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Italienische populäre Musik

Die italienische populäre Musik umfasst populärmusikalische Strömungen in Italien seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Begriff
  2. 2. Von Volksmusik zur nationalen Unterhaltungsmusik
  3. 3. Sanremo, Medien und Stilwandel nach 1945
  4. 4. Pop, Rock, Hip-Hop und Gegenwart
  5. 5. Merkmale und wichtigste Genres
  6. 6. Markt und internationale Wirkung

Gegenstand und Begriff

Italienische populäre Musik umfasst populärmusikalische Strömungen in Italien seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie entstand lange unter besonderen Bedingungen: In Italien waren gehobene klassische Musik und dialektale Volksmusik streng getrennt. Deshalb bildete sich eine nationale populäre Musik später heraus als in manchen anderen Ländern. Wichtig wurden zunächst regionale Traditionen, besonders die neapolitanische Volksmusik, dann neue Medien wie Aufnahmetechnik, Radio, Tonfilm, Fernsehen und später Castingshows und Streaming.

Für „populäre Musik“ gibt es im Italienischen keine völlig eindeutige Bezeichnung. Musica pop wurde in den 1960er-Jahren zunächst als ausländisches Genre verstanden. Musica popolare kann auch Volksmusik meinen, also mündlich überlieferte traditionelle Musik. Deshalb entstand musica popolare contemporanea, was aber ebenfalls mehrdeutig blieb. Häufig wird pars pro toto von canzone, also „Lied“, gesprochen; für rein italienische Musik ist der Ausdruck verbreitet, etwa im Namen Festival della Canzone Italiana für das Sanremo-Festival. Musica leggera („leichte Musik“) bezeichnete seit dem späten 19. Jahrhundert Lieder, Tanzmusik und Operette, bekam aber einen abwertenden Beiklang. Seit den 1980er-Jahren wird auch die englische Bezeichnung popular music verwendet.

Von Volksmusik zur nationalen Unterhaltungsmusik

Als Beginn der italienischen populären Musik gilt meist die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein wichtiger Ausgangspunkt war Santa Lucia von Teodoro Cottrau und Enrico Cossovich, eine Bearbeitung aus der neapolitanischen Tradition. Das Lied gilt als früher Versuch, „gehobene“ Musik und Volksmusik melodisch und textlich zu verbinden.

Vor der italienischen Einigung gab es viele regionale Volksmusiktraditionen. Grob unterscheidet die Forschung die gallisch-italische Tradition Oberitaliens mit französischem Einfluss, syllabischem Gesang und erzählerischen Texten sowie die Tradition Mittel- und Süditaliens mit melismatischem Gesang und lyrisch-beschreibenden Texten. Besonders erfolgreich über regionale Grenzen hinaus wurde die neapolitanische Volksmusik. Sie entwickelte sich im 19. Jahrhundert weiter, unter anderem durch Guglielmo Cottrau, der Melodien sammelte und niederschrieb. Te voglio bene assaje wurde zwischen 1835 und 1839 ein großer Erfolg mit über 180.000 verkauften Notenblättern. Die Festa di Piedigrotta wurde zu einem Ort, an dem neue neapolitanische Lieder vorgestellt wurden; daraus gingen bekannte Titel wie Funiculì, Funiculà und ’O sole mio hervor. Auch die römische Volksmusik entwickelte Wettbewerbe und moderne Formen; 1890 gilt mit Feste di maggio als Geburtsjahr des modernen römischen Liedes.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert förderten Opernpopularität, Romanzen, Café-concerts, frühe Tonaufnahmen und Schellackplatten die Verbreitung von Liedern. Enrico Caruso wurde einer der ersten internationalen Stars. Politische Ereignisse prägten ebenfalls das Repertoire: Risorgimento, Emigration, Kolonialkriege und Erster Weltkrieg lieferten Themen. Lieder wie Mamma mia, dammi cento lire behandelten den Schmerz der Auswanderung; Kriegslieder reichten von patriotischen Liedern wie La canzone del Piave bis zu Protestliedern wie O Gorizia, tu sei maledetta.

Nach dem Ersten Weltkrieg verbreiteten sich Tango, Charleston, Foxtrott, Rumba, Ragtime und Jazz. Nachtlokale, Tabarins und Tanzmusik wurden wichtig. Ab 1924 wurde das staatliche Radio Unione radiofonica italiana, später EIAR, ein zentraler Verbreitungskanal. Unter dem Faschismus erlebte populäre Musik Zensur, Italianisierung ausländischer Namen und Propaganda, blieb aber zugleich vom Massengeschmack abhängig.

Sanremo, Medien und Stilwandel nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Musikmarkt geschwächt. Am 29. Januar 1951 begann im städtischen Kasino von Sanremo das Festival della Canzone Italiana. Es wurde live im öffentlichen Radio übertragen und hatte zunächst drei Teilnehmer: Nilla Pizzi, Achille Togliani und das Duo Fasano. Nilla Pizzi gewann mit Grazie dei fiori und 1952 erneut mit Vola colomba. Das Sanremo-Festival wurde zur zentralen Plattform der italienischen populären Musik und diente auch als Vorbild für den 1956 erstmals ausgetragenen Eurovision Song Contest.

