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Populäre Musik
Während die (deutschsprachige) Kulturkritik des 20. Jahrhunderts „populäre Musik“ auf einen negativ besetzten Wertbegriff verengte und Musik in Europa …
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Begriff und Abgrenzung
Populäre Musik, Populärmusik oder Popularmusik bezeichnet unscharf eine Vielzahl musikalischer Praktiken, die typischerweise durch kommerzielle Strukturen auf ein Massenpublikum ausgerichtet sind. Sie wird meist von Kunstmusik und traditioneller Volksmusik abgegrenzt, kann sich aber mit Unterhaltungsmusik, Trivialmusik, Gebrauchsmusik oder funktionaler Musik überschneiden. Popmusik ist eigentlich ein Genre innerhalb der populären Musik, wird im weiteren Sinne jedoch häufig als Synonym verwendet. Die wissenschaftliche Untersuchung heißt Popularmusikforschung beziehungsweise popular music studies.
Eine allgemein verbindliche Definition existiert nicht. Helmut Rösing unterscheidet acht Definitionsansätze: normativ, negativ, musikstrukturell, technologisch-ökonomisch, hörerorientiert, soziologisch-funktionell, interessenbezogen und pragmatisch. Je nach Ansatz stehen musikalische Eigenschaften, die Rezeption, der gesellschaftliche Zusammenhang oder die Produktionsbedingungen im Mittelpunkt. Besonders häufig gelten breite Anziehungskraft, Massenvertrieb und ein Massenpublikum als zentrale Merkmale.
Entscheidend für die Abgrenzung von Volksmusik ist der Massenmarkt, der zwischen Produktion und Publikum vermittelt. Damit gehen oft Standardisierung und Anpassung an Erwartungen einher; künstlerische Selbstständigkeit ist dennoch möglich. Die Grenzen bleiben durchlässig: Kunstmusik kann der Unterhaltung dienen, während populäre Musik hohe ästhetische Ansprüche erfüllen kann, etwa im Jazz. Populäre Musik entsteht im Spannungsfeld der Interessen von Musikern, Publikum und Musikindustrie. Auch Nischen und Subkulturen gehören dazu, sodass wirtschaftlich ein „Mainstream der Minderheiten“ entstehen kann, etwa bei Punk oder Metal.
Umfang und musikalische Merkmale
Im weitesten Sinne umfasst populäre Musik unter anderem Marsch- und Tanzmusik, Salon-, Kaffeehaus-, Bar- und Blasmusik, populäre Klassik, Operette und Musical, Revue, Varieté und Kabarett. Hinzu kommen medial verbreitete Volks- und Weltmusik, Chanson, Schlager, politische Lieder und Protestlieder, Filmmusik, Swing und Jazz, Rock ’n’ Roll, Rock und Techno sowie Werbe-, Hintergrund- und Sportmusik und Kennmelodien.
Typisch ist ein kalkulierter Anpassungsprozess an die Nachfrage. Häufig verwendet werden feststehende Strukturmodelle wie Liedform, Tanzrhythmen oder Blues-Schema. Nachsingbarkeit, Tanzbarkeit, Wiedererkennbarkeit und eine klare Gliederung sind besonders wichtig.
Im 19. Jahrhundert überwog die strophische Form: Mehrere Strophen wurden durch einen kurzen Refrain abgeschlossen. Kurze, regelmäßige Phrasen und einfache diatonische Harmonien prägten Melodie und Begleitung. Später wurden längere Phrasen und Formen wie AABA oder ABAC wichtiger. Der Refrain rückte ins Zentrum, während Strophen teilweise entfielen. Synkopen, Ragtime und Swing bereicherten den Rhythmus; pentatonische und kreisende Melodien sowie natürlichere Stimmfärbungen kamen hinzu.
In der Tin Pan Alley dominierte das AABA-Schema. Neben diatonischer Harmonik erschienen Fortschreitungen im Quintenzirkel, Blues-Anleihen, chromatische Akkorde und Jazz-Einflüsse. Über afroamerikanische Musik und Country verbreitete sich das zwölftaktige Blues-Schema und wurde im Rock ’n’ Roll besonders wichtig. Rhythmussektion und expressiver Gesang gewannen an Bedeutung. Seit den 1960er-Jahren vermischten sich Blues-Schema, Strophenformen und Tin-Pan-Alley-Strukturen; zugleich prägte die Tontechnik die Musik immer stärker. Progressive Rock führte durchkomponierte Formen und Improvisationen ein, während Hip-Hop und Dance ausgedehnte Wiederholungen als Kompositionsmittel verbreiteten. Eine Sentiment-Analyse mehrerer hunderttausend Lieder deutet seit etwa fünfzig Jahren auf eine zunehmend negative Grundstimmung sowie sinkende grammatikalische Komplexität und kleinere Wortschätze in Liedtexten hin.
