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Geschichte Italiens
Der moderne italienische Staat besteht seit 1861, 1866 kamen Venetien und das Friaul hinzu, nach dem Ersten Weltkrieg Julisch Venetien (Triest und Görz), das …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und frühe Entwicklungen
Die Geschichte Italiens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Italienischen Republik von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Menschliche Spuren reichen 1,3 bis 1,7 Millionen Jahre zurück; seit etwa 700.000 Jahren war Italien wohl durchgehend bewohnt. Der moderne Mensch ist vor etwa 45.000 bis 43.000 Jahren nachgewiesen und lebte noch einige Jahrtausende neben dem Neandertaler. Bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. lebten Menschen vor allem von Jagd, Fischfang und Sammeln.
Zwischen 6100 und 5800 v. Chr. kamen erste Ackerbauern aus Südanatolien und dem Nahen Osten über die griechischen Inseln nach Süditalien. Landwirtschaft und Dörfer prägten nun zunehmend das Leben. Um 4200 v. Chr. wurde in Ligurien Kupfer verarbeitet; in der Bronzezeit entstanden erste proto-urbane, also stadtähnliche Strukturen. In der Eisenzeit bildeten sich die Völker heraus, die später in Schriftquellen erscheinen, darunter Latiner, Umbrer, Samniten, Veneter, Ligurer und andere.
Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten Griechen Städte in Süditalien und Sizilien; diese Gebiete wurden Magna Graecia genannt. Phönizier beziehungsweise Karthager siedelten vor allem auf Sizilien und Sardinien. Die Etrusker erlebten um 600 v. Chr. ihre Blütezeit, ihre Herkunft bleibt ungeklärt. Norditalien wurde in weiten Teilen von Galliern besiedelt.
Rom und Spätantike
Rom war im 8. Jahrhundert v. Chr. zunächst eine kleine bäuerliche Gemeinde. Nach traditioneller Überlieferung endete 509 v. Chr. die Königsherrschaft und der Senat wurde zur wichtigsten Institution. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. dehnte Rom seine Macht aus: Nach den Samnitenkriegen, dem Sieg über Pyrrhos I. 275 v. Chr. und den Punischen Kriegen gegen Karthago wurde Rom zur führenden Macht im Mittelmeerraum. 146 v. Chr. wurden Korinth und Karthago zerstört.
Durch die Expansion veränderten sich Gesellschaft und Wirtschaft stark. Die frühere bäuerliche Grundlage wich vielerorts großen Landgütern, den Latifundien, die auf Sklavenarbeit beruhten. Bauern- und Sklavenaufstände, besonders 135, 104 und 73–71 v. Chr., zeigten die sozialen Spannungen. Nach dem Bundesgenossenkrieg 90/89 v. Chr. erhielten die Gemeinden Italiens das römische Bürgerrecht; 42 v. Chr. auch die Städte der Po-Ebene. Damit wurde Italien ein rechtlich bevorzugter Raum innerhalb des Reiches, bis 212 n. Chr. alle Bürger des Reiches das römische Bürgerrecht erhielten.
Unter Augustus begann die Pax Romana, eine lange Friedensphase, in der Wirtschaft, Verwaltung, Recht, Kunst und Kultur aufblühten. Augustus teilte Italien in elf Regionen. Im 3. bis 5. Jahrhundert verlor Italien jedoch seine Sonderstellung: Es wurde in Provinzen eingeteilt, die Reichskrise stärkte das Militär, und germanische Gruppen drangen wieder nach Italien vor. Im 4. Jahrhundert setzte sich das Christentum als Staatsreligion durch. Rom und Mailand wurden wichtige kirchliche Zentren. Nach 395 war das Reich faktisch in West- und Ostrom geteilt; 476 setzte Odoaker Romulus Augustulus ab. Damit endete de iure das weströmische Kaisertum, spätestens 480 mit der Ermordung Julius Nepos’.
