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Satire
Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typische Stilmittel der Satire sind …
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Grundidee und Formen
Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Sie richtet sich häufig als Kritik „von unten“ gegen Machtträger „oben“, besonders in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Typisch sind Übertreibung, Untertreibung, Verzerrung, Ironie, Spott und Sarkasmus. Satire kann unterhalten, will aber meist zugleich Missstände sichtbar machen.
Satire kann eine Darstellungsweise in vielen Medien sein: literarischer oder journalistischer Text, Drama, Zeichnung, Kabarett, Film, Fernseh- oder Radiosendung, Website, gefälschte Nachricht, fiktives Interview oder Glosse. Sie kann auch eine literarische Gattung römischen Ursprungs oder ein einzelnes Werk bezeichnen. Als Realsatire gilt ein realer Vorgang, der unbeabsichtigt wie Satire wirkt.
Schreibweise und Wirkung
Eine einheitliche Definition der satirischen Schreibweise gibt es nicht, weil sich Gegenstände, Mittel und Funktionen im Lauf der Geschichte stark verändern. Satire lässt sich daher nicht scharf von Komik, Parodie und Polemik trennen.
Wichtige Funktionen sind Kritik, Polemik, Didaktik und Unterhaltung. Kritik bedeutet etwa nach Schiller, dass die mängelbehaftete Wirklichkeit einem Ideal gegenübergestellt wird. Polemik meint einseitige, parteiliche und manchmal aggressive Zuspitzung. Didaktik bezeichnet die Absicht, direkt oder indirekt zu belehren und zu bessern. Unterhaltung entsteht durch Nähe zu Komik und Parodie, wobei die kritische Haltung Satire von bloßem Spaß unterscheidet.
Zu den Mitteln gehören Hyperbel, also starke Übertreibung, Bathos, also die übertriebene Gegenüberstellung von Widersprüchen und Wertvorstellungen, sowie Antiphrasis, bei der ein Gegenstand spöttisch mit einem Idealzustand verglichen wird. Satire nutzt außerdem Parodie, Travestie und Persiflage. In Romanform erscheint sie oft als Reisebericht mit einer naiven Hauptfigur, deren Erwartungen mit der Wirklichkeit oder mit anderen Weltdeutungen kontrastiert werden. In öffentlichen Debatten kann Satire Gegner bloßstellen, indem sie nicht direkt argumentiert, sondern den Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Ideal sichtbar macht.
Historische Entwicklung
In der Antike entstanden wichtige Grundformen. Die menippeische Satire, benannt nach Menippos von Gadara im 3. Jahrhundert v. Chr., verband ursprünglich Vers und Prosa. Später wurde sie zu einer freien Form mit wechselnden Tonfällen, Perspektiven, Spott, Parodie und Ironie. Beispiele sind Senecas Apocolocyntosis und Petrons Satyricon. Die römische Verssatire wurde mit Lucilius verbunden; Quintilian formulierte dazu: „Satura quidem tota nostra est“ („Die Satire freilich ist ganz unser“). Später unterschied man zwischen horazischer Satire, die eher scherzhaft und komisch ist, und juvenalischer Satire, die strafend und pathetisch wirkt.
Im Mittelalter war Satire meist christlich-didaktisch und konservativ. Als Ständesatire kritisierte sie Verstöße gegen die Pflichten der gesellschaftlichen Stände und gegen die als göttlich verstandene Ordnung. Auch Tierepen wie Reineke Fuchs dienten als Spiegel moralischer Verkommenheit.
Humanismus und Renaissance brachten neue Formen hervor. In Italien wurde Witz zur Waffe gegen Personen und Zustände. In Deutschland standen Werke wie Sebastian Brants Narrenschiff (1494) und Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit (1509) noch stark in der Tradition der moralischen Besserung. Während der Reformation wurde Satire zu einem publizistischen Mittel im Streit um die christliche Lehre, besonders durch Flugblätter, Karikaturen und Fastnachtsspiele. Im Barock kritisierte Satire die höfische Welt und die Zeitgenossen, oft im Vergleich mit christlicher Tugend. Wichtig wurden auch der Schelmenroman und die Alamode-Satire gegen Fremdwörter und Sprachverderbnis.
Moderne Literatur, Presse und Medien
In der Aufklärung wurde Satire als didaktisches Mittel genutzt, um moralische, philosophische und pädagogische Ziele zu fördern. Johann Georg Sulzer verstand sie über ihren Inhalt: Sie solle gesellschaftlich relevante Unordnung in Verstand, Geschmack oder sittlichem Gefühl bekämpfen. Später kritisierte Satire auch die Ideale der Aufklärung selbst, etwa bei Jonathan Swift in A Modest Proposal (1729) und Gulliver’s Travels (1726). In der Romantik entstanden Literatursatiren und Philistersatiren gegen den Spießbürger.