In den 1950er-Jahren standen traditionelle, melodische und oft sentimentale Lieder neben moderneren Formen. Fernsehen, Schallplatten, Jukeboxen und Musiksendungen wie Il Musichiere veränderten den Musikbetrieb. 1957 fand in Mailand das erste italienische Rock-’n’-Roll-Festival statt; dort trat unter anderem Adriano Celentano öffentlich hervor. 1958 gewann Domenico Modugno mit Nel blu dipinto di blu in Sanremo. Das Lied wurde ein Welterfolg mit geschätzten 22 Millionen verkauften Platten und markierte einen Bruch mit der älteren Tradition.

Die 1960er-Jahre brachten eine starke Ausweitung der Stile. Neben den urlatori („Schreiern“) verbreiteten sich Beatmusik, Musicarelli, neue Wettbewerbe wie Cantagiro, Un disco per l’estate und Festivalbar sowie die Cantautori, also Liederdichter, die eigene Texte und Musik mit persönlichem oder gesellschaftlichem Anspruch verbanden. Zur Genueser Schule gehörten unter anderem Umberto Bindi, Gino Paoli, Bruno Lauzi, Luigi Tenco, Fabrizio De André und Sergio Endrigo. 1967 wurde mit dem Suizid Luigi Tencos nach dem Ausscheiden von Ciao amore, ciao aus Sanremo ein einschneidendes Ereignis für die italienische Musikszene verbunden.

Die 1970er-Jahre waren politisch und musikalisch unruhig. Protestlieder, Cantautori, Progressive Rock und regionale Erneuerungen standen nebeneinander. Gesellschaftliche Konflikte der 68er-Bewegung und der bleiernen Jahre beeinflussten Auftritte und Texte. Wichtige Namen waren Fabrizio De André, Lucio Battisti, Francesco Guccini, Lucio Dalla, Paolo Conte, Ivano Fossati, Franco Battiato, Francesco De Gregori und Antonello Venditti. Gleichzeitig entstanden italienischer Progressive Rock mit Premiata Forneria Marconi und Banco del Mutuo Soccorso sowie neue neapolitanische Mischformen mit Jazz, Funk, Blues, Folk und Rock.

Pop, Rock, Hip-Hop und Gegenwart

In den 1980er-Jahren gerieten Disco und Cantautori zunächst in eine Krise, doch Festivals, Walkman, Musikkassette und CD stabilisierten den Markt. Rockigere und direktere Stile wurden wichtiger, etwa bei Gianna Nannini, Vasco Rossi und Zucchero. Zugleich setzte sich Pop im engeren Sinn durch. Besonders wichtig war Eros Ramazzotti, der 1984 die Newcomer-Kategorie von Sanremo mit Terra promessa gewann und 1986 mit Adesso tu die Hauptkategorie. Italo Disco brachte internationale oder kurzlebige Erfolge, etwa Righeira mit Vamos a la playa. Jovanotti führte mit Jovanotti for President Rap in die italienische Mainstream-Musik ein.

In den 1990er-Jahren passte sich italienische Musik stärker dem internationalen Pop an. Die Charts waren oft von melodisch-sentimentalen und unkritischen Liedern geprägt. Laura Pausini wurde nach ihrem Sanremo-Erfolg 1993 mit La solitudine besonders in Lateinamerika bekannt. Auch Giorgia, Elisa, Andrea Bocelli, Luciano Ligabue und viele neue Cantautori prägten das Jahrzehnt. Gleichzeitig entstanden starke Szenen für Rock, Alternative, Punkrock, Folkrock, Hip-Hop, Ska, Reggae und Dance. Im Hip-Hop wurden Frankie Hi-NRG MC, Articolo 31, 99 Posse, Neffa und andere wichtig. Gigi D’Alessio wurde zum bekanntesten Vertreter der neapolitanischen Neomelodici, einer modernen melodischen Richtung mit traditionellem Gesang, Pop-Elementen und oft melodramatischen umgangssprachlichen Texten.

Im neuen Jahrtausend traten Castingshows wie Amici di Maria De Filippi und X Factor neben Sanremo als Entdeckungsplattformen. Dies zeigte sich an Siegen und Erfolgen von Marco Carta, Valerio Scanu, Marco Mengoni, Emma Marrone und Francesca Michielin. Tiziano Ferro hatte 2001 mit Perdono einen R&B-geprägten Durchbruch. Neue Bands, Rapper und Jazzmusiker wurden sichtbar. Ab den 2010er-Jahren erreichte Hip-Hop endgültig den Mainstream; später prägte Trap mit Sfera Ebbasta die Charts. Mahmoods Sanremo-Sieg mit Soldi wird im Artikel als von Trap beeinflusst beschrieben. 2021 gelang Måneskin nach dem Sanremo-Sieg der weltweite Durchbruch und stärkte die internationale Wahrnehmung italienischer populärer Musik erneut.