Mittelalter: Teilung, Städte und Papsttum
Nach 476 bestanden spätantike Strukturen zunächst fort. Odoaker regierte als rex Italiae, danach wurde Italien Kernland des Ostgotenreichs unter Theoderich. Im Gotenkrieg eroberte Ostrom Italien zwischen 535 und 553 zurück, doch die Kämpfe verwüsteten weite Landstriche. 568 drangen die Langobarden ein. Dieses Ereignis gilt als Ende der Antike in Italien; die staatliche Einheit zerbrach für rund 1300 Jahre. Der Norden wurde langobardisch geprägt, Teile des Südens und Ravenna blieben byzantinisch. Ab 827 eroberten Araber Sizilien, das bis 1091 nach langen Kämpfen von den Normannen eingenommen wurde.
774 eroberte Karl der Große das Langobardenreich und krönte sich in Pavia zum König der Franken und Langobarden. Norditalien wurde Teil des Frankenreichs und später Reichsitalien. 951 verband Otto I. durch die Ehe mit Adelheid Nord- und Teile Mittelitaliens enger mit dem Heiligen Römischen Reich. Zugleich blieb Italien politisch zersplittert: Papsttum, Reich, Byzantiner, Normannen, Seemächte und lokale Adelsfamilien konkurrierten um Macht.
Im Hochmittelalter wuchs der Handel stark. Die Bevölkerung stieg von etwa 2,5 Millionen um 650 auf etwa 5 Millionen im späten 11. Jahrhundert und rund 10 Millionen bis Ende des 14. Jahrhunderts. Venedig, Genua und Pisa wurden Seemächte; Florenz, Mailand und andere Städte entwickelten sich zu Handels- und Finanzzentren. Banken, Wechsel, Kreditwesen und doppelte Münzsysteme aus Gold- und Silbermünzen wurden wichtig. Der Norden profitierte besonders, während der Süden unter normannischer, staufischer, angevinischer und später spanischer Herrschaft stärker feudale Strukturen behielt.
Ab dem 11. Jahrhundert lösten sich viele oberitalienische Kommunen von kaiserlicher Kontrolle. Der Lombardenbund besiegte Friedrich Barbarossa 1176 bei Legnano; im Frieden von Konstanz 1183 wurden viele kommunale Freiheiten gesichert. Später setzten sich in zahlreichen Städten Signorien durch, also Herrschaften eines starken Stadtherrn. Der Papst baute in Mittelitalien den Kirchenstaat aus. 1309 bis 1378 residierten die Päpste in Avignon; das Abendländische Schisma von 1378 bis 1417 schwächte die Kirche zusätzlich.
Renaissance, Fremdherrschaft und Umbruch
Vom späten 14. bis zum 16. Jahrhundert war Italien ein Zentrum der Renaissance. Renaissance bedeutet hier die Wiederaufnahme antiker Bildung und Kunst; der Humanismus stellte Sprache, Literatur, Geschichte, Philosophie und den Menschen stärker in den Mittelpunkt. Wichtige Autoren waren Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, die als „drei Kronen“ der italienischen Literatur gelten. Die wirtschaftlich starken und urbanisierten Städte ermöglichten große Kunstprojekte und neue wissenschaftliche Wege.
Politisch blieb Italien jedoch zersplittert. Führende Mächte waren unter anderem Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und der Kirchenstaat. Nach dem Frieden von Lodi 1454 entstand zeitweise ein Gleichgewicht, doch 1494 marschierte Karl VIII. von Frankreich nach Neapel. Damit begann eine Reihe äußerer Eingriffe. In den Italienischen Kriegen wurde Italien zum europäischen Kriegsschauplatz. 1559 verfestigte der Frieden von Cateau-Cambrésis die spanische Vorherrschaft über Süditalien, Sizilien, Sardinien, Mailand und weitere Gebiete; Venedig blieb unabhängig.