Entstehung und industrielle Verbreitung
Die Vorgeschichte reicht möglicherweise weiter zurück, doch als gesellschaftlicher Ausgangspunkt gilt vor allem das europäische Bürgertum des 17. Jahrhunderts. In England wurden weltliche Balladen auf einzelnen Liedzetteln, den broadsheets, verbreitet. Gewerbliche Musikgruppen spielten in Gasthäusern, Lustgärten und kleineren Konzertsälen. Zwischen Stadt und Land fand ein ständiger Austausch statt: Musiker brachten städtische Stücke aufs Land, während Tänze wie der Walzer in den Städten popularisiert wurden.
Die moderne populäre Musik beruht auf gewinnorientierter Produktion sowie Techniken zur Speicherung und Vervielfältigung. Professioneller Notendruck war seit dem 16. Jahrhundert möglich; die Lithografie verbilligte ihn im 19. Jahrhundert. Der 1877 von Thomas Alva Edison erfundene Phonograph ermöglichte die akustische Speicherung und kann deshalb als Ausgangspunkt populärer Musik im modernen Sinn gelten. Im industrialisierten Europa entstand ein Repertoire aus Volks- und Kunstmusik. Promenadenkonzerte, Ballsäle, Salonmusik, Operette, Music Halls, Café-concerts und Varieté-Theater erreichten besonders die Arbeiterklasse und untere Mittelschicht. Tänze, Märsche, eingängige Lieder und erste Starinterpreten gewannen an Bedeutung.
In den USA verbanden sich englische, irische und schottische Lieder, italienische Oper, Minstrel-Songs und später afroamerikanische Einflüsse. Stephen Foster prägte ab 1844 mit etwa 200 eingängigen, leicht spielbaren Songs die amerikanische Tradition. Während des Sezessionskriegs von 1861 bis 1865 dienten Lieder auch der Verarbeitung des Krieges und der Verbreitung patriotischer Botschaften.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die New Yorker Tin Pan Alley zum Zentrum einer marktorientierten Musikproduktion. Verleger erforschten den Publikumsgeschmack und beschäftigten eigene Songwriter. Schallplatten, kommerzielles Radio und Tonfilm erweiterten danach die Reichweite: Um 1920 bestanden in den USA beinahe 200 Plattenfirmen, ab 1925 war der Aufstieg der Schallplatte nicht mehr aufzuhalten, und Der Jazzsänger von 1927 förderte die Verbindung von Film und Musik. Country entstand aus ländlichen Traditionen; Blues, Boogie-Woogie, Spirituals, Gospel und Jazz wurden als Race music vermarktet. Aus der Verbindung von Jazz und populärem Song entwickelte sich ab 1935 die erfolgreiche Swingära. In Europa verstärkten Filme, Musicals, Tourneen und Tonträger den amerikanischen Einfluss; spätestens mit dem weltweiten Erfolg des Rock ’n’ Roll war die amerikanische Vorherrschaft unbestritten.
Stile und Umbrüche seit den 1950er-Jahren
Mitte der 1950er-Jahre entstand Rock ’n’ Roll aus dem wachsenden Interesse weißer Jugendlicher am überwiegend schwarzen Rhythm and Blues und dessen gezielter Vermarktung. 1955 erreichte Bill Haleys Rock Around the Clock Platz eins der US-Verkaufscharts. Das Genre verband unter anderem Rockabilly und Rhythm and Blues, machte E-Gitarre und charakteristisches Schlagzeugspiel besonders wichtig und wurde zum Ausdruck jugendlicher Rebellion. Schwarze und weiße Musiker wie Fats Domino, Little Richard, Jerry Lee Lewis und Elvis Presley erreichten ein Massenpublikum; Presley erlangte durch Fernsehen und Film einen bis dahin unbekannten Starstatus.
In den 1960er-Jahren entwickelten sich Soul, Motown, Funk, Surfmusik, Folk-Rock und Country-Rock. Bob Dylan verband populäre Musik mit anspruchsvollen und politischen Texten. Die britische Beatmusik setzte den Rock ’n’ Roll fort und veränderte ihn zugleich. Der Welterfolg der Beatles förderte die Erwartung, dass Bands eigene Musik schreiben; zugleich verbreiteten sie neue Produktionsweisen. Bluesrock, Hard Rock, Artrock und Progressive Rock entstanden. Woodstock 1969 wurde zum Symbol von Gegenkultur und politischem Aktivismus.
