Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Jan Dismas Zelenka

Zelenkas Musik ist unkonventionell und verbindet strenge Kontrapunktik mit Virtuosität und starkem Ausdruck. Orchestersuiten und Sonaten in Bläserbesetzung …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Komponist und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und Tätigkeit in Dresden
  3. 3. Instrumentalmusik
  4. 4. Geistliche Musik und Spätwerk
  5. 5. Überlieferung und Wiederentdeckung

Komponist und Bedeutung

Jan Dismas Zelenka (Taufname Jan Lukáš Zelenka; getauft 16. Oktober 1679 in Louňovice pod Blaníkem in Böhmen; gestorben 23. Dezember 1745 in Dresden) war ein böhmischer Komponist des Barock. Sein Werk ist im Vergleich zu dem vieler Zeitgenossen nicht sehr umfangreich, gilt aber als besonders originell und kompositionstechnisch anspruchsvoll. Zelenka verband strenge Kontrapunktik – das kunstvolle Zusammenführen eigenständiger Stimmen – mit Virtuosität und starkem musikalischem Ausdruck.

Kennzeichnend sind expressive Harmonik, also auffällige und spannungsreiche Akkordfolgen, bewegte Basslinien, unregelmäßige Phrasen und oft ungewöhnliche Lösungen für Form und Besetzung. Seine Musik verbindet ältere Techniken mit neuen Stilen. Besonders seine geistliche Musik zeigt eine intensive Ausdeutung der Texte; seine Instrumentalwerke verarbeiten italienische und französische Einflüsse auf eigenständige Weise.

Ausbildung und Tätigkeit in Dresden

Zelenka stammte aus einer Familie dörflicher Organisten-Kantoren, deren Amt auch den Schuldienst umfasste. In Prag wurde er vermutlich von Ludwig Joseph von Hartig unterrichtet und durch Jan Hubert von Hartig gefördert. 1709 leitete er im Prager Clementinum seine Komposition Immisit Dominus pestilentiam (ZWV 58).

1710 oder 1711 trat er am sächsischen Hof in Dresden eine Stelle als Violonist oder Kontrabassist an. Dort schrieb er vor allem katholische Kirchenmusik. Als erstes bekanntes Dresdner Werk gilt die Missa Sanctae Caeciliae (ZWV 1), die im November 1711 aufgeführt wurde. In einem Bewerbungsschreiben von 1712 nannte Zelenka Baron Hartig und den Hofkapellmeister Johann Christoph Schmidt als seine Lehrer.

1715 erhielt er 300 Thaler für eine Italienreise. Nachweislich hielt er sich am 13. Juni 1716 in Wien auf und unterrichtete 1717 Johann Joachim Quantz im Kontrapunkt. Von 1717 bis 1719 stellte er dort die vierbändige Sammlung Collectaneorum Musicorum Libri Quatuor zusammen. Berichte aus dem 19. Jahrhundert bezeichnen Johann Joseph Fux als seinen Lehrer. Fux galt als Autorität der kontrapunktischen Technik und verband italienischen und französischen Stil.

In Dresden assistierte Zelenka dem Kapellmeister Johann David Heinichen. Nach dessen Tod hoffte er auf dessen Nachfolge, erhielt aber nicht das Kapellmeisteramt: 1731 bekam Johann Adolph Hasse diesen Ehrentitel, 1733 wurde er Kapellmeister. Zelenka wurde 1735 lediglich zum „Kirchen-Compositeur“ ernannt und blieb bis zu seinem Tod in Dresden.

Instrumentalmusik

Zelenkas Orchestersuiten beginnen mit einem oder zwei umfangreichen Einleitungssätzen. Diese können Merkmale der Kirchensonate, des Instrumentalkonzerts oder der Ouvertüre verbinden. Danach folgen italienische und französische Tänze sowie freie oder programmatische Sätze. Selbst in formal angelegten Werken wie dem Concerto G-Dur ZWV 186 bricht ein stark expressiver Ausdruck den schematischen Eindruck auf.

Besonders die Capricci durchkreuzen Hörerwartungen durch ungewöhnliche musikalische Einfälle. Ein Beispiel ist die Hipocondrie à 7 Concertanti A-Dur ZWV 187 von 1723 für zwei Oboen, Fagott und Streicher. Sie gestaltet einen „pathologische[n] Komplex von Ängsten“ mit gegeneinander arbeitendem Kontrapunkt, einem ständig wiederholten Motiv und chromatischen, also in Halbtonschritten geführten, Klängen.

Als bedeutende Instrumentalwerke gelten die Sei Sonate a due Hautbois et Basson con due bassi obligati ZWV 181: sechs Triosonaten für zwei Oboen – in Nr. 3 Oboe und Violine –, Fagott und Basso continuo. Der Basso continuo ist eine durchgehende Bassbegleitung, die harmonisch ausgefüllt wird. Die Sonaten verbinden venezianischen Einfluss und tschechische Besonderheiten in Rhythmik und Melodik mit einer aus der französischen Oper stammenden Bläserbesetzung. Fugen, Kanons und bis zu dreistimmige Doppelfugen zeigen Zelenkas Beherrschung der Polyphonie, also des mehrstimmigen Satzes.

Geistliche Musik und Spätwerk

In seinen Oratorien liegt das Gewicht vor allem auf den Arien und ihrer Affektdarstellung, also der musikalischen Gestaltung von Gefühlen; Rezitative treten weniger hervor. Schon in der Missa Judica me (1714) teilte Zelenka Sänger und Instrumentalisten nach dem Prinzip des Concerto grosso in solistische Gruppen und Tutti-Gruppen, also das gesamte Ensemble. Festliche Messen können Trompeten, Pauken und ein Hörnerpaar einsetzen. Daneben erscheinen auch einfache, beinahe ländliche Stilzüge.