Die Reformation fand in Italien Anhänger, besonders in gebildeten Kreisen Norditaliens, wurde aber durch Inquisition, Gegenreformation und Zensur weitgehend unterdrückt. Das Konzil von Trient 1545 bis 1563 beschloss Reformen wie die Abschaffung von Missbräuchen im Ablasswesen, das Verbot der Ämterhäufung im Bischofsamt, Priesterseminare und einen Index verbotener Bücher. Zugleich gerieten Juden zunehmend unter Druck: Nach 1492 wurde die spanische Vertreibungspolitik auf spanisch beherrschte Gebiete Italiens übertragen. Ghettos entstanden etwa in Venedig ab 1516 und in Rom ab 1555.
Vom 16. bis 18. Jahrhundert verlor Italien wirtschaftlich an Bedeutung, weil sich wichtige Handelsrouten vom Mittelmeer zum Atlantik verlagerten. Osmanische Expansion, englische und niederländische Konkurrenz, Kriege, Pestepidemien und spanischer Fiskalismus schwächten viele Regionen. Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg erhielt Österreich 1713 Mailand, Neapel und Sardinien; später gingen Neapel und Sizilien wieder an Spanien beziehungsweise bourbonische Herrscher. Bis 1796 blieb Italien ein politisch zersplitterter Raum unter starkem Einfluss fremder Mächte.
Einigung und Königreich Italien
Napoleon ordnete Italien nach 1796 tiefgreifend um. Er schuf abhängige Republiken und später ein Königreich Italien; 1805 krönte er sich in Mailand mit der Eisernen Krone zum König von Italien. Bis 1812 stand fast ganz Italien direkt oder indirekt unter französischer Herrschaft, mit Ausnahme Siziliens und Sardiniens. Nach Napoleons Niederlage stellte der Wiener Kongress 1815 viele alte Herrschaften wieder her: Österreich erhielt Lombardei und Venetien, der Kirchenstaat wurde wiederhergestellt, Sardinien erhielt Genua, und Neapel und Sizilien wurden zum Königreich beider Sizilien vereinigt.
Die Nationalbewegung des Risorgimento zielte auf Befreiung von Fremdherrschaft, Zerstückelung und Absolutismus. Geheimbünde wie die Carbonari und Giuseppe Mazzinis „Giovine Italia“ spielten eine wichtige Rolle. 1848/49 scheiterten Revolutionen in Mailand, Venedig, Palermo und Rom. Danach übernahm Sardinien-Piemont die Führungsrolle. 1859 besiegte es mit französischer Hilfe Österreich bei Magenta und Solferino; die Lombardei fiel an Savoyen. 1860 schlossen sich Parma-Piacenza, Toskana, Modena und Teile des Kirchenstaats an. Giuseppe Garibaldi eroberte im „Zug der Tausend“ das Königreich beider Sizilien. Am 17. März 1861 wurde Viktor Emanuel II. zum König von Italien ausgerufen.
1866 kamen nach dem Krieg gegen Österreich Venetien und das Friaul hinzu. 1870 besetzten italienische Truppen den verbliebenen Kirchenstaat; Rom wurde 1871 Hauptstadt. Die „Römische Frage“ belastete das Verhältnis zwischen Staat und Kirche bis zu den Lateranverträgen von 1929. Mit der Einigung wurden auch die Juden endgültig rechtlich gleichgestellt.
Das Königreich Italien hatte große soziale und wirtschaftliche Probleme. Der Gegensatz zwischen Norden und Süden blieb stark, im Süden nahm das Brigantenwesen 1861 bis 1865 Züge eines Bürgerkriegs an. 1861 waren über 75 % der 21,8 Millionen Einwohner Analphabeten. Die Industrialisierung verlief zögerlich, die Landwirtschaft blieb besonders im Süden von Großgrundbesitz geprägt. Zwischen 1876 und 1915 setzte Massenauswanderung ein; bis 1985 wanderten insgesamt rund 29 Millionen Menschen aus. Außenpolitisch suchte Italien Anschluss an die Kolonialmächte: Eritrea entstand 1890, Italienisch-Somaliland folgte, der Versuch, Äthiopien zu erobern, scheiterte 1896 bei Adua. 1911/12 eroberte Italien Libyen und den Dodekanes.
