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Neue Musik
Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart.
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Begriff und zentrale Merkmale
Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart. Ihr Schwerpunkt liegt in der Musik des 20. Jahrhunderts, besonders in dessen erster Hälfte. Kennzeichnend sind Erweiterungen der klanglichen, harmonischen, melodischen und rhythmischen Mittel und Formen. Die Komponisten suchen neue Klänge, neue Formen oder neuartige Verbindungen alter Stile. Dies kann durch die Fortführung von Traditionen, aber auch durch bewussten Traditionsbruch geschehen.
Der Begriff bezeichnet keinen einheitlichen Stil und keine eindeutig abgrenzbare Epoche. Er ist ein Relationsbegriff: Je nach Zeitabschnitt kann damit eine andere Musikrichtung gemeint sein. Paul Bekker prägte den Ausdruck durch einen Vortrag von 1919; um 1920 wurde er als Alternative zur Bezeichnung „Moderne“ verwendet. Für Musik der Gegenwart im engeren Sinn steht häufig „Zeitgenössische Musik“, ohne dass damit eine feste Periodisierung verbunden ist. Vertreter der Neuen Musik wurden gelegentlich „Neutöner“ genannt.
Grob lässt sich zwischen der Zeit von etwa 1910 bis zum Zweiten Weltkrieg, häufig „Moderne“ genannt, und der als radikal empfundenen Neuorientierung nach 1945, meist „Avantgarde“ genannt, unterscheiden. Diese Einteilung bleibt jedoch vereinfacht: Verschiedene Stile existierten gleichzeitig, überschneiden sich und können sogar in einem Werk verbunden sein. Begriffe wie „Expressionismus“ bezeichnen eher einen Stil, während „Atonalität“ oder „Serialismus“ vor allem Kompositionstechniken benennen.
Ausgangslage und wichtigste Neuerungen
Die wichtigste Neuorientierung betrifft die Harmonik. Die Dur-Moll-Tonalität wurde schrittweise aufgegeben: zunächst zugunsten einer erweiterten Tonalität, dann der freien Atonalität und schließlich der Zwölftontechnik. Atonalität bezeichnet Musik ohne verbindliche Tonart oder festen Grundton. Schönberg formulierte 1924 die Methode der „Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“: Alle zwölf Töne der temperierten Skala werden planvoll und ohne Bevorzugung einzelner Töne verwendet. Arnold Schönberg sowie seine Schüler Alban Berg und Anton Webern bilden die sogenannte Zweite Wiener Schule.
Mit dem Verlust der tonalen Ordnung verloren auch traditionelle harmonische Formkräfte an Bedeutung. Komponisten verwendeten freie Formen wie Rhapsodie und Fantasie, neutrale Bezeichnungen wie Konzert oder Orchesterstück, sehr kurze aphoristische Formen oder traditionelle Formen mit neuen Inhalten. Für die Formgestaltung wurden zunehmend Klangfarbe, Rhythmus, Dynamik, Montage, Geräusch und die Ablehnung einer kontinuierlich zielgerichteten Entwicklung wichtig.
Zu den frühen Strömungen gehören Impressionismus, Expressionismus, Neoklassizismus, Futurismus und mikrotonale Musik. Der Impressionismus, etwa bei Claude Debussy, Maurice Ravel und Paul Dukas, betont klangliche Atmosphäre und Farbigkeit. Typisch sind Pentatonik, Kirchentonarten, Ganztonleitern und exotische Skalen, eine Verschleierung der Tonalität, Bitonalität und Polytonalität, die Auflösung der Kadenz, freie Rhythmik, häufige Synkopen und differenzierte Orchesterfarben. Debussy wurde durch die javanische Gamelanmusik beeinflusst.
Der Expressionismus entstand ab etwa 1906 im Austausch mit Bildender Kunst und Literatur und war als Stil um 1925 abgeschlossen. Er strebt subjektive Unmittelbarkeit des Ausdrucks an. Dissonanzen werden gleichberechtigt neben Konsonanzen behandelt und müssen nicht mehr aufgelöst werden; dies heißt „Emanzipation der Dissonanz“. Weitere Kennzeichen sind extreme Tonlagen und Dynamik, zerklüftete Melodien mit großen Sprüngen, freie Rhythmik, neuartige Instrumentation, asymmetrische Formen und kurze aphoristische Stücke. Wichtige Beispiele sind Schönbergs Drei Klavierstücke op. 11 (1909), Pierrot Lunaire op. 21 (1912), Bergs Wozzeck op. 7 (1917–1922, Uraufführung 1925) und Strawinskis Le sacre du printemps (1913).
