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Galante Musik

Der galante Stil gibt der Homophonie neuen Wert, achtet auf Kantabilität und Melodielinie und erteilt dem strengen Kontrapunkt wie den komplizierten …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundbedeutung
  2. 2. Galante Sujets und Urteilsmuster
  3. 3. Merkmale des galanten Stils
  4. 4. Galanterie in der Suite und Entwicklung zur Klassik

Begriff und Grundbedeutung

Galante Musik bezeichnet zunächst Musik, die nach dem Geschmacksempfinden des 17. und 18. Jahrhunderts dem Ideal des „Galanten“ entspricht. Gemeint sind dabei vor allem angenehme Unterhaltung, elegante Zerstreuung und ein musikästhetisches Vergnügen. In der Musikwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts wurde der Begriff enger gefasst: Galante Musik steht dort meist für Kompositionen, die sich von der rhetorisch geprägten Formensprache des Barock abwenden, aber noch nicht vollständig die Eigenschaften der Vorklassik besitzen. Der galante Stil gilt daher als Übergang zu einem formal freieren, empfindsamen Stil, der die Frühklassik vorbereitet.

„Galant“ bezeichnete im 17. Jahrhundert zunächst eine bestimmte, besonders höfische oder ritterliche Conduite, also ein angemessenes Verhalten. Auf Musik ließ sich der Ausdruck anfangs nur eingeschränkt übertragen. Er konnte eine Aufführung, die Wirkung eines Stücks, die Interaktion einer Sängerin mit dem Publikum oder die Verbindung von Musik und galanter Poesie beschreiben. Kompositionsstrukturen waren damit zunächst nur teilweise gemeint.

Ein Musikstück galt als galant, wenn es dem Publikum gefiel und sich zum Divertissement, also zur angenehmen Unterhaltung und Zerstreuung, eignete. Wichtig waren stilistische Vielfalt, Tanzbarkeit und gegebenenfalls die Aufführbarkeit bei einer galanten Festlichkeit. „Galant“ stand dabei neben den großen Einordnungen in italienischen, französischen, gemischten oder deutschen Stilrichtungen. Besonders kleine, elegante und gefällige Kompositionen konnten so bezeichnet werden, wenn sie einen „netten“ Einfall, scheinbare Leichtigkeit, Freiheit, Esprit und guten Geschmack verbanden.

Galante Sujets und Urteilsmuster

Ein Zusammenhang bestand zwischen galanter Musik und dem künstlerischen Genre der Fête galante, das von Watteau begründet und seit 1717 klar als eigenes Genre definiert wurde. In der Musik erscheinen galante Themen ausdrücklich in André Campras L’Europe galante (1697) und Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes (1735). Beide Werke stellen ein galantes Liebesideal als verbindende Kraft dar. In Campras Werk huldigt Europa überall der galanten Liebe. In Rameaus Opéra-Ballet bestimmt dieses Ideal das Leben von Menschen in fernen Ländern und Regionen, darunter Persien, die Türkei, die Inkas in Peru und die „Wilden“ in Amerika.

Im 17. Jahrhundert entstand die Bezeichnung „galant“ vor allem in Geschmacksurteilen. Eine Oper mit Liebeshandlung konnte im Vergleich mit geistlicher Musik als galant gelten; Liebeslieder galten wegen ihrer Verbindung zu galanter Poesie und ihrer unmittelbaren Wirkung noch eindeutiger als galant. Der Ausdruck bewertete also zunächst vor allem die Wirkung auf Hörerinnen und Hörer und weniger eine festgelegte musikalische Technik.

Zunehmend wurde „galant“ für Kompositionen verwendet, die nicht auf die kontrapunktisch-strenge und „mathematisch errechnete“ Formvollendung des stile antico zielten. Pietro Della Valle schrieb 1640 über Girolamo Frescobaldi, dessen modernere, weniger wissenschaftlich wirkende, aber gefälligere Art „galanter“ sei, weil sie den Menschen mehr Vergnügen bereite. Johann Mattheson erklärte 1721 ebenfalls, die großen und galantesten Komponisten Europas seien wegen ihrer musikalischen Wissenschaft, ihrer Kenntnis menschlicher Gefühle und ihres Geistes bedeutend, nicht wegen mathematischer oder arithmetischer Berechnungen. Für Mattheson bedeutete „galant“ im eigentlichen Sinn einen tüchtigen, geschickten und redlichen Menschen; diesen positiven Sinn übertrug er auf die Musik.

