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Italienisches Wirtschaftswunder
il boom economico italiano) war eine lange Periode starken Wirtschaftswachstums in Italien von dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die späten 1960er Jahre.
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Kern des Wirtschaftswunders
Das italienische Wirtschaftswunder, auch italienischer Wirtschaftsboom genannt, war eine lange Phase starken Wirtschaftswachstums in Italien vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die späten 1960er Jahre. In dieser Zeit wandelte sich Italien von einer armen, überwiegend ländlichen Nation zu einer globalen Industriemacht.
Die Bedeutung dieser Phase lag nicht nur im wirtschaftlichen Wachstum. Sie veränderte auch Gesellschaft und Kultur: Der materielle Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten stieg deutlich, ein moderner Wohlfahrtsstaat konnte aufgebaut werden, und Urbanisierung sowie Binnenmigration prägten das Land neu.
Ursachen und Verlauf
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Italien in Trümmern und war von ausländischen Armeen besetzt. Zugleich hatte das Land einen Entwicklungsrückstand gegenüber fortgeschritteneren europäischen Volkswirtschaften. Im Kalten Krieg wurde Italien für die Vereinigten Staaten jedoch zu einem wichtigen Verbündeten, weil es zwischen Westeuropa und dem Mittelmeerraum lag, nahe am Eisernen Vorhang war und eine starke kommunistische Partei hatte.
Von 1948 bis 1952 erhielt Italien über den Marshallplan 1,5 Milliarden US-Dollar Aufbauhilfe. Als dieser Plan endete, sorgte der Koreakrieg von 1950 bis 1953 für zusätzliche Nachfrage nach Metall und anderen Industrieerzeugnissen. Dieser sogenannte Korea-Boom förderte die italienische Industrie weiter. Auch die Gründung des gemeinsamen europäischen Marktes im Jahr 1957 half, weil sie Investitionen steigerte und Exporte erleichterte; Italien gehörte zu den Gründungsmitgliedern.
Weitere wichtige Voraussetzungen waren günstige historische Rahmenbedingungen und ein großer Arbeitskräftebestand mit niedriger Lohnstruktur. Der Boom hielt fast ununterbrochen bis zum „Heißen Herbst“ 1969/1970 an, einer Zeit massiver Streiks und sozialer Unruhen. Zusammen mit der späteren Ölkrise von 1973 kühlte sich die Wirtschaft allmählich ab und erreichte danach nicht wieder die hohen Wachstumsraten der Nachkriegszeit.
Wachstum und Industrie
Die italienische Wirtschaft wuchs sehr stark: Zwischen 1951 und 1963 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, also des Gesamtwerts der wirtschaftlichen Leistung, 5,8 % pro Jahr. Zwischen 1964 und 1973 lag sie bei 5,0 % pro Jahr.
In Europa lagen Italiens Wachstumsraten nur knapp hinter denen Westdeutschlands. Unter den OEEC-Ländern war nur Japan besser. 1963 lobte US-Präsident John F. Kennedy bei einem offiziellen Abendessen mit dem italienischen Präsidenten Antonio Segni in Rom das Wachstum Italiens als „wirklich phänomenal“ und betonte die steigende Produktion, stabilisierte Kosten und Währung sowie neue Arbeitsplätze und Industrien.
Ein Beispiel für den technischen und industriellen Fortschritt war der Programma 101, der 1965 von Olivetti entwickelt wurde. Er gilt als einer der ersten programmierbaren Rechner überhaupt und wurde international erfolgreich.
Migration, Städte und Infrastruktur
Die rasche wirtschaftliche Expansion führte zu einer starken Binnenmigration. Viele Menschen zogen aus dem ländlichen Süditalien in die Industriestädte des Nordens. Besonders wichtig war das „industrielle Dreieck“ zwischen Mailand, Turin und der Hafenstadt Genua. Zwischen 1955 und 1971 waren schätzungsweise 9 Millionen Menschen an interregionalen Wanderungsbewegungen beteiligt. Dadurch wurden Gemeinden entwurzelt und große Ballungsräume geschaffen.
Die modernisierte Wirtschaft brauchte neue Verkehrs- und Energieinfrastrukturen. Tausende Kilometer Eisenbahnen und Autobahnen wurden schnell gebaut, um große städtische Gebiete zu verbinden. Außerdem entstanden in ganz Italien Dämme und Kraftwerke, oft ohne ausreichende Rücksicht auf geologische und ökologische Bedingungen.
Der Immobilienmarkt wuchs ebenfalls stark. Durch Bevölkerungswachstum und Migration dehnten sich Städte explosionsartig aus. In vielen Vororten entstanden große Viertel mit Wohnungen für niedrige Einkommen und Sozialwohnungen. Daraus entwickelten sich später Probleme wie Verkehrsüberlastung, Ghettobildung und steigende Kriminalität. Die ungeregelte industrielle Expansion belastete außerdem die Umwelt und führte zu Luft- und Wasserverschmutzung sowie Katastrophen wie der Vajont-Staudamm-Katastrophe und dem Chemieunfall in Seveso. Erst ab den 1980er Jahren entwickelte sich ein stärkeres Umweltbewusstsein.
Konsum und Alltagskultur
Zwischen 1950 und 1962 verdoppelte sich das italienische Bruttoinlandsprodukt. Von 1951 bis 1971 verdreifachte sich das durchschnittliche reale Pro-Kopf-Einkommen. Das veränderte den Alltag vieler Menschen grundlegend: Haushalte konnten sich zunehmend billige Konsumgüter wie Autos, Fernsehgeräte und Waschmaschinen leisten.
1955 besaßen nur 3 % der Haushalte einen Kühlschrank und 1 % eine Waschmaschine. 1975 waren es bereits 94 % beziehungsweise 76 %. Außerdem besaßen inzwischen 66 % aller Haushalte ein Auto. Der Fiat 500, der 1957 auf den Markt kam, gilt als Symbol des italienischen Wirtschaftswunders.
Auch das Fernsehen wurde wichtig. Brionvega brachte 1954 das erste in Italien hergestellte Fernsehgerät auf den Markt und 1962 das erste in Europa hergestellte tragbare Fernsehgerät. Ebenfalls 1954 begann die staatliche Rundfunkanstalt RAI mit einem regelmäßigen Fernsehdienst. Das Fernsehen beeinflusste stark die Entstehung einer nationalen Leitkultur, also gemeinsamer kultureller Vorstellungen und Gewohnheiten.
Kritik an Konsum und Medien
Das Wirtschaftswunder wurde nicht nur positiv gesehen. Intellektuelle wie Pier Paolo Pasolini und Luciano Bianciardi kritisierten den starken Einfluss von Massenmedien und Konsumismus auf die italienische Gesellschaft. Konsumismus meint eine Lebensweise, in der Kaufen und Besitz von Waren sehr wichtig werden. Sie sahen darin eine Form der Homogenisierung, also der Vereinheitlichung, und einen kulturellen Verfall.
Auch mehrere Filme setzten sich kritisch mit den „goldenen Jahren“ des Wirtschaftswunders auseinander. Dazu gehörten Il Sorpasso (1962) und I Mostri (1963) von Dino Risi, Il Boom (1963) von Vittorio De Sica und C'eravamo tanto amati (1974) von Ettore Scola. Sie thematisierten Egoismus und Unmoral, die nach Ansicht ihrer Macher diese Zeit prägten.