Weitere Impulse kamen aus Folklore, Jazz, außereuropäischer Musik und Technik. Béla Bartók entwickelte aus der systematischen Beschäftigung mit der Balkanfolklore neue Stilelemente; in Allegro barbaro (1911) behandelte er das Klavier als Schlaginstrument. Neue elektrische Instrumente wie Thermenvox, Trautonium und Ondes Martenot erweiterten die Klangmöglichkeiten. Rundfunk, Schallplatte, Tonfilm und Tonbandtechnik beschleunigten die Verbreitung musikalischer Entwicklungen und wurden selbst zu kompositorischen Forschungsfeldern.
Bruch, Nachkriegszeit und Avantgarde
Der Nationalsozialismus stellte einen tiefen Bruch dar. Die meisten Formen der Neuen Musik und auch Jazz wurden als „entartet“ bezeichnet, Aufführungen und Verbreitung verboten oder unterdrückt. Die Ausstellung „Entartete Musik“ von 1938 in Düsseldorf prangerte unter anderem Werke von Paul Hindemith, Arnold Schönberg, Alban Berg und Kurt Weill sowie jüdischer Komponisten an. Viele Musiker wurden verfolgt oder ermordet, zahlreiche gingen ins Exil; manchen in Deutschland gebliebenen Musikern wurde ein „inneres Exil“ zugeschrieben.
Nach 1945 wurde die unterbrochene Entwicklung durch Institutionen, Musikhochschulen, Rundfunkanstalten, Kompositionsaufträge und spezialisierte Aufführungsorte neu aufgebaut. Frühe Beispiele für solche Foren waren Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen von 1918 und später die Donaueschinger Musiktage. Besonders einflussreich wurden die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, die alle zwei Jahre vom Internationalen Musikinstitut Darmstadt veranstaltet werden. Dort dominierten zunächst serielle Kompositionstechniken; Anton Webern wurde zur Leitfigur.
Serialismus erweitert die Reihentechnik der Zwölftonmusik über die Tonhöhen hinaus. Das musikalische Material wird nach einzelnen Parametern wie Tonhöhe, Dauer, Anschlagsart und Lautstärke vorgeordnet. Olivier Messiaens Mode de valeurs et d’intensités (1949) verband 36 festgelegte Tonhöhen mit 24 Dauernwerten, 12 Anschlagsarten und 7 Lautstärkestufen. In Boulez’ Structures I (1951/52) erzeugt das punktuelle Fortschreiten von Ton zu Ton den Eindruck isolierter Klangereignisse. Die vollständige Determination stieß jedoch an Grenzen, weil eine festgelegte Detailstruktur zu einem zufälligen Formverlauf führen konnte.
Die Aleatorik übergibt kompositorische Entscheidungen teilweise dem Zufall oder den Ausführenden. John Cage verwendete dafür unter anderem das I Ging. In 4′33″ (1952) zeigt der Interpret die Dauer dreier Sätze an und erzeugt selbst keine intendierten Klänge; Umgebungsgeräusche bilden die Klanglichkeit der Aufführung. Musikalische Graphik verwendet grafische Zeichen anstelle oder neben der traditionellen Notation. Der Grad der Freiheit reicht von genau festgelegten Verläufen bis zur Mitentscheidung der Musiker oder des Publikums.
Die Tonbandmusik entwickelte sich ab etwa 1950 in zwei Richtungen: Die Musique concrète arbeitete mit aufgenommenen konkreten Klängen, während die Elektronische Musik synthetische Klänge, besonders Sinuston-Schichtungen, seriell organisierte. Pierre Schaeffer manipulierte Bänder durch Rückwärtsabspielen, Änderung der Geschwindigkeit, Isolierung und Überlagerung. In Köln verband Stockhausen elektronische und aufgenommene Klänge, etwa in Gesang der Jünglinge (1955–56).
Die Klangkomposition konzentriert sich auf Klangflächen, Klangmassen und deren innere Bewegung. Xenakis organisierte in Metastaseis (1953–54) Tonhöhen, Dauern, Dynamik und Klangfarbe mit Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ligetis Atmosphères (1961) verbindet statische Flächen mit innerer Bewegung und kontinuierlich ineinanderwachsenden Clustern. Sprachkomposition und instrumentales Theater erweitern Musik um Lautsprache, Regieanweisungen, sichtbare Spielhandlungen und szenische Abläufe. Fluxus und Happening verbinden vororganisierten Zufall, Theatralisierung, Aktivierung des Publikums und die Auflösung des traditionellen Werkbegriffs.
Minimal Music, Pluralismus und spätere Entwicklungen
Die Minimal Music entwickelte sich im Umfeld von Fluxus. Sie arbeitet häufig mit Konsonanzen, Bordun-Klängen, harmonischer Statik, repetierten Pattern und klar wahrnehmbaren Prozessen. In Terry Rileys In C (1964) können 53 modale Pattern beliebig oft wiederholt werden; die Instrumentalisten bewegen sich asynchron bei gemeinsamem Puls. Steve Reichs Piano Phase (1967) beruht auf einem einfachen irregulären Pattern, das durch einen minimalen Geschwindigkeitsunterschied eine hörbare Phasenverschiebung durchläuft. Philip Glass verwendet additive und subtraktive Verfahren, durch die längere Figuren entstehen und ein hypnotischer Charakter hervorgerufen wird.
