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Algerienkrieg
Dieser Artikel behandelt den Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Für den Krieg der algerischen Regierung gegen islamistische Gruppen ab 1991 …
Inhalt6 Abschnitte
Konflikt und Ausgang
Der Algerienkrieg war ein bewaffneter Konflikt um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Er dauerte vom 1. November 1954 bis zum 19. März 1962. Die marxistisch-nationalistische Front de la Libération Nationale (FLN) begann ihn planvoll mit Guerillaaktionen und Terrorismus. Frankreich behielt militärisch zwar überwiegend die Oberhand, doch Folter, weitere Menschenrechtsverletzungen, hohe Kosten und Kriegsverluste machten den Krieg in Frankreich zunehmend unpopulär.
Der Konflikt betraf weite Teile der algerischen Bevölkerung. Eine Minderheit muslimischer Algerier kämpfte auf französischer Seite, besonders als Harkis bezeichnete Hilfstruppen. Millionen Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Der Krieg erfasste auch Frankreich durch Demonstrationen und Anschläge. Die Verträge von Évian vom 18. März 1962 regelten Waffenstillstand und Unabhängigkeit; beim Referendum am 1. Juli 1962 stimmten 99,72 % der Abstimmenden dafür. Algerien wurde unter Führung der FLN unabhängig.
Kolonialherrschaft und Nationalismus
Frankreich begann 1830 mit der Eroberung Algeriens und annektierte das Gebiet 1875 als integralen Teil Frankreichs. Europäische Kolonisten wurden durch Landvergabe und staatliche Hilfen angesiedelt. Die einheimische muslimische Bevölkerung war politisch entmündigt: Der Code de l’indigénat beschränkte ihre Rechte, während Wahl- und Bürgerrechte vor allem europäischen Siedlern zustanden.
Kolonisierung und Landumverteilung zerstörten viele bisherige gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen. Bis 1901 gehörten 45 % des Landbesitzes europäischen Siedlern. 1954 waren 85 % der einheimischen Bevölkerung Analphabeten; bei Frauen lag der Anteil bei rund 95 %. Armut, Arbeitsmigration nach Frankreich, soziale Ungleichheit und politische Unterdrückung verstärkten die Ablehnung der Kolonialherrschaft.
In den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich ein algerisches Nationalbewusstsein. Reformversuche scheiterten weitgehend. Nach den Unruhen von Sétif und Guelma im Mai 1945, bei denen 102 Europäer starben und anschließend tausende Algerier durch Repressionen getötet wurden, radikalisierte sich die Lage. Wahlfälschungen beim Algerienstatut von 1947 schwächten das Vertrauen in legale politische Beteiligung weiter. Aus früheren nationalistischen Gruppen entstand 1954 die FLN. Sie beanspruchte die alleinige politische Vertretung der nichteuropäischen Bevölkerung und gründete mit der ALN eine Nationale Befreiungsarmee.
Kriegsverlauf und französische Gegenmaßnahmen
Am 1. November 1954, dem „Blutigen Allerheiligen“, begann die FLN gleichzeitig in ihren Militärbezirken Guerillaangriffe. Sie griff nicht nur französische Einrichtungen und Siedler an, sondern auch Algerier, die mit Frankreich zusammenarbeiteten. Frankreich reagierte mit Truppenverstärkungen, Kriegsrecht, Internierungen, Zensur und Zwangsumsiedlungen. Die französische Doktrin der Aufstandsbekämpfung setzte planmäßig Folter und kollektive Repressalien ein. Dies erhöhte die Unterstützung für die FLN, die einen Untergrundstaat mit eigener Gerichtsbarkeit, Steuern und Sozialleistungen aufbaute.
In der Schlacht von Algier ab 1956 verlegte die FLN den Konflikt durch Bombenanschläge in die Hauptstadt. Das Militär unter General Jacques Massu zerschlug das FLN-Netzwerk mit Informanten, Massenverhaftungen, Folter und „Verschwindenlassen“ von Hingerichteten. Schätzungen gehen von mehreren Tausend Gefolterten und Getöteten aus. Die militärische Aktion schwächte die FLN in Algier, ließ aber die Kritik an Frankreichs Kriegführung wachsen.
1958 führte eine politische Krise zur Rückkehr Charles de Gaulles an die Macht. Die Challe-Offensive unter General Maurice Challe verstärkte ab 1959 die militärische Bekämpfung: mobile Truppen, Grenzsperren, profranzösische algerische Einheiten und Umsiedlungen sollten die Guerilla von der Bevölkerung trennen. Die FLN verlor etwa die Hälfte ihrer rund 21.000 militarisierten Kader im Land, blieb aber handlungsfähig. Bis Ende 1959 wurden zwei Millionen Algerier in Lagern zwangsinterniert. Zugleich wuchs in Frankreich die Unterstützung für Verhandlungen.