Weltkriege, Faschismus und Republik
Im Ersten Weltkrieg blieb Italien zunächst neutral, obwohl es dem Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn angehörte. Nach dem Londoner Vertrag vom 26. April 1915 trat Italien auf Seiten der Entente in den Krieg ein und erklärte Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg. An der Isonzofront und in den Alpen entstand ein schwerer Gebirgskrieg. Nach der Niederlage von Caporetto 1917 wurde das italienische Heer bis an den Piave zurückgeworfen, konnte aber 1918 in der zweiten Piaveschlacht standhalten und siegte in der Schlacht von Vittorio Veneto. Italien mobilisierte 5.615.000 Männer; 650.000 fielen und 947.000 wurden verletzt. Im Vertrag von Saint-Germain 1919 erhielt Italien unter anderem Trentino, Südtirol, das Kanaltal und Triest, aber weniger als viele Nationalisten erwartet hatten.
Nach dem Krieg führten wirtschaftliche Not, soziale Konflikte und die Vorstellung einer „Vittoria mutilata“, eines „verstümmelten Sieges“, zu einer schweren Krise. Benito Mussolini gründete den Partito Nazionale Fascista und wurde nach dem Marsch auf Rom im Oktober 1922 von König Viktor Emanuel III. zum Ministerpräsidenten ernannt. 1925/26 wurde die faschistische Diktatur errichtet: Oppositionsparteien wurden verboten, der Faschistische Großrat verband Partei- und Staatsfunktionen. Die Lateranverträge von 1929 regelten das Verhältnis zwischen Staat und Vatikan. Das Regime betrieb Italianisierung, wirtschaftlichen Protektionismus und imperialistische Außenpolitik.
1935/36 eroberte Italien Abessinien; dabei kam es zu Völkerrechtsverbrechen und massivem Giftgaseinsatz. 1936 entstand die „Achse Rom-Berlin“, 1937 trat Italien dem Antikominternpakt bei, 1938 wurden Rassengesetze eingeführt, die besonders Juden und Afrikaner diskriminierten, 1939 folgten Albanienbesetzung und Stahlpakt. Am 10. Juni 1940 trat Italien an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg ein, erlitt aber in Frankreich, Nordafrika, Griechenland und Ostafrika schwere Misserfolge. Am 25. Juli 1943 wurde Mussolini gestürzt; am 3. September schloss die Regierung Badoglio den Waffenstillstand von Cassibile, der am 8. September bekanntgegeben wurde. Deutschland besetzte große Teile Italiens, Mussolini führte im Norden die Italienische Sozialrepublik. Gegen Besatzung und Faschismus kämpfte die Resistenza; im April 1945 hatte sie etwa 250.000 aktive Kämpfer. Mussolini wurde am 28. April 1945 erschossen, die deutschen Streitkräfte kapitulierten am 29. April.
Die jüdische Bevölkerung Italiens wurde ab 1938 systematisch ausgegrenzt. Nach der deutschen Besetzung 1943 begannen Deportationen: Am 16. Oktober 1943 wurden in Rom 1007 Juden nach Auschwitz verschleppt; 811 starben sofort, nur 149 Männer und 47 Frauen überlebten. Insgesamt wurde etwa ein Viertel der jüdischen Bevölkerung Italiens ermordet.
1946 entschied sich Italien für die Abschaffung der Monarchie zugunsten der Republik; erstmals durften auch Frauen wählen. In der Republik prägten häufige Regierungswechsel die politische Kultur. Bis Anfang der 1990er Jahre war die Democrazia Cristiana durchgehend an Regierungen beteiligt. Konflikte um Eurokommunismus, politische Gewalt, Nord-Süd-Gegensatz, katholische Kirche, Korruption und organisierte Kriminalität bestimmten die Nachkriegszeit. Die Tangentopoli-Affäre und der Zusammenbruch des alten Parteiensystems Anfang der 1990er Jahre markierten den Übergang zur sogenannten Zweiten Republik.