Ab den 1960er Jahren entstanden außerdem psychoakustische Experimente. James Tenneys For Ann (Rising) (1969) besteht aus regelmäßig einsetzenden, gleichmäßig aufwärts glissandierenden Sinustönen. In Alvin Luciers I Am Sitting in a Room (1970) wird ein gesprochener Text wiederholt aufgenommen und abgespielt, bis die Raumresonanzen die Sprache auslöschen.
Für die 1960er Jahre lässt sich kein einzelner beherrschender Stil bestimmen; kennzeichnend ist der Pluralismus. Neben avantgardistischen Techniken bestanden Neoklassizismus, politisch engagierte Musik, Literaturoper, individuelle Lösungen und Verbindungen von Jazz und europäischer Kunstmusik. Polystilistik und Collage führen verschiedene historische und stilistische Materialien in einem Werk zusammen. Berios Sinfonia (1969) verbindet etwa Mahlers Musik mit Zitaten aus der Musikgeschichte und einer von acht verstärkten Sängern vorgetragenen Textschicht.
Um 1975 verlor der „Kanon des Verbotenen“ an Bedeutung. Die Postmoderne verband vorhandene Stile, historische Materialien, Jazz, Tanz- und Popularmusik sowie tonale und atonale Idiome. Alfred Schnittke verfremdete unterschiedliche Stile; Frederic Rzewskis Klaviervariationen The People United Will Never Be Defeated! (1975) verbinden tonale und atonale Idiome. Interkulturalität entwickelte sich vom punktuellen Übernehmen außereuropäischer Elemente zu einem „mehrfach gepolten Bezugssystem“. In Afrika verbanden etwa J. H. Kwabena Nketia und Akin Euba akademische Komposition mit Elementen der Stammesmusik und entwickelten African Pianism.
Weitere Richtungen sind die Neue Einfachheit, die Neue Komplexität, die Musique spectrale, Konzeptmusik und elektroakustische Musik. Bei der Musique spectrale werden Harmonie und Melodie aus den akustischen Eigenschaften des Klangs entwickelt. Akusmatik erzeugt elektronische Klangobjekte, deren Klangquellen nicht identifizierbar sind. Algorithmische Komposition verwendet computergenerierte Strukturen. Klangkunst arbeitet mit Klanginstallationen und Klangobjekten. Dialektisches Komponieren kann traditionelle Hörgewohnheiten verweigern oder ironisieren; Helmut Lachenmann stellte in seiner „musique concrète instrumentale“ den Prozess der Klangerzeugung und Geräusche auf klassischen Instrumenten in den Vordergrund.
Um die Jahrtausendwende löste der Klang als beherrschendes Paradigma Komplexität und Organizität ab. Zugleich gewannen konzeptionelle Strategien, die seit den 1970er Jahren teilweise in den Hintergrund getreten waren, wieder an Bedeutung.
Aufführung, Vermittlung und Institutionen
Die Entwicklung der Neuen Musik wurde von spezialisierten Foren, Ensembles, Studios, Organisationen und Zeitschriften getragen. Zu den wichtigen Foren gehören die Donaueschinger Musiktage, die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, die Darmstädter Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, die ISCM World New Music Days, Warschauer Herbst, Wien Modern, MaerzMusik und die Wittener Tage für neue Kammermusik.
Ein frühes bedeutendes Ensemble war Pierre Boulez’ Ensemble du Domaine Musical. 1976 gründete Boulez das Ensemble intercontemporain; nach diesem Vorbild entstanden unter anderem Ensemble Modern, Klangforum Wien, musikFabrik, London Sinfonietta und Ensemble recherche. Ensembles schaffen spezialisierte Bedingungen für die Aufführung häufig ungewöhnlicher Besetzungen und Spieltechniken.
Organisationen wie die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, die Gesellschaft für Neue Musik, das Internationale Musikinstitut Darmstadt, das Institut für Neue Musik und Musikerziehung, IRCAM und die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik fördern Komposition, Aufführung, Forschung und Vermittlung. Das Netzwerk Neue Musik war ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes von 2008 bis 2011 mit einer Fördersumme von 8 Millionen Euro.
In Studios für Neue Musik entstehen vor allem elektronische Kompositionen als Koproduktionen von Komponisten, Musikinformatikern und Klangregisseuren. Zu den genannten Einrichtungen zählen das Studio für Elektronische Musik in Köln, das Experimentalstudio des SWR in Freiburg, das Elektronische Studio in Basel und das Columbia-Princeton Electronic Music Center. Fachzeitschriften wie MusikTexte, nmz neue musikzeitung, Positionen und Dissonance. Schweizer Musikzeitschrift für Forschung und Kreation begleiten die Diskussion; Dissonance wurde 2018 eingestellt.
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