Am 2. November 1940 entließ ihn das Vichy-Regime aus dem Amt, weil er sich geweigert hatte, linke Bürgermeister abzusetzen. Danach lebte er in Saint-Andiol. Nach Gesprächen mit Henri Frenay und Pierre Villon schloss er sich der Résistance an. Er erkannte früh, dass der innere Widerstand mit Charles de Gaulles Komitee für ein freies Frankreich in London, der France libre, verbunden werden musste.
Im September 1941 reiste Moulin unter dem Decknamen Joseph Jean Mercier über Spanien und Portugal nach London. Er informierte de Gaulle in der Studie The Activities, Plans and Requirements of the Groups formed in France über Umfang und Bedeutung des inneren Widerstands. De Gaulle entsandte ihn anschließend als persönlichen Beauftragten in die unbesetzte Zone. In der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 1942 sprang Moulin mit einem Fallschirm in den Alpilles nahe Avignon ab. Er brachte ein Funkgerät und eine große Geldsumme mit, unter anderem zum Aufbau einer Widerstandspresse. Sein Hauptquartier errichtete er in Lyon.
Vereinigung der Widerstandsgruppen
Moulin arbeitete unter den Decknamen Rex und später Max. Als Tarnungen nutzte er die Identität eines Landwirts in St.-Andiol und betrieb unter dem Namen Romanin eine Kunstgalerie in Nizza. So konnte er reisen und die Leiter der verschiedenen Widerstandsgruppen treffen. Dazu gehörten Henri Frenay vom Combat, Emmanuel d’Astier de la Vigerie von Libération Sud und Jean-Pierre Lévy von Franc-Tireur. Trotz anfänglicher Ablehnung überzeugte Moulin sie, ihre Gruppen zur Vorbereitung der alliierten Landung in der Armée secrète, der „geheimen Armee“, zusammenzuführen.
Am 22. Oktober 1942 ernannte de Gaulle Moulin zum Präsidenten des Koordinierungskomitees und damit offiziell zum Organisator des Widerstands in Frankreich. Die Landung der Alliierten in Marokko und Algerien am 8. November 1942 (Operation Torch) beschleunigte die Einigung. In einem weiteren Schritt schlossen sich Charles Delestraints Armée secrète, Pierre Villons Front National und Pierre Brossolettes Comité d’action socialiste zu den Mouvements unis de la Résistance (MUR; Vereinigte Bewegungen der Résistance) zusammen. Danach gelang Moulin auch die Einbindung wichtiger Gruppen aus dem besetzten Norden Frankreichs: Organisation civile et militaire (OCM), Libération Nord, Ceux de la Résistance und Ceux de la Libération.
Auf der Konferenz des Koordinierungskomitees am 26. Januar 1943 setzte Moulin die gemeinsame Führung gegen Widerstände, besonders von Henri Frenay, durch. Vom 13. Februar bis zum 20. März 1943 reiste er mit General Charles Delestraint nach London. Dort warb er für eine Art Untergrundparlament, in dem Widerstandsbewegungen und politische Kräfte beteiligt sein sollten. Am 21. März kehrte er als persönlicher Beauftragter de Gaulles für ganz Frankreich zurück, um den Conseil National de la Résistance (CNR; Nationaler Widerstandsrat) zu bilden.
Das erste Treffen des CNR fand am 27. Mai 1943 in der Rue du Four 48 in Paris statt. Der Rat sollte alle acht bewaffneten Widerstandsgruppen sowie die wiedererwachten Parteien und Gewerkschaften zusammenführen. Gemeinsame Ziele waren der aktive Kampf gegen die deutsche Besatzung, die Befreiung Frankreichs durch eigene Kräfte und der Aufbau eines von Kollaboration gereinigten und erneuerten Frankreichs. Für diese Arbeit richtete Moulin besondere technische Dienste ein: SOAM für Luft- und Seeverbindungen nach London, WT als Funkdienst, das BIP als Presse- und Informationsbüro sowie das CGE als Programmkommission. Finanzmittel und Nachrichtendienste setzte er ein, um das politische Übergewicht der Kommunisten in Paris auszugleichen und de Gaulles Einfluss gegenüber General Henri Giraud zu stärken.
