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Jean Jaurès
Jean Jaurès. französischer Philosoph, Politiker, Vertreter des Reformsozialismus (1859–1914). Artikel · Diskussion.
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Bedeutung und Grundpositionen
Jean Jaurès (* 3. September 1859 in Castres; † 31. Juli 1914 in Paris) war ein französischer Historiker, sozialistischer Politiker und Pazifist. Er gehörte zu den bekanntesten Vertretern des Reformsozialismus am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Reformsozialismus bedeutet hier: Die Gesellschaft sollte sozialistischer werden, aber auf parlamentarisch-demokratischem Weg, nicht durch eine gewaltsame Revolution.
Jaurès war besonders wichtig, weil er Sozialismus, Demokratie, Humanismus und Friedenspolitik miteinander verband. Er trat für Arbeiterrechte ein, arbeitete im Parlament und kämpfte unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg für eine politische Verständigung mit Deutschland. Wegen dieser Haltung wurde er von Teilen der politischen Rechten gehasst. Am 31. Juli 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde er im Pariser Café du Croissant von dem französischen Nationalisten Raoul Villain ermordet.
Ausbildung und Einstieg in die Politik
Jaurès stammte aus einer bürgerlichen Familie; sein Vater war Textilhändler. Er erhielt eine sehr gute Ausbildung: Er besuchte das Collège Sainte-Barbe, das Lycée Louis-le-Grand in Paris und studierte an der École normale supérieure. 1881 erreichte er in Philosophie die drittbeste Bewertung seines Jahrgangs. Danach arbeitete er zunächst als Philosophielehrer am Lycée in Albi und wurde 1883 Dozent für Philosophie an der Universität Toulouse.
Ab 1885 engagierte er sich politisch. Am 4. Oktober 1885 wurde er mit 50,9 % der Stimmen für das gemäßigte republikanische Lager im Département Tarn in die Nationalversammlung gewählt. Mit 26 Jahren war er deren jüngster Abgeordneter. Nach einer gescheiterten Wiederwahl im Wahlkreis Castres am 22. September 1889, bei der er 47,8 % erhielt, kehrte er zur Lehrtätigkeit zurück, schrieb für La Dépêche du Midi und später für Midi Socialiste und wurde in der Lokalpolitik aktiv. 1892 promovierte er mit De la réalité du monde sensible und Des fondaments du socialisme allemand chez Luther, Kant, Fichte et Hegel.
Hinwendung zum Sozialismus
Jaurès wandte sich ab 1892 immer stärker dem Sozialismus zu. Ein wichtiges Ereignis war sein Einsatz für streikende Minenarbeiter in Carmaux, gegen die 1500 Soldaten mobilisiert worden waren. Durch den Streik und die von Jaurès hergestellte Öffentlichkeit entschied die Regierung als Schiedsrichter zugunsten der Arbeiter. Der Minenbesitzer Marquis de Solages, der zugleich Abgeordneter war, trat zurück. In der Ersatzwahl gewann Jaurès am 22. Januar 1893 im zweiten Wahlgang mit 52,1 % der Stimmen das Mandat. Am 20. August 1893 erhielt er in Carmaux 59,3 % und zog mit rund 50 gewählten Sozialisten in die Nationalversammlung ein.
Jaurès blieb bis 1914, mit einer vierjährigen Unterbrechung, linksrepublikanischer Abgeordneter. 1898 verlor er gegen den Marquis de Solages mit 45,1 %, wurde danach Leitartikler und Codirecteur von La Petite République. 1902 gewann er in Carmaux erneut mit 51,5 %, 1906 mit 51,1 %, 1910 mit 52,4 % und 1914 mit 58,4 %. Bei der Wahl von 1914 erreichte die SFIO in der Nationalversammlung 103 Mandate.
Parteiarbeit, Sozialismus und Parlament
Jaurès galt als glänzender Redner mit großer rhetorischer Wirkung. In der Dreyfus-Affäre forderte er im Sammelband Les Preuves vom 5. Oktober 1898 die Revision des Falls und wurde im zweiten Prozess in Rennes im August und September 1899 angehört. 1899 entstand die Regierung der republikanischen Verteidigung unter Pierre Waldeck-Rousseau, der neben Alexandre Millerand als erstem Sozialisten auch Jaurès beitrat.