Sein „vermischter Kirchenstil“ verbindet Arien, konzertante Chöre und kontrapunktische Abschnitte. In Fugen können Ritornelle, also wiederkehrende instrumentale Abschnitte, aus anderen Sätzen aufgegriffen werden. Psalm- und Magnificat-Vertonungen, hauptsächlich aus den 1720er Jahren, sind entweder durchkomponiert, in einzelne Nummern gegliedert oder Mischformen. Zusammenhalt entsteht unter anderem durch Rahmenformen, Ostinati – ständig wiederholte musikalische Modelle –, Cantus firmi, also vorgegebene Melodien, Ritornelle oder wiederkehrende Chormottos. In kantatenähnlichen Formen verzichtet Zelenka auf Rezitative.

Das Requiem d-Moll ZWV 48 verwendet gregorianischen Choral oder Psalmodie und einen strengen polyphonen Stil. In den Lamentationen ist die Eingangsformel in einen instrumentalen kontrapunktischen Satz eingewoben; unterschiedliche Affekte entstehen durch Tempo, Taktart, Tonart, Metrum und harmonischen Verlauf.

Im Spätwerk verband Zelenka seinen eigenen Stil mit Merkmalen des ab den 1730er Jahren einflussreichen galanten Stils. Dieser bevorzugte einfachere, langsam fortschreitende Harmonik, den „Trommelbass“, symmetrische Phrasen und eine dominierende Melodielinie. Besonders die Messen ZWV 17–21, die Litaneien ZWV 151–153 und das Miserere ZWV 57 gelten als anspruchsvolle Werke hohen Niveaus. Ab der Mitte der 1730er Jahre entstanden vor allem in lateinischer liturgischer Musik ausgewogene, organische Zyklen verschiedener Satztypen, meist ohne große instrumentale Besetzungen.

Überlieferung und Wiederentdeckung

Zelenkas geistliche Musik wurde nach seinem Tod noch mindestens bis 1763 in der katholischen Hofkirche Dresden aufgeführt. Georg Philipp Telemann schätzte ihre Besonderheit; Johann Mattheson rühmte 1739 Zelenkas Fähigkeit zu doppeltem Kontrapunkt und Doppelfugen. Auch Johann Sebastian Bach schätzte Zelenka nach einer Mitteilung seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach.

Ab 1770 galt viel ältere Hofkirchenmusik wegen ihrer Länge und ihres als altmodisch betrachteten Stils als unbrauchbar; Zelenkas Werke wurden danach selten aufgeführt. Im 19. Jahrhundert förderten Sammler, die Leipziger Singakademie und Vertreter der tschechischen Nationalbewegung wie František Palacký die Wiederbelebung. 1863 wurde die Ouverture à 7 ZWV 188 in Prag aufgeführt. Nach einer erneuten Phase starker Vernachlässigung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert trugen Forschungen, Notenausgaben und Schallplattenaufnahmen seit den 1950er und 1960er Jahren zur Wiederentdeckung bei.

Zelenkas Werke sind im Zelenka-Werke-Verzeichnis (ZWV) von Wolfgang Reich katalogisiert. Sein Nachlass wird in der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden unter der Signatur Mus.2358-… aufbewahrt und umfasst Musikautographe mit etwa 190 Katalognummern.

Weiterlesen

Barockmusik Die Barockmusik bildet eine Epoche in der Geschichte der abendländischen Kunstmusik, die an die Renaissance anschließt und sich vom Beginn des 17. bis etwa … Johann Adolph Hasse Hasse komponierte und dirigierte jeweils noch die Musik für die Trauerfeierlichkeiten seiner beiden ehemaligen Dienstherren und verließ danach Dresden. Kontrapunkt „Kontrapunkt ist nichts anderes, als einen Punkt [sprich: eine Note] gegen einen Punkt zu setzen oder zu machen, und er ist das Fundament des Discantus.“ – Anon … Suite (Musik) Eine Suite (französisch suite: „Folge“ oder „Abfolge“) ist in der Musik eine Abfolge von Instrumental- oder Orchesterstücken – meistens (in der Tanzsuite) … Sonate Sonate oder Sonata (italienisch, abgeleitet von lateinisch sonare ‚klingen' bzw. ‚ein Instrument erklingen lassen') ist die Bezeichnung für eine … Galante Musik Der galante Stil gibt der Homophonie neuen Wert, achtet auf Kantabilität und Melodielinie und erteilt dem strengen Kontrapunkt wie den komplizierten … Harmonik Harmonik (von altgriechisch ἁρμονία harmonía „Ebenmaß“, „Harmonie“) ist ein umfassender Begriff aus der Musiktheorie. Sie beschäftigt sich mit der Ordnung … Phrase (Musik) Eine Phrase (griechisch φράση phráse „der Satz“, „Ausdruck“, „die Wendung“) ist als Folge von Tönen in der musikalischen Kompositionslehre eine kleine Sinn- und … Neue Musik Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart. Kastrat Als Kastraten werden Sänger bezeichnet, die vor der Pubertät einer Kastration unterzogen wurden, um den Stimmwechsel zu unterbinden und eine schöne Sopran- … Instrumentalkonzert Das Instrumentalkonzert [Anm. 1] (allgemein genannt Konzert. Italienisch: Concerto) entstand in der Barockzeit als formale Gegenüberstellung von … Französische Ouvertüre Die französische Ouvertüre ist eine musikalische Form, die in der Barockmusik häufig verwendet wurde. Sie ist in der Regel zweiteilig, wobei die beiden …