Weg zur Unabhängigkeit
De Gaulle stellte 1959 drei Möglichkeiten zur Diskussion: vollständige Unabhängigkeit, volle Integration Algeriens in Frankreich oder begrenzte Unabhängigkeit mit enger Bindung an Frankreich. Siedlerorganisationen und Teile des Militärs lehnten jede Lösung ab, die ein französisches Algerien infrage stellte. Die „Woche der Barrikaden“ im Januar 1960 und der Putsch der Generäle am 21. April 1961 scheiterten. Aus diesem Umfeld agierte die OAS als Terrororganisation gegen die Unabhängigkeit.
Direkte Verhandlungen zwischen Frankreich und der FLN begannen am 20. Mai 1961 in Évian-les-Bains. Währenddessen setzten FLN und OAS ihre Gewalt fort. Beim Massaker von Paris am 17. Oktober 1961 tötete die Polizei bis zu 200 Demonstranten eines gewaltlosen Marsches von rund 30.000 Algeriern; rund 11.000 wurden außer Landes deportiert.
Die Verträge von Évian sahen einen Waffenstillstand, das Unabhängigkeitsreferendum und den schrittweisen Abzug französischer Truppen vor. Frankreich erhielt unter anderem ein 15-jähriges Reservatrecht für die Marine- und Luftwaffenbasen um Mers-el-Kébir und durfte seine Kernwaffentestanlagen in der Sahara fünf Jahre weiter nutzen. Rechte und Eigentum der Algerienfranzosen wurden zugesichert, doch die OAS setzte ihre Anschläge fort und viele Europäischstämmige flohen.
Opfer, Flucht und Folgen
Die Opferzahlen sind umstritten. Die FLN nannte 1959 eine Million und 1962 rund eineinhalb Millionen algerische Kriegsopfer, ohne zwischen Toten und Verwundeten zu unterscheiden. Demografische Rückrechnungen liegen bei rund 300.000 Toten in der algerischen Bevölkerung. Frankreich gab 24.000 Tote und 64.000 Verwundete bei seinen Streitkräften an. Für die Harkis sind keine genauen Opferzahlen bekannt; Schätzungen reichen von 10.000 bis 50.000 Getöteten.
Von ungefähr einer Million Europäischstämmigen mit französischer Staatsangehörigkeit verließen bis Kriegsende rund 99 % Algerien. Auch etwa 150.000 Juden wanderten aus. Rund drei Millionen Algerier wurden infolge des Krieges und besonders der französischen Umsiedlungspolitik innerhalb des Landes vertrieben; zahlreiche Dörfer und landwirtschaftliche Flächen waren zerstört.
Das unabhängige Algerien litt unter dem Weggang vieler Fachkräfte, wirtschaftlicher Krise und rund 70 % Arbeitslosigkeit. Die FLN errichtete einen sozialistischen Einparteienstaat. Präsident Ahmed Ben Bella wurde 1965 durch einen Militärputsch Houari Boumediennes gestürzt. In Frankreich bedeutete die Unabhängigkeit das Ende des französischen Kolonialreichs; zugleich prägten Krieg, Zuwanderung und die Rückkehr der Algerienfranzosen die Gesellschaft.
Erinnerung und Deutung
Frankreich bezeichnete den Konflikt lange nicht offiziell als Krieg, sondern etwa als „Ereignisse von Algerien“ oder „Polizeioperationen“. Erst 1999 beschloss die Nationalversammlung die offizielle Bezeichnung „Guerre d’Algérie“. Amnestiedekrete von 1962 stellten auch französische Kriegsverbrechen wie Folter, Vergewaltigungen und kollektive Vergeltungstaten weitgehend straffrei. Zensur, eingeschränkte Lehrpläne und lange verschlossene Archive förderten das öffentliche Schweigen bis in die 1980er Jahre.
Seit den 1990er Jahren wurde die Aufarbeitung intensiver. Gründe waren Generationenwechsel, neue Zeitzeugenberichte, Medienberichte über Folter, die Öffnung von Militärarchiven sowie Jahrestage des Kriegsendes und der Verträge von Évian. In Frankreich stehen Erinnerungen von pieds-noirs, Harkis, Veteranen, algerischen Einwanderern und anderen Gruppen nebeneinander. Deshalb besteht kein einheitlicher Erinnerungskonsens; Historiker sprechen von einem „Krieg der Erinnerung“.
Auch in Algerien dominierte zunächst die staatliche Deutung des Krieges als „algerische Revolution“, die die FLN als Gründungsmythos des Staates nutzte und inneralgerische Konflikte weitgehend ausblendete. Nach 1988 entstanden durch politische und mediale Öffnung vielfältigere Deutungen. Gedenkstätten und Gedenktage bleiben umstritten: In Frankreich gelten unter anderem der 5. Dezember als nationaler Gedenktag für die für Frankreich Gefallenen und seit 2012 der 19. März als Gedenktag für zivile und militärische Opfer des Krieges.