1902 gehörte Jaurès zu den Mitgründern der Französischen Sozialistischen Partei. Diese Partei schloss sich 1905 mit der Parti socialiste de France zur Section française de l’Internationale ouvrière, kurz SFIO, zusammen. 1904 gründete Jaurès mit Aristide Briand die Parteizeitung L’Humanité und leitete sie bis zu seinem Tod. 1905 wurde Jaurès Präsident der sozialistischen Vereinigung in der SFIO.
Sein Sozialismus beruhte auf einer humanistischen Grundlage und wollte die Gesellschaft parlamentarisch-demokratisch verändern. Dadurch geriet er in Konflikt mit dem revolutionären marxistischen Flügel der SFIO. Das Programm der SFIO war ein Kompromiss: Es enthielt marxistische Ideen und ein Bekenntnis zum Klassenkampf, aber auch reformerische Ziele. Jaurès’ Denken wurde unter anderem von Pierre J. Proudhon, Auguste Blanqui, Karl Marx, Henri de Saint-Simon, Auguste Comte, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Ferdinand Lassalle, Leo Tolstoi und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin geprägt.
Friedenspolitik, Ermordung und Erinnerung
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde Jaurès zu einem der wichtigsten Vertreter eines humanistisch-pazifistischen Reformsozialismus. Pazifismus bedeutet hier: Er setzte sich gegen Krieg und für friedliche politische Verständigung ein. Bei Friedensdemonstrationen und im Parlament warb er für eine Verständigung mit Deutschland. Im November 1912 sprach er in Basel am Kongress der Internationale und im Basler Münster gegen den Krieg. Am 14. November 1910 legte er außerdem einen Gesetzesentwurf zur Armee vor.
Nach seiner Ermordung am 31. Juli 1914 reagierte die Presse überwiegend empört; nur einige rechtsextreme Blätter bildeten eine Ausnahme. Rund 5000 Menschen versammelten sich am Sitz der Zeitung L’Humanité, um gegen den Mord zu demonstrieren. Der Täter Raoul Villain wurde nach dem Krieg und langer Untersuchungshaft am 29. März 1919 von der Cour d’assises de la Seine freigesprochen; die Kosten wurden Jaurès’ Witwe auferlegt. Am 23. Dezember 1924 wurden Jaurès’ sterbliche Überreste in das Panthéon überführt.
An Jaurès wird in Frankreich und darüber hinaus vielfach erinnert. 1916 wurde die Société des amis de Jaurès gegründet. In seinem Geburtshaus in Castres gibt es seit 1954 ein Museum. Viele französische Kommunen benannten Straßen und Plätze nach ihm; in Paris wurden 1914 die Avenue d’Allemagne in Avenue Jean Jaurès und die Métrostation Rue d’Allemagne in Jaurès umbenannt. Auch Métro- oder U-Bahn-Stationen in Paris, Lille und Toulouse tragen seinen Namen. Die Université Toulouse II heißt seit 2014 nach ihm. Weitere Benennungen gibt es unter anderem in Berlin, Wien und im Jean-Jaurès-Hof. Jacques Brel widmete ihm 1977 das Chanson Jaurès, und die Sozialistische Partei Frankreichs benannte ihre politische Stiftung Fondation Jean-Jaurès.
Schriften und Darstellungen
Jaurès war nicht nur Politiker, sondern auch Historiker und Autor. Zu seinen Werken gehören Histoire socialiste de la Révolution française von 1901–1902, La guerre franco-allemande (1870–1871) von 1901, Aus Theorie und Praxis. Socialistische Studien von 1902, Discours parlementaires von 1904 und Die neue Armee von 1913. Seine Analyse des Deutsch-Französischen Krieges von 1870–1871 wird im Artikel als für eine französische Sichtweise bemerkenswert neutral bezeichnet.
Über Jaurès entstanden zahlreiche Bücher und Aufsätze. Die Literatur behandelt ihn unter anderem als Symbolfigur des Pazifismus, als Historiker, als Sozialisten und als politischen Redner. Auch Filme griffen sein Leben auf, etwa Jean Jaurès. Die Flamme des Sozialismus, ein französischer Film von 2013, der am 8. Juli 2014 auf Arte gesendet wurde.