In den 1970er-Jahren wuchsen Musikindustrie und Genrevielfalt stark. Das Album wurde für Rock zentral; Singer-Songwriter behandelten häufig persönliche Themen. Hard Rock und Heavy Metal setzten auf verzerrte Gitarren, kräftige Rhythmusgruppen und spektakuläre Shows. Disco entstand als Tanzmusik ausgegrenzter schwarzer und homosexueller Minderheiten, verband Soul mit schnellem Rhythmus und nahm Einflüsse aus Funk und Salsa auf. Punk reduzierte Rock auf eine rohe, provokante Form; daraus entwickelten sich unter anderem Hardcore und New Wave.
In den 1980er-Jahren ermöglichten Drumcomputer, Sampler, Synthesizer und Sequenzer neue Klänge und digitale Bearbeitung. Die Compact Disc löste 1983 die Musikkassette ab. MTV, 1981 gestartet, machte Musikvideos und visuelle Inszenierung noch wichtiger; Madonna, Michael Jackson und Prince wurden prägende Stars. Jacksons Thriller brach 1982 Verkaufsrekorde. Aus Disco und Funk entstanden House und Detroit Techno. Hip-Hop griff DJ-Techniken sowie afroamerikanische und jamaikanische Traditionen auf. Er umfasste sozialkritischen Rap, Perspektiven schwarzer Frauen und den aggressiveren Gangsta-Rap und wurde wie Heavy Metal häufig wegen seiner Inhalte angegriffen.
In den 1990er-Jahren bedrohten Internet und MP3 das Geschäftsmodell der Musikindustrie und lösten Konflikte über Urheberrecht und Piraterie aus. Alternative Rock und Grunge, besonders Nirvana seit 1991, verdrängten einen Teil des Metal-Mainstreams. Gleichzeitig gewannen Country, Hip-Hop, R&B, elektronische Tanzmusik, Weltmusik und Latin Pop an Sichtbarkeit.
Digitalisierung und gesellschaftliche Bedeutung
Im neuen Jahrtausend war populäre Musik fest in Museen, Wissenschaft und Hochschullehre verankert. Die 1981 gegründete International Association for the Study of Popular Music unterstützte die Entwicklung der Popularmusikforschung. Zugleich veränderte die Digitalisierung den Markt grundlegend: Musiker konnten leichter unabhängig von großen Labels ihr Publikum erreichen, während Musikkritik, Charts und traditionelle Genrehierarchien an Einfluss verloren.
MP3-Player, Piraterie und legale Dienste wie iTunes Store, Spotify und Pandora verdrängten physische Tonträger. 2006 übertrafen digitale Verkäufe in den USA die CD-Verkäufe. Die Industrie erlitt zunächst starke Umsatzverluste; Tourneen und Werbeverträge wurden wichtiger. YouTube, 2005 gegründet, stärkte das Musikvideo, während das Album an Bedeutung verlor. Downloads wurden später durch Streaming als wichtigste Vertriebsform abgelöst, wodurch die Umsätze wieder stiegen. Anfang der 2010er-Jahre kontrollierten vier Major-Labels den Weltmarkt: EMI, Universal, Sony und Warner; EMI wurde nach 2011 zerschlagen. Elektronische Produktion, hybride Genres und Auto-Tune wurden verbreitet, während andere Musiker mit Lo-Fi, analoger Produktion und Schallplatten bewusst ältere Klangideale aufgriffen.
Gesellschaftlich kann populäre Musik Gemeinschaft erzeugen, etwa in der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts, beim Woodstock-Festival oder auf Raves. Der breite Zugang zu Produktion und Konsum wirkt demokratisierend; autoritäre und totalitäre Systeme kontrollieren Musik deshalb häufig stark. Neue Stile wie Ragtime, Rock ’n’ Roll und Hip-Hop lösten wiederholt moralische Panik und Sorgen um die gesellschaftliche Ordnung aus.
Populäre Lieder wurden früh für Politik und Sozialkritik eingesetzt. Seit den 1960er-Jahren und Bob Dylans Texten wurden Protestlieder regelmäßig Teil populärer Musik. Veranstaltungen wie Rock Against Racism, Band Aid und Live Aid nutzten Musik ausdrücklich politisch, wobei die Botschaft häufig stärker aus dem Kontext als aus den Texten entstand. Populäre Musik prägt außerdem soziale Identitäten und Zuordnungen nach Klasse, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Region. Sie bildet gesellschaftliche Strukturen nicht nur ab, sondern kann sie auch aushandeln, verändern oder festigen.