Merkmale des galanten Stils

Im frühen 18. Jahrhundert entwickelte sich aus der Wertschätzung einer freieren Formenverwendung ein eigener Diskurs über den galanten Stil. Johann Mattheson, Johann David Heinichen und Johann Joachim Quantz behandelten ihn in kritischen Journalen, Lehrwerken zur Komposition und Vorworten zu Partiturdrucken. Ein zentrales Kriterium war der Verzicht auf eine strenge oder gebundene Schreibart.

Der galante Stil wertete die Homophonie auf. Homophonie bedeutet, dass eine hervorgehobene Melodie von begleitenden Stimmen unterstützt wird. Außerdem betonte er Kantabilität, also einen gesanglichen Charakter, und eine klar erkennbare Melodielinie. Demgegenüber trat der strenge Kontrapunkt zurück. Auch komplizierte Kompositionsmuster des stile antico wurden abgelehnt.

Mitte des 18. Jahrhunderts verband sich das Galante mit der Debatte über die Empfindsamkeit. Aus dem ursprünglichen Streben nach Vergnügen, Schönheit, Eleganz und Divertissement wurde zunehmend der Anspruch, dem musikalischen Ausdruck von Gefühlen grundsätzlich größere Freiheit zu geben. Der galante Stil wurde nun als Gegenpol zu den konventionalisierten und stärker rhetorisch geprägten Formen des 17. Jahrhunderts verstanden und dadurch mit der Frühklassik verbunden.

Obwohl sich auch im Spätwerk Johann Sebastian Bachs Ansätze des galanten Stils erkennen lassen, wurde Bach als Vertreter des stile antico häufig nicht dem Galanten zugerechnet. Damit wurde für die Mitte des 18. Jahrhunderts ein deutlicher Epochenbruch zwischen älterer kontrapunktischer Schreibweise und modernerem Stil konstruiert.

Galanterie in der Suite und Entwicklung zur Klassik

In der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichnet „Galanterie“ innerhalb einer Suite zusätzliche Tänze oder wirkungsvolle Charakterstücke. Sie mussten nach der Ouvertüre oder nach der traditionellen Folge der Grundtänze Allemande, Courante und Sarabande nicht zwingend erscheinen. Ihre Funktion bestand darin, durch Überraschung und Auflockerung für Divertissement zu sorgen.

Zu den galanten Tänzen gehörten vor allem Formen, die am Hof Ludwigs XIV. in Versailles und im französischen Bühnentanz beliebt waren, etwa Gavotte, Menuett, Bourrée, Rigaudon, Air, Passepied, Loure und Forlane. Bei den Charakterstücken gab es theoretisch kaum Grenzen für die Wahl der Themen. Häufige Titel waren beispielsweise Badinerie, also „Scherz“, Réjouissance, also „Fröhlichkeit“, und Carillon, das Glockenspiel.

Seit dem 20. Jahrhundert versteht man unter galantem Stil meist die Musik zwischen Spätbarock und Klassik. Kennzeichnend sind eine einfache Satzstruktur, die Betonung der Melodielinie, eine starke Orientierung an Dur-Tonarten und insgesamt eine gewisse Leichtigkeit gegenüber dem Hochbarock. Diese Entwicklung weist in Richtung eines musikalischen Rokoko. Sie war besonders mit der neapolitanischen Schule verbunden, die ab den 1720er Jahren wirkte, sowie in abgeschwächter Form mit der französischen Musik derselben Zeit. In Deutschland gilt Georg Philipp Telemann als stilistischer Vorreiter.

Der Begriff konnte auch abwertend gebraucht werden. Im Vergleich mit den komplexen kontrapunktischen Werken Johann Sebastian Bachs oder den Oratorien Georg Friedrich Händels erschien galante Musik manchen Zeitgenossen als „primitiv“, „billig“ oder „minderwertig“. Dennoch bildeten diese moderneren Strömungen das stilistische Fundament für die Musik Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts und führten zur musikalischen Klassik.

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