Im 19. Jahrhundert wurde besonders die gesellschaftskritische und politische Satire wichtig. Heinrich Heine griff im Atta Troll (1843) und in Deutschland, ein Wintermärchen (1844) die deutsche Politik des Vormärz und die preußische Hegemonie an. Mit der Pressefreiheit ab 1854 entstanden viele satirische Zeitschriften, obwohl Klagen und Gefängnisstrafen weiter häufig waren. Vorbilder waren Le Charivari und Punch; deutschsprachige Beispiele sind Fliegende Blätter und Kladderadatsch. Zeitschriften machten auch Bildsatire, politische Karikatur und Cartoon populär.
In der Weimarer Republik gehörten Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Karl Kraus zu den wichtigsten Satirikern. Tucholskys Essay Was darf die Satire? endet mit der bekannten Antwort: „Alles.“ Nach 1933 wurden unter dem Nationalsozialismus kritische satirische Zeitschriften eingestellt oder gleichgeschaltet, Autoren wurden zensiert, ins Exil gedrängt oder verfolgt. In der Sowjetunion konnte genehmigte Satire Teil von Propaganda und Denunziation sein; in den USA blühte der satirische Roman weiter.
Satire nach 1945, Film und Wissenschaft
Nach 1945 prägte in Deutschland besonders die Neue Frankfurter Schule die Satire. Ihr wichtiges Forum war die Zeitschrift pardon ab 1962; 1979 entstand daraus Titanic, die bis heute monatlich erscheint. In der DDR erschien ab 1954 Eulenspiegel. Erfolgreich waren außerdem bürgerliche Satiren von Ephraim Kishon und Loriot. Satirische Züge finden sich auch in Romanen von Wolfgang Koeppen, Martin Walser und Günter Grass, doch der satirische Roman etablierte sich nicht wieder als starke eigene Gattung.
Im Film ist Satire häufig, aber kaum ein eigenständiges Genre. Sie erscheint als Bestandteil vieler Filme mit Gesellschafts-, Politik- oder Medienkritik. Charlie Chaplin nahm den Spielfilm früh als satirisches Medium ernst; Moderne Zeiten (1936) und Der große Diktator (1940) griffen aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände an. Weitere wichtige Namen sind Luis Buñuel, Billy Wilder, Stanley Kubrick und Robert Altman.
Auch in der Wissenschaft kann Satire auftreten, oft als Hoax, also absichtlich erfundene Täuschung mit kritischer Absicht. Report From Iron Mountain von Leonard C. Lewin erschien 1967 unter dem Pseudonym L. L. Case und wurde bis zu Lewins Bestätigung 1972 teils ernsthaft diskutiert. Seit 1991 wird der Ig-Nobelpreis vergeben, eine satirische Auszeichnung für Leistungen, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“. Die Sokal-Affäre von 1996 kritisierte nach Ansicht Alan Sokals den ungenauen Gebrauch naturwissenschaftlicher Begriffe in Philosophie und Soziologie. 2017 zielte der Aufsatz The conceptual penis as a social construct von Peter Boghossian und James Lindsay auf Schwächen bestimmter wissenschaftlicher Veröffentlichungsverfahren.
Rechtliche Grenzen
In der Bundesrepublik Deutschland wird Satire durch die Meinungsfreiheit nach Art. 5 Abs. 1 GG und die Kunstfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 GG geschützt. Diese Rechte können aber mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht nach Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG kollidieren. Dieses schützt, dass Menschen selbst mitbestimmen können, wie sie öffentlich dargestellt werden.
Satire kann Kunst sein, muss es rechtlich aber nicht. Für den Schutz durch Kunstfreiheit muss sie als schöpferische Gestaltung erkennbar sein, also etwa als fiktive oder karikaturhafte Darstellung. Vor Gericht werden Aussagekern und künstlerische Einkleidung getrennt geprüft. Unwahre Aussagen, die nicht als Fiktion oder Karikatur erkennbar sind, können als Schmähkritik oder üble Nachrede gelten. Der Bundesgerichtshof betonte, Schmähkritik liege nur vor, wenn nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.
Mehrere Satiremedien wurden juristisch angegriffen, darunter Eulenspiegel, pardon, Titanic und Nebelspalter. Besonders Titanic reizte rechtliche Spielräume aus: Von 1979 bis 2001 gab es 40 Gerichtsverfahren gegen das Magazin und 28 Ausgaben wurden verboten.