Verhaftung, Folter und Tod
Jean Moulin wurde am 21. Juni 1943 in Caluire-et-Cuire am Rand von Lyon im Haus des Arztes Frédéric Dugoujon festgenommen. Dort sollten neun hochrangige Résistance-Mitglieder über die Nachfolge General Delestraints beraten, der am 9. Juni in Paris verhaftet worden war. Moulin wurde unter der Identität „Martel“ zusammen mit Raymond Aubrac, André Lassagne, den Obristen Lacaze und Schwartzfeld, Henri Aubry, René Hardy und Bruno Larat gefangen genommen. Die Gestapo suchte zunächst nach „Max“ und erkannte nicht, dass sie Jean Moulin bereits in ihrer Gewalt hatte. Ein später diskutierter Befreiungsplan wurde nicht ausgeführt.
Klaus Barbie, Leiter der zuständigen Gestapo-Abteilung in Lyon, verhörte und folterte Moulin zunächst in Lyon, später in Paris und Neuilly. Moulin gab keine Informationen preis. Als man ihm einen Stift reichte, zeichnete er eine Karikatur seines Folterers. In Lyon wurden ihm beide Arme und beide Beine sowie die meisten Rippen gebrochen. Nach wochenlangen Verhören und schweren Verletzungen war er in Neuilly beinahe im Koma. Am 8. Juli 1943 starb er im Alter von 44 Jahren in einem Zug von Paris nach Berlin an Herzversagen. Der Zug sollte ihn in ein Konzentrationslager bringen; sein Tod wurde im Bahnhof Metz festgestellt. Georges Bidault übernahm anschließend Moulins Position im CNR. Jacques Bingen einigte den militärischen Zweig der Résistance, die Forces françaises de l’intérieur (FFI), und trieb ihn voran.
Hardy-Kontroverse und Erinnerung
Die Rolle René Hardys bei Moulins Verhaftung blieb umstritten. Hardy war Mitglied der Résistance de Fer und Spezialist für Eisenbahnsabotage. Die Gestapo hatte ihn am 7. Juni 1943 festgenommen und nach einem Verhör durch Klaus Barbie wieder freigelassen. Am 21. Juni folgte sie Hardy zu dem Treffen in Caluire-et-Cuire, obwohl er nicht eingeladen war. Alle anderen Anwesenden wurden festgenommen, Hardy konnte nach einem Schusswechsel, bei dem er nur leicht verletzt wurde, entkommen. Daraus entstand der Verdacht, er habe die anderen verraten. Eine These besagt, Barbie habe ihn bewusst in einem Katz-und-Maus-Spiel freigelassen; andere halten Hardy für lediglich sorglos. Zwei Gerichtsverhandlungen in den Jahren 1947 und 1950 kamen zu dem Ergebnis, dass Hardy unschuldig sei.
Nach dem Krieg wurde Moulin in Frankreich stark geehrt. Seine zunächst von den nationalsozialistischen Besatzern eingeäscherte Leiche war auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise bestattet worden. Seine Urne wurde am 19. Dezember 1964 in das Panthéon überführt. Bei der Zeremonie sagte Kulturminister André Malraux über Moulin: „Er schuf keine Regimenter, aber er schuf eine Armee.“ Das Musée Jean Moulin in Paris dokumentiert sein Leben. Schulen, Straßen und die Universität Lyon III wurden nach ihm benannt; 1993 prägte Frankreich eine Zwei-Franc-Münze mit seinem Porträt. Die Erinnerung an Moulin wird außerdem durch Denkmäler und Gedenktafeln, unter anderem in Béziers, Quimper, Saint-Gingolph und im Bahnhof Metz, bewahrt.