Merkmale und wichtigste Genres

Das klassische italienische Lied in neapolitanischer Tradition bestand häufig aus Strophe und Refrain, meist in verschiedenen Tonarten. Es nutzte einfache Harmonien, gelegentlich neapolitanische Sextakkorde oder verminderte Septakkorde, und verband erzählende Strophen mit einem gleichbleibenden Refrain. In der Zwischenkriegszeit kamen amerikanische Einflüsse hinzu, besonders Jazz: zweitaktige Phrasen, Riffs, Blues-Fortschreitungen, erweiterte Harmonien und lateinamerikanische Rhythmen wie Tango, Beguine oder Rumba.

Sanremo förderte anfangs eine Restauration der italienischen Liedtradition: langsame, lyrische Lieder mit opernhaftem Gesang standen neben leichten, fröhlichen Liedern mit einfachen Harmonien und Tanz- oder Marschrhythmen. Modugno brach 1958 mit dieser Ordnung. Danach wirkten Beatmusik, Cantautori, Progressive Rock und später viele internationale Strömungen auf die italienische Musik ein.

Zu den wichtigen Genres zählen canzone italiana als Mainstream-Pop, canzone d’autore der Cantautori, politische Lieder, neapolitanische Volksmusik und Neomelodiker, Kinderlieder, Rock, Progressive Rock, Punk, Metal, Hip-Hop, Dance und Techno, Reggae, Filmmusik und Jazz. Kinderlieder wurden spätestens mit dem Zecchino d’Oro ab 1959 im Mainstream sichtbar. Italienischer Metal blieb trotz aktiver Szene und des Festivals Gods of Metal seit 1997 lange ein Nischenphänomen. Hip-Hop entwickelte sich seit den späten 1980er-Jahren aus Sozialzentren und politisch-sozialkritischen Gruppen zum beliebtesten Genre vieler Jugendlicher. Dance und Techno führten von Disco und Italo Disco zu internationalen Erfolgen um die Jahrtausendwende wie Gigi D’Agostinos L’amour toujours und Eiffel 65s Blue. Filmmusik wurde besonders durch Komponisten wie Nino Rota und Ennio Morricone weltweit beachtet. Jazz blieb lange randständig, gewann aber durch Festivals wie Umbria Jazz und Musiker wie Enrico Rava oder Paolo Fresu internationales Gewicht.

Markt und internationale Wirkung

Die italienische Musikindustrie entwickelte sich aus dem Musikverlagswesen, besonders in Neapel im 19. Jahrhundert, und konzentrierte sich später stark in Mailand. Das staatliche Label Cetra wurde Anfang der 1930er-Jahre gegründet und später mit Fonit zu Fonit Cetra fusioniert. Viele große italienische Plattenfirmen gingen bis in die 1980er-Jahre an internationale Konzerne über. 1992 entstand der Interessenverband Federazione Industria Musicale Italiana.

2022 war die italienische Musikindustrie mit einem Handelswert von 371,3 Mio. € die viertgrößte Europas. Digitale Musik machte über 68 % des Marktes aus; Streaming allein hatte 66,7 %. Nationale Produktionen waren stark: Sie machten gemessen an den Album-Jahrescharts 83 % des Marktes aus. Livemusik gehörte ebenfalls zu den größten Märkten Europas; 2019 wurden rund 700 Mio. US$ aus Ticketverkäufen erzielt, 2020 brach der Markt wegen der COVID-19-Pandemie ein, ab 2022 wuchs er wieder stark. Urheberrechte nimmt in Italien die SIAE wahr; Leistungsschutzrechte trugen 2022 rund 14 % und Synchronisierungen rund 3 % zum Markt bei.

Außerhalb Italiens wirkte italienische populäre Musik zuerst stark über Oper, Salonmusik, neapolitanische Volksmusik und die Diaspora. Italienische Auswanderer prägten Musikkulturen in Frankreich, Belgien, Argentinien und besonders den USA. Italoamerikanische Musiker verbanden melodiösen Gesang mit amerikanischen Stilen; wichtige Namen waren unter anderem Dean Martin, Frank Sinatra, Connie Francis, Mario Lanza und Louis Prima.

Nach 1951 verbreitete Sanremo italienische Musik international, auch über den Eurovision Song Contest. Das bekannteste Beispiel ist Nel blu dipinto di blu von Domenico Modugno: Nach Sanremo-Sieg und drittem Platz beim ESC verkaufte es weltweit mehr als 22 Millionen Exemplare, erreichte Platz eins in den US-Charts und gewann zwei Grammys. In den 1960er-Jahren wurden viele italienische Lieder durch fremdsprachige Coverversionen bekannt, etwa You Don’t Have to Say You Love Me nach Pino Donaggios Io che non vivo. Später wirkten Italo Disco, Italo Pop und Operatic Pop international. Wichtige Absatzmärkte waren und sind Osteuropa und Lateinamerika; Eros Ramazzotti, Laura Pausini und Tiziano Ferro veröffentlichten ihre Alben auch auf Spanisch. Laura Pausini gewann 2006 einen Grammy in der Kategorie Best Latin Pop Album für Escucha.

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